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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das Wagenseil
Eingestellt am 20. 10. 2013 17:43


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Bertl Schreiner
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2013

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Das Wagenseil

Sauber aufgerollt und mit einem kunstvollen Knoten zusammengebunden hing das alte dicke Wagenseil griffbereit neben verschiedenen anderen Stricken und Ketten an einem rechenartigen Holzgestell an der Scheunenwand. Niemand wusste, von wem es angeschafft worden war und wem es schon gedient hatte. Den besonderen Namen trug es wegen seiner wichtigsten Verwendung: Hatte die bĂ€uerliche Familie im Sommer den hölzernen Leiterwagen fast drei Meter hoch mit Heu oder Getreidegarben vollgeladen, wurde lĂ€ngs ĂŒber die HeubĂŒndel oder Garben ein langer Holzpfahl, der "Wiesbaum" gelegt und vorne mit einer Kette am Wagen befestigt. Um das hintere Ende wurde das Wagenseil geschlungen, dessen zwei herunterhĂ€ngende Enden um eine am Wagen verankerte hölzerne Winde gelegt und mit den "Windlöffeln" um diese Walze gewickelt wurden, so dass der Wiesbaum mit großer Kraft nach unten gezogen wurde und die Last sicher auf dem Wagen hielt. NatĂŒrlich diente das dicke Hanfseil das Jahr ĂŒber auch anderen Zwecken: So konnte mit ihm beim Schlachtfest das tote Schwein an einem der ĂŒber dem Scheunentor aus der Wand ragenden Balken, die das Vordach trugen, befestigt werden. Oder man verwendete es zusammen mit einer hölzernen Umlenkrolle zum Hochziehen von Lasten auf den Speicher oder auf den Dachboden des Schuppens und fĂŒr viele andere Zwecke.

Das Wagenseil hatte aber traditionell in den bĂ€uerlichen Familien noch eine weitere, zwar seltene Aufgabe, die aber im Notfall besonders wichtig war, und heute war dieser Fall eingetreten. Also nahm es der Vater Ă€ußerlich ruhig, im Innern aber schĂ€umend vor ohnmĂ€chtigem Zorn, vom Haken, begann sehr langsam den Knoten zu lösen und Windung fĂŒr Windung auf den Boden gleiten zu lassen, bis er das Ende mit der Öse in der Linken hielt. Mit der rechten Hand fĂŒhrte er sorgfĂ€ltig das andere Ende durch die Öffnung und zog das gesamte Seil durch, bis eine etwa kopfgroße Schlinge entstanden war, die ihm dazu dienen sollte, sich an einem der dicken Tennenbalken aufzuhĂ€ngen. Die fertige Schlinge behielt er in der linken Hand, wĂ€hrend er die an der Scheunenwand lehnende Leiter in die richtige Position rĂŒckte und mit pochendem Herzen Stufe fĂŒr Stufe nach oben stieg, um den vorgesehenen Balken zu erreichen und das Seil dort festzubinden. Dabei wurden seine Bewegungen immer langsamer, als zögere er, seinen nicht ohne Grund gefassten Entschluss auszufĂŒhren. Schwer ging sein Atem und sein Gesicht war blaurot angelaufen, als er hoch genug geklettert war, die Schlinge mit einem tiefen Seufzer ĂŒber den Balken fĂŒhrte und zögerlich nach unten gleiten ließ, um abzumessen, in welcher Höhe er das lĂ€ngere Ende des Seils festknoten musste. Denn die richtige Höhe entschied ĂŒber das Gelingen seines Vorhabens. Schon mancher hatte sich verschĂ€tzt und die Schlinge zu tief gehĂ€ngt, so dass er mit verletzten Beinen ĂŒberlebte. Wurde sie aber zu hoch befestigt, genĂŒgte die Fallhöhe nicht, um das Genick zu brechen und den sofortigen Tod herbeizufĂŒhren. Weil er aber gewohnt war, alles mehrfach abzuwĂ€gen und bis ins Einzelne vorauszuberechnen, stieg er Sprosse um Sprosse nach unten, um sich sein Werk aus grĂ¶ĂŸerer Entfernung anzusehen, vor allem aber um die Entscheidung noch etwas hinauszuzögern.

Als er unerwartet wieder auf dem Zementboden der Scheune stand, schaute er sich unschlĂŒssig um; dabei fiel sein Blick auf die grĂŒne zweiflĂŒgelige KellertĂŒr an der gegenĂŒberliegenden Tennenwand. Der Keller, das war eigentlich sein Reich gewesen, ein RĂŒckzugsgebiet, wenn die Probleme ĂŒberhand nahmen, aber auch ein Ort der Ruhe nach einem arbeitsreichen Tag. Noch ein letztes Mal hinabzusteigen in die Stille, seine FĂ€sser und Weinflaschen noch einmal zu betrachten, dieser Wunsch wurde in ihm so bestimmend, dass er mechanisch die wenigen Schritte zurĂŒcklegte, den großen SchlĂŒssel umdrehte, die knarrende TĂŒr weit öffnete und das Licht an dem schwarzen Schalter anknipste. Mit der Linken hielt er sich an dem mit Mennige ĂŒberzogenen, schon leicht angerosteten GelĂ€nder fest, wĂ€hrend er bedĂ€chtig Stufe um Stufe nach unten schritt. Alles hatte er mit seinen eigenen HĂ€nden geschaffen, so fuhr es ihm durch den Kopf, nicht nur das GelĂ€nder, die steile, betonierte Treppe, die so breit war, dass man ein Holzfass nach unten befördern konnte. Nein, den gesamten tiefen Weinkeller hatte er einige Jahre nach dem Krieg dem zĂ€hen, an manchen Stellen steinharten Letten abgerungen, mit Spaten und Spitzpickel, manchmal unterstĂŒtzt von ein, zwei MĂ€nnern aus dem Dorf. Dieser tiefe, gut temperierte Raum unter der dann errichteten Scheune war sein ganzer Stolz, ruhte doch hier mancher ausgezeichnete Tropfen aus weltberĂŒhmten Weinlagen, meist von ihm selbst ausgebaut.

Sein ganzes Leben lang war er dem Weinbau verbunden. Schon als Kind half er bei den Arbeiten im Weinberg mit, soweit es die KrĂ€fte zuließen, besonders als sein Vater im Alter von fast vierzig Jahren noch in den Ersten Krieg einrĂŒcken musste. Auch als er zwar unversehrt, aber geschwĂ€cht an Körper und Seele heimkehrte, musste der ZwölfjĂ€hrige krĂ€ftig im bĂ€uerlichen Betrieb zupacken. Nach der Volksschule schickte man ihn als Kellerarbeiter in den örtlichen Winzerverein. Zwar lernte er dort viel ĂŒber Weinbehandlung und den Bau von FĂ€ssern und Zubern, doch die Arbeit war fĂŒr den Heranwachsenden oft sehr schwer. Als JĂŒngster war er natĂŒrlich fĂŒr das FassschlĂŒpfen, also das Reinigen der HolzfĂ€sser von innen, am besten geeignet. Vor allem im Winter geriet das SpĂŒlen der Flaschen im eiskalten Wasser zur Tortur; damals holte er sich ein lebensgefĂ€hrliches rheumatisches Fieber und trug einen schweren Herzklappenfehler davon, der ihm zeitlebens zu schaffen machte. SpĂ€ter erinnerte er sich oft mit Bitterkeit an diese Zeit, da der Vater nicht durchsetzen konnte, dass er einen Lehrvertrag erhielt; außerdem stellte sich heraus, dass sein KĂŒfermeister die fĂ€lligen RentenbeitrĂ€ge nicht abgefĂŒhrt hatte. SpĂ€testens nach dem tragischen Unfalltod der Mutter - sie wurde auf der Dorfstraße von einem Motorrad erfasst - fiel ihm, dem einzigen Sohn von fĂŒnf Kindern, die Verantwortung fĂŒr den Betrieb zu. Allerdings hatte die Herzerkrankung, die man damals nicht operieren konnte, den Vorteil, dass er fĂŒr den Wehrdienst untauglich war und trotz zahlreicher Intrigen der örtlichen NazigrĂ¶ĂŸen im Zweiten Krieg nicht an die Front musste.

Inzwischen war er am unteren Ende der Treppe angekommen und ging immer noch in großer innerer Erregung auf dem schmalen betonierten Gang an seinen WeinfĂ€ssern entlang. Zu jedem von ihnen hatte er eine besondere Beziehung; sein ganzer Stolz war das neue HalbstĂŒck (600 Liter), das er vor wenigen Jahren vom örtlichen KĂŒfer erworben hatte. Es glĂ€nzte noch in hellem Eichenton, die Reifen waren schwarz lackiert und die Daubenenden am Fassboden rot gestrichen; die große Überwurfmutter am Riegel leuchtete in hellem Messing. Alles in allem war es eine bescheidene Reihe, aber fĂŒr seine Zwecke gerade richtig; reichte sie doch zum Ausbau des so genannten Haustrunks, eines leichten Portugiesers, und wechselnder SpezialitĂ€ten, denn er setzte seinen ganzen Ehrgeiz daran, einen eigenen, reintönigen Riesling zu erzeugen. Dieser war aber völlig naturrein, also durchgegoren und ohne kĂŒnstliche ZusĂ€tze. Was dies betraf, war er ĂŒber den Ort hinaus fĂŒr seine Kompromisslosigkeit bekannt; er hieß daher auch "der Ehrliche".

Und nun hatte er sich aus mehreren GrĂŒnden entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Aber vorher wollte er noch ein letztes Glas von dem 1959er, einem der besonderen WeinjahrgĂ€nge, aus seinem HalbstĂŒck trinken, den er aus Trauben mit 103 Grad Öchsle aus seinem besten Wingert ausgebaut hatte und der sich vorzĂŒglich entwickelte. Routiniert tauchte er den dĂŒnnen roten Abziehschlauch ins Spundloch, zog kurz an, schwenkte mit den ersten Tropfen das Probierglas aus, das immer griffbereit auf dem Fassriegel stand und fĂŒllte es dann zur HĂ€lfte. Er hob es gegen das Licht der Kellerlampe und ließ dann den ersten Schluck ĂŒber die Zunge fließen, kaute ihn mehrfach und gerĂ€uschvoll und schluckte ihn aufmerksam. Zu einem wunderbaren Riesling war er herangereift, krĂ€ftig im Alkohol, vollmundig im Geschmack, mit feinem, erlesenem Bukett. Nach dem nĂ€chsten krĂ€ftigen Schluck fĂŒllte er sich aus dem Schlauch, den er mit der linken Hand zugedrĂŒckt hatte, das Glas fast randvoll und leerte es bedĂ€chtig, ja andĂ€chtig und bewundernd ĂŒber so viel Feinheit und Finesse.

Indem er sich auf den Wein konzentrierte, verringerte sich unmerklich seine innere Anspannung ein wenig; sein Atem floss etwas ruhiger. Er goss sich noch einmal nach, spĂŒlte den Abziehschlauch mit Wasser aus und schlug den Spund wieder ein. Diese Gottesgabe konnten nun andere weiter pflegen und trinken. Doch bei diesem Gedanken stutzte er: sollte er wirklich so einen Wein freiwillig zurĂŒcklassen? War er so schwer verletzt worden, dass es keinen Ausweg gab? Hatte ihn sein JĂ€hzorn nicht vielleicht selbst in den Streit mit seiner Frau getrieben, einen Streit, der sich an einer Nichtigkeit entzĂŒndet hatte und dann eskaliert war, weil keiner nachgab und ein böses Wort dem anderen folgte? Meistens schluckte seine Frau seine schlechte Laune und seine Gereiztheit, wenn er sich nach einem langen Tag im Wingert völlig erschöpft und wegen seines Herzfehlers blau im Gesicht angelaufen an den Tisch setzte; dann konnte ein einziges falsches Wort oder eine geringe Unstimmigkeit beim Essen, ein Problem mit den Kindern oder ein Brief mit einer schlechten Nachricht zu einem Zornesausbruch fĂŒhren.

Gerade solche Post erreichte die Familie in den FĂŒnfziger Jahren recht hĂ€ufig: fĂ€llige Wechsel auf den Traktor, Mahnungen von der Sparkasse wegen des Kredits fĂŒr das Haus und zu allem Überfluss Nachzahlungen mit PfĂ€ndungsandrohung vom Finanzamt. Manchmal war das Geld so knapp, dass sie erst einkaufen konnten, wenn die Nachbarn das "Milchgeld", also die wenigen Pfennige fĂŒr die verkaufte Milch vorbeibrachten. Heute war eben alles zusammengekommen und die Ehefrau war diesmal nicht in der Lage ihn in seiner Verzweiflung aufzufangen. Eine sicher vererbte Schwermut tat ein ĂŒbriges, so dass er laut fluchend die TĂŒr hinter sich zuknallte und mit festen Schritten in die Scheune eilte.

Nun stand er wieder einmal niedergeschlagen und voll Bitterkeit in seinem Keller; doch diesmal sah er keinen Ausweg mehr. Zu sehr hatte ihn seine ohnmĂ€chtige Wut im Griff. Dabei hatte er eine herzensgute Frau, die meist um Ausgleich bemĂŒht war, manchmal still vor sich hinweinte, wenn die SchicksalsschlĂ€ge zu hĂ€ufig kamen und die bĂ€uerliche Arbeit sie ĂŒberforderte. WĂ€hrend des Krieges, als die Bombenangriffe die StĂ€dte in Schutt und Asche legten, war ihr Versuchslabor, in dem sie als Laborantin arbeitete, in das kleine Weindorf an der Haardt ausgelagert worden; so lernte sie den nicht mehr ganz jungen Winzer kennen und wegen seiner Geradlinigkeit schĂ€tzen. Sie war trotz einiger SchicksalsschlĂ€ge von Haus aus ein fröhlicher Mensch, das jĂŒngste von fĂŒnf MĂ€dchen einer Familie, in der trotz schlechter Zeiten viel gesungen und gelacht wurde. FĂŒr beide schien es die letzte Gelegenheit, einen Partner zu finden. Gleich nach dem Ende des Krieges heirateten sie im Mai 1945 und durchlebten sicher auch glĂŒckliche Momente, woran der Vater in der ihm eigenen ironischen Art oft mit der Floskel "wie einst im Mai" erinnerte. Doch der Mutter fiel es nicht leicht, sich in den nur auf Arbeit konzentrierten Winzerhaushalt einzufinden, zu dem auch die ledige Zwillingsschwester ihres Mannes gehörte, die der Neuen das Leben schwer machte.

Ausgerechnet jetzt, als er mit dem Glas in der Hand den guten Tropfen Schluck um Schluck genoss, fiel ihm der Hochzeitswein ein, den er damals, vor bald fĂŒnfzehn Jahren nicht ohne Stolz prĂ€sentiert hatte, eine Riesling SpĂ€tlese des Jahrhundertjahrgangs 1937 - ein Traum von einem Spitzenwein, mit edler Frucht, einem wunderbaren Bukett und einer rieslingtypischen, kernigen SĂ€ure. Er hatte sich doch einige wenige Flaschen davon aufbewahrt fĂŒr einen ganz besonderen Anlass, ihn im tĂ€glichen Überlebenskampf aber fast vergessen. Er schritt zu dem Regal aus kantigen, von Schimmel ĂŒberzogenen Hölzern und suchte in seinen WeinvorrĂ€ten. TatsĂ€chlich lagen ganz unten, verstaubt und vom Kellerschimmel schwarz gefleckt, drei Flaschen dieses außergewöhnlichen Tropfens. Behutsam holte er eine davon aus dem Regal, wischte den Belag mit einem Tuch vom Etikett und las halblaut Jahrgang und Lage vor sich hin. Was fĂŒr ein Wein, welches Geschenk, aufbewahrt fĂŒr eine außergewöhnliche Gelegenheit!

Kurz hielt er inne: Wann sonst als jetzt zu seinem Abschied vom Leben war dieser Anlass gekommen! Also holte er kurz entschlossen den Korkenzieher vom Regal, reinigte sorgfĂ€ltig den Flaschenhals und zog den Korken heraus. Die ersten Tropfen perlten ins Glas, hochfarben wie flĂŒssiges Gold und fĂŒllten es mit einem unvergleichlichen Duft. Mehrfach schwenkte er die Kostbarkeit, so dass sich die Bukettstoffe weiter entfalten konnten. Dazwischen hob er sie hoch zur Lampe, wo das Licht ein Feuerwerk von Goldblitzen entfachte. Beim Schwenken verteilte sich die FlĂŒssigkeit auf der Glaswand und lief fast wie Honig langsam herunter. Kaum wagte er es, von der RaritĂ€t zu probieren, als sei er im Begriff, ein Sakrileg zu begehen. Doch dann siegte der Duft, der aus der Öffnung stieg, und er kostete den ersten Schluck. Eine ganz besondere feierliche Unruhe nahm von ihm Besitz.

Wie viele tausend Weine hatte er im Lauf seines Lebens schon beurteilt, bei den jĂ€hrlichen Jungweinproben, mit dem Kellermeister zusammen an den riesigen HolzfĂ€ssern im alten Gewölbe oder bei den Naturwein- Versteigerungen! Aber diesmal hatte er einen ĂŒber zwanzig Jahre alten Tropfen auf der Zunge, aus einem ĂŒberragenden Jahrgang, der zudem die Erinnerung an die Zeit "einst im Mai" vermittelte. Dieser wĂŒrdige, betagte Wein fĂŒllte den Mund mit unbeschreiblichen Geschmacksnuancen, einer edlen, angenehmen Firne, einer wunderbar frischen SĂ€ure, einer feinen, unaufdringlichen SĂŒĂŸe und einem beeindruckenden Strauß von Extraktstoffen. ÜberwĂ€ltigt von dem Charakter dieses Geschenks der Natur, aber auch tief aufgewĂŒhlt von der Situation, in der er sich befand, goss er sich nach und probierte erneut. Die Zeit schien in diesem Augenblick ihre Bedeutung zu verlieren; die Gegenwart verschmolz mit der Erinnerung an seine Hochzeit, an das Jahr 1937, als seine Familie diesen besonderen Jahrgang erntete, und schließlich an seine Jugend im Winzerkeller. Die Bilder seines Lebens schienen sich im Gold dieses Weines zu spiegeln, die harte Arbeit, aber auch die schönen Stunden. Und das alles wollte er jetzt aufgeben, wegwerfen in verletztem Stolz, gekrĂ€nkt durch einen eigentlich belanglosen Streit, ausgeliefert seiner destruktiven Wut.

AllmĂ€hlich hörte die Mutter in der KĂŒche auf zu weinen. Langsam wich der Schmerz ĂŒber die Verletzungen des Streits einer inneren Erschöpfung, der EnttĂ€uschung ĂŒber ihr Schicksal, das sie in dieses "Kaff" und in dieses entbehrungsreiche Leben verschlagen hatte. Zu Hause in der Stadt waren sie in der Weimarer Zeit und wĂ€hrend des Kriegs sicher nicht auf Rosen gebettet, aber es herrschte meist eine gelöste AtmosphĂ€re. Ihr Vater, lange Jahre Vorstand des Gesangvereins und immer wieder arbeitslos, hatte viel Zeit fĂŒr die Familie, spielte gern auf dem Bandoneon und pflegte das Liedgut der Romantik. In der Fabrik genoss sie die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, die fĂŒr Scherze aller Art zu haben waren. Nun galten andere Prinzipien: "MĂŒĂŸiggang ist aller Laster Anfang!" pflegte ihr Ehemann zu sagen und: "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!" Bei der Arbeit in der Landwirtschaft war voller Einsatz gefordert; alles war wichtig und musste sofort erledigt werden, ob das Heu vor dem drohenden Gewitter eingefahren oder der Weizen geschnitten und gedroschen wurde, ob die Kartoffeln und RĂŒben vor dem ersten Frost heimzuholen waren oder die SchĂ€dlingsbekĂ€mpfung im Wingert anstand, immer "galt es", sofort und mit aller Kraft zuzupacken.

Andererseits musste sie zugeben, dass er sich selbst im Einsatz fĂŒr Betrieb und Familie am allerwenigsten schonte; er war ehrlich und treu ihr gegenĂŒber, ĂŒberaus ernsthaft in der Sorge um das Wohlergehen der Familie. Doch der von ihm hĂ€ufig beschworene "Ernst des Lebens" bestimmte alles, ließ sehr wenig Platz fĂŒr Entspannung und Freude. Nie waren sie in Urlaub; vordergrĂŒndig war das "Vieh" daran schuld, also die Versorgung des Ochsen, der KĂŒhe und KĂ€lber, der Schweine und HĂŒhner, in Wahrheit aber das Unvermögen, sich einmal auf etwas Neues einzulassen. Einzige Höhepunkte im Jahresablauf waren die Kirchenfeste und die Kerwe, zusĂ€tzlich der jĂ€hrliche Vereinsausflug.

Inzwischen hatte sie sich weitgehend mit ihrem Leben abgefunden, zumal sie auf ihre zwei Söhne stolz war und einen engen Kontakt mit ihren Geschwistern pflegte. Doch bedingt durch den jahrelangen Existenzkampf verstĂ€rkte sich bei ihrem Mann die angelegte Schwermut; er bedachte jede Entscheidung mit großem Ernst und vermochte sich immer weniger zu einer Neuerung durchzuringen. Manchmal war er so erschöpft und gereizt, dass man wirklich "jedes Wort auf die Goldwaage legen" musste. Schon mehrmals hatte er in seinem verzweifelten Zorn damit gedroht sich umzubringen; irgendwie war er jedes Mal wieder aufgetaucht, wenn die Wut verraucht und die Verzweiflung abgeklungen waren. Und nun war er schon ĂŒber eine Stunde aus dem Haus gelaufen. Hatte sie zunĂ€chst mit ihrer eigenen Verletztheit zu kĂ€mpfen, stieg nun langsam ein beklemmendes GefĂŒhl in ihr hoch. Was wĂ€re, wenn er es diesmal nicht schaffte? War sie dann nicht irgendwie mit schuld? Sie wischte sich die letzten TrĂ€nen ab, zog ihre Weste ĂŒber und ging durch den Hof in die Scheune. Dort fiel ihr Blick sofort auf das Wagenseil, dessen Schlaufe von der Decke der Tenne herabhing; es musste ihm diesmal also sehr ernst sein. Doch wo befand er sich?

Die KellertĂŒr stand offen und das Licht brannte. Sollte sie es wagen, einfach die steile Treppe hinunterzusteigen und ihm gegenĂŒberzutreten, als wĂ€re nichts vorgefallen? Fachte ihr Eindringen in seinen RĂŒckzugsraum vielleicht seinen Zorn wieder an? Doch irgend etwas sagte ihr, dass sie jetzt zu ihm stehen mĂŒsse, ungeachtet der Folgen. Also ging sie langsam und vorsichtig Stufe um Stufe hinunter, bis sie ihn vor dem Fass stehen sah. Er hielt ein halb gefĂŒlltes Glas und eine Weinflasche in den HĂ€nden, war von ihr abgewandt und anscheinend versunken in einer anderen Welt. Leise sagte er sinnend vor sich hin: "So ein Wein!" und nach einer kurzen Pause mit verwundertem KopfschĂŒtteln: "Dass es so was gibt!" Jetzt rĂ€usperte sie sich, wie sie es hĂ€ufig tat, aber sehr leise, um ihn nicht zu erschrecken. Er drehte sich erstaunt zur Treppe, hielt das Glas in die Höhe, so dass sich das Kellerlicht in dem Gold des Weines spiegelte. Nochmals sagte er gedankenverloren zu sich selbst: "So ein Wein! Dass der Herrgott so was wachsen lĂ€sst!" Das Wort Herrgott nahm der Vater fast nur in den Mund, wenn er fluchte; und das tat er hĂ€ufig, wenn die Arbeit nicht von der Hand ging, wenn der Ochse nicht laufen wollte oder wenn ihn der Zorn aus irgendeinem anderen Grund gepackt hatte. Doch in diesem Augenblick kam dieses Wort aus tiefem Herzen und verlieh der Situation etwas Feierliches, Ernstes. Dass er ĂŒberhaupt so viel Emotion zeigte, war sehr selten und deutete darauf hin, wie aufgewĂŒhlt und existenziell betroffen er war.

Sie hatte ihn von der Treppe aus lange angeschaut, diesen hoch gewachsenen, krĂ€ftigen Mann, der nun so verzweifelt und verloren Zwiesprache hielt mit dem besonderen Geschenk der Natur in seinen HĂ€nden. Kurz entschlossen, vielleicht in einem Anflug von MitgefĂŒhl, schritt sie die letzten Stufen hinab und ging auf ihn zu. Außerdem: Sollte sie nicht auch diesen hoch gelobten Wein probieren dĂŒrfen? Das hatte er sich gut ausgedacht, die beste Flasche allein auszutrinken! Wortlos griff sie zu dem Glas, das er ihr verdutzt ĂŒberließ. Sie probierte nicht lange und kunstvoll, sondern nahm einen krĂ€ftigen Schluck und gleich noch einen, nickte anerkennend und gab das leere Glas zurĂŒck. Noch redeten sie nicht miteinander, aber ihre Blicke begegneten sich kurz und er schenkte nach einem tiefen Atemzug das Glas wieder voll, trank einen guten Schluck und gab es weiter. Mehrmals wiederholte sich dieser Vorgang, einer Zeremonie Ă€hnlich. Und die feierliche Stimmung breitete sich in dem kĂŒhlen feuchten Keller aus, ergriff ihre Herzen und löste fast unmerklich Verzweiflung, Wut und Angst.

Irgendwann rannen die letzten Tropfen ins Glas und die silbrigen Kristalle des Weinsteins funkelten beim Schwenken des Restes vor dem Licht. Dann sagte sie mit fester Stimme: "Komm, wir gehen ins Haus." Er stellte Flasche und Glas wortlos auf den Fassriegel und folgte ihr. Als sie nebeneinander die breite steile Treppe hochstiegen, hielt er sich mit der Rechten am GelĂ€nder fest, mit der Linken aber fasste er behutsam ihren Oberarm. Es versteht sich von selbst, dass das Wagenseil, das noch in der Scheune hing, jetzt nicht mehr gebraucht wurde. Mit ausgestrecktem Arm griff er nach der Schlinge, zog es mit einem Ruck herab und schob es mit dem Fuß an die Wand. Zum Aufrollen war morgen auch noch ein Tag.


Version vom 20. 10. 2013 17:43
Version vom 21. 10. 2013 23:58

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justooktavio
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Registriert: Not Yet

Eine Wunderschöne Geschichte. Die Charaktere sind auf eine indirekte Weise, trotzdem mit viel Tiefgang gezeigt. Ich weiß gar nicht, was ich dazu noch sagen soll, denn es spricht alles fĂŒr sich. Die Inhaltlichen Aspekte, wie z.b. die Beschreibung des Weines fand ich ziemlich GefĂŒhlvoll, du scheinst selbst ein großer kenner und genießer des Weines zu sein...

Ich trau mich jetzt kaum hier noch etwas anzumerken, aber es gab noch zwei drei kleinere dinge.

quote:
eines leichten Portugiesers, und wechselnder SpezialitÀten, denn er setzte halt seinen Ehrgeiz daran, einen eigenen, reintönigen Riesling zu erzeugen
hier finde ich klingt das "halt" zu umgangssprachlich fĂŒr den sanften klang des ĂŒbrigen textes.

quote:
wenn der Ochse nicht laufen wollte oder wenn ihn der Zorn aus irgendeinem anderen Grund gepackt hatte. Doch in diesem Augenblick kam dieses Wort aus tiefem Herzen und verlieh der Situation etwas Feierliches, Ernstes
ich glaube das könnte man auch so stehen lassen, aber bei der AufzÀhlung fÀnde ich es persönlich so ein wenig besser, da ihn das mit dem Ochsen bestimmt auch zornig gemacht hat

quote:
Sie hatte ihn von der Treppe aus lange angeschaut, diesen groß hoch gewachsenen, krĂ€ftigen Mann,
das klingt, finde ich, ein wenig besser. Groß gewachsen klingt fĂŒr mich nicht so.

Ansonsten habe ich den Text sehr gerne gelesen!!! Sehr bedĂ€chtig geschrieben und das gleiche hat er auch bei mir ausgelöst, auch wenn ich, ehrlich gesagt, einen guten wein nicht so sehr zu schĂ€tzen weiß... vielleicht eines tages

LG Justo

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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

Werke: 395
Kommentare: 3095
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Hallo Bertl,

auch mit diesem Text ist es Dir gelungen, eine traurige Geschichte bis zum unerwartet glĂŒcklichen Ende packend zu erzĂ€hlen – fĂŒr mich eine ErzĂ€hlung, wie sie nicht besser in diese Rubrik passen könnte.

Auch wenn man bald ahnt, dass der Vater spÀtestens beim Gang in den Keller das Seil nicht mehr brauchen wird, bleibt doch lange Zeit alles offen. Er hÀtte ja auch die Treppe hinunterfallen, sich an zu viel Wein zu Tode trinken können oder dergleichen mehr. Mit einem Aufatmen liest man, dass die Geschichte gut ausgeht. Vielleicht nur ein Aufschub?

Du zeichnest die Charaktere intensiv und gibst ihnen durch diverse RĂŒckblenden noch mehr Tiefe. Man kann sich als Außenstehender sehr gut hineinversetzen in dieses bĂ€uerliche Leben, auch wenn man nicht eben in einer Weingegend aufgewachsen ist.

Eine gelungene Geschichte, fĂŒr die ich zum ersten Mal die Bestnote vergebe.

Liebe GrĂŒĂŸe
Ciconia

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