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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Unbewusste im Film
Eingestellt am 11. 08. 2010 13:49


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Arno Abendschön
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- Dargestellt am Beispiel „Far from heaven“ von Todd Haynes -

Todd Haynes versuchte 2002 als Autor und Regisseur mit „Far from heaven“ die Wiederbelebung des US-Melodrams der fünfziger Jahre. In jener fernen Zeit hatte die Psychoanalyse ihren ersten großen Aufschwung in den USA genommen. Drehbuch und Filmrealisierung lassen erkennen, dass Haynes auch diesen Aspekt berücksichtigte. Wir wollen uns den Film daraufhin näher ansehen. Wo lassen sich unbewusste Regungen und Motive aufspüren und wie wurden sie in Szene gesetzt?

Am Anfang muss Cathy ihren Ehemann Frank eines Abends von der Polizeiwache abholen. Sie bekommt dort eine Quittung mit einem Text, dessen Inhalt dem Zuschauer verborgen bleibt. Frank beginnt auf der Rückfahrt sogleich, den Anlass seiner Festnahme hinter einem Wortschwall zu verschleiern. Da ist von einem jungen Herumtreiber und einem karrieresüchtigen Beamten die Rede. Alkohol soll auch eine Rolle gespielt haben. Cathy wirft zu Hause das Polizeipapier ungelesen weg. Bei diesem Vorgang wird kurz bedauerndes Zögern sichtbar. Frank kommt auch an den folgenden Abenden nicht rechtzeitig nach Hause. Als er wieder einmal anruft, um sich mit viel Arbeit zu entschuldigen, will Cathy ihm sein Essen ins Büro bringen. Das ist ein spontaner Entschluss, gleich nach dem Ende des Gesprächs und frei von jeder misstrauischen Überlegung. Wir dürfen jedoch vermuten, dass sie unbewusst den Dingen auf den Grund gehen will. Tatsächlich überrascht sie im Büro den Gatten beim Vorspiel mit einem anderen Mann, den er am Abend davor in einer Bar kennen gelernt hat.

Cathy flüchtet nach Hause und erwartet dort Frank. Als er eintrifft, erfährt er sogleich, der Dachdecker habe einen Kostenanschlag abgegeben - elfhundert Dollar. So unpassend das jetzt wirkt, damit verweist Cathy unwillkürlich auf einen zentralen Aspekt: Du bist als Mann der alleinige Ernährer der Familie, darin besteht deine Hauptdaseinsberechtigung. (Nach dem Scheitern der Ehe werden tatsächlich die Geldmittel knapp.) Nachdem sie so unbewusst die ökonomische Seite angesprochen hat, will sie bewusst die emotionale Bindung zwischen ihnen und ihre eigene Gefühlslage thematisieren – und kommt nicht weit: „I can’t …“ Ihm fehlen auch die Worte oder er tut nur so – sie handeln alles Weitere in einem Dialog aus lauter Gestammel ab und erzielen schon nach wenigen Minuten eine Einigung: Frank soll sich psychiatrisch behandeln lassen. Es ist auffallend, dass er sich bedeckt hält und die Gattin erst verhüllt mit einem Auseinandergehen drohen muss. Auf diese Weise schiebt er ihr bereits die Verantwortung für den weiteren Ablauf zu.

Die Vorbesprechung bei Dr. Bowman scheint ungünstig zu verlaufen, gemessen an Franks Abkommen mit Cathy. Der Arzt spricht von moderner und wissenschaftlicher Auffassung und schlechten Aussichten für eine Verhaltensänderung, dazu sein Hinweis, dass viele Patienten sich infolge der Gesprächstherapie schließlich selbst akzeptierten. Frank soll darüber in Ruhe nachdenken und es mit seiner Gattin bereden. Stattdessen entschließt sich Frank sofort zur Therapie. Er bezeichnet sich mit etwas zu viel Pathos als „verachtenswert“. So spricht sein Ich, angeleitet vom Über-Ich, während ihm das Es schon zuflüstert: Bei dieser Therapie kannst du nur gewinnen. In der Tat befinden sich die Instanzen seiner Persönlichkeit jetzt in einer klassischen Win-Win-Situation.

Die Krise bleibt Frank dennoch nicht erspart. Er trinkt zu viel und brüskiert Cathy bei einer ihrer Partys vor den Gästen, gewissermaßen entschuldigt durch den Alkohol. Hinterher scheitert er – man könnte sagen: programmgemäß – beim Versuch, wieder einmal mit ihr zu schlafen, und als sie auch dafür nur mit Verständnis reagiert, schlägt er sie bei einer Ausweichbewegung „versehentlich“ und verletzt sie am Kopf. Was ihr die Umgebung nun von der Stirn ablesen kann, beruht für Cathy nur auf einem zufälligen Versehen, beteuert sie – und dennoch weint sie dabei heftig.

Eine Reise über Neujahr soll den Wendepunkt bringen. Cathy lässt Frank zwischen verschiedenen Zielen wählen und preist ihm Miami so an: „Da ist alles in Rosa!“ – woraufhin er ironisch kontert: „Dann vielleicht doch lieber auf die Bermudas?“ Aber sie fahren natürlich nach Florida. Am Silvesterabend lässt sich Frank beim Tanzen von Cathy ein kunstvoll gedrechseltes Kompliment entlocken, bevor sie zu ihrem Tisch zurückkehren. Dabei kommt es zu einer Stockung: Sie lassen der unbekannten fünfköpfigen Familie vom Nebentisch den Vortritt. Frank stutzt und unterzieht den blonden Sohn einer intensiven visuellen Prüfung, was der hellwach registriert. Sie sind schon vom ersten Augenblick an im Einverständnis. Wie die Szene aufgebaut ist, kann man gut verfolgen, wenn man die DVD anhält und in kleinen Schritten weitertransportiert. Dabei sieht man auch die Veränderung, die dabei mit Cathy vor sich geht. Erst lächelt sie konventionell höflich, doch das Lächeln schrumpft ein, die Lippen schließen sich und dann wird die ganze Person kleiner. Bewundernswert, wie Julianne Moore es versteht, uns den Cathy unbewussten Vorgang zu verdeutlichen.

Dass Cathy nicht wissend ahnt, was sich anbahnt, wird an einem der Folgetage am Pool deutlich. Sie folgt Franks in die Weite gerichtetem Blick. Er hat nicht nur den Horizont, sondern auch wieder jene verwünschte Familie im Visier. Da drüben sitzen schon vier von ihnen, jetzt kommt Franks Objekt der Begierde dazu, steht eine Weile herum. Cathy sagt energisch: „Das reicht jetzt!“ Frank zuckt zusammen, doch scheinbar grundlos. Sie hat angeblich nur gemeint: genug Modevorschläge aus ihren Magazinen. Dann will sie weiter in „Vom Winde verweht“ lesen, und Frank springt nur zu gern auf, um es aus dem Hotelzimmer zu holen. Als er weggeht, dreht er sich nach Cathy um und wirft ihr eine Kusshand zu. Die übertriebene Geste erfolgt zu rasch, um berechnet zu sein, und das gilt auch für Franks Umdrehen im Weitergehen. Entgegen seiner Gehrichtung präsentiert er sich jetzt frontal dem, der durch die Kusshand erst aufmerksam wurde und für den sie in Wahrheit bestimmt war. Folgerichtig erscheint der Inkubus – oder Sukkubus? – oben auf der Etage kurz darauf in der offen stehenden Zimmertür. Frank macht jetzt einen weniger überraschten als vielmehr stark interessierten Eindruck.

In vielen Besprechungen des Films wird festgestellt, das Cathy als Frau damals zwangsläufig die Verliererin sein musste. Nur dem Mann sei seinerzeit und in dieser Konstellation ein gesellschaftlicher Neuanfang möglich gewesen. So zutreffend das ist, man kann es ergänzen: Frank setzt sich und seine Interessen auch deshalb durch, da sein Agieren unmittelbar aus seinem Unbewussten hervorgeht, dem unbewussten Wahrnehmen und den starken Wünschen seines Unbewussten. Cathy dagegen schwankt zwischen dem bewussten Versuch, ihre Ehe zu retten, und dem unbewussten Erfassen einer Wirklichkeit, die darin besteht, dass ihr Frank unabwendbar entgleitet. Auch in diesem Gespaltensein liegen ihre Schwäche und ihr tragisches Scheitern begründet.

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