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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Das Verhältnis zu sich selbst
Eingestellt am 09. 11. 2018 16:33


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Arno Abendschön
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Er ging die Mönckebergstraße hinunter, es war schon sein vierter Tag in der Stadt. Das leichte Gefälle machte seinen Schritt federnd, den Gang beschwingt. Nah war das Ziel und leicht zu erreichen. Die Kaufhäuser standen wie große, halb geöffnete Geschenkschachteln am Weg. Vor einer Frischluftschleuse zögerte er, ließ sich von ihr ansaugen und drang ins Innere vor. Bei den Wühltischen fiel ihm ein, er hatte keine saubere Wäsche mehr, und er griff nach zwei Garnituren Unterzeug. Er packte zwei Paar Socken darauf. Dann fehlte nur noch ein Hemd. Er stand vor den Sonderangeboten und hielt drei verpackte Oberhemden gegeneinander. Welches würde am besten zu ihm passen?

„He, ist mein Arsch schon so verfettet, oder was?!“

Die laute und empörte Stimme eines jungen Mannes kam aus der nahen Umkleidekabine. Es blieb unklar, an wen sie sich richtete, an Begleitung in der Nähe oder an Gott und die Welt. Theo fühlte sich mitangesprochen. Man müsste einmal fühlen, die Festigkeit des eigenen Gewebes prüfen. Er kann sich hier doch nicht selbst betasten! Zerstreut greift er nach allen Artikeln, die er herausgesucht hat, auch nach den drei Hemden, und sucht die nächste Kasse. Unterwegs kommt er an einem verspiegelten Pfeiler vorbei und begegnet der eigenen Silhouette. Markant, das ist sein erster Eindruck. Er bleibt noch einige Sekunden stehen. Da ist alles glatt und fest. Und der Gesamteindruck, die Ausstrahlung? Er nimmt sich jetzt erst im Ganzen wahr und wundert sich, ja erschrickt beinahe: Sie sind nicht identisch, er und sein Spiegelbild. Er ist doch unruhig, innerlich unsicher und voller Zweifel, das ist ihm bewusst. Es würde ihn weniger überraschen, sich selbst als dem Halbwüchsigen mit Pickeln und schlechten Manieren zu begegnen, der er einmal gewesen sein muss. Aber der andere da ist, verdammtnochmal, ein hübscher Kerl und kräftig und gesund. Strahlt er nicht sogar etwas wie Frieden aus? Ein altmodisches Wort drängt sich auf: Segen. Liegt Segen auf ihm?





Er ließ die Füße laufen, wie sie wollten. Die Bergstraße abwärts, über die Alster, über den Jungfernstieg. Eine prachtvolle Fassade aus rotem Sandstein zog ihn an. Er trat ins Innere und stand in einer weiteren Passage, die zum Bersten gefüllt war mit übereinander gestapelten Ebenen, Treppen und Rolltreppen, Marmorstein und Plexiglas, Geschäften und Geschäftchen - und Menschen: Frauen und Männern.

Wenn er attraktiv ist, hier im Gewühl muss es sich zeigen, denkt er. Zwar sind die anderen hier besser gekleidet als er selbst, geschmackvoller, individueller, teurer. Nur wenige sehen abgerissen aus, aus Not oder da sie vielleicht Geschmack daran finden. Doch wer hier jetzt unterwegs ist, ist physisch nur Durchschnitt oder noch weniger. Schöne Menschen sind nicht darunter, findet er. Muss er da nicht angenehm auffallen? Leider ist kein Spiegel in der Nähe. Aber niemand dreht sich nach ihm um oder sieht ihn auch nur an. Er bleibt stehen, um besser beobachten zu können. Er stellt fest, sie ignorieren sich auch untereinander. Wie ein Körper dem anderen, ein Blick dem anderen ausweicht, sie betreiben es ernsthaft, wie einen Sport, wie Tischtennis zum Beispiel.

Er lehnt seinen Rücken gegen eine Brüstung. Zwei Mädchen, vielleicht sechzehn, bestimmt noch Schulmädchen, pressen sich in seiner Nähe an die hüfthohe Wand aus Plexiglas. Sie rutschen allmählich zu ihm hin. Himmeln sie ihn an? Großer Gott, auch ein Erfolg! Er will weiter, vorher etwas sagen, ein kleiner Spaß, aber seinen Akzent würden sie komisch finden.

„Na, geschenkt, der ist mir zu zäh.“ Sie kichern ein letztes Mal und stieben davon. Irgendwann steht er auf dem Gänsemarkt und geht eine Kleinigkeit essen.

Danach fuhr er, schon um die Kaufhaustüte nicht länger herumtragen zu müssen, zurück nach Eimsbüttel. Beim Auspacken musste er sich sagen, dass er über den Bedarf der nächsten zwei Tage eingekauft hatte. Er nahm es hin. Er ging daran, das neue kupferrote Hemd auszupacken und anzuprobieren. Es sitzt gut, die Farbe steht ihm gut. Seine Hände, die eben noch das Hemd zurechtgezupft haben, finden wie von selbst den Weg am Rumpf hinab, ohne Befehl oder Vermittlung des Hirns. Seine Augen sehen, wie diese Hände die Hose, statt sie über das Hemd hochzuziehen und zuzuknöpfen, weiter zurückstreifen. Er beginnt nachzuholen, was er sich im Kaufhaus versagt hat: sich zu betasten. Allerdings ist es bald kein kritisches Sichvergewissern mehr, das Gehirn ist schon angenehm blutleer, er genießt sich selbst noch immer staunend. Die Sache nimmt ihren natürlichen Verlauf.

Atmung und Kreislauf des Blutes beschleunigen sich rapide. Die Stoßwellen erhitzten Blutes reizen sein Gehirn zu abrupten und ihn selbst überraschenden Formulierungen. Es sind jetzt keine Bilder mehr wie sonst, die ihn stimulieren, sondern Begriffe, die ihn herausfordern und an denen er sich misst. Zuerst: Verhältnis zu sich selbst! Er besitzt es, und es ist gut, hervorragend gut. Kein studierter Cousin muss einen darauf erst bringen. Die nächste Welle spült den ordinären Spruch aus der Umkleidekabine heran: Ist mein Arsch schon so verfettet? Er hört genau den Tonfall des jungen Mannes: vulgär, empört und aufreizend. Er genießt sich im Echo der Stimme eines Mannes, den er für weniger männlich hält als sich selbst. Ist dein Arsch schon so verfettet, ist sein Echo auf dieses Echo.

Nachher lag er vollkommen ruhig auf dem Bett. Er wusste nicht, dass etwas mit ihm geschehen war, dass anstelle von gewohnten und abgenutzten Bildern erstmals Wörter, neuartige Begriffe und Vorstellungen getreten waren.

Es war sehr angenehm, zu ungewohnter Stunde allein in einem fremden Bett zu liegen, ohne zu schlafen, ohne zu denken. Diese matte Gleichgültigkeit – ist sie nicht schon Glückseligkeit? Das Fenster war jetzt geschlossen und im Haus war es um diese Zeit fast still. Er genoss die Stunde, in der er nichts tat, nichts dachte und nur wenig empfand.

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Arno Abendschön
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Kluge Frage, Xavia. Es ist wohl so: Der Wechsel vom Imperfekt zum Präsens kommt einem Heranzoomen an die Hauptfigur gleich. Wenn der Erzähler nahe genug an seinem Helden und dessen Bewusstsein ist, wechselt er die Zeitebene. Ob dieses Prinzip hier immer ganz konsequent angewandt wurde, ist eine andere Frage.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
__________________
Gegen Gleichmacherei - nein zur Ehe für alle!

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xavia
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Danke für die Aufklärung, lieber Arno. Dieses Stilmittel ist mir noch nie untergekommen und ich werde künftig mal drauf achten.
LG Xavia.

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Arno Abendschön
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Geschätzte xavia, falls du mehr zu diesem Stilmittel wissen möchtest, könntest du bei Google die Stichwörter "präsens präteritum wechsel" eingeben. Da findest du eine Reihe von Erörterungen dazu. Der Wechsel wird seit langem in der Literatur zum Zweck einer Steigerung eingesetzt.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön

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xavia
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Danke schön, lieber Arno! Tatsächlich habe ich dieses Stilmittel (ohne es zu kennen) schon in meiner Novelle »15« angewendet. Nun kann ich es sachkundig verteidigen, falls es mal jemand anmerkt. LG Xavia.

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