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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Tagebuch des Garlien Dunk
Eingestellt am 12. 01. 2002 13:24


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Manuel
Hobbydichter
Registriert: Jan 2002

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Es fing alles mit einem feinen, kleinen B├╝chlein an. Es hatte einen gr├╝nlich marmorierten Einband und ein schwarzes Stoffband, mit dem es zugebunden werden konnte. Garlien Dunk kaufte es an einem regnerischen, grauen Tag in einem Schreibwarengesch├Ąft irgendwo in seiner Stadt, da er glaubte sein neu angefangenes Leben in diesem B├╝chlein festhalten zu m├╝ssen. Schon immer hat er mit dem Gedanken gespielt ein Tagebuch zu f├╝hren, hatte aber nie einen konkreten Grund oder Anla├č gefunden dies zu tun. Nun, nachdem er also sein Leben sozusagen umgekrempelt hatte, hatte diese Idee einen fruchtbaren Boden gefunden, in der sie wachsen und hoffentlich auch reifen konnte. Stolz trug er seine Errungenschaft nach Hause, um gleich den ersten Eintrag zu schreiben und sein Leben zu dokumentieren. Der einzige Nachteil war nur, da├č diese, wie er glaubte, interessanten Schriftst├╝cke niemand zu Gesicht bekommen w├╝rde. H├Âchstens nach seinem Tod und dies befriedigte ihn genau sowenig wie einen Maler der nach seinem Tod zu Ruhm und Ansehen kommt. Aber allein der Gedanke f├╝r sich dieses Werk, Tag f├╝r Tag entstehen zu lassen war ihm schon Ausgleich genug. So schenkte er sich gleich nachdem er seinen dicken Mantel abgelegt hatte ein Glas Rotwein ein, r├Ąumte seinen Schreibtisch frei und schlug das saubere B├╝chlein seines Lebens auf. Die erste Seite blinzelte ihn erwartungsvoll an und schien geradezu auf ihn und seine Erlebnisse zu warten. Er nahm seinen Lieblingsstift zur Hand, testete ihn auf einem Schmierblatt und begann sogleich mit der ersten Niederschrift. Der Leser, h├Ątte er die M├Âglichkeit gehabt, h├Ątte dort dann lesen k├Ânnen:

Dies ist also nun mein erster Eintrag und gleichzeitig der Anfang meines Tagebuches. Ich m├Âchte meine Eindr├╝cke und Erlebnisse aufzeichnen und fange am besten gleich mit denen des heutigen Tages an. Noch heute morgen h├Ątte ich es nicht f├╝r m├Âglich gehalten, da├č ich am selben Abend in ein Tagebuch schreiben w├╝rde. Genau bis zu dem Zeitpunkt als ich, von einem ungewissen Gef├╝hl in den Schreibwarenladen gef├╝hrt, dieses B├╝chlein fand und mich in dieses Schmuckst├╝ck verliebte. Sofort war mir klar, da├č ich nun mein Leben ganz diesem B├╝chlein schenken w├╝rde.
In den letzten Wochen hat sich mein Leben so ver├Ąndert, da├č ich, um diese Ver├Ąnderungen zu realisieren und zu dokumentieren auf dieses B├╝chlein nicht verzichten kann. Fr├╝her war ich unentschlossen, wankelm├╝tig und habe mich nur all zu oft von den guten Ratschl├Ągen anderer leiten lassen. Heute dagegen lasse ich mich von meinem eigenen Inneren und von meinem Verstand leiten. Ich habe mich von vielen Dingen befreit, namentlich von der anerzogenen Hemmung Verr├╝cktes zu wagen und dem Z├Âgern spontan zu handeln.


Es folgten nun noch eineinhalb Seiten, in denen er Begebenheiten des Tages, die nicht im Rahmen, des f├╝r uns Interessanten, liegen, aufschrieb. Nachdem er seinen Eintrag beendet hatte, schlug er zufrieden ├╝ber den ersten Schritt den Deckel zu und band sorgf├Ąltig eine Schleife in das schwarze Band. Dieses Tagebuch bildete f├╝r Garlien nun so eine Art Ged├Ąchtnis, das ihm seine neuen Vors├Ątze ins Gewissen rief. Er war stolz auf sich selbst und r├Ąumte sogar einen besonderen Platz in seinem B├╝cherregal frei, der dieses Buches w├╝rdig war und an dem es st├Ąndig zur Hand war, wollte er etwas eintragen.
So ging der erste Tag und der zweite seines genau dokumentierten Lebens kam. Voll ├ťbermut schrieb er gleich nach dem Fr├╝hst├╝ck an seinem Werk weiter. Es schien ihm, als n├Ąhme er genauer war, was um ihn herum geschah allein durch die Tatsache, da├č er es niederschrieb. Jede Vogelstimme, jeder Regentropfen bekam so einen wichtigen Platz in seinem Leben und damit in seinem Buch. Hier nun h├Ątte der Leser folgenden Eintrag finden k├Ânnen:

Mein Leben bekommt durch dieses kleine B├╝chlein mehr Glanz, mehr Gewicht als ich es je f├╝r m├Âglich gehalten h├Ątte. Ich bin frei und entspannt. Frei zu tun was mir beliebt, solange ich niemand anderen damit verletze. Mein Tagebuch ist gleichsam die Verfassung, das Grundgesetz meines neuen Lebens. Ideale wie Freiheit, Verantwortung oder Gerechtigkeit sind in ihm festgesetzt, und k├Ânnen nicht wieder einfach umgeworfen werden. Dies gibt mir die Gewi├čheit, das Richtige und Gute zu tun.

Er entschlo├č sich auch an jenem Morgen sein Tagebuch nicht nur im Buchregal abzulegen sondern es immer mit sich zu tragen. Auch an den n├Ąchsten Tagen bekr├Ąftigte er seine Entschl├╝sse und best├Ąrkte sich selber in seinen Entscheidungen, in dem er sie niederschrieb. Er lie├č keines seiner Erlebnisse aus und achtete genau auf Zusammenh├Ąnge und darauf, da├č sich nicht etwa eine kleine Unwahrheit einschleiche. Eine weiter Stelle die in diesem Zusammenhang Bemerkung verdient ist wohl die folgende:
Frau Knolle, meine mir treue Vermieterin, er├Âffnete mir heute, da├č ich im n├Ąchsten Jahr wohl mit einer Mieterh├Âhung zu rechnen habe, was f├╝r mich ein nicht geringes Problem darstellt, habe ich doch schon kaum die jetzige Miete zusammengebracht. Aber ich bin gewi├č, auch hier wird sich ein Weg finden.
Anzumerken habe ich nur, da├č mich das F├╝hren des Tagebuches in den letzten Tagen viel Geduld kostet, da ich oft wundersch├Âne und wichtige Ereignisse in Worte fassen und sie somit knebeln mu├č um sie f├╝r mein B├╝chlein festzuhalten. Vielleicht ist es nicht allzu sinnvoll jede Begebenheit bis ins kleinste aufzuschl├╝sseln und sie dann zu Papier zu bringen. Vielmehr will ich mir einen Stil aneignen, der einer Gedankenst├╝tze f├╝r mein schwaches Hirn gleicht. So lasse ich den mir ohne hin schon bekannten weg der Interpretation weg und beschr├Ąnke mich auf die genaue Dokumentation der Geschehnisse.

So kam es, da├č Garlien teilweise nur in zwei, drei knappen S├Ątzen Dinge von h├Âchster Bedeutung zusammenfa├čte. So zum Beispiel folgende Begegnung:
Am heutigen Mittwoch habe ich eine reizende Frau namens Henriette kennen gelernt. Sie ist sehr sch├Ân, ich habe mich sofort in sie verliebt und wir treffen uns gleich n├Ąchsten Samstag wieder.
Und von jenem Treffen wei├č er dann nur dies zu berichten:
Henriette und ich haben viele Gemeinsamkeiten entdeckt und haben nun so etwas wie eine Beziehung miteinander. [i/]
Da├č diese Beziehung so tief und innig war, da├č sie sechs Monate sp├Ąter heirateten sei nur am Rande bemerkt, um die Wichtigkeit dieser Ereignisse zu betonen.
Nun geschah es auch, da├č Garlien, zum einen wegen der Verlegenheit vor Henriette, zum anderen wegen der M├╝he des Tragens, sein geliebtes B├╝chlein ├Âfters zu Hause im Buchregal lie├č und nur noch abends Eintr├Ąge vornahm. Dies schien ihm technisch sinnvoller und praktischer. Einmal notierte er:
So ist mir mein Tagebuch vom neugierigen Spion in der Westentasche zu einem guten Freund geworden, der schon sehns├╝chtig auf mich wartet und mich begr├╝├čt, wenn ich in meine Wohnung komme. Ich erz├Ąhle ihm von meinen Erlebnissen des Tages und mu├č nicht andauernd jede Handlung vor ihm rechtfertigen. Ich kann oft auch objektiver von Dingen berichten, wenn sie schon ein paar Stunden hinter mir liegen.
Nun begann er auch seine Gedanken zu selektieren bevor er eine Niederschrift begann. Wo er fr├╝her jede Einzelheit aufzeichnete wog er sie vorher ab und erst, wenn er sie dann f├╝r wichtig genug hielt schrieb er sie auf, dies allerdings in stark verk├╝rzter Form, was an folgendem Ereignis gut zu erkennen ist:
Heute hatte ich einen Unfall, der mich eine Menge Geld und viel ├ärger mit der Versicherung und den Beh├Ârden kosten wird. Auch psychisch hat er mir schwer zugesetzt
Selbst dem aufmerksamsten Leser wird sich jedoch die Tatsache, da├č ein Mensch durch diesen Unfall ins Koma fiel und ein anderer sein Leben lassen mu├čte, nicht zug├Ąnglich sein, da Garlien oft auch willk├╝rlich, Erlebtes beschnitt und zurechtstutzte. So verk├╝rzten sich zusehends die Eintr├Ąge und nicht jeder Tag fand sein Ebenbild in dem einst so gesch├Ątzten B├╝chlein. Und als nun eine harte Zeit, voll von Krisen, ├╝ber Garlien Dunk hereinbrach machte er sogar seinem Tagebuch - einem Gegenstand also - Vorw├╝rfe:
Ja ich wei├č es klingt albern, aber mein Tagebuch hat mir viel Zeit meines Lebens geraubt. W├Ąhrend ich mit dem Schreiben besch├Ąftigt war, habe ich nicht bemerkt, wie das Leben mit seinen Chancen an mir vorbeilief. Anstatt ├╝ber das Leben zu schreiben h├Ątte ich es genie├čen sollen.
Der letzte Eintrag sei an dieser Stelle nun auch noch, der Vollst├Ąndigkeit wegen, angef├╝hrt. Er zeigt auch gut das zuletzt sehr schlechte Verh├Ąltnis Garliens gegen├╝ber seinem Tagebuch:
Nach all dem, was mir dieses Buch eingebracht hat, werde ich es nun schlie├čen und hoffentlich nie wieder ├Âffnen!
Dies waren auch die Worte, die Garlien las, lange nachdem ihn Henriette verlassen und er v├Âllig verarmt in einer Einzimmerwohnung ohne Heizung eingezogen war. Er las diese Worte kurz bevor er den Deckel des B├╝chleins wirklich f├╝r immer zuschlug und, in Ermangelung desHeizmaterials, zu den wenigen B├╝chern Goethes und Hegels, die er nicht verkauft hatte, in den kleinen Kanonenofen warf und hinter ihm die Ofent├╝r schlo├č, um wenigstens noch ein wenig W├Ąrme in sein Zimmer zu bringen.

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flammarion
Foren-Redakteur
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Registriert: Jan 2001

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zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. dein text liest sich gut. es ist eine ersch├╝tternde geschichte. wirkt sehr real. mach mal so weiter! ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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