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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Spiegelbild
Eingestellt am 23. 05. 2001 19:31


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Omar Chajjam
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Das Spiegelbild

Wenn Barbara Beder vor ihrem Frisiertischchen im gemeinsamen Schlafzimmer sa├č, konnte sie die Zeit vergessen, die um sie herum immer hektisch und schrill vorbeiflo├č. Stunden verbrachte sie hier, w├Ąhrend ihr Mann stumm mit dem Computer spielte oder an den Fliesen im Keller herumbastelte. Barbara Beder-Behnhausen war keine Frau, wie sie ├╝blicherweise in den Geschichten vorkommen, h├Ąuslich, arbeitsam und Dienerin ihres Herrn. Im Gegenteil, das zeigte schon der zweite Name Behnhausen, den sie von ihren Eltern mitgebracht hatte und dem etwas trivialen Beder nachstellte. Besonders effektvoll machten sich die drei verschlungenen B auf ihrem Briefkopf. Barbara oder Babe wie ihre Freundinnen sie nannten, hatte sich dar├╝ber hinaus nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium zu einer F├╝hrungskraft in der lokalen Volksbank emporgearbeitet und f├╝hrte deren B├Ârsengesch├Ąfte. Ihr Mann war derweil ein kleiner Beamter geblieben. Ihr schien es immer, als sei er wie ein k├╝mmerlicher Kaktus in ihrem Wintergarten, der einmal vielversprechend begonnen hatte, aber einfach nicht ├╝ber seine Zwergengr├Â├če hinauswachsen konnte und langsam alle Stacheln verlor, w├Ąhrend sie daneben aufbl├╝hte zum pr├Ąchtigen Rosenbusch und ihn ├╝berschattete. Aus der Gewohnheit des Alltags hatte sie trotzdem nie daran gedacht, sich von ihm zu trennen. Seine Lebensstellung gab ihr das unbestimmte Gef├╝hl von Sicherheit. Im Kreis ihrer Freundinnen meinte sie zu diesem Thema, da├č der Gegensatz zum Trivialen das Besondere doppelt bedeutend wirken lie├če und da├č Freiheit auch einer gewissen Grundlage in der Ehe bed├╝rfe.

Nicht oft leistete sich Barbara den Luxus ihres Frisiertischchens zwischen den vielen Terminen. Aber wenn sie sich einmal die Zeit nahm, ├╝berpr├╝fte sie jedes Detail ihres ebenm├Ą├čigen Gesichtes, um das die braunen Locken spielten. Die Haut begann nachzulassen, das war nicht zu leugnen, dieses Jahr w├╝rde sie vierzig werden. Doch mit der ausreichenden Menge Cremes lie├č sich bisher noch jedes F├Ąltchen glatt b├╝geln, das sich um ihre gro├čen rehbraunen Augen herum bildete. Neben ihrer hohen, wohlgeformten Gestalt waren es vor allem die Blicke aus diesen beiden Lichtern, die die vielen M├Ąnner blendeten, die vor ihr auf ihrem Karriereweg gelegen hatten. Darum wurde alles, was dieses Ensemble st├Ârte zu einer Bedrohung f├╝r Barbara.

Was aber w├╝rde nach den vierzig ersten Lebensjahren folgen, was w├╝rde mit ihr geschehen in dieser unbekannten Epoche der folgenden vierzig Jahre? W├╝rde sie vielleicht alle duftenden Bl├╝ten ihres Rosenbusches verlieren und auf das Zwergenniveau ihres Ehemannes degenerieren? Eine B├Ârsenmaklerin denkt rationaler und sieht vor sich die Schim├Ąre einer alt gewordenen B├╝rovorsteherin, die, geduldet neben den M├Ąnnern in den gro├čen Banken auf den Karrierewegen zu den Sternen, das Gnadenbrot erh├Ąlt. Das alles ging Babe durch den Kopf, oft wenn sie wieder eine kleine Korrektur einer Unebenm├Ą├čigkeit ihres Teints vornehmen mu├čte. Es mu├čte doch eine andere L├Âsung geben, das Leben mu├čte doch noch etwas zu bieten haben.

So starrte sie auch an diesem stillen Januarabend, bei dem der kalte Polarwind drau├čen sich tief in die Haut der wenigen Passanten einschnitt, auf ihr Spiegelbild. In der Konzentration auf die Details begannen die Z├╝ge ihres Gesichtes zu verschwimmen und eigene Formen anzunehmen, ganz ├Ąhnlich wie es manchmal bei schlecht eingestellten Fernsehger├Ąten der Fall ist. Zeitweise erschienen im Flimmern Bilder einer fremden Landschaft wie aus einem Traumgesicht. Manchmal nahm sie auch merkw├╝rdige Ger├Ąusche wahr, so als w├╝rde Wasser in irgendwelche Blechgef├Ą├če flie├čen. Aber das war wohl nur ihr Ehemann, der sich im Bad zu schaffen gemacht hatte.

Babe hatte schon von der M├Âglichkeit geh├Ârt, da├č Spiegelbilder sich selbst├Ąndig machen konnten, h├Ąufig, da├č sie mit einem sprachen, wie im M├Ąrchen von Schneewittchen, manchmal, da├č man sich in sie verliebte, wie der Narzi├č in sein eigenes oder gar, da├č sie verkauft wurden wie bei dem armen Hoffmann in Offenbachs gleichnamiger Oper. Da├č Spiegel aber auch die Realit├Ąt ver├Ąndern k├Ânnen, diese Erfahrung durfte in diesem Augenblick machen. Oder wie w├╝rden Sie es deuten, wenn Sie in einen Spiegel blicken und wie durch ein schwarzes Loch am anderen Ende ihres eigenen Ichs wieder erscheinen. Vergleichen Sie es mit einem Zug, der rasend schnell aus einer freundlichen Ebene mit bl├╝henden Kirschb├Ąumen durch einen pechschwarzen Tunnel mitten in einer zerkl├╝fteten Gebirgslandschaft herauskommt.

So erging es Barbara, als sie in ihr Spiegelbild blickte. Ihr Gesicht war mit einem Mal voller Falten, H├Âhlen und Kl├╝fte. Ihre Wangen waren braungebrannt wie die dunkle Erde des umgebenden Landes. Das Haar war verfilzt und kraus unter einem grellbunten Tuch aus grobem Leinen. Nur die gro├čen rehbraunen Augensterne blickten sie aus den schwarzgetuschten Wimpern an.

War es denn wirklich Barbara, die sie da ansah oder hie├č sie nicht Fatme, die an einem Brunnen an der gro├čen Stra├če von Damaskus nach Bagdad sa├č und in ihren Spiegel blickte? Zu hause warteten die Kinder und die Eltern Fatmes auf das Wasser aus den zerbeulten Blechkanistern, damit mit dem Kochen begonnen werden konnte. Das Eselchen, das sie hergetragen hatte, stand geduldig in der prallen Sonne w├Ąhrend die anderen Frauen unter den Palmen am Brunnen schwatzten. Gelegentlich hielten hier Touristenbusse, um das malerische Bild an der gro├čen Stra├če zu fotografieren. Dann schenkten die bleichgesichtigen, weichb├Ąuchigen Kulturreisenden aus den fernen europ├Ąischen L├Ąndern den Frauen ein paar Kleinigkeiten, meist Kugelschreiber, die die Kinder im Dorf begeistert sammelten und tauschten. Fatme hatte bei so einer Gelegenheit den kleinen Messingspiegel erhalten, den sie jetzt in der Hand hielt. Sie hatte gleich gef├╝hlt, da├č in ihm ein Zauber steckte, doch wu├čte sie nicht, was es genau war. Immer, wenn sie hineinblickte, erschien ihr schemenhaft hinter ihrem eigenen Gesicht im Spiegel die Umrisse eines anderen Frauengesichts. Die Frauen dieses Landes am Euphrat sind neugierig und klug. Darum h├╝tete sie diesen Spiegel wohl vor den vielen Fingern und Augen, die ihr kleines Leben zwischen Brunnen und Haus begleiteten.

Nur im Schatten abseits von den andern Frauen in ihren bunten Gew├Ąndern blickte sie heimlich hinein und suchte nach dem Gesicht der fremden Frau, das ihr so ebenm├Ą├čig und rein schien wie das der Engel des Paradieses. Auch in diesem Augenblick in der Ruhe und im Schatten der Palmen am Brunnen war wieder einmal die Chance, nach dem Geheimnis des Spiegels zu forschen. Das war auch der Augenblick, in dem sie wu├čte, da├č sie in dieser Erscheinung ihre andere Wirklichkeit gefunden hatte. Nicht mehr Fatme, nein, Barbara blickte sie aus dem Spiegelchen an und sie selbst sa├č an einem Frisiertisch in einem fremden Schlafzimmer. Ihr erstes Leben in der fernen syrischen Ebene, lag weit hinten im Nebel verborgen, der ihr Spiegelbild umgab. Sie hatte sich in diese seltsame Frau verwandelt, die ihr im Spiegel erschienen war.

Der rundliche Mann am Fernsehger├Ąt im Nachbarzimmer hatte nichts von der wundersamen Verwandlung seiner Frau bemerkt, als er schl├Ąfrig durch den dunklen Raum zu seinem Ehebett tastete und sich schwer neben seine Frau fallen lie├č, die inzwischen zu Bett gegangen war. Er konnte nicht die fremden, ebenholzschwarzen Augen, die in der Dunkelheit wie zwei Zwillingssonnen leuchteten und, die feindlich auf ihn hinunter starrten. Fatme hatte verstanden, was mit ihr geschehen war. Sie hatte alle F├Ąhigkeiten und Kenntnisse Barbaras, aber mit der durstigen Seele einer Frau der syrischen Steppen und dem Hunger nach dem Recht auf ein eigenes Leben, das sie nie h├Ątte gewinnen k├Ânnen unter dem ewig dr├╝ckenden Wind des kargen Landes. Dort hatte doch alles nur den einen Sinn Leben zu erhalten und zu schaffen unter der drohenden t├Âdlichen Sonne.

Fatme oder wie sie jetzt hie├č, Barbara begriff schnell im Alltag des neuen Lebens, da├č in dieser kalten, feuchten Welt, in der sie sich wiedergefunden hatte, die Frau frei von dieser Pflicht und Drohung lebte. Und noch ein anderes lernte Fatme in diesem im Wohlgef├╝hl des an ├ťberflu├č berstenden neuen Lebensabschnitts, der Mann an ihrer Seite hatte keine Bedeutung. Wie ganz anders war das in ihrem fr├╝heren Leben, in dem sie ausgegrenzt war von der Gesellschaft der M├Ąnner und mit den anderen Frauen den Pflichten der strengen Gesetze ihres Glaubens folgen mu├čte. Sicher gab es in den Tr├Ąumen der Frauen den Prinzen auf dem pr├Ąchtig geschm├╝ckten Schimmel aus den M├Ąrchen um Tausendundeine Nacht, der feurig ├╝ber die Steppe sprengte, um das Herz der Geliebten zu erobern. Aber alles blieb nur ein M├Ąrchen, eine unbestimmte Sehnsucht. Es sei denn, man besitzt einen Zauberspiegel.

Barbara oder eigentlich Fatme wu├čte wohl ihr Schicksal zu deuten. F├╝r sie hatte sich das M├Ąrchen erf├╝llt. Nur da├č Herr Beder sicher nicht der Held war, der zum M├Ąrchen pa├čte. Darum konnte er nicht begreifen, was seine Frau so verwandelt hatte. Hatte er sich doch seine kleinen, engen Wege im Leben so sicher und wohl befestigt gebaut, da├č er sich dieses alles vernichtende Erdbeben nicht vorstellen konnte. Dabei, lieber Leser, tritt doch die Frau in das Leben des Mannes wie ein Sturm, warum sollte nicht das Ende gleich ungeheuerlich wie der Anfang sein. Nur, solange er durch das gemeinsame Leben tr├Ąumt, bemerkt der Mann die Kraft nicht, die ihn tr├Ągt. Darum wurde das Schicksal dieses kleinen Mannes besiegelt, als Fatme oder Barbara ihren Prinzen fand und mit diesem Mittel die Freiheit fand, die sie so ersehnt hatte unter der dr├╝ckenden Last des allgegenw├Ąrtigen Staubes ihres alten Lebens.

In diesem fremden Land sind allerdings die Prinzen keine stolzen Beduinenf├╝rsten auf wei├čen Pferden. Sie sind allenfalls Vorstandsmitglied einer Bank oder Polizeipr├Ąsident mit einem wei├čen Mercedes. Aber was tut das schon zur Sache, denn das wu├čte Fatme, sie war klug mit der Klugheit aller Frauen aus der Steppe, da├č die M├Ąnner dieses Landes auch wenn sie Prinzen schienen, nur die Knechte ihrer Frauen waren. Wie leicht wurde sie in diesem Bewu├čtsein. Wie ein Vogel unter dem Himmel konnte sie sich hier erheben ├╝ber diese niedrigen kleinen Wesen und sie nach ihren W├╝nschen benutzen.

Manche von euch werden jetzt sicher fragen, was aber geschah mit Barbara, die sich doch in Fatme verwandelt hatte? Keiner kennt genau ihr Schicksal. Die einen behaupten, sie lebe in der gro├čen Stadt Damaskus und bettele dort in der N├Ąhe der breiten Stra├če, andere erz├Ąhlen, sie sei in einem Bordell in Aleppo gelandet. Auf jeden Fall ist der erste Teil der Geschichte allen im Dorf bekannt. Wie Fatme eines Tages ohne Wasser vom Brunnen heimkehrte und ihrem Mann erkl├Ąrte, da├č in Zeiten der Emanzipation die Frau nicht die Dienerin des Mannes und schon gar nicht ihrer S├Âhne sei und sich von da an strikt weigerte f├╝r die Familie zu kochen. Auch f├╝r die Arbeit auf dem Feld war sie nicht mehr zu gebrauchen und begann statt dessen st├Ąndig ihre Haare zu b├╝rsten und ihr Gesicht nach F├Ąltchen abzusuchen. Sogar mit ihrem Mann, einem liebenswerten Bauern in den besten Jahren seiner Manneskraft, wollte sie nicht mehr schlafen und nannte ihn einen bl├Âden Kameltreiber. Das ganze Dorf lachte schon ├╝ber ihn, war er doch einmal einer der angesehensten Mitglieder im Rat gewesen.

Die Familie beriet sich damals und schickte nach einem Seelendoktor in der Stadt. Der kam mit einem gro├čen wei├čen Auto und hatte sie dann mitgenommen. Dort, sagt man, sei sie irgendwann aus dem Krankenhaus verschwunden. Angeblich habe sie ein Offizier entf├╝hrt. Aber das sind alles Ger├╝chte. Wahr ist, da├č der Bauer Bedur seiner Fatme ein Leben lang nachtrauerte und die kleine Familie heute im Elend lebt bei den St├Ąllen am Rand des Dorfes an der staubigen Stra├če von Damaskus nach Bagdad.



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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Hallo Omar

wieder einmal eine wundersch├Ân geschriebene Geschichte.
Ich bewundere deine Fantasie.
Liebe Gr├╝├če sendet
Willi

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sammettiger
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

Werke: 5
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Statement

Hi Omar,

f├╝r mich ist dein Text eher ein Statement, denn eine Erz├Ąhlung.

Was mir fragw├╝rdig erscheint, ist der zu offensichtlich hoch erhobene moralische Zeigefinger.

Beste Gr├╝├če von Peter alias sammettiger

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Omar Chajjam
???
Registriert: Feb 2001

Werke: 83
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Hallo sammettiger, ich hab den Zeigefinger mal gel├Âscht. Er geh├Ârt ja eigentlich an das Ende eines M├Ąrchens. Und ich bin jedes Mal versucht, ihn anzwenden. Aber es ist ein Fehler. Danke auch an Willi Corsten, dem die Geschichte trotzdem gef├Ąllt.

Gru├č
Omar

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