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Leselupe.de > Kurzprosa
Das Totem
Eingestellt am 19. 03. 2005 14:33


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Jarolep
???
Registriert: Dec 2003

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Die KĂŒche war penibel sauber aufgerĂ€umt.Die bleierne Lautlosigkeit hing im Raum. Der einzige Ton - das dumpfe Pochen in ihrem Kopf - verriet Sonja, dass ihr Herz tief in ihrem Körper beharrlich weitermachte, den Weg beschritt, von dem es wusste, dass an seinem Ende der Tod wartete.

Ein Tropfen löste sich vom alten Wasserhahn und fiel in die SpĂŒle. Der Edelstahl notierte seine Ankunft mit einem hohlen Seufzer. Sonja sah auf. Die schmutzige verfilzte Watte schien sich nun auf alle GegenstĂ€nde zu legen. Vermutlich war es das Neonlicht. Die blassen Strahlen malten an Tellern, Töpfen und dem Fruchtkorb seltsame Schimmelblumen und verwandelten alle Farben in ein graues Nichts.

Sonja saß schon lange in dieser leeren KĂŒche eines leeren Hauses und starrte auf den Fleck, der sich in das helle Holz des Tisches gefressen hatte. Es wurde Zeit zu gehen, sich ins Bett zu legen und der Macht der wirren TrĂ€ume zu beugen. Sie konnte nicht aufstehen, hatte keine Kraft dazu. Und
sie wartete.

Sonja fuhr mit beiden HĂ€nden ĂŒbers Gesicht. DĂŒnne HĂ€nde, dĂŒnne Haut - ausgedorrt. Sie legte die HĂ€nde wieder auf den Tisch und schloss die Augen. WĂŒnsche, TrĂ€ume, Hoffnungen – es gab sie nicht mehr. Die schwachen Schatten ihrer Erinnerungen an die Zeit, als sie noch lachen konnte, schwebten vor ihr wie die Fetzen eines herbstlichen Nebels, wie der Schwarm der Geistervögel ließen sie sich nieder und schreckten wieder davon.

Etwas berĂŒhrte sanft ihre Hand, als hĂ€tte ein schĂŒchterner Windhauch eine kleine Feder auf ihre Haut gelegt. Ein schmerzlich angenehmes GefĂŒhl, kalt und warm zugleich, breitete sich von der Stelle aus. Ein schwacher Widerschein eines LĂ€chelns zeichnete sich auf Sonjas Lippen. Das Warten hatte sich gelohnt.

Langsam öffnete sie die Augen und blickte auf ihre Hand. Unter der Haut schimmerten die blÀulichen Adern hervor, vereint in einem verborgenen Muster.
Es hat bereits ihr Handgelenk erreicht. Fasziniert betrachtete Sonja dieses uralte Wesen, das mĂŒhsam ihre Hand aufkroch. Langsam und stumm, unscheinbar, wie die Welt, in der es lebte.

Sonja kannte diese Welt. Vor vielen Jahren, in einer Nacht, deren dĂŒstere Macht die schlafende Erde beherrschte und alle Erinnerungen an das Sonnenlicht erloschen waren, betrat sie zum ersten Mal den Pfad, der sie in das Reich der allumfassenden Finsternis fĂŒhrte. Dorthin, wo die Sinne bedeutungslos und das ewige Wissen, das Sonja zuteil wurde, frei von menschlicher Unvollkommenheit waren.

Seitdem saß sie immer öfter regungslos da und wartete, bis einer von ihnen kam und ihr die Pforte in das Anderseits aufstieß. Sonja kannte viele dieser Art. Die Furcht und der Ekel der Menschen waren ihr Schicksal. Sie starben den qualvollen Tod oder kehrten in ihre Dunkelheit zurĂŒck, aus der sie kamen. Ohne das vollbracht zu haben, fĂŒr was sie bestimmt wurden: warnen und weisen. Sie kamen wieder und wieder, kĂ€mpfend, aufstrebend. Sie schienen unsterblich zu sein, ja, sie waren unsterblich. Und sie herrschten ĂŒber das Universum, von dem die Menschen in ihrer wissenslosen Überheblichkeit glaubten, es wĂŒrde ihnen gehören.

Aufmerksam verfolgte Sonja das scheinbar sinnlose Tun der Kreatur, schließlich hob sie zögernd die andere Hand und umschrieb damit eine absteigende Spirale. Nun hielt sie etwas zwischen den Fingern. Sie zog vorsichtig an dem unsichtbaren Faden, das Wesen löste sich von ihrer Hand. Ein letztes Mal lĂ€chelte Sonja ihm zu. Dann setzte sie die Spinne, die an einem christallenen Faden hing, behutsam auf den Tisch, machte das Licht aus und ging.





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sohalt
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Registriert: Apr 2003

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Ich mag diesen Text wegen SĂ€tzen wie diesen:
Der Edelstahl notierte seine Ankunft mit einem hohlen Seufzer.
Du bist gut mit den Formulierungen, sie sind prĂ€zis, sie bringen die Stimmung gut rĂŒber, sie sagen viel und deshalb scheint mir manchmal fast, du vertraust ihnen zu wenig. Du mĂŒsstest sie viel weniger durch ErgĂ€nzungen stĂŒtzen und ErklĂ€rungen nachschieben.

ZB:
..,trist, trostlos.
Wenn etwas trostlos ist wird es in der Regel auch nicht allzu heiter sein, trist ist da nicht wirklich notwendig.
Und gleich im nÀchsten Satz: Und es war still.
Na, in einem Raum, in dem bleierne Lautlosigkeit hÀngt, wird's nicht allzu laut zugehn.

Nicht, dass das hÀufig wÀre in deinem Text. Aber bis auf solche Sachen ist dieses Kleinod wirklich eine ausgesprochen runde Sache, drum sag ich's trotzdem.

Ab dem Absatz mit den dunklen MĂ€chten wĂ€r's mir fast eine Spur zu pathetisch,dĂŒster-dumpf bedeutungsschwanger geworden, was im krassen Widerspruch stĂ€nde zu den klaren Schilderungen zu Beginn, aber durch die Auflösung mit der Spinne wird auch dieser Teil genial.

Sehr ĂŒberzeugend!

lg
sohal

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