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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das bittere Herz
Eingestellt am 16. 10. 2014 16:40


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Rafi
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Das bittere Herz

Als sein Vater ihn zum ersten Mal sah, war Marcello zwei Tage alt, und er lag in einem Sarg. Rosalindas ErklĂ€rung, dies sei kein glĂ€serner Sarg, sondern ein Brutkasten fĂŒr zu frĂŒh geborene Kinder, verstörte Antonio. „Er sieht ganz blau aus und hat Falten“, stellte er fest. „Seine Arme sind so dĂŒnn wie Streichhölzer. Und sieh nur seine Beine. Kaum krĂ€ftiger als mein Finger.“
Das war nun also die Frucht seiner Hoffnungen. Sein Sohn, sein Erbe, der Nachfolger fĂŒr „Dalla & Sohn“, auf den alle voller Sehnsucht gewartet hatten. Ein blaues StrickmĂŒtzchen von der GrĂ¶ĂŸe eines EierwĂ€rmers lag auf seinem winzigen Kopf, auf der kaum handbreiten Brust klebten Kabel, die zu seelenlosen Bildschirmen und Apparaturen fĂŒhrten. Ein Wurm war’s; kein Knabe, in dem Mann heranwuchs. Wie sollte diese Zerbrechlichkeit jemals einen Stein auf den anderen setzen?
„Du kannst ihn streicheln“, sagte Rosalinda. „Vorsichtig.“
Antonio blickte auf seine HĂ€nde. Rau waren sie und schwielig, von Sonne und Zement wie mit Leder ĂŒberzogen. „Er wĂŒrde aufreißen“, sagte er und wandte sich ab.

Marcello war mit einem Herzfehler geboren worden. SpĂ€ter, wenn er groß genug sein wĂŒrde, könne er nur mit einem fremden Herzen weiterleben. „Wenn er es bis dahin schafft“, hatte der Arzt gesagt. „Sie mĂŒssen fĂŒr ihn sorgen. Immer.“
Antonio Dalla war ein Mann, dem man nachsagte, er könne die Moniereisen fĂŒr den Betonguss mit bloßen HĂ€nden biegen. Seit er denken konnte, baute er HĂ€user, die viele Leben ĂŒberdauerten. Sein Vater hatte es ihm gezeigt, der wiederum hatte die Baufirma von seinem Vater ĂŒbernommen. „Dalla & Sohn“ stand fĂŒr UnvergĂ€nglichkeit. Seit Generationen fĂŒr Generationen. Ein ungeschriebener Vertrag, den das Schicksal nun durch eine zu frĂŒhe Geburt brach. So muss ich denn bauen, bis meine HĂ€nde zu alt sind, eine Schaufel zu halten, dachte Antonio. Weil der Herrgott mir einen Sohn untergeschoben hat, von dem ich mir niemals einen Ruhestand erwarten kann. Ein Kind, das zu nichts taugt.
An diesem Tage beschloss Antonio Dalla, kinderlos zu sein. Mochte Rosalinda sich kĂŒmmern, mochte sie Sorge tragen und Mutter sein. Er, Antonio, fĂŒhlte sich nicht als Vater. In seinem Herzen hatte er keinen Sohn.

So wuchs Marcello heran in dem Glauben, es gebe nur ihn und die Mutter. Der Mann, den er nur an den Sonntagen oder an den hohen Feiertagen im Haus sah, war ihm fremd. Und obgleich er ahnte, dass da eine Verbindung bestand zwischen ihm und dem Mann, wagte er nie, ihn anzusprechen, hoffte er nie auf eine BerĂŒhrung, bemĂŒhte er sich zu schrumpfen in seiner Anwesenheit. Dass dieser Koloss sein Vater war, wusste er aus den Worten Rosalindas; die Bedeutung des Begriffs jedoch entzog sich ihm.
Jede körperliche Anstrengung erschöpfte Marcello ĂŒber die Maßen. So lernte er erst im Alter von drei Jahren laufen, als er fĂŒnf war, konnte er seinen roten Plastikball gerade so weit werfen, dass er zehn erschöpfende Schritte benötigte, ihn wieder aufzuheben. Doch besaß der Junge eine Gabe, fĂŒr welche die pure körperliche Kraft unwichtig war: Marcello verstand die Sprache der Schwalben, und er summte die Lieder, die der Wind im Garten vor dem Haus ihm sang. Er sah, wie die Rose wuchs und er erkannte die traurigen Seelen in den fliehenden Wolken. Und all dies wusste er zu malen. Mit Kohle und mit Blei, mit Buntstiften und Wasserfarben erschuf er Bilder, die eine Wirklichkeit in sich trugen, wie sie nur von wenigen wahrgenommen wurde. Seine Bilder berĂŒhrten jene, die sie sahen, bewirkten ein inneres Zittern, ließen Freude empfinden und Schmerz, Trauer und wiedererweckte Liebe. Rosalinda war stolz auf ihren Sohn; sein Vater jedoch wusste nichts von der Welt, wie Marcello sie sah.
„Er ist klug“, sagte Rosalinda zu ihrem Mann, „seine Seele ist so zart. Vielleicht wird er eines Tages ein berĂŒhmter KĂŒnstler. Vielleicht ein Architekt, der die schönsten HĂ€user entwirft.“
Antonios Blick, voller Verachtung, stach sie wie ein Messer. „Wir malen keine HĂ€user“, sagte er. „Wir bauen sie.“

Er ging in die Taverne, wo die MĂ€nner sich am Abend trafen und mit Wein den Staub und den Schweiß aus ihren MĂŒndern wuschen.
„Tonio“, begrĂŒĂŸte ihn Matteo, der den Wein ausschenkte, „du verirrst dich selten zu uns. Seht nur, MĂ€nner, wir haben hohen Besuch. Antonio Dalla gibt uns die Ehre! Komm, Tonio, setz dich, trink!“
Antonio nahm das Glas und leerte es in einem Zug. „Gib mir mehr, Matteo. Heute muss ich trinken, damit meine Beine schwach werden, weil ich sonst davonlaufe. Und meine HĂ€nde sollen zittern, damit sie nicht zu FĂ€usten werden.“
Ein Glas nach dem anderen leerte er, und er sprach nicht dabei, und er suchte keines anderen Blick. Nur in sich hineinstarrend saß er da und fĂŒllte seine Gedanken mit Trunkenheit. BetĂ€uben sollte sie ihn und ihm Vergessen schenken.
„Ich habe dich nie mehr als ein oder zwei GlĂ€ser trinken sehen, mein guter Tonio“, sprach Matteo ihn an. „Es muss ein sehr bitterer Geschmack auf deiner Zunge sein, dass du nun so viel brauchst, um ihn loszuwerden.“
„All dein Wein wird nicht ausreichen, um diese Bitternis wegzuspĂŒlen“, meinte Antonio. „Sie liegt ja nicht auf meiner Zunge. Mein Herz schmeckt nach ihr, Matteo, mein Herz.“

Die Jahre ließen den Ort wachsen und die Straßen sich strecken und BrĂŒcken ĂŒber TĂ€ler sich spannen. Antonio baute mehr HĂ€user, als es sein Vater und sein Großvater zuvor getan hatten. HĂ€user aus Stein und aus Stahl, aus Zement und Holz, die allen Unwettern trotzten und in deren Mauerwerk es keine Risse gab und keine Feuchtigkeit. Als ein Erdbeben die Gegend erschĂŒtterte, waren es die HĂ€user von „Dalla & Sohn“, die stehenblieben; andere, schnell und lieblos errichtete, fielen zusammen, brachen auseinander. Ein Haus muss stark sein, war Antonios Überzeugung, und ein starkes Haus kann nur von einem starken Mann erbaut werden.
Marcello, inzwischen fĂŒnfzehn Jahre alt, wĂŒrde niemals ein starkes Haus bauen. Antonio stand verborgen hinter dem Fenster und beobachtete ihn, wie er im Garten saß, Löcher in die Luft starrte und malte. Langsam war der Junge, schmĂ€chtig und zerbrechlich. Stand er auf, keuchte er; tat er drei Schritte, hustete er; bĂŒckte er sich, um einen Stein oder einen KĂ€fer oder einen Grashalm zu betrachten, wurde sein Gesicht blau. Die Kinder des Ortes spielten auf der Straße Fußball. Sie jagten einander, lachten, schrieen mit hohen Stimmen: „Marcello, Marcello, komm heraus! Wir brauchen noch einen Dummkopf!“
Stiche waren’s in Antonios Ohren. Worte, die wie Gift in seinen Eingeweiden gĂ€rten. Doch waren es nicht die Kinder, denen sein Zorn galt. Die FĂ€uste zu HĂ€mmern geballt, sah er Marcello sich gemĂ€chlich abwenden und keine Miene verziehen. Warum wehrte er sich denn nicht? Warum nahm er denn alles hin? Geh, dachte Antonio voller Wut, geh hin und nimm dir den grĂ¶ĂŸten der SchreihĂ€lse und schlag ihm ein blaues Auge. Brich ihm den Arm, wĂŒrge ihn, erschieße ihn, wenn es sein muss! Ich gebe dir Großvaters Revolver!
Doch Marcello tat nichts. Hinters Haus schlich er, wo seine Stifte waren und seine Papierbögen. In welcher Farbe, dachte Antonio, malt man DemĂŒtigung? Warum nur, Gott, hast du mir das gegeben? So klein, so schwach – was soll ich denn damit?

In dieser Nacht stand Antonio in Marcellos Zimmer und betrachtete still den Schlafenden. Seine großen HĂ€nde öffneten und schlossen sich unaufhörlich, wĂ€hrend er den Puls unter der dĂŒnnen Haut am Hals des Jungen sah. Ein einziger Griff nur und der Schlag dieses schwachen Herzens wĂ€re zum Erliegen gekommen. Besser wĂ€r’s womöglich fĂŒr alle. Ein krankes Fohlen wird von der Stute verstoßen. Bricht sich ein Hund das Bein, so schlĂ€fert man ihn ein. Aus Barmherzigkeit, auch wenn sie grausam scheint. Besser wĂ€r’s womöglich, dieses Kind wĂ€re niemals lebend zur Welt gekommen. In einen Sarg hatte man es ja schon gelegt. Warum war es da nicht gestorben? Warum, Gott, nicht diese Barmherzigkeit?

„Sein Herz wird schwĂ€cher“, sagte Rosalinda eines Tages, als sie aus dem Krankenhaus in der Stadt kam, in das sie alle paar Wochen mit Marcello zur Untersuchung fahren musste. „Der Arzt sagt, es wĂ€chst nicht mit, so wie sein Körper wĂ€chst.“
Antonio schwieg.
„Er sagt, Marcello brĂ€uche eine neues Herz“, fuhr Rosalinda fort.
„Ein neues Herz? Wie soll man denn ein neues Herz bekommen?“, fuhr Antonio nun auf. „Man wird mit einem Herzen geboren, und wenn es stillsteht, dann stirbt man. So einfach ist das, Rosalinda, so einfach!“
„Der Arzt sagt, heute kann man auch ein fremdes Herz eingesetzt bekommen. Das wird oft gemacht, man muss nur jemanden finden, dessen Herz passt“, ereiferte Rosalinda sich. „Ein Spenderherz von jemandem, der verunglĂŒckt ist vielleicht. Eines, das die richtige GrĂ¶ĂŸe hat von jemandem, dessen Blutgruppe die gleiche ist.“
„Das Herz eines Toten?“
„Das Herz eines Menschen, der es nicht mehr braucht. Weil er doch auch mit seinem Herzen stirbt. Marcello aber – er kann leben, wenn er ein solches Herz bekommt!“
„Leben?“, rief Antonio verbittert. „Sag mir, was soll das fĂŒr ein Leben sein, das einen Toten braucht? Besser soll sterben, was schon lĂ€ngst tot ist, damit die Lebenden lebendig sein können!“
Rosalindas TrĂ€nen rĂŒhrten ihn. Doch war Antonio Dalla kein Mann, der TrĂ€nen trocknete, der tröstete. Zu grob waren seine Finger, um ĂŒber die Wangen einer Frau zu streichen, zu krĂ€ftig seine Arme, um einen zarten Leib zu umschließen.
„Hast du denn keine Liebe fĂŒr deinen Sohn?“, fragte sie.
„Habe ich denn einen Sohn?“, antwortete er und ging.

Als Antonio die Taverne betrat, verstummte das Lachen. „Gib mir Wein, Matteo!“
„Ein Glas oder eine Flasche? Wie soll’s denn heute sein, Tonio?“
„Gib mir ein Glas und stell keine Fragen.“
Antonio trank und schaute in die Gesichter der anderen MĂ€nner. Still waren sie, nur ihre Blicke waren laut. „Was ist – hat euch Matteos Essig die Zungen verĂ€tzt?“
Nur einer, dessen Augen bereits trĂŒb und dessen Zunge schwer war, lachte Antonio an. „Wir haben gerade ĂŒber deinen Sohn gesprochen. Dein Marcello – sag, warum sieht man ihn nie mit den anderen Burschen und den MĂ€dchen im Ort? Allein ist er Tag fĂŒr Tag. Hat keinen Freund und keine Braut, dein Marcello. Sitzt immer nur im Haus, als wĂŒrde deine Frau ihn hĂŒten wie einen Schatz, den niemand anrĂŒhren darf. Sag, Tonio: Ist er denn aus purem Gold, dein Sohn?“
„Was willst du mir sagen, Francesco?“
„Nichts. Nichts will sich sagen, Tonio. Wir fragen uns nur, wie’s weitergehen soll. Du weißt, die meisten von uns stehen bei dir in Brot und Arbeit. Und du wirst eines Tages nicht weiterarbeiten können. Was dann, Tonio? Was wird dann aus unseren Söhnen?“
Antonio nahm einen krĂ€ftigen Schluck des bitteres Weines. „Dann wird ein anderer euch und euren Söhnen Arbeit geben.“
„Aber dein Sohn wird es nicht sein. Einer wie er ist ja kein Chef.“
„Pass auf, was du sagst, Francesco“, meinte Antonio. „Ich gebe dir nicht das Recht, ĂŒber meinen Sohn zu reden.“
„Dein Sohn!“ Francesco lachte. „Es heißt, er sei ein KrĂŒppel!“
Mit einem Satz war Antonio bei ihm. Seine Hand umklammerte Francescos Hals, das nur noch ein Röcheln aus dessen Mund kam. „Niemand nennt meinen Sohn einen KrĂŒppel!“
Francesco versuchte, der Zange zu entkommen, doch seine harten SchlÀge in Antonios Bauch verpufften wie die eines Kindes.
„Was, wenn ich dir den Hals umdrehe? Schwingst du dann noch so große Reden, Francesco? Wage nie mehr, den Namen meines Sohnes in den Mund zu nehmen, hörst du! Und ihr anderen, ihr seid auch still!“
Er ließ den röchelnden Francesco fallen und ging ohne ein weiteres Wort. Wut verspĂŒrte er und Scham. Zum Gespött wurde er ja, zum Hanswurst. Doch hatten sie nicht recht, wenn sie sagten, der Junge sei ein KrĂŒppel? Was unterschied ihn, dessen Herz so schwach war, denn von einem, dem ein Bein fehlte oder ein Arm? Treten konnten beide nicht und auch nicht zuschlagen. Vorneweg laufen nicht und keine Steine heben.
Und doch – es war sein Sohn. Niemand hatte das Recht, sich ĂŒber ihn lustig zu machen. Mein Fleisch und Blut ist er, dachte Antonio, dagegen kann ich nichts tun. Und ob er nun das Herz eines Ochsen hat oder das eines MĂ€userichs, so ist es doch auch mein Herz. Wenn nur das Leben einen Platz hĂ€tte fĂŒr einen, der mit den Schwalben spricht und mit dem Wind singt; fĂŒr einen, der mehr Geist ist denn Körper, mehr Denken denn Tun. Wenn nur ich einen Platz fĂŒr so einen hĂ€tte.

Das Haus lag dunkel und still. Antonio hörte den Atem des Jungen, der zu flach ging und zu schnell. Er sah im Mondschein Marcellos Gesicht, welches in seiner durchscheinenden BlÀsse wirkte wie das eines der Engel, die von den bunt bemalten Fenstern der Kirche Santa Ana auf die Betenden herablÀchelten. So rein und verletzlich, die Haut wie Seidenpapier, die Wimpern schwarz und lang unter einer hohen Stirn.
Kann denn ein Engel Schande bringen?, dachte Antonio. Reicht denn ein einziges Herz, um mit seiner SchwÀche alle Hoffnung zunichte zu machen, die aus alter Tradition geboren ist? Wie kann ein zartes Wesen, das einem glÀsernen Sarg entkommen ist, eine Welt aus Steinen und Beton in Schutt und Asche legen? Das darf nicht sein! Die Familie Dalla ist eine starke. Und sie soll bestehen in alle Ewigkeit!
Er öffnete seine Hand, im fahlen Licht sah er sie zittern. Langsam nĂ€herte sich das Grobe dem Zarten, zögerte, wich zurĂŒck, wagte sich erneut vor. Und dann, zum ersten Mal, berĂŒhrte Antonio Dalla seinen Sohn Marcello. Wie ein Hauch nur legte sich sein Finger auf die Wange des Jungen, strich langsam darĂŒber. Sie riss nicht auf.

An seinem siebzehnten Geburtstag ließ Marcello seinen Stift fallen und rutschte vornĂŒber von der Bank im Garten. Auf dem Boden blieb er liegen und regte sich nicht, atmete nur schwer und bekam ein blaues Gesicht. Der Arzt sagte Rosalinda, nun bliebe ihr nichts mehr als zu beten. „Nur ein Spenderherz kann ihn noch retten. Sonst gibt es keine Hoffnung mehr.“
Antonio saß auf eben jener Bank im Garten, auf der er beinahe noch Marcellos WĂ€rme zu spĂŒren glaubte, und wartete. Darauf, dass die Sonne unterging. Darauf, dass es vorbei war. In der Hand hielt er die Bilder, die Marcello gemalt hatte. So fein, mit all seinen Unebenheiten und Adern gezeichnet, hatte Antonio noch nie einen Stein gesehen. Auch noch keinen solchen Grasalm, durch dessen GrĂŒn das Tageslicht schimmerte, sodass er wie lebendig wirkte. Rosalinda. So schön, in all den Jahren auf Papier gebannt, jedes weiß gewachsene Haar war festgehalten, jede Falte in ihrem Gesicht und auch jedes Lachen, das wohl nur Marcello allein zu sehen bekommen hatte. Und dann er selbst, Antonio. Wie grimmig er auf den Zeichnungen wirkte. Besaßen seine Augen denn wirklich so wenig GĂŒte? Waren denn seine Lippen in Wahrheit so verhĂ€rtet? Wie ein Fremder stand er da vor dem Haus, welches sein Großvater erbaut hatte, und nur die hellen Fenster wirkten freundlich, die offene TĂŒr wie eine Einladung. Dahinter jedoch war es finster. Das Dach von der Sonne beschienen, die Grundmauern zeigten selbst gemalt noch UnerschĂŒtterlichkeit. Doch er, der Mann davor, sah aus wie einer, dessen Fundament zerbrochen war. Starr wirkte er, ein Toter in einer Welt voller Leben.
„Nun ist es Zeit“, sagte Antonio leise zu sich selbst. „Dem muss ein Ende gemacht werden, damit es einen Anfang geben kann.“

Im Krankenhaus stand er vor dem Fenster und schaute hinaus in die Nacht. Rot wie starker Wein starrte das narbige Gesicht des Mondes ihn an, fĂŒllte den Himmel beinahe ganz aus und verhöhnte ihn. „Ewig bin ich“, schien der Mond zu sagen, „und du nur ein Augenblick. Aus Stein bin ich und du nur aus Fleisch. Wir beide, du und ich, sind nicht vom selben Blut!“
Antonio antwortete nicht. Er hörte die rastlosen Zikaden und roch das Harz der nahen Pinien, spĂŒrte seine Gedanken so schwer werden wie das Gewicht in seiner Jackentasche, welches ihn zu Boden ringen wollte.
Dies ist nun also das Ende, dachte er. Hier endet die stolze Familie Dalla. Kein Haus mehr, dessen Grundstein diesen ehrenvollen Namen eingestanzt bekommt, kein Fundament, auf dessen UnerschĂŒtterlichkeit noch Kinder und Kindeskinder vertrauen können.
Der Revolver in seiner Tasche wurde schwerer. Doch er, Antonio Dalla, war stĂ€rker! Er konnte Eisen mit den bloßen HĂ€nden biegen.
Er folgte dem Arzt in das Zimmer, in dem Marcello von der Gewichtigkeit eines zu schwachen Herzens niedergerungen wurde.
„Gibt es Hoffnung auf ein starkes Herz?“, fragte er leise den Arzt. „Eines, mit dem er gesund wird?“
Der Arzt schĂŒttelte den Kopf. „So schnell, wie Ihr Sohn eines braucht, wird sich nun keines mehr finden lassen.“
„Wie schnell mĂŒsste es gefunden werden?“
„Ein Tag noch, vielleicht zwei. LĂ€nger nicht. Nehmen Sie Abschied.“
Rosalindas Schultern bebten, sie hatte das Gesicht in der Decke vergraben, die den schrumpfenden Leib des Jungen unter sich nur erahnen ließ. Als sie Antonio hinter sich spĂŒrte, hob sie den Kopf. „Er stirbt“, sagte sie. „Dein Sohn stirbt.“
„Leidet er Schmerzen?“
„Er ist ohne Bewusstsein. Und doch leidet er. Ich spĂŒre es. SpĂŒrst du es denn nicht, Antonio? Er ist doch dein Sohn.“
Er sah ihre TrĂ€nen, sah ihr Zittern. Zögernd nĂ€herte sich seine Hand ihrem Gesicht. Er fing ihre TrĂ€nen auf, sie machten seine Finger zarter; er umarmte sie und drĂŒckte sie an sich, die Schwere floh aus seiner Seele. Frei war er nun. Frei und besĂ€nftigt, als wĂ€re er von einer Krankheit genesen.
In seiner Tasche spĂŒrte er den Revolver.
„Sag mir, Antonio: Hast du ihn denn nie geliebt? SpĂŒrt man denn keine Liebe im Herzen fĂŒr einen Sohn, dessen Herz einen anderen Takt schlĂ€gt?“
Seine Hand fuhr in die Tasche, ertastete den kalten Stahl.
„Wie viele Qualen muss er erleiden, um dein Mitleid zu bekommen, Antonio? Dein Segen war doch alles, wonach er sich je gesehnt hat, die Liebe seines Vaters, deine Liebe!“
Antonio fasste den Griff den Revolvers fester. Mit der anderen Hand strich er ĂŒber Rosalindas Haar, in welches sich kostbare SilberfĂ€den gewoben hatten, ĂŒber ihre Wangen, ihren Hals. „Ich liebe dich“, sagte er. „Dich und Marcello, meinen Sohn. Immer habe ich ihn geliebt, vom Tag seiner Geburt an.“
„Und doch lĂ€sst du ihn leiden.“ Ihre Stimme brach in einem Schluchzen.
„Nicht lĂ€nger, Rosalinda, nicht lĂ€nger. Sein Leiden soll beendet sein. FĂŒr immer.“
Der Arzt betrat das Zimmer, sah die Waffe, die auf den Jungen gerichtet war. „Bei Gott dem AllmĂ€chtigen!“, rief er. „VersĂŒndigen Sie sich nicht!“
„Wenn sein Herz die Last des Lebens nicht ertrĂ€gt, dann soll er meines haben“, sagte Antonio ganz ruhig. „Mein Herz ist stark und endlich frei von jeder Bitternis. In seiner Brust soll es schlagen. Dies ist mein Wunsch, mein Testament. Sie sind mein Zeuge. Sie und der Schöpfer allen Lebens.“
Antonio hob den Revolver, der nun ganz leicht war, hielt ihn an seine Stirn. Er sah des Arztes verstörtes Gesicht, er hörte Rosalindas Aufschrei, er spĂŒrte die Liebe seines Sohnes. Mit den Schwalben lief er, schneller als der Wind, dessen Lieder er sang. „Mein Herz fĂŒr Marcello“, sagte Antonio Dalla. Er schoss.

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aligaga
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Hallo Rafi,

das ist die am besten und am schönsten geschriebene ErzÀhlung, die ich je in einem Forum gelesen und kommentieren durfte. Daneben können wir alle miteinander einpacken.

Wunderschöne Sprache, wunderschöne Bilder, genau so gezeichnet, wie Marcello zeichnen konnte. Wer am Ende nicht TrÀnen in den Augen stehen hat, hat kein Herz.

Ich gratulier dir, Rafi.

Wenn ich bewerten wĂŒrde, wĂŒrde ich dir eine Elf geben, aber ich finde Benotungen doof. Begnadete Autoren wie du brauchen so etwas nicht. Du weißt gewiss selbst, was du kannst.

Ganz liebe GrĂŒĂŸe

aligaga

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DocSchneider
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Hallo Rafi,

in mir rĂŒhrt sich gar nichts, wenn ich diesen Text lese. Er ist ja voll von Klischees: Der raue Koloss von Vater, der an den Seewolf erinnert und rohe Eisen biegen kann, der zarte Sohn, der natĂŒrlich ein begnadeter Maler und moderner Franzikus ist und die Vögel versteht, die fĂŒrsorgliche Mutter, die alles klaglos ertrĂ€gt, der Vater, der seinen Kummer mannhaft ersĂ€uft, der zu spĂ€t erkennt, dass er seinen Sohn doch liebt und sich am Ende erschießt, um ihm sein eigenes Herz zu spenden -

sorry, das ist so dick aufgetragen, als fließe Sturm der Liebe, Rote Rosen, Emergency Room und In aller Freundschaft zusammen, glasiert mit Rosamunde Pilcher.

Außerdem können Herztransplatationen schon im frĂŒhen Kindesalter durchgefĂŒhrt werden. Ich weiß jetzt nicht, ob Deine ErzĂ€hlung in vergangener Zeit spielen soll - jedenfalls funktioniert der Handlungsablauf nur, weil die Transplantation so lange wie möglich hinaus gezögert wird, damit Vater sich noch erschießen kann.

Da habe ich schon viel Besseres von Dir gelesen!

LG Doc
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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cellllo
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Ja, da sind wirklich erzÀhlerische FÀhigkeiten zu bewundern
und die Lebensgeschichte des verkrĂŒppelten Henri Toulouse-Lautrec
wÀre ein verwandter aber wirklich realer Stoff,
derart erzĂ€hlt zu werden : die brutale Ablehnung des Vaters und die verstĂ€ndnisvolle mĂŒtterliche FĂŒrsorge und Förderung der kĂŒnstlerischen Begabung........
Am allermeisten bestaune und bewundere ich allerdings aligagas warmherziges PlĂ€doyer fĂŒr große GefĂŒhle und gar feuchte Augen, da ich anderswo ziemlich anderes las......
cellllo

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aligaga
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Das StĂŒck, das uns Rafi hier eingestellt hat, ist ein ganz besonderes.

Die Ă€ußeren UmstĂ€nde, die es zum Thema hat, ist der gĂ€ngige, eigentlich recht banale Vater-Sohn-Konflikt, der immer dort aufzutreten pflegt, wo "die VerhĂ€ltnisse" dem Sohn zumindest bis zur PubertĂ€t gar nicht die Chance geben, "so“ zu sein wie der Vater. Ob es dabei um die brutale Kraft geht, die dem sensiblen Kind fehlt, wenn es in der Landwirtschaft mitarbeiten muss wie in Leddas „Padre Padrone“, oder um GeschĂ€ftstĂŒchtigkeit und Gewinnstreben wie im „Club der toten Dichter“, wo der junge Neil Perry von seinem brutalen Vater verstĂ€ndnislos in den Tod getrieben wird: Seit es den Menschen und dessen Keimzelle, die Familie, gibt, existiert dieser Konflikt als Rudiment einer animalen Vorgeschichte, wo nur der StĂ€rkere ĂŒberlebt.

Es gab Zeiten, da hat man den VĂ€tern das Eliminieren vermeintlich unwerten Lebens abgenommen und es „von Amts wegen“ erledigt. Die Nazis haben Tausende und Abertausende behinderter Kinder „euthanasiert“, wie sie dieses Morden nannten.

Rafi erzĂ€hlt uns davon, wie ein Vater, der auf grĂ¶ĂŸtmögliche Weise anders ist als sein Sohn, im buchstĂ€blich letzten Moment sein Kind erkennt und annimmt, wie es ist – auch wenn es ihn das Leben kostet. Wer nur auf’s OberflĂ€chliche guckt, hĂ€lt das fĂŒr ĂŒbertrieben und melodramatisch, ĂŒbersieht dabei aber, dass gerade VĂ€ter, die so hart gestrickt sind wie dieser Antonio, bedenkenlos bis zum Äußersten zu gehen bereit sind, wenn es gilt, die eigene Brut zu verteidigen. Dass dieser harte Brocken es am Ende fĂŒr dieses Kind macht, das er gerade erst wirklich wertschĂ€tzen und gegen die Gemeinheit der Gesellschaft zu verteidigen gelernt hat, darf und muss daher rĂŒhren, und man braucht sich seiner TrĂ€nen nicht zu schĂ€men.

In der ErzÀhlung ist nichts oberflÀchlich; es wird alles aus der inneren Sicht der Protagonisten beschrieben:

quote:
Und obgleich er ahnte, dass da eine Verbindung bestand zwischen ihm und dem Mann, wagte er nie, ihn anzusprechen, hoffte er nie auf eine BerĂŒhrung, bemĂŒhte er sich zu schrumpfen in seiner Anwesenheit. Dass dieser Koloss sein Vater war, wusste er aus den Worten Rosalindas; die Bedeutung des Begriffs jedoch entzog sich ihm.
oder
quote:
Geh, dachte Antonio voller Wut, geh hin und nimm dir den grĂ¶ĂŸten der SchreihĂ€lse und schlag ihm ein blaues Auge. Brich ihm den Arm, wĂŒrge ihn, erschieße ihn, wenn es sein muss! Ich gebe dir Großvaters Revolver!
Doch Marcello tat nichts. Hinters Haus schlich er, wo seine Stifte waren und seine Papierbögen. In welcher Farbe, dachte Antonio, malt man DemĂŒtigung? Warum nur, Gott, hast du mir das gegeben? So klein, so schwach – was soll ich denn damit?
Das ist nicht mehr kleines Forenkino, sondern ein ganz großes, und es hĂ€tte verdient, ĂŒber die engen Grenzen, die es hier hat, hinauszukommen.

Das wĂŒnsch ich dir und deinem StĂŒck, Rafi, und drĂŒck dir die Daumen.

aligaga


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Rafi
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Ups, da sollte ich jetzt ja doch mal antworten 


ZunĂ€chst einmal: Ganz lieben Dank, dass Ihr Euch ĂŒberhaupt so intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt habt. Ich finde es wahnsinnig interessant, wie absolut unterschiedlich hier die Meinungen, die Empfindungen zu dieser kleinen ErzĂ€hlung sind. Genau dafĂŒr ist, meiner Meinung nach, die Leselupe da: unterschiedliche Sichtweisen, GefĂŒhle, Lesegewohnheiten. Und die werden dann kontrovers diskutiert. Ich find‘s klasse!

Aligaga: Es freut mich ĂŒber alle Maßen, dass Dir meine Geschichte so gut gefĂ€llt. Bei all diesem schon ĂŒberschwĂ€nglichen Lob wird mir ganz flau im Magen, das beschĂ€mt mich fast. Auch Deine Interpretation finde ich sehr treffend, sehr ausfĂŒhrlich, sehr wissend. Worte wie Deine machen Mut, einen Weg weiter zu gehen, der meist recht steinig und voller FalltĂŒren ist. Mit solch einer Kritik lĂ€sst es sich hervorragend leben. Nochmals meinen ganz herzlichen Dank. Eine Frage hĂ€tte ich allerdings noch: Warum vergibst Du keine Punkte? Das ist schade; die Erfahrung zeigt, dass gerade die Geschichten, die Punkte bekommen und hĂ€ufig diskutiert werden, mehr Leser aufmerksam machen 


DocSchneider: Wie schade, dass ich mit dieser Geschichte Deinen Geschmack nicht getroffen habe. FĂŒr Dich sind da zu viele Klischees drin, alles zu dick aufgetragen, zu „trĂ€nenlastig“ vielleicht. Aber auch aus Deiner (teilweise wirklich amĂŒsanten „Sturm der Liebe“, Pilcher etc :-)) Kritik nehme ich noch etwas sehr Positives mit: dass Du schon Besseres von mir gelesen hast. Hin und wieder gelingt es mir also doch, auch Dein literarisches Interesse zu wecken, was mich dann wiederum freut.

cellllo: Es tut mir leid – Deine Kritik verstehe ich nicht wirklich. Ist sie nun gut oder ist sie schlecht, ich weiß es nicht zu deuten. Und was hast Du anderswo ziemlich anders gelesen?

Ich bin gespannt, ob die Diskussion weitergeht und freue mich schon auf die nÀchsten Kommentare.

Rafi

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