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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Wunder von Bern und die deutsche Krankheit
Eingestellt am 24. 10. 2003 13:41


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dubidu
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Der Ex-Fußballprofi Wortmann hat ein fantastisches Kino-Kunstwerk geschaffen. Der Film ist Medizin fĂŒr die kranke deutsche Seele und wunderbare Unterhaltung fĂŒr die ganze Familie. Und darum geht es im Grunde auch; denn im Mittelpunkt steht nicht der Fußball, sondern die großartige Nachkriegsfamilie Lubanski. Sofort verlieben wir uns in die Darsteller: in die sanfte und energische Mutter und Wirtin, die mit viel Geschick und GefĂŒhl den schwierigen Zeiten trotzt. Dann mögen wir den großen Sohn, der den Vater ersetzt und mit Klavierspielen zum Haushaltsgeld beitrĂ€gt. Und auch die Tochter gefĂ€llt uns, die ihrer Mutter eine große Hilfe im Haushalt und in der Kneipe ist. Und am meisten lieben wir natĂŒrlich den elfjĂ€hrigen Matthias, der sich mit Zigarettendrehen und als TaschentrĂ€ger vom >Pott-Urgestein< Helmut (Boss) Rahn durchs karge Essener Nachkriegsleben schlĂ€gt. Nach Vater Richards RĂŒckkehr aus der Kriegsgefangenschaft scheint sich alles zu Ă€ndern.

Wir spĂŒren nun die Konflikte, die entstanden sind, als die VĂ€ter aus der Gefangenschaft zurĂŒckkehrten. Gebrochen, krank und verbittert versuchen sie ihre ehemalige Rolle wieder zu finden. Aber nichts ist mehr so, wie es war. Ihre AutoritĂ€t wird angezweifelt. Die allein von der Mutter erzogenen Kinder verweigern ihrem Vater, der als Verlierer zurĂŒckkehrt, den nötigen Respekt.

Der Film ist eine Huldigung an die TrĂŒmmerfrauen, deren MĂ€nner verschollen waren oder in sibirischen Lagern (ver)hungerten. Mutige MĂŒtter, wie Frau Lubanski, die in den Zeiten der Not eine Kneipe aufmachte. Jeder Ă€ltere Zuschauer hat noch Nachkriegsbilder im Kopf. Auch ich als SpĂ€twirtschaftswunderkind: Bilder, wie meine Großmutter ein altes Radio verscheuert, dann mit dem Erlös einen GetrĂ€nkehandel finanziert und nebenbei noch zwei Kinder großzieht. Der Film zeigt, wie Frauen die alten Ideale >AutoritĂ€t und Gehorsam< durch Nachsicht und Respekt ersetzten und das Familienleben reformierten.

Wortmann achtet auf Details: die Fahrzeuge, die alte Kneipe, das BĂŒgeleisen, der Kohlenstaub im Pott – alles wirkt echt. Auch die damaligen Fußballszenen wurden exakt nachgedreht. Apropos Fußball. Die Kriegsschmach lastete noch schwer auf dem nationalen Bewusstsein. Wortmann zeigt dies in einer kurzen fast beilĂ€ufigen Szene. Gebannt starren die Zuschauer auf den Fernsehschirm. Deutschland liegt >null zu zwei< zurĂŒck. Ein Gast verabschiedet sich aus der Kneipe mit den Worten: „Wir verlieren immer; den Krieg haben wir verloren, jetzt verlieren wir auch das Endspiel.“ Eine typische Haltung, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Es offenbart sich die verwundete deutsche Seele.

Wie sich die Zeiten gleichen: Auch heute noch zieht vor jedem großen Fußballturnier ein Wehklagen durchs Jammerland. Überall steht geschrieben, wie schlecht das deutsche Nationalteam ist. Aber nur ein einziges Land stand sieben Mal im Endspiel: 1954, 1966, 1974, 1982, 1986, 1990, 2002. In Deutschland sind die GlĂ€ser eben immer halbleer statt halbvoll. Dennoch: die deutsche Krankheit schien nach dem Wunder von Bern geheilt zu sein. Ein Ruck ging durchs Land. Das Wirtschaftswunder stand vor der TĂŒr. Deutsche durften wieder stolz sein.

Und heute: Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Stagnation, leere Kassen, miese Stimmung. Die Angst geht um. Niemand spricht darĂŒber, dass der Fußballvizeweltmeister mal wieder Exportweltmeister geworden ist. Nach dem Film kam mir ein Gedanke: Wir brauchen wieder ein Wunder: Das Wunder von Berlin.

__________________
Die TollkĂŒhnheit des Schreibers und sein spontanes BedĂŒrfnis nach Wahrheit mĂŒssen allemal grĂ¶ĂŸer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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Waldemar Hammel
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Ein Wunder muss her?

Eine gelungene, lebendige Beschreibung, die feeling "rĂŒberbringt", und eine Fleißarbeit, sich so liebevoll mit dem Thema zu beschĂ€ftigen.

Aber dann zynische Fragen:
Die TrĂŒmmerfrauenIdyllen als nostalgisches Refugium?
Die deutsche Seele verletzt? Och, das tut mir aber leid, das arme deutsche Seelchen. Und dann hats auch noch den Krieg verloren, wo das doch so ein schönes Heimspiel werden sollte, genau wie Fussball: Ein Spiel. Ein Spiel? Der Krieg mit 50Millionen Toten? Von Deutschland gnadenlos und völlig seelenlos angezettelt und dann grausamst durchgefĂŒhrt. Und weil verloren, ist das Seelchen verletzt und traurig? Und was wĂ€re gewesen, wenn gewonnen? Dann heut noch Jubel wie auf'm Rummel?
Und Wunder? Ja, haben wir denn noch nicht genug von sowas? Schon wieder Wunder und Wunderwaffen? Das Wunder an der Marne, das Wunder von Bern, bierstinkend, erbsensuppengÀrig, und jetzt hoffen auf "ein Wunder von Berlin"? Auf diesem alten blutigen Grund, den nur eine historisch völlig instinktlose und skrupellose Machtelite erneut als Herrschaftssitz wÀhlen konnte?

Aber vielleicht passts doch: Das vielleicht mal gewesene Land der Dichter und Denker zu PISAnern cretinisiert und jetzt ein Volk von esoterisierenden Mystikern und wunderhoffenden Spinnern.
Und Fussball, jenes dÀmliche, geistlose Brot und Spiele, baut die Volksseele auf?

"krauts_fairy_tales" oder "fritz_philosophies" in cancelbunny-country...

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LuMen
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Wer hat Angst vor W. H.?

Hallo dubidu,

ich habe den Film noch nicht gesehen, aber durch Deine engagierte Kritik Lust darauf bekommen! Laß Dich nicht von unserem "Rauhbein" W. H., der offenbar die Nachfolge von "Margot" anzutreten gedenkt (oder ist erÂŽs gar?)irre machen. W. H. begibt sich mit dieser pauschalen Schimpf- und Beleidigungskanonade auf das "Bild"-Niveau der letzten Wochen. Er bliebe besser bei der Erörterung astro-physikalischer, intergalaktischer Ufo-Problematik (lesenswert seine BeitrĂ€ge dazu).
Mag sein, Du hast Dich ein bißchen zu tief ins Nostalgische fallen lassen, aber im Grunde ist gegen Deine Schlußfolgerungen nichts einzuwenden. Ein solches "Wunder" wie damals, wo alle die Ärmel hochkrempelten und in die HĂ€nde spuckten, kĂ€me uns heute gerade recht. Leider scheinen die vergleichbaren JahrgĂ€nge der Gegenwart nicht den Mumm dazu zu haben, weil sie bisher vom Leben viel zu sehr verwöhnt worden sind und lieber weinerlich lamentieren. Davon sind unsere Politiker zu großen Teilen nicht ausgenommen.

Ich wĂŒnsche Dir trotz der schlechten Zeiten ein schönes Wochenende!
LuMen

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jon
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MODERATOREN-BITTE:
Bitte nicht (allzu) bissig werden und vor allem nicht einander beißen. Ich mag keine Maulkörbe austeilen mĂŒssen



DISKUSSIONS-BEITRAG:
NatĂŒrlich ist Krieg kein Spiel, so wenig wie Wirtschaft und Politik Spiele sind. Das meint der Text auch nicht, jedenfalls hab ich das nicht garin gelesen. Was ich gelesen habe, ist der Effekt, dass „man“ in schlechten Zeiten ĂŒber jeden Erfolg jubelt – egal, ob es um eine "wichtige Sache" geht oder nicht. Im Idealfall gibt so ein Erfolg Kraft, Kraft, auch die "wichtigen Sachen" mit (neuem) Elan in Angriff zu nehmen. Die Kunst besteht – wie der Text ja andeutet – (auch) darin, sich die Erfolge zu suchen, statt auf den einen Erfolg zu warten



aber der Bogen von "Das Wunder von Bern" zu "Das Wunder von Berlin." scheint auch mir ein wenig zu weit gespannt. Vielleicht fehlen auch nur ein paar tragende (Argumentations)SĂ€ulen darunter. „Das Wunder von Bern“ war ja wohl das Ergebnis von „sich aus Spaß an der Freude fĂŒr etwas eigentlich Nutzloses engagieren", wĂ€hrend „das Wunder von Berlin" offenbar die „BewĂ€ltigung (gewissermaßen) gesellschafts-lebensnotwendiger Probleme" sein soll – zwei völlig verschiedene Dinge also.

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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Franktireur
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Ein Wort an Waldemar

...ehemals Dichter und Denker, heute ein Volk
von esoterisierenden Mystikern...

Ist es Dir entgangen, daß die ersten "deutschen"
Dichter und Denker religiöse Menschen waren?
Daß die "deutsche" Mystik zu den wichtigsten
Förderern und Erweiterern der deutschen Sprache
gehört, die Begriffe in die deutsche Sprache
eingebracht hat, ohne die das Denken der deutschen
Denker und Dichter gar nicht denkbar wÀre?

Ein bißchen weniger Polemik tĂ€te gut...
Besonders, wenn sie solch einen "Rundumschlagcharakter"
aufweist, wie es bei Deiner Kritik der Fall ist, und so schlecht durchdacht ist.

Besinne Dich doch auf Deine StÀrken.

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LuMen
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bissig?

Hallo jon,

ich nehme Deine "RĂŒge" zur Kenntnis und mir zu Herzen. Aber es fĂ€llt schwer, wenn Waldmar (gekonnt!) seine Breitseiten der Negativ-Kritik abfeuert, nicht mit gleicher Munition zurĂŒckzuschießen. Ich glaube aber, er akzepziert das auch.

In der Sache scheint mit die Assoziation "Bern" - "Berlin" gar nicht so fernliegend zu sein. Daß es sich um zwei ganz verschiedene Dinge handelt, spricht nicht dagegen. Die waren damals genau so verschieden, und gerade das war ja das Erstaunliche, daß von dem "banalen" Fußballereignis der große Ruck auch auf den anderen - lebenswichtigen - Gebieten ausging! Wichtig ist, daß es ĂŒberhaupt zu diesem Ruck kommt, nicht, was ihn ausgelöst hat.

Gruß
LuMen

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