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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Ungeheuer
Eingestellt am 22. 10. 2012 08:28


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Heidi Hollmann
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2008

Werke: 30
Kommentare: 10
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Das Ungeheuer

Ich war gerade fĂŒnf geworden. An dem fĂŒr mich unvergessenen Tag saß ich geschĂŒtzt in der Nische des kleinen Schieferhauses, das unsere Eltern im Bergischen angemietet hatten. Unsere Heimatstadt DĂŒsseldorf war alles andere als Heimat fĂŒr uns in jener Zeit. Feindliche Bomber luden ihre unselige Fracht tagtĂ€glich, und bevorzugt nachtnĂ€chtlich auf die schöne Stadt am Rhein ab. Unsere Eltern hatten meine Schwester und mich mit der Oma in dieses kleine Dörfchen Nahe Remscheid verbracht, um dem allen nicht mehr ausgesetzt zu sein.

Ich trug, wie alle Kinder in jenen Tagen, einen dunklen Trainingsanzug, zur Tarnung. Die FrĂŒhlingssonne wĂ€rmte wohlig meine kleine Gestalt. Ich schloss die Augen. Die Sonne war von einem dunklen Wolkenschwarm verdeckt. Ich fröstelte wie so hĂ€ufig und murmelte beschwörend die Worte, die fast immer von Erfolg gekrönt wurden:
„Lieb’ Sönneken, komm doch wieder!“ Selig gab ich mich erneut dem WĂ€rmespender hin.

„Du entfernst dich nicht weit vom Haus,“ hatte Oma mir eingetrichtert. Erneut wurde die Sonne von Wolkenschatten verdrĂ€ngt. Ich erhob mich.
„Ein kleines StĂŒck darfst du wohl gehen,“ mutmaßte ich.

Auf dem Weg zur Anhöhe knickte ich einen Löwenzahn. Ich pustete das luftige Gebilde an. Augenblicklich tanzten viele kleine Fallschirme, durch die Luft, die der aufkommende Wind alsbald mit sich fort trug. Wo hatte ich so etwas schon einmal gesehen?
Dort auf der Anhöhe, aber viel viel grĂ¶ĂŸere! An ihnen baumelten Soldaten. Sie landeten auf dem HĂŒgel, zu dem ich mich hin bewegte.

„Vielleicht kommen noch mal welche?“ hoffte ich insgeheim. Beim Betrachten des leeren BlĂŒtenbodens in meiner Hand wurde ich unruhig. Ich neigt den Kopf, um besser hören zu können.
Aus der Ferne vernahm ich ein tiefes Brummen, das immer nÀher kam, immer lauter wurde!
„Wenn du ein Flugzeug hörst, wirf dich sofort auf den Boden!“ hatte meine Großmutter gesagt. Ich geriet in Panik, lief den Weg zurĂŒck. Direkt ĂŒber mir konnte ich deutlich das Ungeheuer erkennen. Der MotorenlĂ€rm war unertrĂ€glich. Beim Laufen hielt ich mir die Ohren zu, konnte kaum mehr atmen. Verzweifelt stĂŒrmte ich vorwĂ€rts, hatte nur einen einzigen Gedanken:
„Nach Hause!“
Das Törchen war verschlossen. Schweißnass, mit zittrigen HĂ€nden riss ich an dem Riegel. Ich schlĂŒpfte hinein, merkte in dem Augenblick, wie ein warmes Rinnsal an meinen dĂŒrren Beinen entlang lief.

„Der Krieg ist aus, der Krieg ist aus!“ schrie eine Nachbarin im gleichen Moment aus dem Fenster.

Das Flugzeug drehte ab, ich kletterte die Stufen hoch, wo Oma mich mit dem gleichen Jubelruf in Empfang nahm. Dennoch konnte sie sich nicht enthalten, festzustellen, als sie die Bescherung sah:
„Sag mal, wirst du wieder ein Baby?“ Ich sagte nichts von der ĂŒberstandenen Not und fĂŒhlte mich schuldig, schuldig, weil ich ungehorsam war.

LĂ€ngst Großmutter, rede ich mit meinen Enkelkindern oft ĂŒber diese Zeit von damals. Es sprudelt nur so aus mir heraus. Ich weiß, dass diese Kinder meine besten Zuhörer sind und hoffe inbrĂŒnstig, ihnen mögen solche KĂŒmmernisse in ihrem ganzen Leben erspart bleiben.


© Heidi Hollmann

__________________
H.H.

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