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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Wunder
Eingestellt am 07. 12. 2003 16:49


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chrissieanne
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Lara öffnet die Augen. Kalt und still ist es im Zimmer. Draußen regnet es. Also wird der Himmel wohl grau sein. Sehen kann sie ihn nicht, im zweiten Hinterhof parterre. Sie fĂŒhlt sich elend. Heute ist der zweite Weihnachtstag, sie hat es fast geschafft, und nun muß sie so einen Mist trĂ€umen?

Im Kreise lieber Menschen, die schon lange aus ihrem Leben verschwunden sind, saß sie an einem wunderschön gedeckten Tisch. Es wurde gescherzt und gelacht, der Raum war warm und behaglich, und es roch so gut: nach frisch geschĂ€lten Orangen und Tannennadeln, die sie an Kerzen entzĂŒndeten, nach Honigwein und Braten, der im Ofen brutzelte. Inmitten des Raums stand ein mit Äpfeln, NĂŒssen, Holzfiguren und Schokokringeln geschmĂŒckter Weihnachtsbaum. Rotes Lametta glitzerte und auf seiner Spitze saß ein großer, goldener Engel. An seinem Fuße lagen unzĂ€hlige bunte PĂ€ckchen.
Rote Wangen und leuchtende Augen in freudiger Erwartung. GlĂŒcklich und geborgen fĂŒhlte sie sich, ihr Körper war warm und weich im Einklang mit ihrer und allen Seelen. Zusammen mit diesen Menschen, die zu ihr gehörten, wĂŒrde sie das Fest der Liebe feiern.

Sowas blödes, sowas von kitschig - was soll das? WĂŒtend dreht sie sich auf die andere Seite und zieht sich die Decke ĂŒber die Ohren.

Seit Jahren ignoriert sie alle bedeutungsschwangeren Tage: Ostern, Pfingsten, Valentinstag, ihren Geburtstag, und vor allem: Weihnachten und Silvester. Weihnachten ist immer besonders anstrengend. Die ganze Adventszeit, die Lichter, Sankt Martin und Nikolaus. Die LaternenzĂŒge der Kinder. StĂ€ndig zieht sich ihr Bauch zusammen und sie wird ĂŒbermannt von dieser dĂ€mlichen Sehnsucht. Sie kann sich dem nicht entziehen. Dabei ist es so absurd.
Wenn frau Kinder hat, ja, dann sollte sie das zelebrieren, und den Kleinen ganz besondere, stimmungsvolle, aufregende Tage organisieren. Doch als aufgeklÀrte Erwachsene, die alleine lebt?
Weihnachten ist Konsumterror und praktizierter Sadismus am einsamen Menschen. So sieht sie das.
Alle Bedingungen der heutigen Zeit sind so, dass niemand mehr Zeit fĂŒr den anderen hat. Es wird stĂ€ndig suggeriert, dass jeder alles schaffen kann, und die, die nichts schaffen was gesellschaftlich anerkannt, oder zumindest hochgradig interessant ist, fallen in tiefste Depressionen. So sieht’s doch aus.
An Weihnachten treffen sich Menschen, die das ganze Jahr ĂŒber sich kaum gesehen haben, und es m u ß jetzt alles wunderbar werden, und alle Defizite, die sich aufgestaut haben, mĂŒssen sich in Nichts auflösen. Das kann doch nicht gut gehen!
Diejenigen, die sich mit niemanden treffen können, hören im Radio stÀndig diese Weihnachtslieder und sehen im Fernsehen die unterschiedlichsten Filme, Galas und Dokumentationen, die alle nur eins suggerieren: nur du bist allein, und du bist selber schuld.
Sie w i l l aber allein sein, will n i c h t s mit alldem zu tun haben.

Lara wirft, genervt von ihren Gedanken, die Decke von sich, steht auf und stellt die Heizung an. Nachdem sie geduscht hat, schaut sie in den KĂŒhlschrank und stellt entsetzt fest, dass sie kein Bier mehr hat. Wein ist auch keiner mehr da. Hab ich so viel getrunken ?
Sie hat sich am letzten Tag vor Heilig Abend mit Lebensmitteln und Alkohol eingedeckt, um die Tage gut versorgt zu Hause zu verbringen. Um dieses stĂ€ndige SehnsuchtsgefĂŒhl zu vermeiden, muß man konsequent zu Hause bleiben. Und - ganz wichtig: kein Radio, kein Fernsehen. Tarotkarten hat sie sich gelegt und gelesen. Tagebuch geschrieben und, sie muß es sich eingestehen, immer mal wieder geheult. Das Telefon hat nicht geklingelt. Sie hat es gehofft, auch das muß sie sich eingestehen. Aber wer soll schon anrufen? In den letzten beiden Jahren hat sie sich immer mehr ins Schneckenhaus zurĂŒckgezogen. Alle ihre frĂŒheren Freunde haben mittlerweile Familie und sind erfolgreich im Beruf. Nur sie jobbt nach wie vor in der Kneipe und hat nur hier und da mal eine AffĂ€re .Sie hĂ€tte ja gerne gearbeitet, doch ihr Chef macht grundsĂ€tzlich die Weihnachtsschichten. Da besteht er drauf - das lĂ€ĂŸt vermuten, dass auch dieser so selbstbewußt wirkende, und bei allen GĂ€sten so beliebte Mensch ein soziales Problem hat. Doch das ist ja nun auch kein Trost.

Genug jetzt Lara! Reiß Dich am Riemen. Den Tag schaffst Du jetzt auch noch.

Die Wohnung wird jetzt langsam wĂ€rmer. Draußen regnet es noch immer. Zum GlĂŒck kein Schnee. Sie liebt Schnee, doch eine weiße Weihnacht wĂ€re Koks fĂŒr ihre Melancholie.
Nachdem sie einen starken, heißen Tee getrunken hat, zieht sie sich ihre Jacke an. Sie wird jetzt das erste Mal seit Heilig Abend ihre Wohnung verlassen, um an der Tankstelle Bier zu kaufen. Ohne Alkohol hĂ€lt sie diese Einsamkeit nicht aus.
Ja, gut. Ich bin einsam. So viele Menschen sind einsam. Das ist traurige RealitÀt heutzutage.
Nur hat sie sich das bisher nicht eingestanden.
WĂ€hrend sie im Hausflur ihr Fahrrad aufschließt, hört sie im ersten Stock GelĂ€chter und Kinderstimmen. Es riecht nach BratĂ€pfeln., und wieder laufen ihr TrĂ€nen ĂŒbers Gesicht. Verdammt, was ist nur los mit mir? Mit einer energischen Handbewegung wischt sie sich ĂŒbers Gesicht und öffnet die HaustĂŒr.
Eiskalt ist es und kaum eine Menschenseele unterwegs. Sie radelt los, genießt die kalte Luft und die ungewöhnliche Ruhe auf der Straße. Sie biegt in eine kleine, dunkle Nebenstraße, nimmt aus den Augenwinkeln etwas großes, dunkles am Straßenrand wahr und erreicht den sonst so belebten Platz an der Kreuzung zweier Hauptstraßen. Dort leuchtet ihr auch schon die Tankstelle entgegen.
Ein gelangweilter, gepiercter und tĂ€towierter Kleiderschrank steht an der Kasse. ACDC kreischen aus den Lautsprechern. Sehr sympathisch, findet Lara. Er kassiert ab, ohne sie eines Blickes zu wĂŒrdigen.
„Fröhliche Weihnachten!" wĂŒnscht sie, und geht lachend nach draußen. Das wĂ€re ein Mann fĂŒr mich. Noch immer an die vor Zorn glĂŒhenden Augen denkend, fĂ€hrt sie denselben Weg zurĂŒck. In der kleinen Seitenstraße fĂ€llt ihr Blick auf einen Tannenbaum im Straßenrand. Sie hĂ€lt an.
„Das gibt es doch nicht!"
Schon immer hat sie es gehaßt, wenn die Leute, direkt nach den Feiertagen, ihre noch dicht benadelten, im tiefsten GrĂŒn stehenden, gesunden BĂ€ume einfach aus dem Fenster warfen oder anderweitig entsorgten. Diese BĂ€ume wurden extra gezĂŒchtet, damit die Menschen ihre Tradition leben konnten. Aus ihrer Kinderzeit kannte sie das noch so, dass ihr Vater eine Tanne im Wald ausgrub - mit Wurzel - und sie dann nach Weihnachten im Garten wieder einpflanzte. Manchmal konnte man denselben Baum bis zu dreimal nutzen. Gut, in Berlin hat nicht jeder einen Garten, und in den Balkonkasten kann man ihn ja schlecht pflanzen, aber wenn schon, dann soll er doch mindestens bis zum sechsten Januar in der Wohnung und Mitglied der Gemeinschaft sein. Schließlich gibt er sein Leben dafĂŒr. Und jetzt liegt hier schon einer am zweiten Weihnachtstag!
Fassungslos schaut sie auf den Baum, der da hilflos im Rinnstein liegt.
Eine kleine Schönheit. Klein zwar, doch mit dichtem Nadelwuchs und ebenmĂ€ĂŸig gewachsen Ein angefressener Döner und zwei zerknĂŒllte Servietten oder TaschentĂŒcher hĂ€ngen in seinen prĂ€chtigen Zweigen. Wer macht denn so etwas? Ohne groß nachzudenken stellt sie ihr Fahrrad an eine Hauswand, befreit den Baum mit spitzen Fingern von dem Döner und den Servietten und stellt ihn auf. Und nun?
Sie schleift den Baum zum Fahrrad. Irgend jemand muß das Rad halten, damit sie ihn auf den GepĂ€cktrĂ€ger legen kann. Nur ist hier leider niemand. Ratlos schaut sie in alle Richtungen. Dort hinten am Ende der Straße vor dem Puff stehen vier junge TĂŒrken. Sie nimmt allen Mut zusammen, lehnt den Baum an die Hauswand und geht zu ihnen rĂŒber.
„Entschuldigung, ich hab da ein Problem, kann mir einer von Euch vielleicht helfen?"
Breit grinsend, sie von oben bis unten begutachtend, werden erstmal SprĂŒche auf tĂŒrkisch ausgetauscht.
„Was is’ los, schöne Frau?"
Sie erklĂ€rt ihre Situation. Lautes GelĂ€chter - wieder tĂŒrkischsprachiger Austausch - doch zwei von ihnen gehen mit ihr zu Baum und Rad.
„Frohes Fest dann noch!" wĂŒnscht einer und auch sie muß lachen.
Sie schiebt das Fahrrad mit dem Baum auf dem GepĂ€cktrĂ€ger nach Hause. Hier bietet sich das gleiche Problem, doch keine Hilfe weit und breit. Also wirft sie den Baum auf den Boden, trĂ€gt das Rad in den Hausflur, schließt es ab und wuchtet dann die Tanne durch den Hausflur in ihre kleine Wohnung.
Dass ihre Ficus eingegangen ist, darĂŒber war sie sehr traurig, doch jetzt hat sie diesen großen Blumentopf. Der Baum hat zwar keine Wurzeln mehr, aber sie schĂŒttet trotzdem Erde in den Topf, damit er stehen kann.
Nachdem sie die Tanne eingepflanzt, ans Ende ihres Zimmers plaziert,und den Boden mit dem Staubsauger von Erde befreit hat, lĂ€ĂŸt sie sich erschöpft auf die Couch fallen. Sie nimmt ein Bier aus dem Rucksack, öffnete es mit den ZĂ€hnen und prostete dem Baum zu:
„Herzlich willkommen mein Lieber! Tja, wir beide haben wohl mindestens eins gemeinsam, oder? Wir hassen Weihnachten."
Sie trinkt ihr Bier und schaute den Baum an. Irgendwie sieht er jetzt noch ĂŒppiger aus, und die AtmosphĂ€re im Raum ist verĂ€ndert. Seltsam. Sie fĂŒhlt sich tatsĂ€chlich wohl. Sie köpft noch ein Bier, und seuzft wohlig.
Ach, das Leben ist so schön. Und ich schaff das schon. Und du, lieber Baum, nimmst zwar verdammt viel Platz weg, aber auch Du hast ein Recht auf ein Zuhause.

Sie muß eingeschlafen sein.
Nein - sie schlÀft noch und trÀumt Das kann doch nicht sein! Sie setzt sich auf, zwickt sich - doch es bleibt.....
Ihr Baum ist geschmĂŒckt! Mit Holzfiguren, Äpfeln, NĂŒssen und Schokokringeln. Rotes Lametta glitzert. Die Luft ist erfĂŒllt mit DĂŒften nach Orangen und - Braten?
Sie lĂ€uft in die KĂŒche - und tatsĂ€chlich schmort in ihrem Backofen ein großer Schweinebraten. Auf dem Herd kochen Rotkohl und Kartoffeln.
„Was ist das? Wer war das?"
Sie geht zurĂŒck ins Zimmer. Jetzt erst sieht sie, dass es geschmĂŒckt ist mit Blumen und BlĂ€ttern. Mistelzweige hĂ€ngen von der Decke, Kerzen leuchten ĂŒberall. Ihr Tisch ist gedeckt fĂŒr fĂŒnf Personen.
Das gibt’s doch nicht. Ihr Kopf rauscht. Sie hat Angst und sie freut sich und sie ist traurig - weil wer sollte mit ihr essen.........
Das Telefon klingelt. Sie zuckt zusammen. Ich geh nicht ran. Doch sie hat vergessen den AB anzustellen. Es hört nicht auf zu klingeln.
„Ja?"
„Lara! Liebe Lara! Ich bins Birgit!"
Ihre alte Freundin Birgit.
Seit langer Zeit haben sie nichts mehr voneinander gehört. Jemand hatte Lara erzÀhlt, sie sei jetzt erfolgreiche Architektin.
„Birgit! Hallo! Wie geht es dir?"
„Lara, es ist Weihnachten und ich fĂŒhle mich so alleine. Die ganze Zeit habe ich ausgehalten. Doch - ich muß jemanden sehen. Ich denke schon lange an dich. Ich hoffe, du bist nicht sauer, dass ich mich ausgerechnet jetzt melde....."
„Birgit, nein ich freue mich maßlos. Komm doch vorbei. Ich habe gerade Schweinebraten im Ofen. Laß uns einen schönen Abend verbringen."
„ Ist das Dein Ernst? Aber du erwartest doch bestimmt GĂ€ste. Störe ich da nicht?"
„Du störst ĂŒberhaupt nicht. Und ich erwarte keine...doch jetzt erwarte ich ganz liebe GĂ€ste."
„Gott ist das schön. Bis gleich - ich freu mich so!"
Lara legt auf und kann es nicht fassen. Sie hatte Birgit seit vier Jahren nicht gesehen.
Das Telefon klingelte wieder.
„Lara. Klaus hier. Du erinnerst dich?"
Wie könnte sie sich nicht erinnern! Es ist ein Wunder! Birgit, Klaus, Lucie, Peter und Lara waren damals unzertrennlich. Und dann hat die Zeit, der Alltag, die AnsprĂŒche sie voneinander getrennt.
Lara hat gehört das Klaus, Anwalt mit gut laufender Kanzlei, sie verachtet, weil sie es nicht geschafft hat aus ihrem Leben etwas zu machen.
„Du, ich mußte heute so sehr an dich denken. Ich weiß das kommt sehr plötzlich, und du hast bestimmt was vor, schließlich ist Weihnachten. Aber hast du nicht Lust darauf, dass wir uns mal wiedersehen?"
„Klaus, Lieber. Und wie ich Lust darauf habe. Komm vorbei. Ich habe Schweinebraten im Ofen. Bring Wein mit und wir machen uns einen schönen Abend. Birgit kommt auch."
„Was? im Ernst? Oh mann, das ist ja verrĂŒckt. In einer Stunde bin ich da. Ich freu mich."
„Ich mich auch. Ich hab sogar einen Weihnachtsbaum!"
„Das gibt’s nicht. Doch noch sentimental geworden auf die alten Tage?"
„War ich doch schon immer. Außerdem hat er mich und ich ihn gefunden,"
„Aaaaah ja. Ich merk schon, Du bist immer noch so schrĂ€g wie damals. Ich könnte heulen. Ich hĂ€tte nie gedacht, daß du mir noch so vertraut bist. Bis gleich, SĂŒĂŸe."
Lara starrt den Baum an. Ein Traum, es kann nur ein Traum sein.
Da sieht sie das PĂ€ckchen unter der Tanne liegen.
Es ist in dunkelrotem Samt gewickelt, verziert mit einer goldenen Seidenschleife.
Sie setzt sich in den Schneidersitz und fĂ€ngt langsam an, das Geschenk auszupacken. Nachdem sie den Samt entfernt hat, kommt ein einfacher weißer Karton zum Vorschein. Sie öffnete den Deckel und darin liegt...

ein großer, goldener Engel und zwinkert ihr zu.

Das Telefon klingelt wieder.




__________________
Das Buch soll die Axt sein fĂŒr das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)

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ei,

diese deine geschichte habe ich bisher nicht zu gesicht bekommen. gut, dass wir darĂŒber geredet haben. jetzt kommt sie natĂŒrlich auch in das album.
lg
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Old Icke

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Das Wunder
Veröffentlicht von chrissieanne am 07. 12. 2003 16:49
Sie wehrt sich gegen das Wachwerden.
Im Kreise von vielen lieben Menschen, die lange aus ihrem Leben verschwunden sind, saß sie an einem wunderschön gedeckten Tisch. Es wurde gescherzt und gelacht, der Raum war warm und behaglich. Die Luft erfĂŒllt von vielen wunderbaren DĂŒften: frisch geschĂ€lte Orangen, Tannennadeln(Komma) die sie an den Kerzen entzĂŒndeten, vom Braten, der im Ofen brutzelte. Der Mittelpunkt des Raumes war ein mit Äpfeln, NĂŒssen, Holzfiguren und Schokokringeln geschmĂŒckter Weihnachtsbaum. Rotes Lametta glitzerte und auf seiner Spitze saß ein großer, goldener Engel. An seinem Fuße lagen unzĂ€hlige bunte PĂ€ckchen.
Rote Wangen und leuchtende Augen in freudiger Erwartung. Sie fĂŒhlte sich glĂŒcklich und so geborgen Ihr Körper war warm und weich im Einklang mit ihrer Seele. Zusammen mit diesen Menschen, die zu ihr gehörten, wĂŒrde sie das Fest der Liebe feiern.
Lara öffnet die Augen. Ihr Zimmer ist kalt und sie ist allein. Der neue Tag erwartet sie, doch sie will ihm nicht begegnen. Sie zieht die Decke bis ĂŒber beide Ohren und fĂŒhlt sich elend. Warum dieser Traum?
Heute ist der zweite Weihnachtstag, sie hat es fast geschafft, und nun muß (muss) sie so einen Mist trĂ€umen?
Seit Jahren ignoriert sie alle bedeutungsschwangeren Tage. Weihnachten ist immer besonders anstrengend. Die ganze Adventszeit, die Lichter, Nikolaus, die LaternenzĂŒge der Kinder.... Heiligabend. StĂ€ndig zieht sich ihr Bauch zusammen, und sie wird ĂŒbermannt von dieser dĂ€mlichen Sehnsucht.
Ach was, Sehnsucht - sentimentaler Schwachsinn ist das! Sie ist weder glÀubig, noch hat sie Familie. Und sie lebt gerne allein!
Lara steht auf und stellt die Heizung an. Nachdem sie geduscht hat, schaut sie in den KĂŒhlschrank und stellt entsetzt fest, daß (dass) sie kein Bier mehr hat. Wein ist auch keiner mehr da. Hab ich so viel getrunken (Leerfeld zuviel)? Sie hat sich am letzten Tag vor Heilig Abend mit Lebensmitteln und Alkohol eingedeckt, um die Tage gut versorgt zu Hause zu verbringen. Um dieses stĂ€ndige SehnsuchtsgefĂŒhl zu vermeiden, muß (muss) man konsequent zu Hause bleiben. Kein Radio, kein Fernsehen. Tarotkarten hat sie sich gelegt und gelesen. Tagebuch geschrieben und, sie muß es sich eingestehen, immer wieder geweint. Das Telefon hat nicht geklingelt. Sie hat es gehofft, auch das muß sie sich eingestehen. Aber wer soll schon anrufen? In den letzten beiden Jahren hat sie sich immer mehr ins Schneckenhaus zurĂŒckgezogen. Alle ihre frĂŒheren Freunde haben mittlerweile Familie und sind erfolgreich im Beruf. Nur sie jobbt nach wie vor in der Kneipe und hat nur hier und da mal eine AffĂ€re. Sie hĂ€tte ja gerne gearbeitet, doch ihr Chef macht grundsĂ€tzlich die Weihnachtsschichten. Da besteht er drauf - das lĂ€ĂŸt (lĂ€sst) vermuten, daß auch dieser so selbstbewußt (selbstbewusst) wirkende,(kein Komma) und bei allen GĂ€sten so beliebte Mensch ein soziales Problem hat. Doch das ist ja nun auch kein Trost.
Genug jetzt(Komma) Lara! Reiß Dich (dich) am Riemen. Den Tag schaffst Du (du) jetzt auch noch.
Die Wohnung wird jetzt langsam wĂ€rmer. Draußen ist es trĂŒb und regnerisch. Zum GlĂŒck kein Schnee. Sie liebt Schnee, doch eine weiße Weihnacht wĂŒrde ihre Melancholie ins UnertrĂ€gliche steigern. Nachdem sie einen starken, heißen Tee getrunken hat, zieht sie sich ihre Jacke an. Sie wird jetzt das erste Mal seit Heilig Abend ihre Wohnung verlassen, um an der Tankstelle Bier zu kaufen. Ohne Alkohol hĂ€lt sie diese Einsamkeit nicht aus.
Ja, gut. Ich bin einsam. So viele Menschen sind einsam. Das ist traurige RealitÀt heutzutage.
Als sie die Treppe herunterlĂ€uft (hinunter lĂ€uft), hört sie im ersten Stock GelĂ€chter und Kinderstimmen. Es riecht nach BratĂ€pfeln. WĂ€hrend sie im Hausflur ihr Fahrrad aufschließt, laufen ihr wieder TrĂ€nen ĂŒbers Gesicht. Verdammt, was ist nur los mit mir? Mit einer energischen Handbewegung wischt sie sich ĂŒbers Gesicht und öffnet die HaustĂŒr.
Eiskalt ist es und kaum eine Menschenseele unterwegs. Sie radelt los, genießt die kalte Luft und die außergewöhnliche Ruhe auf der Straße. Sie biegt in eine kleine Nebenstraße, nimmt aus den Augenwinkeln etwa dunkles am Straßenrand wahr, und erreicht den sonst so belebten Platz an der Kreuzung zweier Hauptstraßen. Dort leuchtet ihr auch schon die Tankstelle entgegen.
Ein gelangweilter, gepiercter und tĂ€towierter Kleiderschrank steht an der Kasse. ACDC kreischen aus den Lautsprechern. Sehr sympathisch, findet Lara. Er kassiert ab, ohne sie eines Blickes zu wĂŒrdigen.
„Fröhliche Weihnachten!"(Komma) sagt sie, und geht lachend nach draußen. Das wĂ€re ein Mann fĂŒr mich. Noch immer an die vor Zorn glĂŒhenden Augen denkend, fĂ€hrt sie denselben Weg zurĂŒck. In der kleinen Seitenstraße fĂ€llt ihr Blick auf einen Tannenbaum im Straßenrand. Sie hĂ€lt an.
„Das gibt es doch nicht!"
Schon immer, auch in der Zeit(Komma) als sie Weihnachten noch mochte, hat sie es gehasst (gehasst), wenn die Leute direkt nach den Feiertagen ihre noch dicht benadelten, gesunden BĂ€ume einfach aus dem Fenster warfen oder anderweitig entsorgten. Diese BĂ€ume wurden extra gezĂŒchtet, damit die Menschen ihre Tradition leben konnten. Aus ihrer Kinderzeit kannte sie das noch so, daß ihr Vater eine Tanne im Wald ausgrub - mit Wurzel - und sie dann nach Weihnachten im Garten wieder einpflanzte. Manchmal konnte man denselben Baum bis zu dreimal nutzen. Gut, in Berlin hat nicht jeder einen Garten, und in den Balkonkasten kann man ihn ja schlecht pflanzen, aber wenn schon, dann soll er doch mindestens bis zum sechsten Januar in der Wohnung und Mitglied der Gemeinschaft sein. Schließlich gibt er sein Leben dafĂŒr. Und jetzt liegt hier schon einer am zweiten Weihnachtstag!
Fassungslos schaut sie auf den Baum(Komma) der da hilflos im Rinnstein liegt.
Eine kleine Schönheit. Klein zwar, doch mit dichtem Nadelwuchs und ebenmĂ€ĂŸig gewachsen(Punkt) Ein angefressener Döner und zwei zerknĂŒllte Servietten oder TaschentĂŒcher hĂ€ngen in seinen prĂ€chtigen Zweigen. Wer macht denn so etwas? Ihr Herz ist erfĂŒllt von Wut auf die Menschen und voller Mitleid mit dem Baum. Ohne groß nachzudenken stellt sie ihr Fahrrad an eine Hauswand, befreit den Baum mit spitzen Fingern von dem Döner und den Servietten und stellt ihn auf. Und nun?
Sie schleift den Baum zum Fahrrad. Irgend jemand muß das Rad halten, damit ich ihn auf den GepĂ€cktrĂ€ger legen kann. Nur ist hier leider niemand. Da sieht sie hinten am Ende der Straße vor dem Puff vier junge TĂŒrken stehen. Sie nimmt allen Mut zusammen, lehnt den Baum an die Hauswand und geht zu ihnen rĂŒber.
„Entschuldigung(Komma) kann mir einer von Euch (euch) helfen."
Sie von oben bis unten begutachtend werden erstmal SprĂŒche auf tĂŒrkisch ausgetauscht.
„Was ist denn los(Komma) schöne Frau?"
Sie erklĂ€rt ihre Situation. Sie lachen - wieder tĂŒrkischsprachiger Austausch - doch zwei von ihnen gehen mit ihr zu Baum und Rad.
„Frohes Fest dann noch!"(Komma) wĂŒnscht einer und auch sie muß lachen.
Sie schiebt das Fahrrad mit dem Baum auf dem GepĂ€cktrĂ€ger nach Hause. Hier bietet sich das gleiche Problem, doch keine Hilfe. Also wirft sie den Baum auf den Boden, trĂ€gt das Rad in den Hausflur, schließt es ab und wuchtet dann die Tanne durch den Hausflur in ihre kleine Wohnung.
Das (Dass) ihre (heißt es nicht der Ficus) Ficus eingegangen ist, darĂŒber war sie sehr traurig, doch jetzt hat sie diesen großen Blumentopf. Der Baum hat zwar keine Wurzeln mehr, aber sie schĂŒttet trotzdem Erde in den Topf, damit er stehen kann.
Nachdem sie die Tanne eingepflanzt, ans Ende ihres Zimmers plaziert,(kein Komma, aber Leerfeld)und den Boden mit dem Staubsauger von Erde befreit hat, lĂ€ĂŸt sie sich erschöpft auf die Couch fallen. Sie nimmt ein Bier aus dem Rucksack, öffnete (öffnet, sonst Zeitsprung) es mit den ZĂ€hnen und prostete (prostet) dem Baum zu:
„Herzlich willkommen(Komma) mein Lieber! Tja, wir beide haben wohl mindestens eins gemeinsam, oder? Wir hassen Weihnachten."
Sie trinkt ihr Bier und schaute den Baum an. Irgendwie hat sie das GefĂŒhl, das (dass) er noch ĂŒppiger geworden war, und die AtmosphĂ€re im Raum ist anders. Sie fĂŒhlt sich wohl. Trinkt noch ein Bier.
Ach(Komma) das Leben ist schön. Und ich schaff das schon. Und du(Komma) lieber Baum(Komma) nimmst zwar verdammt viel Platz weg, aber auch Du (du) hast ein Recht auf ein Zuhause.
Sie muß eingeschlafen sein. Nein - sie schlĂ€ft noch und trĂ€umt Das kann doch nicht sein! Sie setzt sich auf, zwickt sich - doch es bleibt.....
Ihr Baum ist geschmĂŒckt. Mit Holzfiguren, Äpfeln, NĂŒssen und Schokokringeln. Rotes Lametta glitzert. Die Luft ist erfĂŒllt mit DĂŒften nach Orangen und - Braten?
Sie lĂ€uft in die KĂŒche - und tatsĂ€chlich schmort in ihrem Backofen ein großer Schweinebraten. Auf dem Herd kochen Rotkohl und Kartoffeln.
„Was ist das? Wer war das?"
Sie geht zurĂŒck ins Zimmer. Jetzt erst sieht sie, daß es geschmĂŒckt ist mit Blumen und BlĂ€ttern. Mistelzweige hĂ€ngen von der Decke, Kerzen leuchten ĂŒberall. Ihr Tisch ist gedeckt fĂŒr fĂŒnf Personen.
Das gibt’s doch nicht. Ihr Kopf rauscht. Sie hat Angst und sie freut sich und sie ist traurig – weil(Komma) wer sollte mit ihr essen.........
Das Telefon klingelt. Sie erstarrt. Es klingelt. Ich geh nicht ran. Doch sie hat vergessen(Komma) den AB anzustellen. Es hört nicht auf zu klingeln.
„Ja?"
„Lara! Liebe Lara! Ich bins(Komma) Birgit!"
Ihre alte Freundin Birgit.
Seit langer Zeit haben sie nichts mehr voneinander gehört. Jemand hatte Lara erzÀhlt, sie sei jetzt erfolgreiche Architektin.
„Birgit! Hallo! Wie geht es Dir (dir)?"
„Lara, es ist Weihnachten und ich fĂŒhle mich so alleine. Die ganze Zeit habe ich ausgehalten. Doch - ich muß jemanden sehen. Ich denke schon lange an Dich . Ich hoffe, Du bist nicht sauer(Komma) das (dass) ich mich ausgerechnet jetzt melde....."
„Birgit, nein(Komma) ich freue mich maßlos. Komm doch vorbei. Ich habe gerade Schweinebraten im Ofen. Laß uns einen schönen Abend verbringen."
„ (Leerfeld zuviel)Ist das Dein Ernst? Aber Du erwartest doch bestimmt GĂ€ste. Störe ich da nicht?"
„Du störst ĂŒberhaupt nicht. Und ich erwarte keine.......doch(Komma) jetzt erwarte ich ganz liebe GĂ€ste."
„Gott ist das schön. Bis gleich - ich freu mich so!"
Lara legte auf und konnte es nicht fassen. Sie hatte Birgit seit vier Jahren nicht gesehen.
Das Telefon klingelte (die vier machen einen Zeitsprung) wieder.
„Lara. Klaus hier. Du erinnerst Dich?"
Wie könnte sie sich nicht erinnern! Es ist ein Wunder! Birgit, Klaus, Lucie, Peter und Lara waren damals unzertrennlich. Die innigste Bindung hatte sie an Birgit. Das hat auch am lĂ€ngsten gehalten. Doch sie haben sich alle geliebt. Und dann hat die Zeit, der Alltag, die AnsprĂŒche sie voneinander getrennt.
Lara hat gehört(Komma) das (dass) Klaus, Anwalt mit gut laufender Kanzlei, sie verachtete, weil sie es nicht geschafft hat(Komma) aus ihrem Leben etwas zu machen.
„Du, ich mußte heute so sehr an Dich denken. Ich weiß(Komma) das kommt sehr plötzlich, und Du hast bestimmt was vor, schließlich ist Weihnachten. Aber hast Du nicht Lust darauf, daß wir uns mal wieder(getrennt)sehen?"
„Klaus, Lieber. Und wie ich Lust darauf habe. Komm vorbei. Ich habe Schweinebraten im Ofen. Bring Wein mit und wir machen uns einen schönen Abend. Birgit kommt auch."
„Was? im (Im) Ernst? Oh mann (Mann), das ist ja verrĂŒckt. In einer Stunde bin ich da. Ich freu mich."
„Ich mich auch. Ich hab sogar einen Weihnachtsbaum!"
„Das gibt’s nicht. Doch noch sentimental geworden auf die alten Tage?"
„War ich doch schon immer. Außerdem hat er mich und (nicht) ich ihn gefunden,(besser Punkt)"
„Aaaaah ja. Ich merk schon, Du bist immer noch so schrĂ€g wie damals. Ich könnte heulen. Ich hĂ€tte nie gedacht, daß Du mir noch so vertraut bist. Bis gleich, SĂŒĂŸe."
Sie legt auf. Starrt den Baum an, die ganze Wohnung. Ein Traum, es kann nur ein Traum sein.
Da sieht sie das PĂ€ckchen unter der Tanne liegen.
Es ist in dunkelrotem (dunkelroten) Samt gewickelt, verziert mit einer goldenen Seidenschleife.
Sie setzt sich in den Schneidersitz und fĂ€ngt langsam an, das Geschenk auszupacken. Nachdem sie den Samt entfernt hat, kommt ein einfacher weißer Karton zum Vorschein. Sie öffnete den Deckel und darin liegt.....
ein großer, goldener Engel und zwinkert ihr zu.

Das Telefon klingelt wieder.


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Das Buch soll die Axt sein fĂŒr das gefrorene Meer in uns. (Franz Kafka)
Einfach zum Heulen schön!
Ganz lieb grĂŒĂŸt

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liebe flammarion,

ja, ich weiß, ich bin eine lahme ente, aber jetzt ist ja bald weihnachten und ich hab endlich die olle kamelle, die du liebenswĂŒrdigerweise wieder ausgegraben hast etwas verĂ€ndert.
etwas langatmig ist sie ja noch immer, aber nun...
vieleicht etwas besser.

lg
chrissieanne
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