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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Ultimatum
Eingestellt am 15. 09. 2016 14:14


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Maribu
???
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Das Ultimatum

Unser Lektorat wird mit Einsendungen ├╝berh├Ąuft.
Die meisten Manuskripte m├╝ssen abgelehnt werden, ohne dass wir die Zeit haben, sie ├╝berhaupt nur anzulesen.
Gestern Vormittag rief mich Frau Metzler vom Empfang an:
"Hier ist ein ├Ąlterer Herr mit einem Manuskript, der unbedingt einen Lektor sprechen m├Âchte."
"Sagen Sie ihm bitte, dass wir keine Zeit haben!" erwiderte ich.
"Er kann es zur Weiterleitung bei Ihnen lassen!"
"Das habe ich ihm schon erkl├Ąrt. - Nehmen Sie bitte dahinten am Tisch in einem Sessel Platz!" h├Ârte ich Frau Metzler zu ihm sagen und dann wieder zu mir - wahrscheinlich mit vorgehaltener Hand in die Muschel - "Das ist ein ganz Hartn├Ąckiger! Der l├Ąsst sich nicht abwimmeln! Er sagte, er w├╝rde warten, selbst wenn es bis heute Abend dauerte."
"Dann lassen Sie ihn ruhig erst mal schmoren! Mal sehen, wer ihn sp├Ąter von uns ├╝bernimmt!"
Am sp├Ąten Nachmittag meldete Frau Metzler sich wieder bei mir.
"Kann da jetzt nicht mal einer von Ihnen herunterkommen? Der Autor hat sich schon h├Ąuslich eingerichtet und holt gerade seine Stullen aus der Brotdose. Zwei oder drei Cola hat er auch schon aus dem Automaten gezogen!"
Ich hatte ihn ganz vergessen und begr├╝├čte ihn l├Ąchelnd mit: "Guten Appetit!"
Zwischen unserem Verlagsprogramm und Fachzeitschriften, die auf dem Glastisch lagen, hatte er zahlreiche Manuskripte ausgebreitet. Auf einer Mappe stand eine nierenf├Ârmige verschrammte Aluminiumdose, in die er, vorher noch einmal abbei├čend, den Rest der Brotschnitte zur├╝cklegte.
Ich stellte mich vor und sagte: "Entschuldigen Sie bitte, dass es so lange gedauert hat! Aber der Arbeitsdruck durch unsere Neuerscheinungen l├Ąsst uns..." Er murmelte schmatzend seinen
unverst├Ąndlichen Namen dazwischen und dann klarer: "Das macht nichts! Ich war ja darauf eingestellt! - Aber wo Sie sich jetzt
doch noch bem├╝ht haben, mein Manuskript anzunehmen, haben Sie auch noch etwas Zeit f├╝r eine Unterhaltung!"
Notgedrungen setzte ich mich ihm gegen├╝ber. Den rechten Sessel neben sich hatte er mit einem hellen Trenchcoat, einem karierten Hut und einer gro├čen Aktentasche in Beschlag genommen. Unter seinem korrekt gescheitelten angegrauten Haar und der hohen Stirn nahm die dunkle Hornbrille einen gro├čen Teil seines ovalen Gesichtes ein. Er trug ein graues Sakko und darunter eine dunkelblaue Krawatte auf einem hellblauen Hemd.
Ich sch├Ątzte ihn auf Anfang sechzig. Er wirkte wie ein Buchhalter, der bereits Jahrzehnte seine Brotdose und vielleicht auch noch Manuskripte in dieser braunen, abgesto├čenen Aktentasche mit ins B├╝ro schleppte.
"Um welches von den Manuskripten geht es?", fragte ich.
Er schob mir wortlos einen etwas eingerissenen gr├╝nen Plastikhefter ├╝ber den Tisch. Ich schlug ihn auf und bemerkte sofort, dass das Manuskript bereits etliche Male hin- und hergegangen sein musste. Einige Seiten waren umgeknickt, andere ausgefranst. Getippt war es noch mit einer mechanischen Schreibmaschine. Das 'O' war zu einem Loch durchgeschlagen.
"Wieso kommen Sie gerade auf uns?"
"Weil ich heute auf den Tag genau vor f├╝nfundzwanzig Jahren von Ihrem Verlag abgelehnt wurde! - Sozusagen eine Jubil├Ąum!"
Er lachte.
"Dieses Manuskript ist bereits vor f├╝nfundzwanzig Jahren von uns abgelehnt worden?", fragte ich ungl├Ąubig.
"Ja. Es war aber eine der wenigen ausf├╝hrlich begr├╝ndeten Ablehnungen, die nicht nur Schw├Ąchen, sondern auch St├Ąrken aufzeigten! Ihr damaliger Lektor schrieb unter anderem, dass die Zeit f├╝r diesen Roman noch nicht reif sei, und er w├╝nschte mir Geduld und eine gl├╝ckliche Hand!"
"Und diesen Zeitpunkt halten Sie jetzt f├╝r gekommen?" Ich l├Ąchelte sp├Âttisch.
"Ja! Die Leser lechzen wieder nach realit├Ątsnaher Darstellung einfachen Lebens!"
"Woher wissen Sie das?"
"Weil inzwischen alles da war: Science-fiction, Horror und Gewalt, Rosamunde Pilcher und Beschreibung von Sex in allen Variationen bis zum ├ťberdruss. Zuletzt meinte man schon, den Orgasmus-Schrei zwischen den Zeilen zu h├Âren!"
Ich musste schallend lachen. Diese Feststellung h├Ątte ich diesem Biedermann nicht zugetraut! "Die Situation im Buchhandel hat sich aber nicht ge├Ąndert!", widersprach ich. "Die Absatzchancen f├╝r Belletristik werden immer noch eingeengt auf wirklich spektakul├Ąre Themen, sehr bekannte Autoren und auf B├╝cher, die man mit entsprechendem Werbeaufwand aufbauen kann. - Jenseits dieses Bereiches beginnt die Verlustzone!"
Ich hoffte ihn damit zu ├╝berzeugen und los zu werden, schlie├člich hielt er mich von der Arbeit ab!
Jetzt l├Ąchelte er mich sp├Âttisch an, und ich wurde direkt:
"Wie oft sind Sie denn schon abgelehnt worden?"
"Seit f├╝nfzehn Jahren nicht mehr, da ich das Manuskript nicht angeboten habe. Und davor - vielleicht zwanzig Mal. Aber davon waren f├╝nfundsiebzig Prozent vorgefertigte Ablehnungen, die nur durch meinen Namen und die Adresse erg├Ąnzt wurden. Die anderen f├╝nf oder sechs individuellen Beurteilungen waren sehr unterschiedlich, und wenn ich die angef├╝hrten positiven Punkte
aneinanderreihen w├╝rde, h├Ątte mein Roman eigentlich ein Bestseller werden m├╝ssen!"
"Sie f├╝hlen sich also als verkanntes Genie!", sagte ich spitz.
"Bestseller werden nicht von Autoren, sondern von Verlagen wie uns gemacht! - Vor sieben Jahren brachten wir in Deutschland mit gro├čem Werbeaufwand "Scarlett" heraus. F├╝r eine Lizenzgeb├╝hr von einer Million haben wir jetzt die Rechte an
"F├╝r immer Casablanca" erworben. - Und wer ist der Autor? Egal! Ein ehemaliger Zeitungsschreiber, noch dazu versoffen! Hierf├╝r gen├╝gt Mittelm├Ą├čigkeit! Sie m├╝ssen es nur wagen, genug zu investieren. In allen Zeitungen und Zeitschriften, an allen Anschlags├Ąulen Deutschlands werden Humphrey Bogarts markante Z├╝ge und Ingrid Bergmans tr├Ąnenumflorte Augen f├╝r den Roman werben. Sie erinnern sich doch: 'Schau mir in die Augen, Kleines!' An dieses Buch glauben wir, das wird ein Bestseller!"
Er lie├č sich aber nicht provozieren und antwortete: "Sie sagten doch, nur sehr bekannte Namen und Spektakul├Ąres lassen sich mit Gewinn verkaufen. Deshalb sind ja auch B├╝cher von ehemaligen Bankr├Ąubern, Sittenstrolchen und M├Ârdern, die ihre Texte auf Toilettenpapier geschrieben haben, verlegbar und..."
"Das sind aber wirklich Ausnahmen!" unterbrach ich ihn.
"Aber es gibt einem zu denken!", sinnierte er. Und nach einer kurzen Pause: "Ich wollte meinen Roman schon mal an Franz Beckenbauer, diese "Lichtgestalt", verkaufen. Nach meinem Manuskript unter seinem Namen h├Ątte sich jeder Verleger alle zehn Finger geleckt! Die Presse h├Ątte gejubelt: 'Der Kaiser kann auch schreiben!' Und der Vorabdruck w├Ąre in der 'Bild-Zeitung' erschienen!"
Dieser skurrile Mensch brachte mich wieder zum Lachen. "Was sind Sie eigentlich von Beruf? - Kabarettist?"
"Leiter des Personal- und Rechnungswesens in einer Exportfirma."
Ich hatte also mit meiner ersten Einsch├Ątzung recht gehabt und staunte: "Ein ungew├Âhnliches Hobby f├╝r einen 'Zahlenmenschen'!"
"Dieses Hobby hatte ich schon, als ich noch gar nicht wusste, womit ich einmal meinen Lebensunterhalt verdienen m├╝sste! Meine erste Kurzgeschichte habe ich mit zw├Âlf Jahren geschrieben!"
Allm├Ąhlich beeindruckte er mich. "Und Sie haben noch nie etwas ver├Âffentlicht? - Alles nur f├╝r die Schublade?!"
"Einige Kurzgeschichten und Artikel in Fachzeitschriften. - Ich w├Ąre gerne Journalist geworden, aber aus verschiedenen Gr├╝nden klappte das nicht."
"Seien Sie froh!", tr├Âstete ich ihn. "So haben Sie sich wenigstens Ihre Unbek├╝mmertheit bewahrt! Wenn die Zeitungen auch alle behaupten, unabh├Ąngig zu sein, irgendwie h├Ątte man Sie schon verbogen!"
Ich blickte demonstrativ auf meine Uhr. Bevor er mir noch seine
Lebensgeschichte erz├Ąhlte, wollte ich unser Gespr├Ąch beenden.
Er registrierte es und sagte: "Zum Abschluss wollte ich Ihnen nur noch sagen, dass sich auch schon viele Verleger geirrt haben: Doris Lessing wurde mit ihrem "Tagebuch einer guten Nachbarin" unter dem Pseudonym Jane Somers von mehreren Verlagen, darunter ihr Hausverlag! - das muss man sich mal vorstellen! - abgelehnt. Sie hat damit bewiesen, dass im Buchgesch├Ąft nur Erfolgreiche Erfolg haben und wer unbekannt ist, es auch bleibt! - William Kennedy erhielt den 'Pulitzer-Preis' f├╝r seinen Roman "Ironweed", den dreizehn Verlage abgelehnt hatten, bis der vierzehnte die Qualit├Ąt erkannte. - John Kennedy Toole schrieb "Ignaz oder Die Verschw├Ârung der Idioten" w├Ąhrend seines Milit├Ąrdienstes. Entmutigt von den st├Ąndigen Ablehnungen nahm er sich das Leben. Elf Jahre nach seinem Tode erschien es in einem kleinen, bis dahin unbekannten Verlag. Postum wurde Toole f├╝r seinen Roman mit dem
'Pulitzer-Preis' ausgezeichnet. - Arno..."
"Es gen├╝gt!" stoppte ich ihn. Das war unversch├Ąmt, was dieser Typ alles in seinem Hirn gespeichert hatte, um es heute gezielt gegen einen Lektor unseres Verlages einzusetzen! Und der musste ausgerechnet ich sein!
Ich stand auf und nahm das Manuskript an mich. "Ich werde es lesen, bevor Sie sich noch aus lauter Verzweiflung in unserem Haus aus dem Fenster st├╝rzen!"
Schweigend stopfte er die anderen Manuskripte und die Brotdose zur├╝ck in die Aktentasche, schl├╝pfte in den Mantel und nahm den Hut in die Hand. Ich begleitete ihn bis zum Ausgang und sagte abschlie├čend: "Wie gesagt, ich werde Ihren Roman lesen. Aber ich habe Ihnen die Realit├Ąt im Verlagsgesch├Ąft vor Augen gef├╝hrt. - Machen Sie sich deshalb keine allzu gro├če Hoffnung!"
L├Ąchelnd, nicht resigniert, dr├╝ckte er mir die Hand und antwortete: "Bei einer erneuten Ablehnung werde ich heute in einem Jahr wieder hier sein!"
F├╝r mich klang das wie eine Drohung.

















































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Blumenberg
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Hallo Maribu,

ich habe deine Geschichte jetzt zwei Mal gelesen, wei├č aber immer noch nicht so recht was ich davon halten soll. Der Erz├Ąhlstil ist gef├Ąllig und auch deine Sprache liest sich angenehm. Ich habe den Tect als souver├Ąn erz├Ąhlt empfunden. Allerdings hat die Handlung nur einen sehr flachen Spannungsbogen. Das liegt meines Erachtens daran, dass das Zugpferd deiner Handlung die Skurilit├Ąt des Gegen├╝bers deiner Protagonistin ist, du es aber ein wenig verpasst, diese auch richtig auszuarbeiten. Den Einstieg mit dem Jahrestag finde ich gelungen und es ist f├╝r mich als Leser nachvollziehbar, dass er das Interesse der Protagonistin weckt. Allerdings h├Ątte ich mir gew├╝nscht, dass sich das Gegen├╝ber noch weiter vom Mainstream abhebt, denn im Moment handelt es sich lediglich um einen etwas verschrobenen Menschen, der sich gr├╝ndlich in der Literaturszene auskennt und daher den Argumenten der Lektorin Paroli zu bieten vermag. Hier h├Ąttest du die Skurilit├Ąt bzw. Originalit├Ąt des "Zahlenmenschen" meines Erachtens noch weiter treiben sollen. Das er der Lektorin die Oberfl├Ąchlichkeit ihres Gesch├Ąftes vor Augen f├╝hrt, erschien mir als tragende Handlung ein bisschen wenig, zumal diese deiner Protagonistin durchaus bewusst zu sein scheint. Ich w├╝rde versuchen das ungew├Âhnliche dieses Menschen noch weiter zu steigern bzw. detailierter herauszuarbeiten, da dies die spannende Idee an deiner Geschichte ist.

Daneben sind mir noch ein paar Kleinigkeiten aufgefallen, die den Lesefluss ein wenig behindern.
Erstens sind ein paar Abs├Ątze ziemlich willk├╝rlich:

-

quote:
Aber wo Sie sich jetzt
doch noch bem├╝ht haben, mein Manuskript anzunehmen, haben Sie auch noch etwas Zeit f├╝r eine Unterhaltung!
-
quote:
Bevor er mir noch seine
Lebensgeschichte erz├Ąhlte, wollte ich unser Gespr├Ąch beenden.
-
quote:
Die anderen f├╝nf oder sechs individuellen Beurteilungen waren sehr unterschiedlich, und wenn ich die angef├╝hrten positiven Punkte
aneinanderreihen w├╝rde, h├Ątte mein Roman eigentlich ein Bestseller werden m├╝ssen!

au├čerdem gab es eine Passage wo ich Schwierigkeiten hatte den Sprecher zuzuordnen. Das mag ebenfalls an den Abs├Ątzen liegen, vielleicht ist das aber meine subjektive Schwierigkeit und es geht anderen Lesern hier anders.
quote:
"Sie f├╝hlen sich also als verkanntes Genie!", sagte ich spitz.
"Bestseller werden nicht von Autoren, sondern von Verlagen wie uns gemacht! - Vor sieben Jahren brachten wir in Deutschland mit gro├čem Werbeaufwand "Scarlett" heraus. F├╝r eine Lizenzgeb├╝hr von einer Million haben wir jetzt die Rechte an
"F├╝r immer Casablanca" erworben. - Und wer ist der Autor? Egal! Ein ehemaliger Zeitungsschreiber, noch dazu versoffen! Hierf├╝r gen├╝gt Mittelm├Ą├čigkeit! Sie m├╝ssen es nur wagen, genug zu investieren. In allen Zeitungen und Zeitschriften, an allen Anschlags├Ąulen Deutschlands werden Humphrey Bogarts markante Z├╝ge und Ingrid Bergmans tr├Ąnenumflorte Augen f├╝r den Roman werben. Sie erinnern sich doch: 'Schau mir in die Augen, Kleines!' An dieses Buch glauben wir, das wird ein Bestseller!"
Er lie├č sich aber nicht provozieren und antwortete: "Sie sagten doch, nur sehr bekannte Namen und Spektakul├Ąres lassen sich mit Gewinn verkaufen. Deshalb sind ja auch B├╝cher von ehemaligen Bankr├Ąubern, Sittenstrolchen und M├Ârdern, die ihre Texte auf Toilettenpapier geschrieben haben, verlegbar und..."

Ich hoffe du nimmst mir die kritischen Worte nicht ├╝bel, die Grundidee des Textes finde ich n├Ąmlich sehr reizvoll.

Beste Gr├╝├če

Blumenberg

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