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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Spiel
Eingestellt am 17. 01. 2000 00:00


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Eagon Wellington
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2000

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Kommentare: 41
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Einsam sa├č die Gestalt im Halbdunkel zwischen dem Gestern und dem Morgen. Der Raum um sie herum schien sich langsam zusammenzuziehen; w├Ąhrend ihr Geist sich immer mehr vom Au├čen dem Innen zuwandte und die Zeit zu einer dickfl├╝ssigen Masse zerrann, die langsam tropfte und schlie├člich erstarrte. Es war einer jener Momente, in denen man f├╝r einen kleinen Augenblick dem Leben zu entrinnen scheint und sich als eine Art Beobachter au├čerhalb dessen Wirren wiederfindet, mit einem Geist so klar wie ein Kristall.
"Wohin gehe ich ...?" dachte die Gestalt still und st├╝tzt sich vorn├╝bergebeugt mit den Ellenbogen auf ihren Knien ab.
"Was wird nun...?"
Das Leben hatte sie so urpl├Âtzlich eingeholt und mit der Brutalit├Ąt eines Raubtieres angefallen. Sie hatte es nicht kommen sehen, aber von einem auf den n├Ąchsten Moment hatte es sie schon ├╝berrollt. Noch immer f├╝hlte sie die innere Panik, den bleibenden Schmerz. Oh, gebrochenes Herz.
"Wie oft schon...?"
So oft, ja, aber es war immer weitergegangen. Immer, wenngleich es ihr zeitweise so sinnleer und hoffnungslos vorgekommen war. Irgendwie war es immer weitergegangen.
"Es geht immer weiter, egal was man tut..."
Man ist Teil des Spieles und auch wenn man sich noch so str├Ąubt, so beh├Ąlt es einen doch immer umschlungen. Auch das Nichts-tun ist ein Zug, manchmal vielleicht sogar der M├Ąchtigste von allen. Und es ging immer weiter. Und es w├╝rde immer irgendwie weitergehen. Wenn sie zur├╝ckschaute ├╝ber ihre Schulter, so sah sie viele Erinnerungen, Fragmente gelebter Zeit mit dem Gilb des Vergessens daran. Ihr Geist wehrte sich dagegen, indem sie verlorene Fragmentst├╝cke mit eigenen Interpretationen f├╝llte, so da├č sie heute kaum noch wu├čte was damals wirklich war und was Einbildung. Die Vergangenheit war einen Illusion, eine Halbwahrheit, welche die Farben der subjektiven Interpretation mit Vergessen und Reinterpretation vermischte.
Und die Zukunft? Die Gestalt blickte voraus in das Halbdunkel vor ihr. Vage Schemen bewegten dich vor ihr. Schwer fa├čbar. Unbestimmt, denn sie ist noch nicht geschrieben, dachte sie. Sie wartet. Fr├╝her oder sp├Ąter w├╝rde sie sie wieder umschlie├čen und zu Gegenwart werden. Vertraut, aber doch unbegriffen.
"Was, wenn sie sich weigerte?"
Was, wenn sie einfach wartete und alles um sie herum einfach geschehen lie├če? Sie k├Ânnte einfach nur hier ausharren, hier im Schatten jenseits des Lebens. Sie konnte hier sitzen und warten, vielleicht von Leben tr├Ąumend. Und dann? Nun, irgendwann w├╝rde er vorbeikommen und sie abholen, wie jeden anderen auch. Jeder hatte nur eine begrenzte Zeit geschenkt. "Geschenkte Zeit. Was tue ich mit Dir?" dachte sie und ein L├Ącheln legte sich langsam auf ihre Lippen. Warten ist langweilig, beschlo├č sie. Zusehen, wie sich das Spiel um ihn herum entfaltet, ohne Teil zu sein? Nein, das w├Ąre ├Âde.
Aber sich hineinst├╝rzten ins Halbdunkel, es riskieren, zu Leben?
Was, wenn sie Fehler machte, was wenn sie fiele? Nun, sie w├╝rde fallen, irgendwann einmal, sch├Ątzte sie. W├╝rde sie aufstehen? Vermutlich schon. Es k├Ąme auf einen Versuch an, wie bei allem.
Aber was w├╝rden die anderen sagen, wenn er fehlen w├╝rde, wenn er fiele.
Welche anderen? Die, die wie sie in ein unbekanntes Chaos geboren worden waren, die, die nicht wirklich mehr von alledem verstanden wie sie, die sich schutzsuchend aneinanderklammerten, um nicht ihr Gef├╝hl von Eigenwert zu verlieren; Gedanken ohne Sinn vom Gestern zum Morgen treibend in dem tr├Ągen Schlamm der Ma├če.
"Warum war es so wichtig, was sie sagten...?"
120 Jahre, wahrscheinlich weniger, dachte er, dann sind sie alle weg, der letzte Atemzug erloschen und alle Gesichter, die sie heute ansahen, die sie heute vielleicht verh├Âhnten werden fort sein. Alle, die sie verachteten w├Ąhren weg. Alle, die sie liebte w├Ąren fort. Sie selbst w├Ąre nicht mehr da. Es gibt dann neue Gesichter, neue Geschichten, neue Fragen und Antworten auf alte Probleme, die sich der menschliche Geist zum Zeitvertreib erdenkt.
Waren sie wichtig? Ja....Nein? War er wichtig. Warum, war es ├╝berhaupt wichtig, wichtig zu sein...? Warum mu├čte es besser und schlechter geben? Was ist sch├Ân? War alles nur Einbildung? Gab es ├╝berhaupt Gut und B├Âse, oder waren es nur vom menschlichen Geist gezogene Kategorien???
Sie konnte warten auf da├č das Leben sie ├╝berflutete und konnte es dann an sich vorbeiflie├čen lassen.
Ja, sie konnte hier warten und nachdenken, ├╝ber all dies und noch vieles mehr. Vielleicht w├╝rde sie auch irgendwann Antworten finden. Aber warum? War es wichtig all dies zu wissen? Warum? Warum nicht einfach das Spiel spielen und in der Vorw├Ąrtsbewegung das Gehen lernen. Nicht auf einmal. Nur Morgen ein St├╝ckchen besser als heute. Und ├╝bermorgen dann noch ein St├╝ckchen... Einfach spielen.
Das Leben ist eine Einladung, die man annehmen oder ablehnen kann. Man konnte sich dem Leben entziehen und in Selbstzufriedenheit und ziemlicher Sicherheit auf die gro├če Dunkelheit warten. Oder man konnte das Spiel spielen. Ein Spiel, dessen Regeln und Ziele nicht vorgeschrieben sind, die dem eigenen Herzen entspringen und dich leiten. Es gab nur eine wahre Vergangenheit. Aber es gab viele verschiedene Interpretationen davon. Es wird nur eine Zukunft geben, aber sie wird aus Myriaden von M├Âglichkeiten gegossen, aus dem Wollen und Tun von uns allen. Was ist der Sinn des Lebens? Was ist der Sinn einer solche Fragen, wenn die Antwort doch auf der Hand liegt. Der Sinn des Lebens ist das leben selbst. Es tr├Ągt seinen Sinn in sich.
Das ewige Spiel. Hineingeworfen, ohne Anleitung und Probezeit. Na und? Andere hatten ihr immer gesagt wie es lief - aber nie warum eigentlich so und nicht anders. Warum nicht besser? Ist das Leben nicht das, was wir aus unseren Illusionen und unserer Hoffnung durch das Streben nach Erf├╝llung Wirklichkeit wird? Kann nicht alles wahr sein, alles, was sich der menschliche Geist nur erdenken kann?
Irgendwann war ihr Spiel zu Ende. Irgendwann hie├č es ab auf die Ersatzbank. Hier bis dort, wie lange? Unbekannt. Vielleicht schon in einem Augenblick, vielleicht aber erst in vielen Jahren. Was tun. Warten? Nein. Warum nicht hinein tauchen in die Wirren des Lebens, hinein in das Spiel, hinein in unz├Ąhlige Schmerzen und Verletzungen, an ihnen wachsend, und hinein in die Momente des Gl├╝ckes, die nur der zu sch├Ątzten wei├č, der das Leiden kennt?
Der Geist ist frei zu fliegen.(Alles erw├Ąchst aus dem Geist. Es ist unwichtig was wahr ist, unwichtig was stimmt. Was hilft ist wahr.)
Die Gestalt z├Âgerte einen kurzen Moment, sah in das vage Flackern vieler m├Âglicher Zuk├╝nfte, fa├čte einen Entschlu├č und tauchte ein.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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