Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
145 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Übel der modernen Landwirtschaft
Eingestellt am 02. 03. 2006 18:20


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Übel der modernen Landwirtschaft:
Gentechnik – Wie gefährlich ist sie?



Gehören Sie zu denen, die darauf achten, dass in Ihrem Müsli kein genmanipulierter Mais steckt? Gut. Und warum tun Sie das? Weil diesem ganzen Gen-Zeug nicht zu trauen ist. Und warum vertrauen Sie der neuen Apfelsorte, die Bauer Huber einfach so durch "natürliche Zucht" schuf? Was ist an der anders? Bauer Huber arbeitet "natürlich"! Gut, aber was heißt das?

Jede Zucht basiert darauf, dass das Erbgut der Pflanzen verändert wird. In der Regel beginnt eine Sorte mit einer einzigen "verbesserten" Pflanze. Die wird dann vermehrt.

Ursprünglich hat man gewartet, bis so eine Veränderung von selbst auftauchte. Man nutzte die in der Natur ständig vorkommende "spontane Mutation" zur Zucht. Die neue Pflanze wurde mit alten gekreuzt, aus den Nachkommen die mit den gewünschten Eigenschaften ausgewählt, neu verkreuzt, wieder ausgewählt und so weiter. Bei einigen Pflanzen umgeht man das Risiko, dass die Nachkommen das "gute Gen" verlieren, in dem man die Originalpflanze vegetativ vermehrt: Wurzelstöcke teilen, mittels Propfen von Reisern oder mittels Okulieren Unterlagen veredeln oder – ganz modern – im Reagenzglas auf Nährlösung aus Pflanzenfragmenten neue Setzlinge ziehen.

Das alles wussten Sie sicher längst.

Was passiert nun bei der Zucht durch Genmanipulation? Man wartet nicht mehr, dass die Mutation spontan erfolgt, hoffend, es sei eine nützliche Veränderung. Man führt eine Veränderung, die vermutlich nützlich sein könnte, gezielt herbei.

Das ist alles, das ist der ganze Unterschied.

Ist es nicht? Weil man fremde Gene einschleust? Das spontan entstehende neue Gen ist auch "fremd". Zugegeben: Beim Austausch eines ganzen Gens wird auf einen Schlag viel mehr an der DNS geändert als bei einem einzelnen Schritt spontaner Mutation. Nur: Bei der herkömmlichen Zucht werden viele einzelne Mutationsschritte "abgewartet" bzw. züchtend angestaut, so dass am Ende der Unterschied in der selben Größenordnung liegt. Manchmal allerdings reicht auch schon eine einzelne spontane Mutation, um eine gravierende Änderung ähnlich der gentechnisch erzeugten hervorzurufen.

Was ist mit Tier-Genen, die in Pflanzen geschleust werden? Gene bestehen hier wie da aus den selben vier Säure-Base-Paaren. Ob – zum Beispiel – die Base Adenin aus einen Käfer stammt oder einem Gras oder einem Pilz ist unerheblich: In dem Moment, wo Adenin seinen Platz im DNA-Strang einnimmt, macht es genau das, was Adenin an dieser Stelle immer macht.

Also: Züchten setzt immer Erbgutveränderungen voraus. Wie diese passieren, ist völlig egal. Mit Gentechnik geht’s nur schneller.

Hier könnte man eigentlich aufhören. Sie, die Sie im Supermarkt gentechnisch manipulierte Produkte aussortieren, wollen das natürlich noch nicht. Und Ihr Gefühl trügt nicht. Nicht dass wir die "falschen Gene" essen, ist allerdings das Problem – sie werden verdaut, kommen also gar nicht an sensible Stellen. Nicht, dass die "falschen Gene" "fremde Stoffe" produzieren (, die sehr wohl an sensible Stellen gelangen können), ist das Problem, denn das machen die auf "natürlichem Weg" entstandenen mutierten Gene auch. Und auch nicht, dass Gen-Felder ihre "falschen Gene" in die Natur verstreuen können – was andere, mit "natürlich gezüchteten" Pflanzen bestellte Felder auch tun – ist problematisch. (Die durch Klimawandel und Globalisierung verursachte Artenwanderung stellt derzeit für das natürliche Gleichgewicht der Biotope ein viel brisanteres Problem dar.)

Das Problem ist die Sorgfalt des Menschen. In vorindustrieller Zeit breitete sich eine Sorte so langsam aus, dass in dieser Zeit Probleme für die Gesundheit von Mensch und Vieh erkannt wurden, bevor "alle Welt" davon heimgesucht war. Automatische Langzeitstudien sozusagen, die von den Leuten betrieben wurde, die Züchter, Produzent und Konsument in einem waren. Und: Früher bevorzugte man, was sich bewährt hatte, heute kann man sich dem Zwang, mit Neuem effektiver zu sein, kaum entziehen.

Heute sind Langzeitstudien bei Weitem kürzer angelegt und umfassen Spannen, die für 99,9 % der Risiken sicher ausreichen. Aber erstens bleibt 0,1 % Risiko – nicht ganz zu vernachlässigen, wenn man bedenkt, wie schnell und rigoros neue Sorten nach der Zulassung manchmal eingeführt werden – und zweitens liegen die Interessen der heute getrennt agierenden Züchter und Produzenten einerseits und der Konsumenten andererseits nicht so eng beieinander, dass man nicht eine gewisse Großzügigkeit bei der Durchführung und Auswertung der Tests argwöhnen könnte. Diese Probleme sind aber keine Gen-Technik-typischen, das trifft auf jedes neue Haushaltsgerät, jede neue Textilveredelung, jeden neuen Aromastoff und auch für jede heute noch "herkömmlich gezüchtete" Nahrungspflanze zu.

Fazit: Wenn Sie sich unwohl fühlen, schauen Sie ruhig weiterhin, dass Ihnen nichts gentechnisch Manipuliertes auf den Tisch kommt. Soweit Sie das können. Denn viele Inhaltsstoffe müssen nicht daraufhin gekennzeichent werden, ob die Organismen, mit deren Hilfe sie hergestellt wurden, gentechnisch verändert wurden. Sie werden auch – außer vielleicht im Bioladen – keine Information bekommen, ob das Rind oder Schwein, von dem Sie gerade ein Stück einpacken, nicht mit gentechnisch optimierten Futterpflanzen aufgewachsen ist. Eine Begründung dafür: Wenn man das Produkt rein von gentechnisch manipulierten Hilfsorganismus abtrennt, nimmt man ja keine "Fremdstoffe" mit in die menschliche Nahrung. Eine Argumentation, die bei Futtermitteln für Schlachtvieh nicht mehr recht greift, auch wenn durch den Stoffwechsel des Tieres der Großteil der Stoffe ab- und umgebaut wird.

Kaufen Sie also durchaus bewusst, aber tun Sie sich nicht an, der Gen-Panik nachzugeben. Es gibt erheblich größere Gefahren, für die Sie Ihre Aufmerksamkeit brauchen.

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


petrasmiles
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2005

Werke: 31
Kommentare: 868
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um petrasmiles eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Und die Moral ...

... von der Geschicht?

Einen Aspekt klammerst Du in Deiner faktenreichen Darbietung aus und dass ist der Zweck der Manipulation.
Ganz besonders bei Lebensmitteln geht es nicht mehr um für den Verbraucher nützliche Veredelungen, sondern um die Manipulation des Lebensmittels als Produkt, das möglichst haltbar sein soll, gut aussehen soll, sich den Anschein von 'gesund' geben soll, und der Anschein reicht.
Da werden Möhren nicht mehr schwarz, angeschnittene Äpfel nicht mehr braun, die Schale des Apfels weist ihn als vollreifes Spitzenprodukt aus und er ist innen mürbe, der Salat liegt vergessen seit zwei Wochen im Kühlschrank und sieht aus wie aus dem Laden, knallrote Tomaten gaukeln Vollreife vor und schmecken nach Wasser? Das gleicht doch einem Horrorkabinett.
Natürlich hast Du recht, dass schon früher gezüchtet und veredelt wurde, und dass das nur niemand Genveränderung nannte, aber darin erschöpft sich die Problematik der Gen-Manipulation nicht, und daher fasst Dein kenntnisreicher Text für mich zu kurz. Ganz ohne Moral geht es nicht, und die kommt mit der Berücksichtigung der Absicht.
Das ist schon lange keine Vertrauensfrage mehr, sondern Misstrauen einem industriellen 'Geist' gegenüber, nach dem es billiger ist, Rücklagen für mögliche Geschädigte zu bilden oder Versicherungen abzuschließen, als möglichen Schaden von Verbrauchern abzuwenden.
Manche Themen muss man moralisch nehmen - meint: Petra, mit lieben Grüßen
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug für Gutwerter!

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Petra,

…das würde zwei Dinge vermengen, die ich eben nicht vermengt sehen möchte.


Unbestritten bevorzugen wir – wenn es nur darum ginge – das Produkt, das besser aussieht und das am preiswertesten ist. (Und natürlich ist auch "Haltbarkeit" eine für den Verbraucher sehr sehr nützliche Eigenschaft.)

Um das zu erreichen, greifen die Hersteller zu diversen Mitel. Und Gentechnik gehört dazu.

"Nur" weil wir einige dieser Mittel als eklig empfinden, sie gar schädlich sind oder den Geschmack negativ beeinflussen, bevorzugen manche das schlechter aussehende und teurere Produkt – aber nicht WEIL es hässlicher und teurer ist, sondern OBWOHL. (*) Zu diesen Mitteln – so soll der Text sagen – gehört Gen-Technik nicht (, jedenfalls nicht pauschal).

Die Frage, inwieweit man generell dazu steht, dass solche Mittel angewandt werden, ist eine ganz andere. Um die geht es mir in diesem Text nicht.
Es geht eben nicht um „Moral“ (, bestenfalls an der Stelle, wo ich von der "Nachlässigkeit beim Testen" Rede, die aber – wie gesagt – nicht Merkmal der Gentechnik ist sondern Merkmal unserer Gesellschaft).

Natürlich kann man bei seiner Entscheidung in Sachen Gen-Technik-Produkte den Herstellern mit Misstrauen begegnen. Dann soll man es aber auch so nennen und es nicht mit "Misstrauen gegenüber der Gen-Technik" verwechseln. Ersteres halte ich für ganz gesund, letzteres basiert m.E. auf Unwissen. Das wollte ich durch den Text trennen.

(*) Vom Luxus-Effekt "eklig darf's sein, Hauptsache es kostet" mal abgesehen – das kommt ja nun doch eher selten vor.
Dass „besser schmecken" nur noch ein untergeordnetes Kaufkriterium ist, ist zu einem großen Teil ein Irrtum {in verschiedenstem Sinne} und zu einem kleinen Teil objektiven Bedingungen geschuldet, denen die Käufer unterliegen.
… aber das würde hier zu weit führen, du kannst das ja mal in der Plauderecke zur Diskussion stellen, wenn du magst.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


petrasmiles
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2005

Werke: 31
Kommentare: 868
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um petrasmiles eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
:-)

.. habe ich schon gewusst, dass Du das nicht vermengen wolltest. Habe auch argumentativ so gar nichts Sachliches anfügen können. Aber da schlägt halt bei mir der 'Moralist' durch.
Der Plauderecken-Typ bin ich weniger.
Bei diesen Themen ist es doch meist so, dass jeder seine Meinung hat, und auch ein bisschen Recht und ein bisschen nicht.
Liebe Grüße
Petra
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug für Gutwerter!

Bearbeiten/Löschen    


dubidu
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 62
Kommentare: 868
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um dubidu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Liebe jon,

ein fundierter Text über ein naturwissenschaftliches Thema, das auch eine moralische Seite hat. Sehr gut! Und der Leser bekommt einen guten Einblick in das Bionik-Fachwissen der Autorin. Endlich ein Geschreibsel eines Autors, der eben nicht nur die Seite der Moral sieht und von den naturwissenschaftlichen Zusammenhängen so viel Ahnung hat wie die Kuh vom Berliner backen!
Mir klingt noch das überhebliche Schwanitz-Geseier in den Ohren, der in seinem Bildungsschundwerk die Naturwissenschaften in die Unbildungshölle gejagt hat.
Alles Schnee von gestern: jon zeigt uns den Weg!

Jeder, der 1 und 1 unfallfrei addieren kann, weiß, dass nur die Gentechnologie die Ernährung der Weltbevölkerung gewährleisten kann.

Wenn ich allerdings an die Abholzung von Regenwäldern denke, die für den Anbau von Monokulturen platt gemacht werden, damit wir bei McDoof unseren Junkfood-Burger fressen können, dann wird mir speiübel. Und ich erkenne die wahren Übel der modernen Landwirtschaft. Aber das ist ein anderes Thema.

Gruß
gez. das dubidu

__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!