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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Telefonprinzip
Eingestellt am 13. 10. 2001 04:58


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Danni
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2001

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Hallo an Euch erstmal,

da ich leider seit lĂ€ngeren nicht mehr in der LL war (aus zeitlichen GrĂŒnden, hört sich blöd an, aber is wahr :-)), ich gelobe Besserung!) möchte ich Euch nun eine kleine neue Kurzgeschichte von mir vorstellen. Ich bin mir aber eben noch nicht so sicher, ob sie so wirklich gut ist. Deshalb möchte ich Euch bitten, mich mit Eurer Kritik nicht zu verschonen!!! Nach meiner letzten Erfahrung in der Schreibwerkstatt (absolut Positiv) baue ich natĂŒrlich auf Euch.
Aber jetzt genug geredet, hier ist meine Kurzgeschichte:


Das Telefonprinzip

Ich stand gerade vor dem Spiegel und kĂ€mmte mir die Haare, als das Telefon klingelte. Ich legte die BĂŒrste zur Seite und machte mich auf den Weg, um dem aufdringlichen LĂ€uten ein Ende zu bereiten. Eigentlich ahnte ich schon wer es war, und meine Schritte schienen automatisch langsamer zu werden. Ich spielte schon mit dem Gedanken einfach nicht abzuheben, als mir klar wurde, dass sie dann immer wieder versuchen wĂŒrde mich anzurufen. Also entschloss ich mich seufzend mich der Situation zu stellen. Das Klingeln schien immer lauter zu werden, immer wĂŒtender, weil ich noch immer nicht am Apparat war. Nun stand ich direkt vor diesem nervtötenden Teil. Bevor ich den Hörer abnahm holte ich noch einmal tief Luft und zwang mich dazu diesmal einfach ruhig zu bleiben. Nur nicht wieder streiten.
„Ja?“ So meldete ich mich immer. Allein aus Prinzip nannte ich nie meinen Namen, wenn mich jemand anrief. Wozu auch? Wer mich anruft, weiß wer am anderen Ende der Leitung ist. Und wenn sich wirklich einmal jemand verwĂ€hlt, was Ă€ußerst selten vorkommt, nun ja, dann kann man die Situation auch ganz schnell aufklĂ€ren. Ich frage den Menschen einfach wen er sprechen möchte und wenn ich nicht der gewĂŒnschte GesprĂ€chspartner bin, sage ich es einfach. Ohne große Umschweife, klipp und klar. Ich bin eben nicht eine von diesen TelefonsĂŒchtigen, die stundenlang an der Strippe hĂ€ngt. FĂŒr mich ist es nur ein Kommunikationsmittel fĂŒr kurze Mitteilungen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber das verstehen die meisten nicht. Viele meiner Freunde und Verwandte beschweren sich regelmĂ€ĂŸig bei mir, wie knapp ich doch immer angebunden wĂ€re. Sie wollen nicht akzeptieren, dass ich lieber lĂ€ngere GesprĂ€che mit einem direkten GegenĂŒber fĂŒhre. Ich möchte in ein Gesicht schauen und Reaktionen sehen. Augen, Mimik, und Gestik, da kann sich keiner verstellen. Keine rollenden Augen, weil ich es nicht sehe oder ein belustigendes Grinsen ĂŒber eine Äußerung die ich sehr ernst meine. Nein, direkt und ehrlich, so liebe ich die Diskussionen, so streitet man sich oder lacht gemeinsam ĂŒber lustige Geschichten und Anekdoten. So bin ich nun mal. Wer da anderer Meinung ist, gut, ich bin schließlich kein Missionar der Telefonitiskranke bekehren möchte. Sollen sie sich doch gegenseitig die Ohren heiß schwatzen, solange sie mich damit verschonen. Oder eine Selbsthilfegruppe grĂŒnden, wenn sie ihre Sucht nicht mehr unter Kontrolle haben. Kann ja auch belastend sein, immer an der Strippe hĂ€ngen zu mĂŒssen und mit einer Plastikmuschel zu plaudern. Und wenn man dann irgendwann feststellt, dass man der Brötchengeber der Telefongesellschaft ist, sollte man sich ernsthaft Gedanken machen. Aber glĂŒcklicherweise betrifft das alles ja nicht mich. Also, was mach mir um andere Gedanken.
Nachdem ich mich also mit meinem allseits Ärger hervorrufenden „Ja“ gemeldet hatte, hörte ich als erstes ein tiefes Seufzen am anderen Ende. Schon jetzt wusste ich, was als erstes kommen wĂŒrde. Irgendwas in der Richtung wie „Du klingst immer so unfreundlich und genervt, wenn du abhebst“. Das belustigt mich dann immer, denn wie soll ein einfaches und schlichtes „Ja“ denn klingen? Soll ich dieses kurze Wort denn langgezogen durch die Leitung flöten, womöglich noch ein Liedchen daraus machen? Das wĂ€re ja noch schöner. Wie dem auch sei, ich hörte also dieses Seufzen und bereitete mich innerlich auf den bevorstehenden Streit mit meiner Mutter vor. Nicht das wir uns immer sofort in ein StreitgesprĂ€ch begeben nachdem wir uns begrĂŒĂŸt haben, aber irgendwann kommen doch wieder die ĂŒblichen Meinungsverschiedenheiten auf. Der typische Generationenkonflikt eben. Manchmal passt ihr meine Frisur und meine Haarfarbe nicht, dann kommen SĂ€tze von ihr wie: „Warst du endlich mal beim Friseur und hast dir einen vernĂŒnftigen Haarschnitt machen lassen?“ oder „Mit diesem Besenschopf wirst du nie eine anstĂ€ndigen Mann kennen lernen, dabei bist du eigentlich so ein hĂŒbsches MĂ€dchen “. Die ĂŒblichen Dauerstreitigkeiten eben, eigentlich unwichtig und trotzdem genug Stoff damit einer von uns am Ende wĂŒtend den Telefonhörer auf die Gabel knallt. In der Beziehung sind wir uns nun mal zu Ă€hnlich, beide Temperamentvoll und impulsiv. Wie die Mutter, so die Tochter. NatĂŒrlich können wir uns auch vertragen, und wenn wir auch oft streiten, genauso sehr lieben wir uns. Aber nicht am Telefon. Das ist schon sehr seltsam, aber dieses nervende GerĂ€t beschwört bei uns jedes Mal eine missmutige Stimmung herauf. Wenn ich schon höre, dass es wieder schreit, ich solle mich zu ihm hinbegeben und gefĂ€lligst den Hörer abnehmen, dann bin ich, milde gesprochen, einfach nur gereizt.
„Hallo Liebling, wie geht es dir“, drang sanft vom anderen Ende an mein Ohr.
Wie lange diese Sanftheit wohl anhalten wĂŒrde?
„Mir geht es gut, und dir?“. Der allgemeinĂŒbliche Austausch von Höflichkeit eben. Irgendwie sagt man immer, dass es einem gut ginge, egal ob es stimmt.
„Ich wollte nur mal hören, wie es bei dir aussieht, du meldest dich ja so selten“. Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu ĂŒberhören. So fing das immer an. Aber heute wollte ich keinen Streit, also zwang ich mich zur Ruhe.
„Mama, ich wollte schon anrufen aber...“. NatĂŒrlich ließ sie mich nicht ausreden.
„Ja, das sagst du immer, aber in Wirklichkeit hast du deine Mutter vergessen und wenn ich nicht...“. Seufzen. Ein tiefes Seufzen. „Wann wirst du endlich erwachsen Kind und denkst auch mal an andere Menschen, außer nur an dich?“ Genau das war es, was mich wĂŒtend machte. NatĂŒrlich dachte ich an sie, ich schrieb ihr Briefe, zwar nicht jeden Tag, aber sie bekam sie regelmĂ€ĂŸig. Ich besuchte sie auch gerne, aber 800 Kilometer waren kein Katzensprung. Mein Problem war einzig und allein, dass ich es hasste zu Telefonieren. Sie wollte es nur nicht begreifen, und das war ihr Problem.
„Mama, ich habe im Moment wenig Zeit....“. Stille. Schweigen. Dieses Schweigen kannte ich.
Beleidigt antwortete sie: „NatĂŒrlich, was sollte ich auch anderes erwarten wenn ich dich anrufe. Welche Ausrede hasst du dieses mal?“. Ich schloss meine Augen und zĂ€hlte innerlich bis Zehn. Ich musste ruhig bleiben, denn ich wollte ihr gerne erzĂ€hlen, weshalb ich keine Zeit hatte. Also, tief durchatmen und nicht aus dem Konzept bringen lassen. Noch hatte ich es niemanden erzĂ€hlt, sie sollte die erste sein, die es erfĂ€hrt. Ein bisschen aufgeregt sagte ich
ihr: „Ich habe gleich eine Verabredung, ich war gerade dabei meine Haare zu machen und ...“.
Wieder unterbrach sie mich mitten im Satz. „Eine Verabredung?“ Zweifel schwang in ihrer Stimme mit. Es war klar, dass diese Aussage sie noch nicht zufrieden stellte. Sie kannte mich zu gut, meine stĂ€ndigen Ausreden hatten mich unglaubwĂŒrdig gemacht. „Ja, eine Verabredung, Date, Rendezvous wie auch immer man das nennt. Wir sehen uns heute das erste mal, und deshalb bin ich...“ Ich hielt schon automatisch mitten im Satz inne, ich wusste, sie wĂŒrde mich genau an dieser Stelle unterbrechen. Wie erwartet, enttĂ€uschte sie mich nicht.
„Ihr seht euch das erste mal? Wie soll ich denn das verstehen? Woher kennst du ihn denn?“. Ein RĂŒckzieher war an dieser Stelle unmöglich. Ich hatte angefangen zu erzĂ€hlen, nun musste ich es auch zuende bringen. Sie wĂŒrde nicht begeistert sein, aber das hĂ€tte ich mir auch frĂŒher ĂŒberlegen können. „Ich kenne ihn schon ein paar Monate, wir haben uns nur noch nicht persönlich kennen gelernt. Ich habe ihn im Internet kennen gelernt.“ Wiedereinmal trat eine ihrer typischen Pausen ein, die meine Nerven schon so oft auf die Probe gestellt hatten. Aber ihre Worte drangen schneller an mein Ohr als ich erwartet hatte. „Ich hoffe nur, du weißt worauf du dich da einlĂ€sst. Wer weiß, was sich hinter diesem Menschen verbirgt...“. Sie wollte natĂŒrlich noch wesentlich mehr sagen und mir war klar, dass es jetzt nur zwei Möglichkeiten fĂŒr mich gab. Entweder ich stellte mich ihrem Dauermonolog ĂŒber die Gefahren des Lebens, denen ich natĂŒrlich besonders ausgesetzt war, oder ich beendete dieses GesprĂ€ch ganz einfach kurz und schmerzlos. Da die zweite Lösung im Moment wesentlich effektiver und verlockender war, lag die Entscheidung also auf der Hand. Außerdem wurde die Zeit knapp, also antwortete ich schnell: „Ich pass schon auf mich auf. Du kennst mich doch.“ Diesmal kam ihre Antwort seltsam ruhig und eine wenig nachdenklich: „Ja, ich kenne dich, ich weiß, du wirst auf dich aufpassen. Aber eine Frage noch: Du hast eine außergewöhnliche Abneigung gegen das telefonieren und auf der anderen Seite sitzt du dann an deinem Computer und kommunizierst dort mit wildfremden Menschen. Findest du das nicht ein bisschen paradox?“ Schon wollte ich dem etwas entgegensetzen, da besann mich auf meinen Vorsatz, dieses mal nicht zu streiten. Also sagte ich nur noch, dass ich es eilig hĂ€tte und so endete unser GesprĂ€ch.
Nach einem raschen Blick auf die Uhr, stellte ich fest, dass fast keine Zeit mehr blieb, also schnappte ich meine Jacke und machte mich ein wenig aufgeregt auf den Weg.

Nervös lief ich auf und ab. In meiner Wohnung war es völlig still. Ich wagte es nicht, den Fernseher einzuschalten oder Musik aufzulegen, in der Angst, ich könnte es ĂŒberhören. Das war doch zu lĂ€cherlich, jetzt, da ich sehnsĂŒchtig darauf wartete, gab es nicht einmal den leisesten Ton von sich. Einzig das immer stĂ€rker erscheinende Ticken meiner Wanduhr durchbrach die Stille. Meine Augen blieben am Ziffernblatt hĂ€ngen.
Gestern Abend um diese Zeit saßen wir gerade bei einem wundervollen Abendessen. Stundenlang haben wir geredet und gelacht, was nicht zuletzt auch an etlichen GlĂ€sern Wein lag, die im Laufe des Abends von uns geleert wurden. Es war wirklich perfekt. Alles stimmte. Vor allem stimmte alles an ihm.
Ein GerĂ€usch riss mich aus meinem Tagtraum. Hatte es gelĂ€utet? Bewegungslos horchte ich in die Stille, bereit sofort aufzuspringen. Da war es wieder. Jemand hatte in der oberen Etage an der TĂŒr geschellt. Dieses Haus ist wirklich hellhörig. Einen kurzen Augenblick stand ich noch unschlĂŒssig herum, dann ging ich ins Bad. Ich musste mich einfach ein bisschen Frischmachen. Schaden kann es ja nicht. Wer weiß.
Ich stand vor dem Spiegel und kĂ€mmte mir die Haare, als das Telefon klingelte. Die BĂŒrste flog in die nĂ€chstbeste Ecke und auf den Weg zum Telefon nahm ich anscheinend alle erdenklichen Ecken und Kanten mit, die sich in meiner Wohnung befinden. Atemlos riss ich den Hörer ab. Als ich seine Stimme am anderen Ende hörte, sagte ich nur: „Schön dich zu hören.“
Drei Stunden spÀter lag ich lÀchelnd vor mich hintrÀumend in meinem Bett und war einfach nur dankbar, dass jemand das Telefon erfunden hat.





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"Die Literatur ist die Axt fĂŒr das gefrorene Herz in uns."
Franz Kafka

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