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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das andere Mädchen
Eingestellt am 03. 12. 2015 14:58


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Namenstag
Festzeitungsschreiber
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DAS ANDERE MÄDCHEN

Jessica rannte um ihr Leben. Wenige Meter entfernt war die Gestalt plötzlich hinter einem Baum hervorgetreten. Das Mädchen hatte nur eine schattenhafte Bewegung aus dem Augenwinkel wahrgenommen, aber blitzschnell reagiert. Jetzt schaute die Vierzehnjährige gehetzt über die Schulter, ohne auch nur für den Bruchteil einer Sekunde langsamer zu werden. Da stand der Mann! Reglos, einer massigen Statue gleich, deren Konturen im dichten Nebel verschwammen. Und doch erkannte sie ihn. Schon einmal hatte er ihr aufgelauert, hatte sie gepackt. Jessica war keins dieser dummen kleinen Mädchen, das in einer solchen Situation einfach losgeschrien und dadurch alles noch schlimmer gemacht hätte. Sie hatte den, der ihr Handgelenk mit hartem Griff umfasste, offen und freundlich angelächelt und ihm versprochen, all das zu tun, was er von ihr verlangte. Da hatte er sie losgelassen und sie war entkommen. Da sie aber ihre Versprechen nicht gehalten hatte, jagte er sie nun. Und ein zweites Mal würde sie ihn nicht hereinlegen können. Dafür wusste er nun viel zu gut über sie Bescheid.
Jessica wich geschickt den Bäumen, Sträuchern, Brombeerranken aus, die vor ihr aus dem nassen Grau auftauchten, erreichte den Weg. Schwer atmend blieb sie stehen.
Schritte! Mit katzenhafter Geschmeidigkeit wich Jessica wieder ins Unterholz zurück, verharrte reglos, hielt den Atem an.
Jetzt blieb auch der Mann in einiger Entfernung erneut stehen. Langsam wandte er sich in die eine, dann in die andere Richtung. In ihre! Witterte er ihre Angst? Unsinn! Menschen witterten nicht. Nur ruhig. Und leise! Es wäre das Ende, wenn er sie entdeckte.
Jessicas Lunge schrie nach Luft! Aber auch der leiseste Atemzug konnte sie verraten. - - -
Der Mann ging weiter! Das Geräusch seiner eiligen Schritte wurde schnell leiser. War nicht mehr zu hören.
Jessica schnappte mit weit aufgerissenem Mund nach Luft, atmete, trank sie gierig in sich hinein, ließ das so knapp gerettete Leben durch den ganzen Körper strömen, spürte es mit allen Sinnen so intensiv wie nie zuvor. Es war ein unbeschreibliches Gefühl! Besser noch als das, was die bunten Pillen mit einem machten, die auf dem Schulhof für Geld von Hand zu Hand gingen, während die Lehrer beide Augen zudrückten. Sie hatte die nur einmal probiert, hatte gesehen, was aus denen wurde, die nicht damit aufhören konnten. Nur noch Matsch in der Birne! Besser man vertickte das Zeug, statt es selbst zu schlucken!
Bevor Jessica weiterging, lauschte sie noch einmal angespannt in die Stille. Aber da war nur das jetzt langsam beginnende rhythmische Pochen des Wassers, das von den tropfenschweren Blättern fiel.

Der Mann hatte sich beeilt weiterzukommen, glaubte offenbar, sie hätte einen Vorsprung und er müsse sie einholen. Der Idiot! Er verschaffte ihr den Vorsprung gerade selbst. Was für ein Trottel er doch war! Schon immer gewesen war. Fast hätte Jessica laut über ihn gelacht. Aber wenn er noch nicht ganz außer Hörweite war, wäre sie selbst die Idiotin gewesen. Sie freute sich besser leise. Freude? Es war grenzenloser Triumph! Zumal es nicht ihr Fehler war, dass ausgerechnet heute nicht alles so lief, wie sie gedacht hatte. Sie war eine Stunde früher hier gewesen als sonst, damit er ihr nicht wie neulich, in einigem Abstand folgen und sie dabei nicht aus den Augen lassen konnte. Woher hätte sie wissen sollen, dass auch er – aus welchem Grund auch immer – diesmal früher dran sein würde als sonst? Nur ein wenig, aber es wäre um ein Haar zu früh gewesen. Nun, das Verhängnis, das ihn treffen sollte – und nun auch würde – hätte beinahe zuerst sie selbst ereilt. Denn sie glaubte ihn gut genug zu kennen, um auch jetzt noch keine Sekunde lang daran zu zweifeln, was geschehen wäre, wenn er sie in diesen Minuten eingeholt hätte.

Jessica war zuhause. Schnell raus aus den nassen Klamotten, rauf in ihr Zimmer die teuren Markenlaufschuhe und alles versteckt, was die Mutter nicht sehen durfte. Dann beugte sie sich, nach und nach immer ruhiger atmend, ganz braves Mädchen, über die Schulaufgaben. Die Mutter würde sie loben, wenn sie gleich von der Arbeit heimkam. Schrecklich! Jessica brauchte keinen Ansporn. Sie wusste, was sie vom Leben wollte. Und dass sie es nur bekam, wenn sie etwas dafür tat. Auch Unangenehmes wie zum Beispiel Hausaufgaben erledigen. Zum Beispiel. Sie nahm ein „Sind sie zu stark, bist du zu schwach“ in den Mund. Die Schärfe betäubte Gaumen und Zunge.

Ein anderes Mädchen war nicht nachhause gekommen.

Die Suche begann in den späten Abendstunden. Am nächsten Morgen durchstreiften Polizeitrupps mit Spürhunden die umliegenden Wälder. Um 10:15 Uhr wurde der Fund gemeldet und der Arzt stellte den Tod fest
Die Spurensicherung fand nicht viel, aber Entscheidendes. Die Tatwaffe, Schuhabdrücke von ungefähr Größe 47 und – vor allem – winzige Blutflecke, die dem Anschein nach wegen ihrer Verteilung nicht vom Opfer stammen konnten. Dort, wo dem Muster nach ein mit bloßem Auge sichtbarer Blutfleck hätte sein können, fehlte ein Stück aus der Sporthose des Mädchens. Ganz offensichtlich der Versuch, Spuren zu beseitigen.
Die Obduktion erbrachte, dass keine sexuelle Gewalt ausgeübt worden war.
Dazu wollte nicht passen, dass das Mädchen halbnackt dagelegen hatte.

Einzig mögliche Erklärung: Der Mörder war gestört worden! Also gab es einen Zeugen!
In diese Erkenntnis mischte sich Zorn. Warum hatte der Zeuge den Mord nicht verhindert? Warum war er stattdessen offenbar geflohen? Zu feige? Zu schwach vielleicht? Nun, sein Gewissen würde ihn bis ans Ende seiner Tage quälen, und das und nichts Geringeres hatte er auch verdient! Man würde ihn außerdem gar nicht mehr brauchen. Die DNA des Täterbluts würde ermittelt werden und der Kreis der Verdächtigen wurde durch die Größe der Schuhabdrücke am Tatort ganz wesentlich eingeschränkt.
Die ungewöhnliche Schuhgröße! – Niemand hatte es bisher ausgesprochen. Aber viele hatten es mit stiller Wut gedacht: Bertram. Manfred Bertram.
Das Gericht hatte ihn damals freigesprochen. Aber niemand, nicht einmal seine eigene Frau, hatte seinen Beteuerungen geglaubt, der Tod der älteren Tochter sei ein Unfall gewesen. Bertram wollte nichts bemerkt haben, als das Mädchen nicht weit von ihm entfernt ertrank. Er sei in die andere Richtung geschwommen, habe keinen Hilfeschrei gehört. Was für ein Unsinn! Menschen in Todesnot schreien immer um Hilfe. Alle waren überzeugt, dass Bertram seine Tochter entweder absichtlich ertrinken lassen oder sogar dabei nachgeholfen hatte. Das Mädchen hatte kurz vor seinem Tod Geschlechtsverkehr gehabt, aber niemand hatte es je mit einem Jungen gesehen. Der Vater musste sein eigenes Kind missbraucht haben. So wie es immer in den Fernsehkrimis war.

DNA-Test. Speichelprobe. Erfolg! Verhaftung.

Bertram hatte Jessica vorhin schon eine ganze Weile beobachtet, bevor sie ihn entdeckte. Als sie ihm davonlief, hätte er sie normalerweise wohl noch einholen können. Aber was gerade geschehen war, hatte ihn eine Menge Kraft gekostet. Ein Stück weit hatte er sich danach mehr vorwärts geschleppt als wie gewohnt zu gehen. Erst nach und nach schritt er wieder fester aus. Unbedingt hatte er Jessica finden wollen, hatte sie ja auch beinahe aufgestöbert. Aber er hatte nicht gewusst, wie nah er seinem Ziel gewesen war. Im Nachhinein – vielleicht musste er froh sein, dass es ihm misslungen war.
Er war noch einmal zurückgekehrt zum Ort des Geschehens, hatte rasch getan, was noch zu tun gewesen war. Ein paar Schritte war er rückwärts gestolpert und dann durch den Nebel davongehastet. Weg! Nur weg von hier! Immer wieder war er kurz stehengeblieben, um in das undurchdringliche Grau zu lauschen. Aber anscheinend war er nun allein gewesen hier im Wald. Allein? Und das tote Mädchen? Das zweite schon! Musste denn wirklich noch ein drittes Leben zugrunde gerichtet werden?

Endlich war er ungesehen, ja, zum Glück ungesehen, zuhause angekommen. Duschen! Umziehen! Das Blut abwaschen! Das Blut, das noch immer aus der tiefen Schramme quoll, die ihm von den Stacheln der Brombeerranken gerissen worden war. Was er angehabt hatte – auch die Schuhe, vor allem auch die Schuhe! – verbrennen! Noch heute! Sofort! Bevor sie kommen und es finden konnten! Und sie würden kommen! Bald! Sehr bald! Zu ihm! Zu ihm zuallererst!
Nur einen Stofffetzen verbrannte er nicht. Er hatte ihn aus dem Jogginganzug der Toten herausgeschnitten, weil sein Blut darauf getropft war. Fest schloss er die Hand um das Stück Stoff, atmete tief durch. Nur wenn alles schiefging, dann… Er war bereit dazu, aber natürlich hoffte er, dass es nicht so weit kommen würde. Vergeblich, wie er bald wissen sollte.

Bei der Vernehmung offenbarte Bertram bereitwillig Täterwissen. Es dauerte keine Stunde, bis seine Unterschrift das Mordgeständnis besiegelte. Merkwürdig nur, dass er sich weigerte, anzugeben, wo er den Ring des toten Mädchens versteckte. Es war ein besonders kostbares Stück mit einem Rubin, den der schwerreiche Vater der Kleinen ihr bei seiner letzten Besuchsrechtsausübung geschenkt hatte.
Vielleicht, so der Verdacht der vernehmenden Beamten, sah Bertram ihn als Trophäe.
Nun, Hauptsache er bekam Lebenslänglich mit Sicherheitsverwahrung.
Leider gab es Gründe, daran zu zweifeln. Bertram hatte beteuert, er habe das Mädchen nur betäuben wollen, um nicht durch dessen Schreie einen sich nähernden Spaziergänger aufmerksam werden zu lassen. Und in der Tat bestätigte der obduzierende Arzt, dass die Tatwaffe, ein Stein, mit relativ geringer Wucht den Kopf des Mädchens getroffen hatte: „Nicht so, als ob ein erwachsener Mann mit Tötungsabsicht zugeschlagen hätte.“ Es sei aber eine besonders verletzungsempfindliche Stelle an der linken Schläfe getroffen worden, sodass die geringe Wucht des Schlages dennoch tödliche Folgen gehabt habe.
Bertram erklärte zudem, er sei, nachdem er zunächst wegen des Spaziergängers das Weite gesucht hatte, noch einmal zurückgekehrt und habe, als er sein Opfer reglos vorfand, versucht, es wiederzubeleben, bis er habe einsehen müssen, dass unwiderruflich ein Mord geschehen war.
„Dass Sie gemordet hatten! Sprechen Sie es aus, damit Sie es begreifen!“, schrie der Vernehmende, und Bertram beeilte sich, es zu sagen.
„Der will auf „tätige Reue“ hinaus! Wird ihm hoffentlich nichts helfen!“, knurrte Inspektor Wasmann zu seinem Kollegen rüber.
„Ach was, im Knast machen sie den sowieso platt!“, antwortete der mit grimmiger Vorfreude.

Bertram kam in Untersuchungshaft, obwohl ja nichts mehr zu untersuchen war, aber alles musste eben einen Namen haben. Und eine Ordnung. Eine Ordnung, die nicht immer eingehalten wird. Zumal dann nicht, wenn man sie im Namen einer höheren missachtet. So auch die Gefängnisordnung, wenn es um die Ordnung in der Welt geht. Und die Welt ist erst wieder, halbwegs, in Ordnung, wenn zumindest das unerträglichste Böse aus ihr verschwunden ist. Dazu muss auch ein kleiner Gefängnisbeamter beitragen. Und dazu darf er auch Vorschriften missachten.
Bertram behält also entgegen einer dieser Vorschriften seinen ledernen Hosengürtel. In der folgenden Nacht wird er den beabsichtigten Gebrauch von diesem vielseitig verwendbaren Erzeugnis der Bekleidungsindustrie machen. Um sicherzugehen, wird man ihn erst eine Stunde später herunterschneiden.
Bis dahin aber ist noch etwas Zeit. Und Bertram besteht darauf, einem Priester zu beichten. Nicht dem Gefängnispfarrer. Er verlangt den Besuch des Pfarrers seiner Dorfgemeinde. Schließlich willigt man ein.

Mit hochrotem Kopf betritt der Kirchenmann die Zelle, nimmt widerstrebend Platz. Ihm rollt der Schweiß in dicken Perlen von der Stirn.

„Meine jüngere Tochter singt jetzt also auch in Ihrem Mädchenchor, Herr Pfarrer.“, beginnt Bertram.
„Wir sind hier nicht zum Plaudern.“, kommt es heiser zurück.
„Wie damals meine erste.“, fährt der Gefangene unbeeindruckt fort.
„Gewiss“, ein tiefer Seufzer des Seelenhirten, „Ihr armes totes Kind! Wollen Sie heute nun zwiefach Ihr Gewissen erleichtern, Herr Bertram?“
„Wäre das nicht ein unangemessener Rollentausch, „Hochwürden“?“
Der Pfarrer will sich erheben und gehen, aber seine Knie versagen ihm den Dienst. In seinen Ohren rauscht es, sein Hals wird ihm eng, als habe eine unsichtbare Hand den Gürtel darumgelegt, der später Bertram den letzten Atem abschnüren wird.
„Ihre… Ihre Jessica singt hervorragend.“, presst der Kirchenmann heraus.
„Das ist aber nicht alles, nicht wahr, Pfarrer?“
Der sackt auf seinem Stuhl zusammen.
„Sieh mich an, Du Schwein!“, zischt Bertram, „Meine Geschiedene hat vor einem Monat das Tagebuch unserer ertrunkenen Tochter in einem Geheimfach ihres Schreibtisches gefunden, als sie sich entschlossen hatte, ihr Zimmer nun doch leerzuräumen. Sie hat es mir zugeschickt, ohne hineingeschaut zu haben, weil sie von den „Schweinereien eines Kinderschänders und -mörders“ nichts lesen wollte. Aber ich würde gewiss meine „schwerste Anklage darin finden“. Ich habe gehofft, endlich den Grund für den Tod meiner Tochter zu erfahren. Und so war es auch. - Sie! Sie, „Hochwürden“ sind dieser Grund. Sie und Ihre unersättliche Geilheit auf kleine Mädchen! Meine Tochter hat gedacht, niemand würde ihr glauben. Und da hatte sie wohl Recht, was diese Idioten im Ort betrifft, nicht wahr?! Deshalb ist sie ins Wasser gegangen!
Neulich habe ich Jessica auf dem Schulweg abgepasst, habe sie gefragt, ob Sie auch ihr nachstellen. Erst wollte sie nicht mit mir sprechen. Ich musste sie hart anfassen. Da hat sie mir dann doch alles erzählt. Alles! Auch, wie es sie ankotzt, was Sie mit ihr getan haben! Ich musste ihr versprechen, mit niemandem darüber zu reden. Weil sie sich schämt. Vor allem aber, weil sie nicht riskieren will, dass die gottverdammte Dealerei an den Tag kommt, mit der Sie sie erpressen, Sie Mann Gottes! Ich habe ihr dann selbstverständlich das Versprechen abgenommen, sofort damit aufzuhören. Sie profitieren ja reichlich von dem schmutzigen Geschäft, das Jessica, wie ich inzwischen nun leider weiß, trotz ihres Versprechens weiter betreibt. Wenigstens das spricht für Sie, dass Sie ihr Gewissen mit Rauschgift betäuben müssen! Aber für das Zeug brauchen Sie längst mehr Geld, als Sie „verdienen“ und deshalb beuten Sie Jessica dreifach aus: sexuell, indem sie sie missbrauchen, finanziell, indem Sie Geld von ihr erpressen, mit dem sie sich Ihr Schweigen über die Dealerei erkaufen muss, und, was die Suchtmittel angeht, indem sie ihr den Teil einfach wegnehmen, den Sie für sich selbst brauchen! Das wäre alles immer so weiter gegangen, wenn Sie nicht in Ihrer Unersättlichkeit auch noch dem anderen Mädchen unter die Wäsche gegangen wären. Die spionierte aber gern und wusste längst um Jessicas schmutziges Geheimnis. Da hat sie Ihnen damit gedroht, die ganze Sache auffliegen zu lassen, wenn Sie sie weiter belästigen würden. Und sagt noch ganz spöttisch von oben herab zu meiner Tochter, sie brauche nicht „eifersüchtig“ zu sein, ob alter Sack oder süßer Junge, sie würde bestimmt mit keinem was anfangen, der mit einer aus`ner Proletenfamilie rumgemacht hat. Aber Sie konnten nicht anders, als der verzogenen Göre weiter nachzusabbern! Na ja, die kann Ihnen ja nun nicht mehr gefährlich werden!“
„Weil“, schluchzt der Pfarrer, „weil Sie das Mädchen erschlagen haben! Das einzige, das ich je wirklich…“
„Schweig! Sonst…“ Bertram holt aus.
Der Priester reißt die Hände schützend über den Kopf und wimmert.
„Feiges Schwein!“, spuckt Bertram verächtlich aus.
Da nimmt sich das Häufchen Elend vor ihm noch einmal zusammen und schreit, den knochigen Zeigefinger auf Bertram gerichtet: „Mörder! Du widerlicher Mörder! Du gottloses Vieh! Sie ist tot! Tooot! Oh Gott, sie ist tooot.“, er sackt schluchzend in sich zusammen.
„Das ist ihr Werk! I h r W e r k!“, schreit Bertram, schlägt die Hände vors Gesicht und ringt eine Weile stumm mit den Tränen. Als er sich wieder gefasst hat, fügt er leise, kalt und eindringlich hinzu: „Das Tagebuch ist in sicheren Händen. Wenn Sie auch nur noch einmal ein Mädchen anrühren, wird jeder es lesen. Schützen Sie sich selbst vor der Versuchung! Legen Sie Ihr Amt nieder und gehen Sie ins Kloster. Tun Sie dort Buße für den Rest Ihrer Jahre! Und ich hoffe, es werden noch viele sein!“
Der Priester flieht aus der Zelle, als wäre ihm ein ganzes Rudel Höllenhunde auf den Fersen. Auf dem Heimweg wird er beim Überqueren einer Straße von einem betrunkenen Autofahrer getötet. Der versichert ein ums andere Mal, der Geistliche wäre ihm aus dem Dunkel direkt vor den Wagen gelaufen. Es müsse Absicht gewesen sein. Natürlich glaubt ihm niemand, allein schon wegen seines Blutalkoholspiegels.
Besonders erschüttert ist man von den letzten Worten des Geistlichen, der geflüstert haben soll: „Zu ihr!“
Bis zuletzt, so nimmt man an, habe der Gottesmann an seine seelsorgerische Pflicht gedacht und der Tochter des Mörders, auf die, ebenso wie auf dessen Frau, viele mit Fingern zeigen würden, geistlichen Beistand leisten wollen.

Bertram sitzt noch eine Weile bewegungslos da, steht dann ruhig und gefasst auf und tut, was man von ihm erwartet. Aber nicht, weil man es von ihm erwartet. Er selbst hat sein Urteil gesprochen. Weil er versagt hat. Damals. Jetzt nimmt er die Schande, nimmt die Strafe auf sich, denn es darf kein zweites Mal geschehen!

Am nächsten Vormittag bringen zwei Beamte Jessica und ihrer Mutter die Nachricht, dass Bertram sich in seiner Zelle selbst gerichtet habe, und erwähnen auch den Tod des Priesters, den, diese Bemerkung kann sich der jüngere der beiden nicht verkneifen, die Beichte des Mörders wohl dermaßen erschüttert haben müsse, dass er auf dem Rückweg vom Untersuchungsgefängnis noch zu sehr damit beschäftigt gewesen sei und darum auf der Straße nicht Acht gegeben habe.
Auf der Rückfahrt zum Präsidium denkt der eine laut: „Ob das Schwein auch die Jessica missbraucht hat? Die schien doch erleichtert, wär’, glaub ich, am liebsten vor Freude in die Luft gesprungen, dass ihr Alter sich aufgeknüpft hat!“
„Ein Mörder halt! Hättest du gern so einen zum Vater?!“, fragt sein Kollege. – Na siehst du!“

Jessica sitzt an ihrem Schreibtisch. Ihre schmale Hand gleitet mit fast sinnlicher Geste in die Schieblade, wird an gewohnter Stelle fündig. Sie lächelt verträumt. Angst, Sorgen, Ekel – alle Probleme haben sich in Nichts aufgelöst. Mit leuchtenden Augen betrachtet das Mädchen den tiefrot glühenden Rubin.

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DocSchneider
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