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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Weihnachtslied
Eingestellt am 25. 11. 2015 22:20


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aligaga
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Registriert: Sep 2014

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Eigentlich, sollte man meinen, sei Chaos das absolute Gegenteil göttlicher und menschlicher Ordnungen; es stehe ihnen deshalb grundsätzlich entgegen. Gott und die Menschheit suchen sich vor dem Chaos zu schützen, durch Gebote, Verordnungen und Gesetze.

Und doch – der „Was bist du bloß für ein Chaot“-Seufzer ist keineswegs so bitter und ernst wie die Angst vor völlig ungeordneten Zuständen. Es schwingt ein Hauch Sympathie mit in diesem Ausruf; neben der Resignation und dem Mitleid glimmt ein Fünkchen Hoffnung, die angesprochene Person ließe sich retten, irgendwie und doch noch einmal. Jedenfalls wünschte man das und wäre gegebenenfalls sogar bereit, den zusammengebrochenen Traumbau mit wegzuräumen und Platz zu schaffen für einen solideren Neubeginn.

Auch du kennst bestimmt einen dieser „liebenswerten Chaoten“. Der mitten im selbst verschuldeten Trümmerregen steht, die Hände schützend über den Kopf breitend, mit großen Rehaugen blickend und stumm „was soll ich denn jetzt machen?“ flehend. Vor allem Kinder wissen genau, wie das geht, und schaffen es immer wieder, Schokokekse zu bekommen statt der Kopfnüsse, die sie eigentlich verdient hätten.

Robert ist ein solcher Chaot, aber er ist kein Kind mehr, sondern ein Mannsbild. Ein hoch gewachsenes, gutaussehendes, kräftiges; ein Geschäftsmann, der bis dato zwar große Umsätze, aber nicht viel Gewinn, dafür umso mehr Schulden gemacht hat. Aber er kann singen. Und wie!

„Ein Weihnachtslied?“

„Ja. Ich brauch einen Text. Die Melodie geht wie 'Sometimes When I’m Dreaming'. Agnetha Fältskog. Ex-Abba, du weißt schon!“. Robert setzt sich an mein Klavier und summt zu einer Melodie, die klingt, als ob ein Mädchen rückwärts springt, dann innehält und sich überlegt, in welche Richtung es eigentlich wollte. Dann werden die Harmonien plötzlich weit und gehen nach vorn; Roberts Stimme strahlt. „Der Refrain“, sagt er und wiederholt die Durchgänge, „schön! So schön und voller Hoffnung! Schaffst du das bis zum Wochenende?“

„Was??“

„Ich brauch ein Weihnachtslied für Samstagabend. Ein Event, in Salzburg. Es ist wohltätig, aber es geht auch um einen Auftrag für die nächsten Festspiele. Catering! Wenn ich den kriege, bin ich wieder solvent!“

Robert kann von allen Menschen, die ich kenne, die allergrößten braunen, bettelnden Hundeaugen machen. Auf die bin ich schon ein gutes dutzend Mal hereingefallen.

„Bis Samstag? Du spinnst wohl! Es ist Donnerstagnacht. Nie und nimmer!“

Robert dreht sich zurück zum Klavier und streichelt die Akkorde hauchleicht über die Tasten. „Es darf nicht der übliche Schmarren mit Engeln, dem Nikolaus und den besoffenen Rentieren sein, nichts, das getanzt werden kann oder das sich mit verstellter Stimme an Kinder richtet. Es muss zeitbezogen und ehrlich sein. Es muss jedem, der zuhört, Hoffnung machen. Dann funzt es. Bitte!“

Er dreht sich wieder her. „Wir könnten es doch jetzt gleich machen. Zusammen. Ich helf dir! Bitte! Ich mach es auch wieder gut!“

Mit diesem Ton und diesem Blick kriegt Robert jede Frau herum, weiß ich. „Ich bin kein Mädchen, dem du den Kopf verdrehen kannst; das auf dich hereinfällt und das du sofort wieder stehen lässt, wenn du gekriegt hast, was du von ihm wolltest“, sag ich. „Ich bin durch und durch maskulin und bekennender Hetero. Weihnachtslieder gibt’s bei mir nicht, schon gar nicht auf Bestellung!“

„Dann bin ich geliefert“, sagt Robert, sinkt auf dem Klavierstuhl zusammen und bricht in Tränen aus wie ein Kind. Ich weiß, dass auch das nur eine Finte ist, bin aber beeindruckt von der schauspielerischen Leistung und jetzt sicher, dass es bei ihm wirklich kurz vor knapp steht.

„Weihnachtslieder gehören sich nicht von einem Mann gesungen“, probiere ich es. „Sinatra und Crosby haben doch nur irgendwelchen anderen Trunkenbolden dabei geholfen, das Christkind flachzulegen. Du brauchst eine Mädchenstimme, sonst wird das ohnehin nichts.“

Roberts Tränen versiegen sofort. „Eine Mädchenstimme?“ Er zieht das Handy aus der Manteltasche, tippt ohne groß zu überlegen und hält es ans Ohr. „Sandy? Grüß dich! Du, es gibt ein Problem!“

Um den Widerstand des Mädchens zu brechen, ihm zuzuhören, braucht er nur zehn Sekunden; um es so weit zu bringen, Samstags mit ihm aufzutreten und heute gegen Mitternacht mit zu mir zu kommen, „um das Lied zu probieren, das wir jetzt gleich schreiben werden“, keine drei Minuten. Ich kenne das Mädchen. Es ist eine kleine, süße Zahnmedizinerin mit einer Engelsstimme. Sie hat sich schon ein paarmal wegen Robert bei mir ausgeweint.

„Also?“

Ich geh auf meine Toilette, und während ich mir danach die Hände wasche, sehe ich das Mädchen schon auf der Bühne stehen, Robert hinter ihr am Flügel sitzend. Ich hör sie singen, dass man auch über die beschissensten Zeiten hinweg kommt, wenn man an etwas glaubt und jemand etwas für einen übrig hat.

„Das wird in den Refrain kommen, und ihr werdet ihn gemeinsam singen“, sag ich, während ich mich mit trockenen Händen neben Robert ans Klavier setze.

*

„Hallo Du – ja, Du, Dich mein ich,
bleib doch mal stehen, hör mir zu –
und komm fĂĽr einen Augenblick zur Ruh!
Ein Gläschen Punsch, ein Milchkaffee,
ein Zimtstern im Dezemberschnee –

und sieh,
wie

auf einmal hell und warm ist,
was grad so dĂĽster schien;
dass Du nicht mehr allein bist,
dass ich nah bei Dir bin!
Das Kerzenlicht am Baum dort,
ein leises, liebes Wort –
altvertraute Weise
nimmt Dich mit sich fort.

Die Tasse leer, das Lied zu Ende,
um Dich tost wieder der Verkehr;
was grad so leicht war, scheint dir wieder schwer.
Vergiss doch nicht: das kleine Licht,
das selbst das größte Dunkel bricht

und sieh,
wie

auf einmal hell und warm ist,
was grad so dĂĽster schien;
dass Du nicht mehr allein bist,
dass ich nah bei Dir bin!
Das Kerzenlicht am Baum dort,
ein leises, liebes Wort –
altvertraute Weise
nimmt Dich mit sich fort.

Mag auch vom Frost Dein Fenster blind sein,
stell dich davor und hauch getrost
ein kleines Loch ins Blumeneis hinein:
Schneegestöber, Flockentanz,
am Lichterbaum Lamettaglanz –

und sieh,
wie

auf einmal hell und warm ist,
was grad so dĂĽster schien;
dass Du nicht mehr allein bist,
dass ich nah bei Dir bin!
Das Kerzenlicht am Baum dort,
ein leises, liebes Wort –
altvertraute Weise
nimmt Dich mit sich fort.

Altvertraute Weise
nimmt Dich mit sich fort.“

Sandy bekommt feuchte Augen, als Robert den letzten Akkord liegen lässt und ihn pathetisch bis nach ganz oben erweitert . „So ein Kitsch!“, meint sie dann und sucht nach einem Taschentuch. „Aber es ist wunderschöner Kitsch!“ Sie hat enge Jeans an, ist strumpfsockig und trägt einen viel zu weiten, dunkelblauen Pullover. „Du bist unser Christkind“, balzt Robert und versucht, sie auf seinen Schoß zu ziehen, aber sie entwindet sich ihm.

„Es ist das letzte Mal, dass ich mich von dir einwickeln lasse“, sagt sie und steckt das Taschentuch weg. „Und ich mach es nicht wegen dir, sondern wegen des Liedes.“

*

Das war voriges Jahr, und es ist dann doch nichts geworden. Ob sich die beiden schon auf dem Heimweg oder erst später zerstritten haben, weiß ich nicht; es kam jedenfalls zu keiner Aufführung. Aber Robert hat den Catering-Auftrag damals trotzdem an Land gezogen.

Das ist mir eingefallen, als ich neulich beim Aufräumen das Notenblatt gefunden und das Lied wieder gesummt hab.

Ich finde, es passt immer noch in die Zeit.













Version vom 25. 11. 2015 22:20
Version vom 01. 12. 2015 23:48

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