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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Tagebuch
Eingestellt am 22. 08. 2002 14:03


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Lugh
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2002

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22. 8. 1954

Heute war das Begräbnis unseres Bruders. Sie hatten seine Leiche vor ein paar Tagen aus dem See gefischt, diesem verdammten See. Wir hatten ihn nicht mehr gesehen, nur diesen kleinen Sarg. Unser Onkel und drei andere Männer aus dem Dorf haben seinen Sarg getragen. Dann ist der Sarg in dem Grab versunken, so wie er damals in dem See versunken war. Erde zu Erde, Asche zu Asche, mein Bruder im Wasser, mein Bruder im Sarg.
Meine Mutter hat geweint, viel geweint. Eigentlich haben alle geweint, alle die dort waren. Aber sie hatten ihn doch kaum gekannt, vielleicht nicht einmal sehr gemocht. Trotzdem standen sie jetzt da und weinten, weinten um unseren Bruder, unseren kleinen Bruder. Aber ich weinte nicht, und auch mein großer Bruder weinte nicht. Wir starrten nur diesen kleinen Sarg an, der da im Grab versank wie ein sinkendes Boot. Das Boot, dieses verfluchte Boot, wir hätten nie damit auf den See fahren sollen, diesen verdammten See.
Oh, am Anfang schien es wie eine gute Idee. Wir hatten das alte Boot am Ufer des Sees gefunden, dort, wo der Wald besonders dicht war. Da war es nun, unser eigenes Boot. Wir wollten an diesem Tag zum ersten Mal damit auf den See fahren, Piraten sein. Aber unser kleiner Bruder war uns gefolgt und wollte mitfahren, mit auf den See, in diesem verfluchten Boot. Ach, hätten wir das Boot doch bloß nie gefunden. Er bat uns, ihn doch mitzunehmen mit unserem Boot, flehte uns an. Warum musste er uns darum bitten? Warum hatten wir ihn mitgenommen?
Da waren wir nun drei Piraten auf unserem Boot, ganz alleine auf dem See. Es ging ein leichter Wind und unser Boot schaukelte sanft im Wasser. Unser kleiner Bruder stand in der Mitte des Bootes, ganz fasziniert von dem Wellen, die unser Boote machte, von den Blättern die im Wasser schwammen. Ach, warum musste er nur so einen Gefallen daran finden, vielleicht wären wir dann nie auf die Idee gekommen das Boot aufzuschaukeln. Mein großer Bruder an der einen, ich auf der anderen Seite. Wir hielten das Boot auf der Seite und bewegten uns gleichzeitig von links nach rechts, von rechts nach links. Immer stärker schaukelte das Boot. Unser kleiner Bruder hielt sich nur noch wackelig auf den Beinen. So wie er uns angefleht hatte ihn mitzunehmen bat er uns nun doch aufzuhören, aber diesmal gaben wir nicht nach, schaukelten immer mehr.
Pl√∂tzlich war er weg, nur ein lautes Platschen und Wellen neben dem Boot. Weg. Kurz dachte ich, ich w√ľrde einen dumpfen Laut h√∂ren, als w√ľrde etwas von unten gegen das Boot sto√üen, dann war es ruhig. Nur noch das sanfte Pl√§tschern der Wellen, die gegen das Boot schlugen. Dann fing mein Bruder an zur√ľck zu rudern, und ich ruderte mit. Keinen Blick warf ich zur√ľck, f√ľhlte ich doch, dass dort nichts mehr war. Kein Bruder mehr, nur noch Wasser.
Asche zu Asche, Erde zu Erde, mein Bruder im Wasser, mein Bruder im Sarg.
Niemand hatte erfahren, was wirklich passiert war an diesem Tag. Nach zwei Tagen hatten sie angefangen, ihn zu suchen. Wir sahen, wie sie bei allen Verwandten nach ihm fragten, in den umliegenden Ortschaften nach ihm suchten und schließlich, nach einer Woche, im See nach ihm tauchten. Oh, wie viel hatte meine Mutter geweint, als sie ihr von seinem Tod berichteten. Aber ich konnte nicht weinen, es wäre mir wie Verrat vorgekommen. Ich wusste, was passierte war, ich konnte nicht weinen.
Das rote Licht des Sonnenuntergangs scheint durch das Fenster meines Zimmers. Wie sch√∂n sieht das rote Licht auf der Klinge meines Messers aus. Fast so, als w√§re es schon in Blut getaucht. Das ist mein letzter Sonnenuntergang, dies war mein letzter Tag auf Erden. Es tut mir Leid, dass meine Mutter um noch einen Sohn weinen muss, aber ich kann nicht anders. Es ist mir nicht mehr m√∂glich, zu weinen, wie soll ich da weiterleben? Meine Seele ist in diesem See geblieben, dort ertrunken. Erde zu Erde, Asche zu Asche, ein Bruder im Wasser, ein Bruder mit Messer, zwei Br√ľder im Sarg.

__________________
Es gibt nichts sinnloses. Selbst wenn etwas scheinbar sinnlos ist, zeigt es durch seine Sinnlosigkeit doch den Kontrast zum Sinnvollen - und erh√§lt dadurch einen Sinn. G√§be es schlie√ülich nichts sinnloses, w√ľssten wir nicht was sinnvoll ist.

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Tja.
Wer so etwas schreibt, hängt die Meßlatte mächtig hoch auf, weil er sich mit "Brudermord im Altwasser" von Georg Britting vergleichen lassen muß.
Unabh√§ngig davon, da√ü Du nat√ľrlich nicht so schreiben kannst wie Britting (ich kann's schlie√ülich auch nicht), finde ich, Du hast noch nicht die richtige Form f√ľr diesen Text gefunden. Kein Jugendlicher w√ľrde √ľber einen solchen Vorfall so in sein Tagebuch schreiben. Viel zu rationalisierend, viel zu vern√ľnftig, dieser Umgang mit Schuld und Schrecken. "Ach, h√§tten wir das Boot doch blo√ü nie gefunden. Er bat uns, ihn doch mitzunehmen..." Das ist eine gute Verteidigungsrede. Aber es fehlt jede Unmittelbarkeit des Gedankens.
Allenfalls k√∂nnte ich es akzeptieren, wenn der Tod des Bruders wom√∂glich schon lange zur√ľckliegt, also im Prinzip verdaut ist, der Erz√§hler aber mit seiner Schuld nicht fertig wird. Ich k√∂nnte mir vorstellen, da√ü er, vielleicht einige Wochen oder Monate sp√§ter, seinen Abschiedsbrief so formuliert, um m√∂glichst gut dazustehen - aber nicht, da√ü er sich seinem Tagebuch in dieser Form anvertraut.
√úbrigens, wenn ich die Mutter w√§re, ich w√ľrde nicht zwei Tage abwarten, bis ich anfange, meinen Sohn zu suchen. Aber dies nur am Rand....
Gruß von
Zefira

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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Hmm ... ich weiß nicht recht, Zefira.

Zuerst zur Randnotiz: "Sie hatten" erst nach zwei Tagen angefangen zu suchen; also entweder Nachbarn oder die Polizei, Leute jedenfalls, die vielleicht erst einmal abwarten wollten, ob der Junge nur weggelaufen war - *wie* klein er war, erfahren wir ja nicht.
Dann, es liegt also ungef√§hr eine Woche zwischen dem Ungl√ľck und dem Selbstmord. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, da√ü der Erz√§hler im einer Art Starre so unbeteiligt, distanziert schreibt. Er berichtet ja schlie√ülich; im Grunde ist es doch eine Art Abschiedsbrief, der aber nicht (gleich) gefunden werden soll - ein letztes Hinausz√∂gern des Eingest√§ndnisses. Diese Distanziertheit kann Zeichen einer schweren, in dem Fall durch das Ereignis ausgel√∂sten, Depression sein.

Der Text hat einige Mängel, vor allem die zu häufige Wiederholung des Wortes "Boot". Mir gefällt er sprachlich sonst gut; den letzten Satz mit seiner gebethaften, fast beschwörenden Wirkung finde ich stark.

Unter Umst√§nden k√∂nnte eine Umsetzung in die dritte Person die f√ľr dich unglaubhafte Wirkung aufheben; aber dann w√§re der Text nicht mehr so unmittelbar, w√§re noch distanzierter.

Gruß,
Gabi

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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also

redet, was ihr wollt, ich finde den text beinahe zum heulen sch√∂n. ganz lieb gr√ľ√üt
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Old Icke

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