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Leselupe.de > Horror und Psycho
Das Todespendel
Eingestellt am 11. 09. 2019 16:49


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rotkehlchen
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Das Todespendel

(In Memoriam Edgar A. Poe)

Am Morgen des 12. Juni, um 5 Uhr 30, holten sie mich aus der Zelle, in der ich seit einer Woche auf dem nackten Lehmboden lag. Bisher hatte ich eisern geschwiegen; ich sah es ihren Gesichtern an, dass sie langsam ungeduldig wurden und endlich Ergebnisse haben wollten. Wider Erwarten f├╝hrten sie mich nicht in den bekannten Verh├Ârraum, in dem es nach Urin und Erbrochenem roch; sie verbanden mir die Augen, setzten mich in ein Auto und fuhren mit mir eine gef├╝hlt endlose Zeit in der Gegend herum. Als sie mir die Augenbinde abnahmen und ich wieder sehen konnte, befand ich mich in einem hohen, turmartigen Raum, der nur durch eine kleine, viereckige Luke hart unter dem Dach schwach erhellt wurde. Es war der Turm einer Wehrburg, einer dieser alten Festungsbauten, die ├╝berall auf der Welt zu finden sind. Von der Decke hing ein Seil herab, an dem eine gro├če Kugel befestigt war, daneben stand eine kahle Liege.
Einer der schwarz vermummten Gestalten ÔÇô Mitglieder einer gef├╝rchteten Terrororganisation ÔÇô befahl mir, die Kleider auszuziehen und mich mit gespreizten Beinen und ausgebreiteten Armen mit dem R├╝cken auf die Pritsche zu legen. Dann banden sie mich an F├╝├čen und H├Ąnden an der Liege fest. Sie setzten die Kugel in Bewegung und verlie├čen den Raum.
Ich war allein.
Trotz der unzureichenden Beleuchtung nahm ich sofort zwei Dinge wahr: Aus der Unterseite der Kugel ragte die zehn Zentimeter lange spitze Klinge eines Messers hervor, und an der Wand mir gegen├╝ber hing eine Videokamera, die genau auf die Liege gerichtet war. Mir war sofort klar: Sie hatten vor, mich aufs Grausamste zu qu├Ąlen und meine Qualen zu filmen, um ein Exempel ihrer Grausamkeit zu statuieren. Diese Tortur w├╝rde alles ├╝bertreffen, was mir bisher an perversen Schikanen berichtet worden war.
Die Kugel mit dem Messer ÔÇô ich konnte nicht erkennen, aus welchem Material sie bestand, Eisen oder Beton, aber es musste eine schwere Masse sein, sonst funktionierte die t├Âdliche Maschinerie nicht ÔÇô bewegte sich langsam hin und her. Ich kannte diese Vorrichtung noch aus meiner Schulzeit. Im Physiksaal hing solch eine Kugel, sie war aus Eisen, nur viel kleiner. Zu Unterrichtsbeginn zog der Lehrer auf dem Boden einen Kreidestrich, der die urspr├╝ngliche Ausrichtung der Pendelbewegungen anzeigte. Am fr├╝hen Nachmittag, zu Schulschluss, pendelte die Kugel im rechten Winkel zu dem Strich. Die Kugel, ein so genanntes Foucaultsche Pendel, war wegen der Tr├Ągheit ihrer schweren Masse der Erddrehung nicht oder nur unvollst├Ąndig gefolgt. Der Fu├čboden, das Klassenzimmer, die Schule hatten sich scheinbar im Vergleich zum Pendel gedreht. Damals hatte mich diese Erkenntnis fasziniert; die gleichm├Ą├čige, gleichsam bed├Ąchtige Pendelbewegung hatte ich als Beweis f├╝r die unersch├╝tterliche G├╝ltigkeit der Naturgesetze empfunden. Doch jetzt standen mir die Haare zu Berge. Es geh├Ârte nicht viel Fantasie dazu, um zu erkennen, was sie mit mir vorhatten. Die Liege w├╝rde sich langsam in die Pendelbewegung hineindrehen, und das Messer w├╝rde meinen Leib filettieren.
Ich blickte nach oben, wo ein Strahl der aufsteigenden Sonne ein helles Rechteck an die gegen├╝berliegend Wand des Turms projizierte. Ich ├╝berlegte: Sollte das alles ein Traum sein? Ein entsetzlicher, widerlicher Alptraum, bedingt durch Mangel an Sauerstoff und falsches Atmen? Sofort verwarf ich diesen Gedanken wieder. Nein, das konnte kein Traum sein, die Situation war zu real, zu beklemmend, der Geruch nach Urin und Ratten zu deutlich, die Hitze, die sich allm├Ąhlich einstellte, zu schwei├čtreibend.
Ich drehte den Kopf so weit wie m├Âglich zur Seite, fasste die Kugel scharf ins Auge und verglich ihre Bahn mit der Stellung der Liege. Noch konnte ich keine Ver├Ąnderung feststellen, noch stand die Liege unver├Ąndert parallel zu den Pendelbewegungen. Doch ich gab mich keinerlei Illusionen hin: Damit, dass ein g├╝tiger Gott meinetwegen die Naturgesetze au├čer Kraft setze und die Erde in ihrer Drehung anhielt ÔÇô wo ich noch nicht einmal an ihn glaubte, und wo er doch sonst durch wenig glorreiche Abwesenheit gl├Ąnzt ÔÇô damit war doch nun wirklich nicht zu rechnen. Nein, es war einfach so: In der kurzen Zeit, in den wenigen Minuten, die vergangen waren, seitdem die Rebellen die Kugel in Bewegung versetzt hatten, konnte sich auch noch nichts merklich ver├Ąndert haben, schon gar nicht in einem Land, in dem sich die Erde langsamer dreht als anderswo, und in dem Zeit keine Rolle spielt. Auch ich w├╝rde jetzt endlich Zeit haben, viel, viel Zeit, doch diese Zeit w├╝rde bald nichts mehr wert sein.
Verschiedene Gedanken gingen mir durch den Kopf. Bekannte, die es gut mit mir meinten, hatten mich gewarnt; geh nicht in dieses Land, hatten sie mich beschworen, du bist ein Mitglied einer ihnen bis aufs Blut verhassten Nation und in Angelegenheiten unterwegs, die sie f├╝rchten; wenn sie dich fassen, ist dein Leben kein Pfifferling mehr wert, du kannst noch froh sein, wenn sie dir nur den Kopf abschlagen.
Dass ich ├╝ber ein Kopfabschlagen froh sein w├╝rde, damit hatten sie wohl Recht. Doch nun war es zu sp├Ąt.

F├╝r eine Weile verfiel ich in eine Art somnambulen D├Ąmmerzustand; als ich die Augen wieder ├Âffnete und meine Benommenheit gewichen war, galt mein erster Blick der Kugel. Es war eine merkliche Ver├Ąnderung eingetreten, also musste ich eine ganze Weile ged├Âst haben, ohne es zu merken. Die Liege stand nun nicht mehr parallel zur Pendelbewegung, sondern im Winkel dazu. Sie hatte sich bereits erkennbar gedreht. Noch war die Drehung unbedeutend, noch glitt das Messer in sicherer Entfernung an der Liege vorbei, aber allein die Tatsache, dass sie geschehen war, lie├č mich erschauern.
Der Lichtfleck war inzwischen ein geh├Âriges St├╝ck die Wand herunter gerutscht und zur Raute mutiert. Anhand der Entfernung, die der Fleck zur├╝ckgelegt hatte, versuchte ich die Zeit zu bestimmen, die seit meiner Fesselung vergangen war. Die Sonne steigt in diesen Breiten schnell auf, also konnte nicht mehr als eine Stunde vergangen sein. Das bedeutete, bevor die eigentliche Tortur begann, lagen noch Stunden qualvollen Bangens vor mir.
Seltsamerweise hielt sich meine Angst noch in Grenzen; die unbequeme Lage und die Hitze besch├Ąftigten mich jetzt mehr als der Gedanke an mein grausames Ende. Nun ja, ich bin keiner, der schnell Angst bekommt; wenn du ein Hasenfu├č bist, darfst du dich nicht als investigativer Journalist in ein Kriegsgebiet mit ├╝berbordendem Terrorismus begeben, nicht in einer Region nach Menschenrechten fragen, in der die Menschenrechte nicht mehr gelten. Dann bleib zuhause und berichte ├╝ber Salmonellen im Softeis. Au├čerdem nahm ich zu diesem Zeitpunkt noch an, dass es ein brutaler Bluff war; dass sie mich zerm├╝rben wollten, um Dinge aus mir herauszupressen, die zu bewahren ich geschworen hatte. Die Vorstellung, sie w├╝rden mich auf diese Weise tats├Ąchlich zu Tode martern, war einfach zu abartig, auch f├╝r ein Land, wo tagt├Ąglich die entsetzlichen Dinge geschahen. Noch rechnete ich stark damit, dass sie wiederkommen und dem grausamen Spiel ein Ende bereiten w├╝rden.
Doch nichts dergleichen geschah. Stunde um Stunde verrann, die helle Raute wurde wieder zum Viereck, immer mehr drehten sich Turm und Liege in die Bahnbewegung der Kugel hinein.
Bald schwang das Messer in bedrohlicher N├Ąhe an meinem K├Ârper vorbei; Schon vermeinte ich, seinen t├Âdlichen Atem zu sp├╝ren.
Ich konnte jetzt absehen, an welcher Stelle die Klinge auf meinen wehrlosen K├Ârper treffen w├╝rde.
Und auf einmal war die Angst da. Sie kam unverhofft ├╝ber mich und mit der elementaren Wucht eines Tsunamis. Es war, als habe sich in meinem Gehirn ein Hebel umgelegt und mich in eine andere, animalische Bewusstseinsstufe katapultiert. Die Angst ├╝berlagerte alles: Die Schmerzen, die mir die Druckstellen durch das fast bewegungslose Liegen bereiteten; der Vorsatz, nicht klein beizugeben und nichts zu gestehen, was Freunden das Leben kosten konnten; die Hoffnung, dass alles nur ein gewaltiger Bluff war. Mit aller Kraft zerrte ich an meinen Fesseln, wieder und immer wieder b├Ąumte ich mich auf; der Schwei├č lief in Str├Âmen an mir herunter, schlie├člich sank ich entkr├Ąftet zur├╝ck. Ich schrie um Hilfe, laut, wild, br├╝nstig, wie ich noch nie in meinem Leben geschrien hatte. Meine Schreie prallten von den W├Ąnden des Turms ab und kamen gebrochen und vervielf├Ąltigt aber ungeh├Ârt zur├╝ck.
Denn nat├╝rlich antwortete niemand, nichts r├╝hrte sich, nur die messerbewehrte Kugel, diese perverse Ausgeburt eines krankhaftes Hirns, zog unver├Ąndert ihre Bahn, und die Pritsche hatte sich noch weiter gedreht. Die schwarzblaue, furchterregende Klinge war jetzt nur noch wenige Zentimeter von meinem K├Ârper entfernt.
In wilder Verzweiflung brach ich in hemmungsloses Schluchzen aus. Es war mir jetzt egal, dass sie meine Hilflosigkeit filmten, dass sie sich an meiner nackten Angst und an meinem Jammer weideten; es war mir egal, dass die Bilder meiner Schmach und meines unw├╝rdigen Ausgebreitetseins im Darknet bald um die Welt gingen. Nur eines tr├Âstete mich: Ich hatte weder Frau noch Kind, die das Entsetzen ├╝ber mein Ende ins Ungl├╝ck st├╝rzen w├╝rde.
Das furchtbare Todespendel bewegte jetzt nur noch mit halber Kraft; wider besseres Wissen versuchte ich, die H├Ąnde auszustrecken und es anzuhalten. Und da geschah etwas Eigenartiges: Die Tr├Ąnen versiegten, der Jammer verebbte, ein Hoffnungsschimmer blitzte auf. Ich bildete mir ein, die Kugel k├Ânnte, bevor die Klinge den ersten Schnitt tat, ganz aufh├Âren zu pendeln, denn ihre Schwingungsweite hatte bereits stark abgenommen. Es war eine Illusion, die jeder physikalischen Grundlage entbehrte, aber wie jede Illusion f├╝r den Moment erl├Âsend. Argw├Âhnisch bestarrte ich die Pendelbewegungen. In meinem Wahn bildete ich mir ein, ich k├Ânne das anscheinend kraftlose Monstrum kraft meines Willens anhalten. Ich versuchte, fest an einen Erfolg zu glauben. Hatte man mich nicht gelehrt, dass Glaube Berge versetzen kann? Warum nicht auch eine Eisenkugel zum Stehen bringen, was doch eigentlich viel einfacher ist? H├Ątte ich wenigstens beten k├Ânnen! Angeblich lernen manche Menschen in ├Ąhnliches Situationen wieder das Beten. Ich denke, sie haben es nie g├Ąnzlich verlernt, aber ich hatte das Beten nie gelernt! Beten, wenn es einem dreckig geht! Welch furchtbare Menschen-Hybris! Der Allm├Ąchtige soll wegen eines Staubkorns, wie ich eines bin, den Lauf der Welt ├Ąndern?
Nat├╝rlich kann ich mich nicht daf├╝r verb├╝rgen, dass dergleichen Gedanken mir damals eins zu eins durch den Kopf gingen, ich denke eher nicht. Aber ich begriff: Mit oder ohne Gottes Hilfe w├╝rde die Kugel noch stundenlang weiterschwingen, bed├Ąchtiger zwar, aber nicht weniger gleichm├Ą├čig, nicht weniger bedrohlich, nicht weniger furchtbar; die Pritsche w├╝rde sich mit gnadenloser Best├Ąndigkeit weiter in ihre Bahn hinein drehen, denn diese Bewegung hing ja nicht von der Kugel ab, sondern von der Erddrehung, und ihre Kraft w├╝rde immer noch ausreichen, um die Klinge durch mein Fleisch wie durch Butter hindurchzutreiben.
Mit der gnadenlosen H├Ąrte eines Arztes, der die Auswirkungen eines gewagten Selbstversuchs beobachtet, starrte ich auf das Messer und erwartete den ersten Schnitt. Wurde ich vor Schmerzen schreien oder w├╝rde ich die Schmerzen aushalten? W├╝rde viel Blut flie├čen? W├╝rde ich schnell ohnm├Ąchtig werden? Und, vielleicht ist es ja gar nicht so schmerzhaft, fantasierte ich, man h├Ârt ja h├Ąufig, dass starke Verletzungen zusammen mit starker Erregung zun├Ąchst gar nicht so weh tun, vielleicht w├╝rde ich ja bald, geschw├Ącht durch den Blutverlust, in ein barmherziges Koma versinken.
Die Klinge war jetzt nur noch wenige Millimeter von meinem K├Ârper entfernt. Noch ein paar Pendelbewegungen, und dann... Ich hielt den Atem an und konzentrierte mich ganz auf den zu erwartenden Schmerz, da ÔÇô
Die T├╝r sprang auf, Soldaten st├╝rzten herein; zwei warfen sich auf die Kugel und hielten sie an, ein anderer l├Âste meine Fesseln, warf mir meine Kleider zu und rief, ein Friedensvertrag der Regierung mit den Rebellen, der die sofortige Freilassung aller Gefangenen bewirke, sei nach Monaten z├Ąher Verhandlungen doch noch zustande gekommen.
Ich h├Ârte die Worte, aber ich begriff sie nicht sofort. Ich hatte nur eines im Sinn: Trinken, trinken, trinken! In meinen Eingeweiden tobte der Durst, meine geschwollene Zunge klebte am Gaumen. Mit versagender Kehle stammelte ich: ÔÇ×Wasser! Wasser!ÔÇť
Einer der Soldaten lief hinaus und kam mit einer Flasche Wasser zur├╝ck.

Version vom 11. 09. 2019 16:49
Version vom 18. 09. 2019 11:03

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