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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Sukzessor Prinzip
Eingestellt am 01. 06. 2015 19:36


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CPMan
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Registriert: Aug 2014

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Helena und Zacharias fuhren mit dem Zug zu den Kalinowskis. Sie saĂźen in einem der hinteren Abteile und sprachen so gut wie gar nicht miteinander.
Zacharias ließ während der Fahrt den Blick durchs Abteil schweifen, beobachtete dann und wann einen Passagier, der in seiner Umgebung saß und fragte sich insgeheim, welchen Beruf er wohl hatte, wie sein Familienstand war und wohin er unterwegs war. Ihm war langweilig.
Helena, die am Fensterplatz saß, schaute gedankenverloren nach draußen. Unendliche Baumreihen zogen an ihr vorbei und sahen in ihrer Geschlossenheit und Einförmigkeit wie die Wachen des riesigen Waldes aus, der sich bis zum Horizont erstreckte.
Helena stellte sich vor, jemand anderes zu sein. Sie stellte sich vor, ein Soldat des Deutsch-Chinesischen Krieges zu sein, der zum Fronturlaub in die Heimat gekommen war. Sie stellte sich vor, ein kleines Mädchen zu sein, das zum ersten Mal alleine zu Verwandten fuhr und angestrengt aus dem Fenster guckte, um mit niemandem sprechen zu müssen. Und sie stellte sich vor, ein neunzigjähriger pensionierter Lehrer zu sein, der nun Shakespeare Sonette vor sich hin rezitierte, ohne zu merken, wie befremdlich das auf die anderen Passagiere wirkte. Und mit jeder dieser Vorstellungen veränderte sich ihre Wahrnehmung der Bäume, die draußen stramm Spalier standen.
Als Helena schwindlig wurde, wandte sie sich ab.
„Wie sie uns wohl begrüßen werden?“, sagte Helena fragend in den Raum hinein.
„Es sind nette Leute“, gab Zacharias zurück. „Der Mann vom Sukzessionsamt hat gemeint, sie wären gute Kandidaten für den Generationenvertrag. Herr Kalinowski soll unserem Antrag immer noch sehr positiv gegenüber stehen.“
Helena schwieg.
Zacharias nahm dieses Schweigen zum Anlass, Helena in den Arm zu nehmen und zu kĂĽssen.
„Sie haben doch schon längst unterschrieben“, flüsterte er ihr liebevoll ins Ohr. „Und wenn sie uns sehen und kennenlernen, werden sie es bestimmt nicht bereuen. So schöne Kinder, wie wir sie haben werden, da kann keiner Nein sagen.“
Helena lächelte zaghaft. Sie hatte Angst vor diesem Treffen. Tiefe, unergründliche Angst.
Tagelang hatte sie überlegt, was sie den Kalinowskis mitbringen könnte. Blumen und Schokolade? Gutscheine für den Wassermarkt? Zacharias hatte sie letztendlich davon überzeugt, gar nichts mitzubringen.
„Es ist nicht gut, wenn es zu persönlich wird. Wir sollten die ganze Sache geschäftlich sehen, ich glaube, das ist das Beste für uns alle.“

Der Tod und das Leben – ein Geschäft, dachte Helena.

*

Als Zacharias an der TĂĽr der Kalinowskis klingelte, regte sich erst einmal gar nichts.
„Sie wissen doch, dass wir kommen oder?“, fragte Helena, einfach um irgendetwas zu fragen.
„Aber ja doch“, gab Zacharias leicht entnervt zurück.
Dann hörten beide Geräusche aus dem Inneren der Wohnung. Keine zehn Sekunden später wurde die Tür geöffnet und Herr Kalinowski stand vor ihnen. Er ist groß, dachte Helena. Er sieht noch ziemlich fit aus, dachte Zacharias.
„Zacharias und Helena, nehme ich an“, lachte er ihnen fröhlich entgegen. Zu fröhlich, fand Helena. Netter Kerl, dachte Zacharias.

„Das sind wir“, sagte Zacharias lächelnd und bedeutete Helena, der einladenden Handbewegung von Herrn Kalinowski zuerst zu folgen. Sie lief prompt an ihm vorbei in den Flur hinein.
„Einfach geradeaus“, sagte Herr Kalinowski. „Meine Frau ist im Wohnzimmer“.
Helena ging durch den schmalen, dunklen Flur ins beleuchtete Wohnzimmer hinein. Als sie durch die TĂĽr trat, sah sie Frau Kalinowski in einem Rollstuhl neben dem Sofa sitzen. Der Fernseher lief, aber der Ton war so leise, dass Helena nichts verstand. Frau Kalinowski schien Helena gar nicht zu bemerken, wie gebannt starrte sie auf das helle Geflimmer der Mattscheibe.
„Guten Tag, Frau Kalinowski“, sagte Helena, gab sich einen Ruck und ging mit der ausgestreckten Hand auf sie zu. Frau Kalinowski reagierte nicht.
„Sie ist heute etwas abwesend“, sagte Herr Kalinowski, der plötzlich hinter ihr stand. Es klang wie eine Entschuldigung.
Helena lächelte gequält. Auch Zacharias, der nun hinter Herrn Kalinowski stand, versuchte ein Lächeln.

„Setzen Sie sich doch“, bat Herr Kalinowski seine beiden Gäste. Sie setzten sich auf das Sofa. Helena saß nun direkt neben Frau Kalinowski.
„Ich habe Kaffee gemacht und Kuchen gekauft. Sie trinken doch Kaffee?“
Beide nickten. Herr Kalinowski verlieĂź den Raum und lieĂź Helena und Zacharias mit seiner Frau alleine.
„Wie geht es Ihnen, Frau Kalinowski?“, versuchte es Zacharias.
Wieder keine Reaktion. Der Blick von Frau Kalinowski galt immer noch dem Fernseher. Reglos saĂź sie da und starrte auf den Bildschirm. Helena und Zacharias warteten schweigend auf die RĂĽckkehr von Herrn Kalinowski.

„So, da bin ich wieder“, sagte Herr Kalinowski, als er mit einem Tablett zurück ins Wohnzimmer kam. Er stellte die drei Tassen, die Kaffeekanne und den Teller mit den drei Kuchenstücken auf den Wohnzimmertisch, schenkte allen ein und setzte sich dann auf den Stuhl neben dem Sofa. Helena wollte nach Milch und Zucker fragen, fürchtete aber, mit Frau Kalinowski allein gelassen zu werden. So blieb sie einfach sitzen und nippte dann und wann an der Kaffeetasse. Den Kuchen rührte sie nicht an.
„Tja“, begann Herr Kalinowski, „ich war ziemlich überrascht, als die vom Amt mir sagten, dass sie mich, ich meine uns, persönlich kennenlernen wollten. Das ist ja nicht so üblich, oder?“
Helena lächelte verlegen, sagte aber nichts, was Zacharias zum Anlass nahm, das Gespräch mit Herrn Kalinowski zu führen.
„Das stimmt“, lachte er, „aber Helena hat drauf bestanden. Sie wollte sich unbedingt bei Ihnen beiden bedanken. Wissen Sie, wir haben uns schon so lange ein Kind gewünscht und Helena, ich meine wir beide waren so glücklich, als wir den Anruf vom Amt bekommen haben.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen“, erwiderte Herr Kalinowski. „Ich, ich meine wir haben auch zwei Kinder. Einen Sohn und eine Tochter. Die sind beide aber schon über Achtzig. Wissen Sie, damals war das mit dem Kinderkriegen noch nicht so....reglementiert“.
„Ja“, erwiderte Zacharias, „ich weiß.“
„Wie dem auch sei“, fuhr Herr Kalinowski fort, „im Grunde ist alles geregelt. Meine Frau und ich hatten vorher häufig über die Möglichkeit gesprochen. Wissen Sie, ich bin noch ziemlich fit und ich denke, ich werde die erlaubten einhundertdreißig Jahre auch vollenden. Ich bin jetzt einhundertzwölf Jahre alt. Aber meine Frau, nun ja, es ging ihr vorher schon nicht gut und seit dem Schlaganfall ist es noch schlimmer geworden und sie gibt mir Signale, dass sie es zuende bringen will. Abgesehen davon bin ich mit einer Vollmacht ausgestattet, sodass meine Unterschrift alleine jetzt schon ausreicht.“
Helena und Zacharias nickten eifrig.
„Aber“, fuhr Herr Kalinowski fort, „der erste Vertrag ist ja schon älter und da hat meine Frau auch unterschrieben. Warten Sie kurz..“.
Herr Kalinowski drehte sich im Sitzen um und streckte seine linke Hand nach einem kleinen Beistelltisch aus, auf dem ein Hefter lag. Er öffnete den Hefter und brachte ein vierseitiges Dokument zum Vorschein, das er vor Helena und Zacharias auf dem Tisch ausbreitete.

Zacharias atmete erleichtert auf. Er schaute Helena an.
„Siehst du!“, sagte er zu ihr wie zu einem kleinen Mädchen.
Herr Kalinowski schaute sie beide irritiert an.
„Wissen Sie“, erklärte Zacharias eilfertig, „es ist nämlich so, Helena wollte sie unbedingt kennenlernen, aber je näher dieser Termin rückte, desto größer wurde ihre Angst, dass sie es vielleicht nochmal anders überlegen könnten“.
„Wieso das?“
Als Zacharias wieder das Wort ergreifen wollte, drĂĽckte Helena seine Hand.
„Ich hatte Angst“, begann sie vorsichtig, „dass sie uns vielleicht nicht mögen könnten. Dass sie einem anderen Paar den Zuschlag geben wollen. Weil die mehr bieten.“
Herr Kalinowski lachte laut auf.
„Aber wo denken Sie hin. Nein, wirklich. Wo sie doch so sympathisch sind, und auch noch extra den weiten Weg hierher gemacht haben. Ich werde doch jetzt nicht noch einen Rückzieher machen. Also wirklich!“.
Wieder lachte Herr Kalinowski. Helena und Zacharias versuchten mitzulachen. Frau Kalinowski zeigte nach wie vor keine Regung.

Als das Lachen erstarb, saĂźen sie sich eine Weile schweigend gegenĂĽber.
„Ja, dann ist ja eigentlich nur noch das Finanzielle zu regeln“, sagte Zacharias schließlich, wohl wissend, dass er damit das Treffen arg verkürzte.
Herr Kalinowski nickte.
„Ja“, sagte er an Zacharias gerichtet, „ich denke, das Beste ist, wir gehen einmal in die Küche um alles zu besprechen. Helena, macht es Ihnen etwas aus, meiner Frau solange hier Gesellschaft zu leisten?“
„Nein, natürlich nicht“, log sie.

Zacharias und Herr Kalinowski verließen das Wohnzimmer. Helena blieb allein mit der alten Frau zurück. Sie traute sich nicht, Frau Kalinowski nochmal anzusprechen, aber um nicht nur so da zu sitzen, nahm sie sich nun doch ein Stück Kuchen vom Teller und biss hinein. Es war Apfel-Rhabarber Kuchen, zwar gekauft, aber trotzdem lecker. Während sie so kaute, schaute sie Frau Kalinowski an. Sie saß nach wie vor unverändert da, den Blick starr auf den Fernseher gerichtet, und hatte die Hände im Schoß. Von einer Welle des Mitleids ergriffen legte Helena den Kuchen auf den Teller zurück, streckte ihre Hand aus und streichelte Frau Kalinowski an der Schulter. Als Frau Kalinowski die Berührung spürte, leuchteten plötzlich ihre Augen, als hätte jemand in ihr das Licht eingeschaltet. Sie löste ihren Blick vom Fernseher, schaute Helena direkt an und griff nach ihrer Hand. Helena ließ sie zunächst gewähren, doch dann griff Frau Kalinowski so feste zu, dass Helena glaubte, sie wolle ihre Hand zerquetschen. Der bohrende Blick, die verkniffenen Mundwinkel und die unvermutete, plötzlich erwachte Kraft in diesem alten, gebrechlichen Körper ließen Helena panisch werden. Schnell nahm sie ihre freie Hand zu Hilfe und versuchte sich aus der Umklammerung zu befreien, indem sie Frau Kalinowskis Unterarm packte und wegzudrücken versuchte. Als das erfolglos blieb, stand sie auf und riss sich von Frau Kalinowski los. Diese sank wieder in sich zusammen, legte sogleich die Hände in den Schoß und fiel zurück in dieselbe lethargische Haltung aus der sie so abrupt gekommen war.
Helena stand eine ganze Minute lang irritiert, ja verstört vor der alten Frau, dann nahm sie , leicht zitternd, wieder Platz.

„Na, was guckt ihr?“, sagte Zacharias, als er nach einer gefühlten Ewigkeit mit Herrn Kalinowski zurück ins Wohnzimmer kam.
„Lass uns gehen“, sagte Helena leise und stand auf.

*

Als sie eine halbe Stunde später wieder im Zug saßen, schwiegen sie wieder. Helena und Zacharias hingen ihren Gedanken nach, saßen sich gegenüber, aber schauten einander nicht an. An den Gesichtern erkannte man, dass Zacharias zuversichtlich, Helena aber betrübt gestimmt war. Aber während Helena die Stimmung ihres Partners erfasste, versagte Zacharias Einfühlungsvermögen.

„Wir müssen dann wohl oder übel nach einem Namen suchen“, sagte Zacharias verschmitzt lächelnd.
Helena versuchte ein Lächeln. Es misslang ihr.
„Wenn es ein Junge wird, soll er Carlo heißen“, schlug Zacharias vor. „Für ein Mädchen finde ich den Namen Tilda sehr schön. Oder was meinst du?“
Helena, die den Händedruck von Frau Kalinowski noch immer spürte wie ein Kriegsveteran seinen verlorenen Arm, konnte sich nicht dazu durchringen, Zacharias’ Gedankenspiele mitzuspielen. Diesmal versuchte sie gar nicht erst zu lächeln, so dass Zacharias merkte, dass etwas nicht stimmte.
„Was ist“, fragte er. „Bist du nicht zufrieden? Wir kriegen ein Kind!“
Helena verspĂĽrte den Impuls, zu weinen, sich ihrem Mann in die Arme zu werfen und ihm von diesem schrecklichen Ereignis zu berichten, dass sich zuvor in der Wohnung der Kalinowskis abgespielt hatte. Sie malte sich aus, wie Zacharias sie in den Arm nehmen und ihren Kopf streicheln wĂĽrde. Alles wird gut, wĂĽrde er, einem Mantra gleich, wieder und wieder sagen, bis Helena sanft in seinen Armen eingeschlafen war.

Aber stattdessen unterdrĂĽckte Helena diesen Impuls.

„Nichts ist“, sagte sie. „Alles gut“.
„Irgendwas ist doch“, sagte Zacharias, hakte aber nicht weiter nach, als Helena wieder aus dem Abteilfenster schaute.

Schweigen.

„Ich muss mal auf Toilette“, sagte er ein paar Minuten später und verließ seinen Platz. Helena nickte bloß.

Kaum, dass Zacharias außer Sichtweite war, griff Helena sich Zacharias’ Tasche, öffnete sie und suchte fieberhaft nach dem vierseitigen Dokument, das ihnen Herr Kalinowski mitgegeben hatte. Sie fand es, holte es aus dem Hefter, überflog es noch einmal und zerriss dann die vier Seiten in viele Schnipsel, die sie auf dem kleinen Tisch vor ihr zu einem Haufen stapelte. Sie öffnete anschließend das Abteilfenster, formte ihre Hände zu einer Mulde und schaufelte die Papierschnipsel dann aus dem Fenster des fahrenden Zuges.

Als Zacharias von der Toilette kam, sah er gerade noch, wie Helena den letzten, davon fliegenden Papierschnipseln hinterher sah.





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