Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92210
Momentan online:
425 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Straßenhockey Team
Eingestellt am 17. 10. 2003 18:36


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
gorenalb
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2003

Werke: 10
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um gorenalb eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Straßenhockey Team

Alfred umkurvte mit spielerischer Leichtigkeit den herausstürmenden Tormann und schlenzte dann den Tennisball mit einer lässigen Schlägerbewegung in das leere Tor. Fluuuutsch machte es, und das Tornetz, das aus zusammengenähten Kartoffelsäcken bestand, verbeulte sich an der Stelle wo der Ball einschlug.
Ich klatschte begeistert Beifall. Alfred war der unangefochtene König der Bad Nauheimer Straßenhockey Szene und das Vorbild dutzender Straßenhockey Spieler in unserem Städtchen. Auch ich träumte davon, einmal in seiner Mannschaft spielen zu dürfen. Doch das schien mir ziemlich unwahrscheinlich, denn er hatte schon mit Günter, Hansi, Werner und Peter die besten Spieler, die Bad Nauheim aufzubieten hatte, in seiner Mannschaft stehen. Seine Mannschaft war eine eingespielte und unbezwingbare Macht.
Das Spiel ging weiter. Die „Lions“ waren wieder im Ballbesitz.
Mit traumwanderischer Sicherheit ließen sie den kleinen behaarten Ball von Schläger zu Schläger laufen, bis er dann plötzlich zu Alfred gelangte, der ihn schließlich mit einer ihm eigenen und unnachahmlichen Treffsicherheit im Tor des Gegners unterbrachte. Es stand 4:0 für ihn und seine „Löwen.“
Die „Nauheimer Lions“ würden wieder einmal mehr als Sieger das Feld verlassen,
daran gab es auch dieses Mal keinen Zweifel.
Das Spielfeld war in diesem Falle der große Platz neben dem Kriegsdenkmal am Fuße des Johannesberbergs. Hier bestritten die Jungs um Alfred ihre Heimspiele.
Aber nicht nur hier waren sie unbezwingbar. Wo sie auch spielten, sie verließen den Platz immer als Sieger.
Die Liga bestand aus vier Straßenmannschaften, die aus verschiedenen Teilen der Stadt Bad Nauheim stammten. Da gab es die „Ostend-Penguins“, die, wie der Name schon sagte, aus dem Ostend stammten, die „Roten Teufel“ aus der Schwalheimer Straße, die „Grizzlies“ aus dem Westend, die soeben mit 0:4 im Rückstand lagen,
und natürlich Alfreds „Nauheimer Lions“ aus dem Altstadtviertel.
Die Mannschaften traten im Laufe der Meisterschaft viermal gegeneinander an.
Das hieß, daß jede Mannschaft insgesamt zwölf Ligaspiele auszutragen hatte.
Das Durchschnittsalter der Spieler betrug etwa 13-14 Jahre. Der älteste Spieler und auch zugleich Präsident, Gründer und amtierender Torschützenkönig der Liga war der fünfzehnjährige Alfred Berger.
Jede Mannschaft, die in der Liga mitspielen wollte, mußte einen geeigneten Spielplatz, zwei Tore und fünf Spieler mit Eishockeyschlägern zur Verfügung stehen haben. Mehr wurde nicht verlangt. Die betuchteste Mannschaft waren die „Grizzlies“.
Sie hatten nicht nur echte Trikots, sondern allesamt auch echte Eishockey Handschuhe. Alle anderen Mannschaften spielten mit einfachen Ski- und Wollhandschuhen und im günstigsten Fall mit weitgehend gleichfarbigen T-Shirts.
Das Spiel war zu Ende, und die beiden Mannschaften trennten sich mit freundschaftlichen Händeschütteln.
Ich gab mir einen Ruck und ging auf Alfred, der die Schläger gerade einsammelte, zu.
„Hallo Alfred. Das war ein ganz tolles Spiel von euch.“ Alfred blickte nur kurz in meine Richtung und machte Anstalten den Platz zu verlassen. „Äähh, Alfred, kann ich dich mal was fragen?“ stotterte ich mit unsicherer Stimme. Er blieb stehen und schenkte mir seine wenn auch nicht volle Aufmerksamkeit. „Na schieß endlich los, was willst du?“
„Weißt du, ich kann auch ziemlich gut Hockey spielen. Könnte ich vielleicht bei euch mitmachen?“ Jetzt war es raus. Ich fühlte die Aufregung bis in meine Haarspitzen.
Alfred lachte amüsiert auf. „Duuu willst bei uns mitspielen? Mach dich doch nicht lächerlich. Du bist viel zu klein und zu schmächtig. Such dir lieber etwas, das zu deiner Körpergröße paßt. Schachspielen zum Beispiel.“
Inzwischen hatten sich die anderen Jungs zu uns gesellt und brachen bei Alfreds letzten Worten in ein hämisches Gelächter aus. „Geh kegeln, da kann dir nichts passieren“, rief mir Peter, der auch nicht viel größer war als ich, zu.
Lachend und auf meine Kosten sich amüsierend, verließen sie den Platz.
Ich sah ihnen wütend und mit Tränen in den Augen nach, bis sie hinter der Biegung
verschwunden waren. „Das wirst du bereuen. Alfred, hörst du? Das wirst du mir noch bereuen!“, rief ich ihnen hinterher. Natürlich waren sie schon außer Hörweite.
Beleidigt und enttäuscht stand ich alleine auf dem großen Platz.
Wenn er mich schon nicht als Mitspieler in seiner Mannschaft haben wollte, dann sollte er mich als Gegenspieler kennen lernen. Dem werde ich es schon noch zeigen.
In diesem Augenblick nahm ich mir vor eine eigene Hockeymannschaft zusammenzustellen.
Am nächsten Tag trommelte ich meine drei Freunde, Erik, Jürgen und Holger, zusammen und erzählte ihnen von meinem Vorhaben. Sie waren begeistert von meiner Idee. Aber wer sollte im Tor stehen?
Wie auf ein Kommando hin blickten wir alle gleichzeitig auf meine zwei Jahre jüngere Schwester Jubi, die immer und überall dabei war. Da meine Eltern beide berufstätig waren, und ich sie nicht unbeaufsichtigt zuhause lassen konnte, mußte ich sie wohl oder übel überall hin mitschleppen. Infolgedessen lernte sie schon früh Fußballspielen. Meistens stand sie jedoch im Tor, während wir Jungs dem runden Leder nachjagten. Sie konnte also auch genauso gut in einem Hockeytor stehen. Straßenhockey war zwar Männersache, aber Fußball war es ja schließlich auch.
Das erste was wir brauchten, waren zwei Tore. Wo konnte man aber die nötigen Bretter finden? Mir fiel eine Baustelle ein, die sich ganz in der Nähe befand.
Gesagt, getan. Jubi, Jürgen und ich machten uns auf den Weg zur Baustelle.
Dort angekommen, postierte ich meine Schwester vor dem großen Bauzaun und befahl ihr Schmiere zu stehen. „Sobald sich jemand der Baustelle nähert, schlägst du Alarm. Kapiert?” Meine Schwester nickte. „Kapiert.“ Jürgen und ich zwängten uns vorsichtig durch eine der vielen Lücken im Bretterzaun. Dann rannten wir so schnell wir konnten zum Rohbau. Schon im Eingangsflur hatten wir Erfolg. Dutzende von Brettern und Latten in allen möglichen Größen lagen auf dem Boden verstreut, und warteten nur darauf von uns eingesammelt zu werden. Wir rannten mit unserer wertvollen Beute wieder zurück in unseren Hinterhof und begannen sofort mit dem Zusammenbau des ersten Tores.
Ich hatte von zuhause einen großen Hammer und einen Karton mit Nägeln mitgebracht. Erik hatte im Keller seiner Eltern eine halbe Rolle feinen Maschendrahtzaun gefunden, und Holger kam, über das ganze Gesicht strahlend, mit einem Topf schwarzer Farbe angelaufen. Endlich kam auch Jürgen mit dem wichtigsten Werkzeug, nämlich einer Säge zurück. Nach etwa zwei Stunden intensivster Arbeit und einem blutigen Daumen war das erste Tor fertig.
Während wir mit dem Zusammenbau des zweiten Tores beschäftigt waren, strich meine Schwester das fertige Tor mit der schwarzen Farbe an. Noch hatten wir keinen passenden Namen für unsere Mannschaft gefunden und die allerwichtigsten Untensilien fehlten uns auch noch: Eishockeyschläger !
Nur der Erik hatte einen Schläger, den er mal zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. „Das Eisstadion!“, rief Jürgen. „Wir müssen ins Eisstadion und uns dort die kaputten Schläger ergattern. Ich bin sicher, daß wir dort Schläger finden.“
Noch am gleichen Abend statteten wir dem Eisstadion einen Besuch ab.
Auf dem Eis trainierte gerade die hiesige Eishockey Mannschaft, der VfL Bad Nauheim. Wir setzten uns nahe an die Bande und schauten den Spielern interessiert bei ihrem Trainingsspiel zu. Wer weiß, vielleicht konnten wir uns ja auch noch den einen oder anderen Trick bei den Profis abgucken.
Nach etwa zwanzig Minuten zerbrach der erste Schläger. Ein Betreuer hob die beiden Teile des zerbrochenen Schlägers auf und warf sie in eine Holzkiste, die hinter dem Tor stand. Auf diesen Augenblick hatten wir gewartet. Wir rannten zu der offenen Kiste. Zu unserer Freude befanden sich dort noch vier weitere mehr oder weniger lädierte Schläger. Bei einem war die Kelle zersplittert, so daß er völlig unbrauchbar war, aber die anderen konnte man reparieren. Sie waren am Schaft zerbrochen und konnten so problemlos zu Straßenhockey Schlägern umfunktioniert werden. Man mußte nur den Schläger an der Bruchstelle gerade sägen und mit Isolierband verstärken. Natürlich durfte der Bruch nicht zu weit unten sein, sonst würde der Schläger zu kurz ausfallen. Nach zwei weiteren Trainingsbesuchen im Eisstadion konnten wir sechs recht brauchbare Schläger unser Eigen nennen. Sogar Trikots besaßen wir inzwischen. Meine Mutter hatte uns aus alten Bettlaken Hemdchen genäht, die man sich einfach überziehen konnte. Und einen Namen hatten wir auch schon. Wir nannten uns stolz die „Rangers“. Mit Hilfe einer aus Pappe hergestellten Schablone hatten wir den Namen in großen schwarzen Buchstaben sowohl auf die Brust als auch auf den Rücken der Trikots aufgesprüht.
Als Spielplatz wählten wir uns den großen Parkplatz neben unserer Schule aus.
Nun hatten wir alles was wir brauchten. Jetzt konnten wir mit dem Training beginnen.

Wir übten nun schon seit zwei Wochen fast täglich nach der Schule.
Es war ein hartes Stück Arbeit das Tor jedes Mal bis zur Schule zu schleppen, aber es blieb uns keine andere Wahl. Wir spielten gerade zwei gegen zwei und mit meiner Schwester als neutralen Tormann, als sich uns jemand näherte. Es war Alfred.
Er blieb an der Seite stehen und schaute uns amüsiert bei unserem Trainingsspielchen zu. Ich gesellte mich nach einer Weile zu ihm. „Wie ich sehe hast du meinen Vorschlag mit dem Schachspiel nicht akzeptiert.“
„Nein, ich will Hockey spielen.“
„Möchtet ihr ein Freundschaftsspiel gegen uns austragen?“, fragte mich Alfred überraschend. „Dann könnt ihr ja sehen, ob ihr was wert seid.“
Ich willigte sofort ein. „Gut, dann treffen wir uns am Samstag um zwei oben am Kriegsdenkmal.“
„Sollen wir ein Tor mitbringen?“, fragte ich. „Nein das ist nicht nötig, wir haben einen Karren, mit dem wir die beiden Tore transportieren können. Also, Bis Samstag dann.“ Bei den letzten Worten hatte er sich schon umgedreht und stolzierte davon.


Das Spiel

Es war Samstag, ein Uhr nachmittags.
Mit mulmigem Gefühl machten wir uns auf den Weg zum Kriegsdenkmal.
Alfreds Mannschaft war schon da. Sie hatten die beiden Tore schon aufgestellt und spielten sich warm. Alfred begrüßte mich mit einem freundschaftlichen Schulterklopfen. Dann deutete er auf meine Schwester. „Wie ich sehe habt ihr einen Profi Tormann mitgebracht.“ Ich lächelte gequält.
Die „Lions“ spielten mit ihrer üblichen Aufstellung.
Der dicke Hansi, der mit seiner Körpergröße fast das ganze Tor zustellte, stand wie immer zwischen den Pfosten. In der Abwehr spielten der kleine Peter und Werner, während Alfred und Günter im Sturm für die nötigen Tore sorgen sollten.
Bei uns spielte meine Schwester im Tor, Erik, Holger und Jürgen in der Abwehr und ich im Sturm. Unsere Taktik war es, aus einer sicheren Abwehr heraus zu spielen, und bei jeder sich ergebenden Gelegenheit zu kontern. Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff. Wir spielten uns mit dem einzigen Ball, den wir besaßen, warm.
Dann war es endlich soweit, das Spiel begann. Alfreds Mannschaft übernahm sofort die Initiative. Sie spielten uns regelrecht schwindlig. Der Ball lief von Schläger zu Schläger und es schien als ob sie einen Mann mehr auf dem Platz hatten. Nach einer gelungenen Kombination, kam Peter plötzlich frei zum Schuß. Der kleine Tennisball traf Jürgen voll in den Magen. Er klappte wie ein Klappmesser zusammen und blieb laut nach Luft schnappend auf dem staubigen Asphaltboden liegen.
Ich hatte keine Zeit, mich um ihn zu kümmern, denn der nächste Angriff rollte schon wieder auf uns zu. Und ehe einer von uns überhaupt reagieren konnte, war der Ball bereits im Tor. 0:1 nach nur knapp drei Minuten Spielzeit. Gereizt schaute ich meine Mitspieler an. „Auf Jungs, weiter, weiter. Das holen wir schon noch auf. Kommt, macht weiter!“, versuchte ich uns allen Mut zu machen. Und es ging weiter, und wie. Was folgte war ein zermürbendes Powerplay auf unser Tor. Eine Angriffswelle nach der anderen schlug über uns zusammen. Mal war es der Pfosten, ein anderes Mal war es die Latte, ein drittes Mal war es meine Schwester, die uns vor einem weiteren Treffer retteten. Ich hatte mir inzwischen bei einem mißglückten Abwehrversuch das rechte Knie aufgeschlagen. Die Hose war kaputt, und ich konnte deutlich das Blut aus der Wunde laufen sehen. Ich biß auf die Zähne und spielte weiter. Just in dem Augenblick als wir uns im Angriff befanden, fiel das 0:2. Ein wuchtiger Schlagschuß, der eigentlich als Befreiungsschlag der gegnerischen Mannschaft gedacht war, endete unvorhergesehen in unserem Kasten. Der Ball schlug halbhoch in das rechte Eck ein und blieb fest im Maschendraht stecken. Ich war wütend. Jetzt erst recht, dachte ich mir. Ich bat Alfred mir eine Auszeit zu gewähren, um meine Mannschaft neu einzuschwören.
„Kommt Jungs, laßt die Köpfe nicht hängen. Wir können das Spiel noch gewinnen.
Zwei Tore sind schnell aufgeholt. Auf, los, das packen wir!“ „Einer für Alle, Alle für Einen!“ Wir klopften uns gegenseitig auf die Schultern und stellten uns anschließend erneut unserem schier übermächtigem Gegner. Das Spiel ging weiter. Wir hatten nur noch zehn Minuten Zeit, das Spiel noch umzudrehen. Der beißende Schmerz, der in meinem Knie wütete, machte mir schwer zu schaffen. Ich konnte nicht richtig rennen.
Aber ich mußte weitermachen. Ich schickte Erik mit einem langen Paß auf den linken Flügel. Erik umspielte seinen Gegenspieler und schlug den Ball dann quer in den gegnerischen Torraum. Jürgen nutzte ein Mißverständniss zwischen den beiden Innenverteidigern aus und knallte den Ball eiskalt aus kurzer Distanz in das gegnerische Tor. „Toooooooooooooor ! Toooooooooooooor!“ Wir hatten ein Tor geschossen. Ein Tor gegen die „Lions“. Wir konnten das Tor gar nicht so richtig feiern, weil Alfred sofort den Anstoß ausführte. Das Tor hatte uns einen Riesenauftrieb gegeben. Wir kamen jetzt immer besser ins Spiel, und somit auch immer öfter vor Hansis Tor.
Erik, dieses Mal auf der rechten Seite, spielte den Ball nach vorne zu Holger.
Noch ehe sich die gegnerische Abwehr versah, schlug sein Schlagschuß, ein wenig abglenkt von einem der Verteidiger, in Hansis Tor ein. Das gibt es doch nicht. Das war unglaublich. Das war phantastisch. Das Tor stellte zwar den Spielverlauf total auf den Kopf, doch wen interessierte das schon. Wir hatten ausgeglichen. 2:2 stand es jetzt. Ich vergaß meine Knieverletzung und rannte auf Holger zu um ihn zu liebkosen. „Jungs ich liebe euch, ihr seid die Größten!“
Das Drama ging weiter. Es blieben uns noch drei Minuten. Alfreds anfangs gute Laune war jetzt endgültig verflogen. Sein wütender Blick sprach tausend Bände.
Er meckerte und motzte, spuckte und fluchte. Nichts, aber auch gar nichts mehr schien ihm gelingen zu wollen. Die Luft war raus. Der aufgeblasene Ballon war auf seine Normalgröße zusammengeschrumpft. Wir kontrollierten jetzt Spiel und Gegner.
Die letzte Spielminute brach an. Wir starteten einen neuen Angriff. Der Ball schien bereits verloren, als er plötzlich vor meinen Schläger rollte. Ich nahm ihn in vollem Lauf mit, täuschte einen Schlagschuß an, und ging links an meinem Gegenüber, ich glaube es war Werner, vorbei.
Gerade als ich zum Schuß ausholen wollte, hakte mir jemand seinen Schläger unter der Achselhöhle ein und zog mich mit einem heftigen Ruck zu Boden.
Im Fallen versetzte ich dem Ball noch einen leichten Schlag und er kullerte, im wahrsten Sinne des Wortes und zu aller, einschließlich meinem Erstaunen, ins Tor. Danach knallte ich auch schon der Länge nach auf den Boden. Während ich mich glückselig aufzurappeln versuchte, versetzte mir jemand mit der Kelle seines Schlägers einen Schlag ins Gesicht. Ich erkannte den schwarzen Schläger. Alfred war auch derjenige gewesen, der mich in seiner Frust vorher von den Beinen geholt hatte. Aber das erfuhr ich erst viel später.
Ich spürte jeden einzelnen Knochen in meinem Körper. Doch das war mir egal,
wir führten mit 3:2. Das Spiel ging weiter. Alfred ließ ohne ersichtlichen Grund eine Minute nachspielen.
Mein linkes Auge war inzwischen dermaßen zugeschwollen, daß ich überhaupt Mühe hatte den kleinen Tennisball zu erkennen. Ich schaute auf den großen Wecker, den Alfred am Spielfeldrand aufgestellt hatte. Noch zehn Sekunden.
Der letzte Angriff rollte. Wenn wir diesen Angriff abwehren konnten, dann hätten wir die Sensation geschafft und die „Nauheimer Lions“ geschlagen.
Hätte mir das jemand vor dem Spiel gesagt, ich hätte ihn schlichtweg für verrückt erklärt. Günter spielte einen langen Paß auf seinen Kapitän. Alfred nahm den schweren Ball in seiner unnachahmlichen Art in der Luft an um ihn dann sofort
hart und plaziert auf unser Tor zu schießen. Meine Schwester parierte den Ball
mit einer blitzschnellen Fußabwehr, die ich ihr niemals zugetraut hätte.
Mit offenem Mund starrte Alfred meine Schwester an, die ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, und scheinbar teilnahmslos auf ihrem Kaugummi kaute.
Noch bevor ich meiner Schwester zu ihrer Glanztat gratulieren konnte, war der Ball schon wieder im Spiel. Jetzt war Peter an der Reihe. Er versuchte es mit einem Gewaltschuß aus fünf Metern Entfernung.
Dieses Mal war es Erik, der sich wagemutig in den Schlagschuß warf und ihn mit dem Rücken abwehrte. Der Abpraller landete jedoch unglücklicherweise erneut bei Alfred. Just in dem Augenblick als Alfred den Ball erneut auf unser Tor schießen wollte, schaffte ich es ihm den Ball mit einem gewaltigen Hechtsprung vom Schläger zu spitzeln. Mit verzerrtem Gesicht ließ sich Alfred theatralisch fallen und schrie: „Penalty, Penalty! Das war ein Foul, ein ganz böses Foul. Ein ganz klarer Penalty!“
Ich traute meinen Ohren nicht. „Das war niemals ein Penalty. Ich habe dich gar nicht berührt.“ Mit haßerfülltem Gesicht und drohender Gebärde trat er ganz nahe an mich heran. „Entweder es gibt Penalty oder wir bekommen einen technischen Sieg zugesprochen. Du hast die Wahl.“
Zitternd vor Wut blickte ich meinen Mitspielern in die Augen. Keiner wollte etwas sagen. Alle warteten gespannt auf meine Entscheidung.
Alfred den unberechtigten Penalty zu gewähren würde aller Voraussicht nach ein Unentschieden bedeuten. Sollte denn der ganze Kampf umsonst gewesen sein?
Nein, das konnte ich unmöglich zulassen. Nachdem wir uns den Sieg mit Schweiß und Blut erkämpft hatten. Auf der anderen Seite konnte sich ein Unentschieden gegen den Rekordmeister durchaus sehen lassen.
Ich durfte meinen Jungs diesen Erfolg, und wenn es auch nur ein Teilerfolg war, nicht einfach so wegnehmen. Sie hatten alles gegeben, sie hatten gekämpft bis zum Umfallen. Diesen einen Punkt hatten wir uns mehr als nur redlich verdient.
„Na gut, nimm deinen dreckigen Penalty. Aber ich gehe ins Tor.“
„Nein, es ist gegen die Regeln den Torwart vor einem Penalty auszutauschen.“
„Wer sagt das?“, wollte ich wissen.
„Ich sage das. Ich muß es wissen, denn ich habe die Regeln zusammengestellt.“
Ich knirschte mit den Zähnen. Wenn ich im Tor stehen würde, dann hätten wir vielleicht eine kleine Chance gehabt. So aber, mit meiner Schwester im Tor, hatten wir nicht den geringsten Hauch einer Chance. Ich nahm meine Schwester zur Seite.
„Welche Körpertäuschung der Alfred auch macht, du gehst nicht mit. Du bleibst ganz einfach stehen. In Ordnung Schwesterherz?” Ich gab ihr einen dicken Kuß auf die Backe. „Viel Glück Schwesterchen.“ Alfred hatte sich inzwischen mit dem Ball etwa
zehn Schritte vor unserem Tor aufgebaut. Er schien selbstsicher und entschlossen, den Penalty zu verwandeln. Wen hatte er schon vor sich, eine elfjährige Göre? Den würde er mit links reinmachen.
Eine unnatürliche Ruhe trat ein. Selbst der pausenlose Straßenlärm war plötzlich verstummt. Alfred stand noch immer unbeweglich da.
Meine Schwester stand klein und verlassen in ihrem Tor und harrte mit stoischer Ruhe den Dingen die da kommen sollten. Während ich aufgeregt an meinen Fingernägeln knabberte, schien sie die Ruhe in Person zu sein.
Wie machte sie das bloß? Endlich gab sich Alfred einen Ruck und setzte sich mit dem Ball in Bewegung. Er führte den Ball mit seinem schwarzlackierten Schläger ganz nahe am Körper. Nach zehn endlos scheinenden Schritten täuschte er einen Schlag an, zog den Ball aber im letzten Augenblick nach rechts, mit der Absicht ihn an meiner Schwester vorbei ins Tor zu schlenzen.
Meine Schwester rührte sich nicht von der Stelle. Alfred schien ein wenig irritiert und anstatt den Ball wieder nach hinten zurückzuziehen rutschte ihm dieser von der Kelle ins Toraus.
„Jaaaaaaaaaaa!“ Schreiend sprang ich mit erhobenen Fäusten in die Luft und rannte auf meine Schwester zu. Wir hatten gewonnen. Wir hatten die „Lions“, den Meister aller Meister geschlagen. Das hatte noch keiner vor uns geschafft.
Während wir uns überglücklich in den Armen lagen, schlichen Alfred und seine Jungs
wie geprügelte Hunde vom Platz. Wie hieß es doch so schön? Dem Sieger gehört die Welt.

****

Ich ließ mich von meinem Chauffeur zum Kriegsdenkmal fahren.
Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit ich das letzte Mal hier oben gewesen war.
Es hatte sich nichts, aber auch gar nichts verändert. Die Zeit schien hier oben am Denkmal stehengeblieben zu sein.
Mehr als dreißig Jahre waren seit diesem denkwürdigen Sieg vergangen.
Wir hatten damals als krasse Außenseiter den haushohen Favoriten mit 3:2 geschlagen. Der Goliath hatte gegen den kleinen und unbedeutenden David unerwartet den Kürzeren gezogen.
Ich hatte inzwischen Jura studiert und meine eigene Anwaltskanzlei eröffnet.
Dank einiger erfolgreicher Grundstücksspekulationen hatte ich es sogar zu einigem Wohlstand gebracht.
Dieses dramatische Spiel von damals, das ich wahrscheinlich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde, war für mich jedoch nicht nur ein einfaches Hockeyspiel gewesen. Es war vielmehr ein Wegweiser für mein zukünftiges Leben und hatte mir ein wichtiges Zeichen gesetzt.
Es sind immer noch die gleichen Leitsätze, die mich seit diesem Spiel begleiten und an die ich bis heute noch festhalte:
Glaube an dich selbst. Glaube kann Berge versetzen.
Gib niemals auf. Du hast immer eine Chance, auch wenn sie noch so klein erscheint.
Du kannst deine Träume verwirklichen, aber nur wenn du auch bereit bist für ihre Verwirklichung hart zu arbeiten.
Du darfst keine Angst haben, auch nicht vor dem Unbekannten oder Unvorhersehbaren.
Stecke dir große Ziele. Denn nur wer nach Größerem strebt, kann auch Großes leisten.
Und was am Allerwichtigsten ist, du brauchst die Unterstützung deiner Familie und deiner Freunde.
Ohne meine Schwester Jubi und meine drei Freunde, Erik, Jürgen und Holger
hätte ich das Spiel damals nie und nimmer gewonnen. Und wer weiß, vielleicht hätte mein Leben sogar einen anderen Lauf genommen.

Langsam ging ich wieder zurück zu meiner schwarzen Limousine.
Ich stieg durch die Beifahrertür ein und setzte mich neben meinen Chauffeur.
„Alfred, fahre mich bitte zurück in die Kanzlei, ich habe dort noch eine wichtige Verabredung.“ Alfred nickte und fuhr los.







__________________
Goren Albahari

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!