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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Das Testament
Eingestellt am 28. 12. 2010 17:12


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Maulbeere
Festzeitungsschreiber
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Das Testament

Jetzt brauchte er nur noch Handschuhe. Mit energischen Schritten querte er die Straße und eilte zum Haupteingang von Hertie. „Das ging doch schnell“, freute er sich. Nach dem Essen machte der Alte immer seinen Mittagsschlaf und er hatte es kaum erwarten können. Sich den Daimler schnappen und losbrausen waren eins gewesen und jetzt hatte er schon fast alles zusammen. „Echt Leder“; er schĂŒttelte innerlich den Kopf. Nach der Aktion musste er die Handschuhe sowieso wegschmeißen, das war klar. Auch wenn sich keine FingerabdrĂŒcke fanden, waren Handschuhe immer verdĂ€chtig. Und er wollte keinen Fehler machen. Also nahm er die schwarzen aus Kunstleder fĂŒr 16,95€, das musste reichen. „Jetzt nur nicht nervös werden“, mahnte er sich. „UnauffĂ€llig bleiben und sicher nach Hause kommen. Und vor allem keine Schramme an den Wagen fahren, sonst ist alles im Eimer.“

Er bezahlte seine Handschuhe, warf den Kaufbeleg in den nĂ€chsten Papierkorb und eilte zur Tiefgarage. „Wenn der Alte schon wach ist, wenn ich zurĂŒck komme, erzĂ€hle ich ihm einfach, ich wĂ€re spazieren gegangen. Der hat seinen Wagen schon seit Monaten nicht mehr angeschaut. Wieso sollte er auf die Idee kommen, dass ich damit eine kleine Spritztour mache. Und wenn schon“, grummelte er „Eigentlich ist es völlig egal. Ich wisch ihm den Hintern ab, da werde ich mir wohl mal seine Karre ausleihen dĂŒrfen.“

ZĂŒgig fĂ€delte er in den Verkehr ein. Sein Alter machte nach dem Essen immer seinen Mittagsschlaf und er hatte die Zeit genutzt alles vorzubereiten. UnwillkĂŒrlich ballte er die FĂ€uste. Seit Jahren hatte sein Vater kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Als ob er Luft wĂ€re. „Du bist das schwarze Schaf der Familie“, war das Letzte gewesen, mit dem er ihn liebevoll bedacht hatte. Und dann Schluss. Kein Anruf mehr, kein GlĂŒckwunsch zum Geburtstag, nichts.

Bis vor 3 Monaten. Da hatte ihn George angerufen, sein geliebtes Bruderschwein. Doktor der Rechte, schon mit 31 Assistent der GeschĂ€ftsleitung und fast schon Juniorchef. Augapfel und ganzer Stolz ihres gemeinsamen Erzeugers. Hatte ihm knapp mitgeteilt, dass ihr Vater einen Schlaganfall erlitten habe und Zuhause gepflegt werden mĂŒsse. „Kommt ĂŒberhaupt nicht in Frage, dass wir unseren Vater in ein Pflegeheim abschieben“, hatte er ihm beschieden, „nach allem ,was er fĂŒr uns getan hat.“ Das hatte er tatsĂ€chlich gesagt. FĂŒr uns! Dabei hatte der Alte doch nur etwas fĂŒr ihn getan, seinen George, Stammhalter, Erbe und FortfĂŒhrer der Familiendynastie, aber doch nicht fĂŒr seinen missratenen Zweiten, Hendrik, den SchulschwĂ€nzer, Kaufhausdieb, Junkie, der seine Zeit in zwielichtigen Kellern vertrödelte, statt an die Zukunft zu denken.“ WĂŒtend krallte er seine HĂ€nde ins Lenkrad. „Ja, so ist es immer gewesen. George vorne, George hinten, und er immer die große EnttĂ€uschung. Zuerst die Verbote, die Strafen, dann die Maßnahmen und am Schluss nur noch diese mitleidigen Blicke, die noch tiefer bohren als alle Worte und vor denen er davon gelaufen ist. Fast fĂŒnf Jahre; so lange ist das jetzt schon her. Kein Wort, keine Karte, kein Telefonanruf. Und plötzlich ist George in der Leitung und erwartet, dass er sich kĂŒmmert, seinen Vater pflegt, der nur noch lallen kann und endlich seine Schuld abtrĂ€gt. Ja Schuld.“ Hier musste er abfahren. Dann noch 2 kleine Ortschaften, dann war er wieder Zuhause. Jetzt nicht mehr als Sohn, schon lange nicht mehr als Sohn, sondern als Pflegekraft. Umsonst. Oder besser gesagt gegen Essen und Trinken und ein kleines Haushaltsgeld, dass ihm sein Bruderherz bei seinen seltenen Besuchen großzĂŒgig auf die Kommode legte. „Ja, sein großer Bruder hat keine Zeit. Muss den Laden im Schwung halten, durch die Welt jetten, Kohle machen und er, der arbeitslose Nichtsnutz kann sich doch mal nĂŒtzlich machen, HĂ€ndchen halten, Mund abwischen und das Personal beaufsichtigen. Dabei ist klar, dass er nichts zu sagen hat. Alles lĂ€uft ĂŒber George.“ Er stellte den Motor ab und ließ den Wagen auf den Hof rollen.

Endlich Mitternacht. Er öffnete seine ZimmertĂŒr, lauschte. Nichts. Schnell zog er sich an, schlich die Treppe hinunter. Im Schuppen lagen neue Klamotten, nicht einmal getragen. Sobald er sich umgezogen hatte, wĂŒrde nichts mehr auf ihn hinweisen; sogar ein Harrnetz hatte er sich gekauft, damit keine Spur am falschen Ort zurĂŒckblieb. Er lachte. „Eigentlich ist es egal, denn ich lebe jetzt schon seit Monaten mit im Haus und warum sollte es von mir keine Spuren geben? Aber nicht heute Nacht. Nicht bei meiner Aktion. Viel verstehe ich nicht von der Arbeit der Polizei. Gut möglich, dass sie Spuren direkt der Tatzeit zuordnen können. Besser nichts riskieren.“ Eilig wechselte er die UnterwĂ€sche; scheiterten nicht immer wieder Verbrechen an nebensĂ€chlichen Kleinigkeiten. Dann doch lieber etwas ĂŒbertreiben. Er schmunzelte. Noch die Gesichtsmaske ĂŒberstreifen und dann war er der Kleinkriminelle, der Einbrecher, der sich die abgelegene Villa im Wald ausgesucht hatte.

Er trat aus dem Schuppen. Heute war Neumond, fast völlig dunkel. Gut. Aber eigentlich war das egal. Er hatte keine Zeit mehr, Neumond oder nicht. Er schlug einen Bogen durch den Wald, einen großen Bogen, nĂ€herte sich dem Haus von der SĂŒdseite; niemand sollte auf die Idee kommen Spuren des Einbrechers im Schuppen zu suchen. Die TerrassentĂŒr war das grĂ¶ĂŸte Problem, das war ihm klar. Die musste er ohne viel Krach aufhebeln; es wĂ€re schön blöd gewesen, wenn der Alte ihn jetzt schon ĂŒberraschte. Jeder normale Einbrecher wĂŒrde sofort fliehen, wenn plötzlich das Wohnzimmerlicht angeht und man noch draußen auf der Terrasse steht. Und wie sollte er dann so schnell in seine alten Klamotten schlĂŒpfen und zurĂŒck ins Haus kommen? „Jetzt nur einen kĂŒhlen Kopf bewahren“, mahnte er sich. Wenn er erst drinnen im Haus war, konnte er zur Not improvisieren. Er setzte die Brechstange an. Hatte er mal im Krimi gesehen. Einfach die Brechstange unter die TĂŒrflĂŒgel schieben und den ganzen Salat aus den Angeln heben. Er schob die Stahlspitze in den schmalen Spalt und setzte das Stahlrohr auf das Ă€ußere Ende. HebelverlĂ€ngerung. Er grinste. Es gab doch tatsĂ€chlich FĂ€lle, in denen Schulwissen nĂŒtzlich sein konnte. Wer hĂ€tte das gedacht.

Ging doch wie im Bilderbuch. Ein kurzer Ruck und die TĂŒr war aus den Angeln gesprungen. Hing noch mit dem Schloss auf der anderen Seite fest und war nicht ins Wohnzimmer gefallen. Auch gut. Ja so ein Krach hĂ€tte den Alten sicher geweckt. Dann hĂ€tte er halt reagieren mĂŒssen, schließlich hatte er die Brechstange gerade passend in der Hand. Aber eigentlich war es ihm lieber, er konnte Ort und Zeit selbst bestimmen. Wollte erst noch ein bisschen den Einbrecher spielen, vielleicht nicht ganz Profi, aber auch nicht den blutigen AnfĂ€nger. Leise lachte er in sich hinein. „Wer hĂ€tte gedacht, dass es mir wichtig sein könnte, bei der Polizei einen guten Eindruck zu machen? Und auch bei meinem Alten.“ Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er auch an seinen Vater gedacht hatte. UnwillkĂŒrlich ballte er die FĂ€uste. Nie wieder sollte der ihn mit diesem mitleidigen Blick anschauen, ihn, den Volltrottel, der nichts auf die Reihe bekam und der noch nicht mal eine TĂŒr vernĂŒnftig aufhebeln konnte. Nein, sein Vater sollte ihn stark erleben, stark und angsteinflĂ¶ĂŸend; wenigstens einmal. Er schĂŒttelte den Kopf. Ja sein Vater hatte sich gut von dem Schlaganfall erholt, erstaunlich gut. „Kommandiert fast schon wieder wie in alten Tagen; Hendrik, mach dies, Hendrik mach das und manchmal auch nur Hendrik, laut und ungeduldig, bis er die Treppe hinaufgerannt kommt und atemlos ins Zimmer stĂŒrmt. Nein; er wĂŒrde sich an keinem Wehrlosem vergreifen. Im Gegenteil. Sein Alter ist fast schon wieder der Alte und spricht jetzt immer öfter davon, bald selbst fĂŒr sich sorgen zu können, schon sehr bald. Und dann? Dann werden sie ihn fortjagen wie einen rĂ€udigen Hund. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. DafĂŒr wird sogar George persönlich anreisen, George, der sonst nie Zeit hat. Aber seinen kleinen Bruder auf die Straße zu setzen, das wird er sich nicht nehmen lassen. Und dann ist er draußen, endgĂŒltig draußen.“ Er ballte die FĂ€uste. „Und ausgerechnet jetzt will der Alte sein Testament machen.“ „Hendrik“, hatte er vor einer Woche zu ihm gesagt. „Hendrik, mein Schlaganfall hat mir gezeigt, dass es Zeit wird meine Nachfolge zu regeln und reinen Tisch zu machen. Das verstehst du doch, dass George die Firma ĂŒbernehmen wird, dass meine Nachfolge geregelt sein muss.“ Ja, er hatte verstanden.

Vorsichtig, wie es sich fĂŒr einen Einbrecher gehört, schlich er durchs Wohnzimmer, öffnete alle SchranktĂŒren und Schubladen, kramte ein wenig lustlos in verschiedenen Papieren, hob Bilder von der Wand, immer auf der Suche nach etwas Brauchbarem, dass sich zu Geld machen ließ. NatĂŒrlich fand er auch den Familienschmuck, klar, er wusste doch wo der war, aber der Einbrecher nicht und so ließ er sich Zeit, suchte vorher erst hier und dort. Nun gut. Er ließ das Collier durch seine Finger gleiten. Echte Brillianten und noch anderes Zeug. Schade. Das Ganze war sicher mehrere Zigtausend wert, aber er wĂŒrde nichts riskieren. Er grinste. Ja, dass wĂŒrde ihnen so passen, dass er den Schmuck zum Hehler schleppte und sie so auf seine Spur kĂ€men. Aber nicht mit ihm. Sobald er draußen war, wĂŒrde er das ganze Zeug vergraben und erst mal Gras drĂŒber wachsen lassen, ganz viel Gras. Er ließ den Schmuck in den mitgebrachten Rucksack gleiten.

Langsam sah er sich um. Die aufgebrochene TerrassentĂŒr, das durchwĂŒhlte Wohnzimmer, die offene Schmuckschatulle. Sah wirklich gut aus. Und ĂŒberzeugend. Jetzt musste er nur noch seinen Alten wecken. Irgendeine Ungeschicklichkeit, die genug Krach machte, ihn aus dem Bett zu holen. Er zögerte. Hatte er noch irgendwas vergessen? Musste er vorher noch etwas erledigen? Plötzlich fiel es ihm ein. Klar. Die Polizei wĂŒrde das Haus versiegeln und auch er hatte keinen Grund mehr hier wohnen zu bleiben, wenn sein Alter nicht mehr war. DafĂŒr wĂŒrde schon George sorgen. George, der ihm alles zutrauen wĂŒrde. George wĂŒrde ihn verdĂ€chtigen, da war er ganz sicher. Und dann? Dann wĂŒrde es Wochen dauern, vielleicht sogar Monate, bis er an sein Erbe kam. Und wovon sollte er bis dahin leben? Wieder von Harz IV? Und seine Bude war inzwischen auch weg. Er brauchte noch was zum ĂŒberwintern, Geld, mit dem er die Zeit ĂŒberbrĂŒcken konnte, bis alles geregelt war. Er griff in den Rucksack, fĂŒhlte den Schmuck. Klar, er wusste, wo er den verticken konnte, schließlich hatte er schon einiges unter der Hand versilbert. Aber hier ging es um mehr. Auch sein Hehler konnte zwei und zwei zusammenzĂ€hlen. Blieb noch der Safe. Er ĂŒberlegte. „Den wollte ich eigentlich in Ruhe lassen. Den kriegt so ein kleiner Einbrecher sowieso nicht auf.“ Aber andererseits. Er brauchte ihn ĂŒberhaupt nicht zu knacken. Er kannte die Kombination. „Es wĂ€re ja noch schöner, wenn ich hier monatelang bei meinem Alten rumhĂ€nge und noch nicht mal an die Kombination von Safe kĂ€me.“ Nicht mit ihm. Und Spuren wĂŒrde er auch keine hinterlassen. Er wĂŒrde den Safe ganz normal öffnen, sich mit Barem versorgen und den Safe wieder sauber verschließen. Hatte ja mit dem Einbruch gar nichts zu tun. Und George? Wusste sein Bruder genau, wie viel Geld im Safe war? Er war sich nicht sicher. Na gut, im Zweifelsfall wĂŒrde George ihn verdĂ€chtigen etwas Geld abgezweigt zu haben. Na und? Das konnte er vielleicht sogar zugeben, natĂŒrlich nur unter vier Augen. Er grinste. George wĂŒrde ihn fĂŒr einen Dieb halten, das war es. „Wahrscheinlich hĂ€ngt der das nicht mal an die große Glocke. Könnte ja dem Familienruf schaden. Aber sonst bin ich aus der Sache raus. Das wird auch George einleuchten. Wieso sollte ich meinen Alten kalt machen und diese schöne Geldquelle zum versiegen bringen.“ Er rieb sich die HĂ€nde. Genial. Das wĂŒrde seinem großen Coup noch das TĂŒpfelchen aufsetzen. „Mein geliebtes Bruderschwein wird sich groß vor mir aufblasen, den Selbstgerechten geben. Das konnte er schon immer gut. Und ich spiele den Zerknirschten, die typische Rollenverteilung zwischen uns. Damit wird George zufrieden sein. Sein Verdacht hat sich bestĂ€tigt und er kann sich in seiner Selbstgerechtigkeit suhlen. Wahrscheinlich wird er mich unter Druck setzen oder sogar erpressen. Dass ich ihm die Firma nicht streitig mache und am besten verdufte, möglichst irgendwohin, wo er mich endgĂŒltig vergessen kann. Nun gut. Den Gefallen wĂŒrde er ihm tun. Klar, den großen Boss will er alleine spielen, aber was soll’s. Gegen eine vernĂŒnftige Abfindung kann er die Firma haben. So ein Betrieb macht sowieso nur Stress.“

Er konnte sich kaum daran erinnern, wie er ins Bett gekommen war. Er hatte nur noch raus gewollt, raus aus diesem Wohnzimmer, aus diesem Haus und fast hĂ€tte er dabei seinen Rucksack stehen gelassen und er wusste nicht, ob er die Kraft hatte dieses Wohnzimmer noch mal zu betreten. Ja, er hatte den Rubikon ĂŒberschritten. Rubikon. Auch so eine Erinnerung aus seiner Schulzeit, die ihm gefallen hatte. Nicht mehr zurĂŒck können, ja das war es wohl. Er hatte den Safe leergerĂ€umt und auch ein hĂŒbsches SĂŒmmchen gefunden und einen Moment, ja einen Moment war er drauf und dran gewesen, einfach das Geld einzustecken und sich davon zu machen, wie der Einbrecher, der er ja war, der er auch war, und seine Beute in Sicherheit zu bringen. Und Plötzlich stand sein Vater vor ihm. War aus dem Arbeitszimmer gekommen, nicht aus dem Schlafzimmer, wie er gedacht hatte, nicht die Treppe herunter, die er die ganze Zeit im Auge behalten hatte, sondern aus dem Arbeitszimmer, war direkt in seinem RĂŒcken aufgetaucht und hatte ihn mit Namen angesprochen, ohne jeden Zweifel in der Stimme, hatte ihn angesprochen, als ob er ĂŒberhaupt nicht maskiert gewesen wĂ€re, vielleicht etwas ĂŒberrascht, aber ohne jede Furcht und mit dem DĂ€mmern der Erkenntnis ĂŒber den Grund ihrer plötzlichen Begegnung hatte sich wieder diese resignierte Verachtung in seinem Blick gezeigt, vor der er vor Jahren davon gelaufen war. Nun gut; heute hatte er es zuende gebracht. War nicht weg gelaufen, obwohl die Brechstange auf dem Wohnzimmertisch lag, unerreichbar weit weg, hatte es mit seinen eigenen HĂ€nden getan, gefĂŒhlt, wie sein Vater unter der Wucht seines Körpers zusammengebrochen war, plötzlich alt und zerbrechlich und er hatte sich geschĂ€mt fĂŒr diese ĂŒbertriebe Kraft, mit der er auf den Wehrlosen eingeschlagen hatte.

Plötzlich hatte er sich gefangen, wurde ganz ruhig. In Gedanken rekapitulierte er noch mal die vergangene Nacht. Der Safe war ordentlich verschlossen. Gut. Der Rucksack mit dem Schmuck, seiner Verkleidung und einem Großteil des Geldes lag sicher vergraben im Wald. Er hatte lange geduscht, sich die FingernĂ€gel gereinigt. Eine halbleere Schachtel mit einem starken Schlafmittel lag auf dem NachtschrĂ€nkchen, sein Alibi dafĂŒr, dass er weder vom Einbruch noch vom darauf folgenden Kampf irgendetwas mitbekommen hatte. Er lĂ€chelte. Ja sie hatten ihn alle unterschĂ€tzt. Kein kleiner Bruder mehr, der nichts auf die Reihe bekam, sondern ein strategischer Denker, der jede Entwicklung vorausahnt und mit kĂŒhlem Kopf die Situation beherrscht. Ein wenig bedauerte er, dass sie von seiner Meisterleistung nie etwas erfahren wĂŒrden.

„Ja, Herr Kommissar. Zuerst habe ich den Notarzt gerufen, da dachte ich noch, mein Vater wĂ€re gestĂŒrzt, er lag so komisch da und dann habe ich erst das Durcheinander bemerkt und die aufgebrochene TerrassentĂŒr.“ Das hatte er gut hinbekommen. Er hatte sehr aufgeregt und etwas durcheinander berichtet, aber das war völlig normal in so einer Situation und es hatte vor allem nicht einstudiert gewirkt. Er ließ sich erschöpft in den Sessel fallen. Um ihn herum wirbelnde Hektik. Ein Team in weißen Kitteln und Handschuhen beklebte alle denkbaren GegenstĂ€nde und OberflĂ€chen mit Tesa-Film um FingerabdrĂŒcke zu sichern und sie wĂŒrden sicher eine Menge finden, da war er ganz sicher, nur nicht vom Einbrecher, der hatte schließlich Handschuhe getragen. Die Leiche war lĂ€ngst fortgeschafft worden und sie hatten pietĂ€tvoll darauf verzichtet, vorher FingerabdrĂŒcke von ihr zu nehmen, aber das wĂŒrden sie sicher in der Gerichtsmedizin nachholen, allein schon fĂŒr den Vergleich. Keiner kĂŒmmerte sich um ihn. Er saß seit Stunden in seinem Sessel, ĂŒberwĂ€ltigt von Entsetzen und Trauer und das ganze Ermittlungsteam schlich in respektvoller Entfernung um ihn herum, wĂ€hrend er ihre Arbeit aus den Augenwinkeln beobachtete. Die Situation gefiel ihm. Solange er nichts tat, machte er nichts falsch und dass man ihn völlig in Ruhe ließ bewies doch, dass man von ihm keinen Beitrag zur AufklĂ€rung des Verbrechens erwartete. Im Gegenteil. Seine wĂŒrdevolle Haltung hatte Eindruck gemacht und irgendwann wĂŒrde dieses wuselige Heer kleiner Beamter und Angestellter ihm Bericht erstatten ĂŒber ihre sicher mehr als dĂŒrftigen Ermittlungsergebnisse und er wĂŒrde ihn huldvoll entgegennehmen, noch ganz ĂŒberwĂ€ltigt von seiner Trauer.

Irgendwann wurde es ihm zu viel. Er stand auf. „Entschuldigung, Herr Kommissar“, sagte er mit gebrochener Stimme. „Werde ich hier noch gebraucht? Ich wĂŒrde mich gern zurĂŒckziehen.“ Der Angesprochene stockte in seinem zielstrebigen Gang, drehte sich zu ihm um, schenkte ihm ein mitfĂŒhlendes LĂ€cheln. „NatĂŒrlich“, sagte er, „wir kommen hier schon allein zurecht. Nur eine Frage. Kennen sie die Kombination vom Safe?“ „Aber ja“, hatte er wĂŒrdevoll geantwortet, bevor er sich daran erinnerte, dass er eigentlich vorgehabt hatte, sie nicht zu kennen. Aber das war letztlich egal, zeigte es doch nur eindrucksvoll das vertrauensvolle VerhĂ€ltnis zwischen ihm und seinem Vater. „Dann wĂŒrde ich sie bitten, den Safe fĂŒr uns einmal zu öffnen.“ Was sollte das jetzt. Der Safe hatte doch mit dem Einbruch offensichtlich gar nichts zu tun. Einem Moment wollte er aufbegehren, aber er hatte sich in der Gewalt, unterdrĂŒckte seine Frage. „SelbstverstĂ€ndlich“, sagte er stattdessen.

Wirklich interessant“, sagte der Kommissar, als sie vor dem geöffneten Safe standen. „Der Einbrecher hat dieselben vier Tasten berĂŒhrt, die zum Öffnen des Safes benötigt werden. Nur diese vier Tasten. Finden sie das nicht erstaunlich.“ Freundlich lĂ€chelnd drehte er sich zu Hendrik um. „Ich bin wirklich gespannt, ob wir dieselben Spuren auch im Inneren des Safes finden, sie verstehen schon, diese billigen Kunstlederhandschuhe, die ĂŒberall abfĂ€rben. Aber das kann warten. Eigentlich wollte ich ihnen etwas anderes zeigen.“

Er nahm Hendrik freundlich am Arm und fĂŒhrte ihn ins Arbeitszimmer. „Wussten sie, dass ihr Herr Vater sein Testament machen wollte“, fragte er mitfĂŒhlend. „Aber nehmen sie doch Platz, er hat auch etwas ĂŒber sie geschrieben.“ Er schob Hendrik einen sorgfĂ€ltig beschriebenen Bogen Papier herĂŒber. „Können sie bestĂ€tigen, dass dies die Handschrift des Verstorbenen ist?“ Aber ja, das konnte Hendrik bestĂ€tigen. Diese sorgfĂ€ltige, etwas verschnörkelt ja geradezu aristokratische Handschrift gehörte seinem Vater. Plötzlich brachte er kein Wort heraus. Er bestĂ€tigte die Frage nur mit einem stummen Nicken. „Lesen sie ruhig“, sagte der Kommissar.

„Meinen Sohn Hendrik habe ich nie verstanden, vielleicht sind wir einfach zu verschieden. Er taugt nicht zur Arbeit, ist sprunghaft und faul. Auch sucht er die Gemeinschaft mit zwielichtigen Gestalten, das hat er von frĂŒhester Jugend an getan. Aber ich habe in den letzten Monaten Hendrik auch anders erlebt, hilfsbereit und mitfĂŒhlend, und vielleicht musste ich erst schwach und hilfsbedĂŒrftig sein, um diesen Hendrik kennen lernen zu können. Er kann die Firma nicht fĂŒhren und er darf auch niemals Einfluss auf unsere GeschĂ€fte bekommen, weshalb ich mein altes Testament hiermit noch einmal ausdrĂŒcklich bestĂ€tige. Meinen gesamten Besitz vermache ich George, meinem Erstgeborenen, der mein Lebenswerk verantwortungsbewusst weiterfĂŒhren wird. Aber mich treibt die Sorge um Hendrik, meinen Zweitgeborenen, dass er auf die schiefe Bahn geraten könnte, dass ich vielleicht sogar Mitschuld daran habe. Deshalb verfĂŒge ich hiermit, dass Hendrik eine lebenslange monatliche Rente von fĂŒnftausend Euro erhalten soll, auf dass er vielleicht das Leben eines Taugenichts fĂŒhre, aber nicht kriminell werde und keinem anderen Menschen schade. Entbunden von allen Sorgen des tĂ€glichen Broterwerbs möge er eine Aufgabe finden, die seinen Talenten wĂŒrdig ist.“

Das war ein Ding. Damit hatte er ĂŒberhaupt nicht gerechnet. Keine umstĂ€ndlichen Verhandlungen mit George, sondern einfach ein Leben in saus und braus. Und der Erbfall war hiermit gerade passend eingetreten. „Ist das ein gĂŒltiges Testament“, fragte er mit gebrochener Stimme. „Ja sicher“, sagte der Kommissar. Handgeschrieben, mit Datum, eindeutig vom Erblasser.“ Er zögerte, wĂ€hrend er Hendrik aufmerksam ansah. „Es fehlt nur noch die Unterschrift, um dieses Papier zu einem gĂŒltigen Testament zu machen. Der Mörder ist wohl ein paar Minuten zu frĂŒh gekommen.“






Version vom 28. 12. 2010 17:12

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