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Leselupe.de > Kurzprosa
Das erleuchtete Fenster.
Eingestellt am 19. 02. 2005 15:34


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San Martin
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Das erleuchtete Fenster

Nach der Arbeit fuhr er immer mit dem Bus nach Hause. Es war ihm zur Routine geworden. Der gleiche Bus zur gleichen Zeit. Auch stieg er immer eine Bushaltestelle zu fr├╝h aus und ging die Stra├če entlang, an der zweiten Kreuzung links abbiegend. Der Weg, den er so jeden Nachmittag, Montag bis Freitag, nahm, f├╝hrte ihn an einem besonderen Haus vorbei. Das Haus war besonders, denn in ihm wohnte eine, die ihn einst geliebt hatte.

Oft, wenn er dort vorbei ging, war sie bereits daheim. Dann war ihr Wohnzimmerfenster hell; ein warmer, orangener Lichtschein fiel durch die weinroten Vorh├Ąnge. Er stellte sich vor, dass sie im Wohnzimmer im Schneidersitz auf der Couch sa├č, eine Wolldecke um sich geschlungen, in der linken Hand eine Tasse hei├čen Tees, die sie auf dem linken Knie abst├╝tzte. Er konnte es sich so genau vorstellen, weil er sie kannte, weil er aus irgendwelchen Gr├╝nden diese Details ihres Zusammenseins nie hatte vergessen k├Ânnen. Je ungem├╝tlicher es drau├čen war, je k├Ąlter, regnerischer, dunkler, und je dunkler es in ihm selbst, desto w├Ąrmer und verhei├čender war das orangene Licht im Fenster, desto trostversprechender.

Und obwohl er wusste, dass es ihm wehtat, vorbei zu gehen und dieses Licht sehen zu m├╝ssen, obwohl er wusste, wie es ihn schmerzte, an sie zu denken, wie sie entspannt auf der Couch sa├č, allein oder mit ihrem Freund, obwohl er wusste, dass dieser verhei├čende Schein f├╝r ihn auf ewig unerreichbar sein w├╝rde, obwohl er all dies wusste, stieg er doch jeden Tag eine Bushaltestelle zu fr├╝h aus und ging an ihrem Haus vorbei.

Er ging, auch wenn sich seine Knochen anf├╝hlten, als w├Ąren sie mit Glasscherben gef├╝llt; auch wenn er sich schwach und elend f├╝hlte; auch wenn sein Bauch schmerzte, als h├Ątte er rostige N├Ągel verschluckt; auch wenn sein Kopf dr├Âhnte, als w├╝rden H├Ąmmer unabl├Ąssig gegen seine Schl├Ąfen schlagen; auch wenn er manchmal nur mit M├╝he die Tr├Ąnen zur├╝ckhalten konnte.

Selten, selten nur traf er sie vor dem Haus. Dann winkte sie ihm l├Ąchelnd zu, denn sie waren Freunde geblieben. L├Ąchelnd winkte sie ihn zu sich. Sch├Ân, dich mal wieder zu sehen, sagte sie dann und l├Ąchelte mit jenen Lippen, die er nie wieder w├╝rde k├╝ssen k├Ânnen, l├Ąchelte mit den Augen, die ihn nie wieder so ansehen w├╝rden wie vor langer Zeit, breitete ihre Arme aus und umarmte ihn und streifte ihn mit dem Atem, den er nie wieder an seiner Brust f├╝hlen w├╝rde, dessen S├╝├če er nie wieder schmecken w├╝rde. Warum kommst du uns nicht besuchen, fragte sie dann, n├Ąchste Woche vielleicht? Gern, antwortete er. Nun muss ich aber weiter. Bin nur zuf├Ąllig hier vorbei gekommen. Bis bald. Er drehte sich um, bevor sie sich wegdrehen konnte, und ging die Stra├če hinab, wie ein jeder Mensch die Stra├če hinab geht, nicht zu langsam und nicht zu schnell. Ich liebe sie nicht mehr, dachte er bei sich mit der Stimme, in der alle seine Gedanken sprechen. Ich bin ├╝ber sie hinweg.


05.11.2004, Braunschweig
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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Lotte Werther
Guest
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An San Martin

Ein guter Anfang. Mir gef├Ąllt die Geschichte und auch die sprachliche Umsetzung. Dein Text vertr├Ągt aber Verdichtung durch Streichen.

Ich gebe dir Beispiele:

Das Wort "immer" hat es in sich.Gleich im ersten Satz gelesen, hat es mich entt├Ąuscht. Es kann sehr schnell die Kraft eines Satzes atomisieren.

Nach der Arbeit fuhr er immer mit dem Bus nach Hause. Es war ihm zur Routine geworden. Der gleiche Bus zur gleichen Zeit

Wenn du im zweiten Satz von der Routine schreibst, ist ÔÇ×immerÔÇť im ersten Satz ├╝berfl├╝ssig.

Das Haus war besonders, denn in ihm wohnte eine, die ihn einst geliebt hatte.

Er konnte es sich so genau vorstellen, weil er sie kannte, weil er aus irgendwelchen Gr├╝nden diese Details ihres Zusammenseins nie hatte vergessen k├Ânnen.

Auch hier nimmt die Wiederholung der Information dem Text den Biss. Wir wissen, dass er sie kannte. Und auch, dass er es sich vorstellen konnte.

winkte sie ihm l├Ąchelnd zu, denn sie waren Freunde geblieben

Lass das den Leser feststellen.

Seine Gedanken am Ende haben ├╝berrascht und mich erst eingehender ├╝ber den Text nachdenken lassen.

Arbeite noch sorgf├Ąltiger an deiner Sprache, du bist auf dem richtigen Weg.

Lotte Werther

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San Martin
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Dankesch├Ân. Ich sehe durchaus deine Kritikpunkte ein, nur f├Ąllt mir die Umsetzung der ├änderungen schwer. Die Wiederholungen, die du gern gestrichen sehen w├╝rdest, sind ein Stilmittel, das sich durch die ganze Geschichte zieht und f├╝r den gesprochenen Vortrag des Textes f├Ârderlich ist (kleine Pause vor den Wiederholungen). Wenn ich es in meinem Kopf spreche, haben die Wiederholungen etwas singendes, schwingendes, eindringliches an sich, und auf diesen Klang habe ich den Text ausgerichtet... was nicht hei├čen muss, dass dieses Stilmittel zu jeder Zeit positiv wirken muss.

Ich nehme deine Kritik gern an, nur habe ich Schwierigkeiten, deine Vorschl├Ąge einzubauen...

"Seine Gedanken am Ende haben ├╝berrascht und mich erst eingehender ├╝ber den Text nachdenken lassen." -- Das klingt so, als ob du ihm glauben w├╝rdest. Tu das bitte nicht. ;)

Die letzte Streichung ist gelungen; da stimme ich mit dir ├╝berein.

Danke f├╝r die Vorschl├Ąge. Ich werde den Text etwas ruhen lassen und dann ├╝berarbeiten.
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

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quote:
Dann winkte sie ihm l├Ąchelnd zu, denn sie waren Freunde geblieben.

Ein genialer Satz, wenn man ihn nicht aus dem Zusammenhang rei├čt. Er macht fast die ganze Storyline aus. Symbolisiert die Zerissenheit zwischen dem, was sein k├Ânnte und dem, was ist.
Nicht rausnehmen!

Mir hat dein Text sehr gefallen. Fl├╝ssig gut geschrieben.
Und nicht nur das. Du verstehst hier eine Stimmung zu kreieren, die zwischen den Worten, zwischen den Zeilen entsteht.
Das ber├╝hrt, schmerzt und macht am Ende etwas traurig.
Es hat mich fast sch├Ân pers├Ânlich angesprochen... Ja, so ein Haus kenne ich auch.

Liebe Gr├╝├če,
Arezoo

PS: Keine Punkte von mir, aber aus Prinzip nicht. Nie, weil ich nicht glaube, dass man Literatur nach Punkten auf einer Skala bewerten kann...


__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertr├Ąumte.
Schim'on Peres

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Gandl

Autorenanw├Ąrter

Registriert: Jul 2003

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Lieber San Martin,
diese S├Ątze mag ich: Ich bin ├╝ber sie hinweg.
Was da bei mir alles freigelegt wird!
Da wird die ganze Story noch mal neu aufgerollt, ├╝berpr├╝ft – und: HA!
Ach ...soifz!
Lieben Gru├č
Gandl

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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo San Martin,
einige sprachliche Aspekte, die mir auch aufgefallen
sind, hat Lotte Werther schon angesprochen.
Aber auch, wenn du daran nichts mehr ├Ąndern m├Âchtest,
muss ich doch sagen, dass mich die Geschichte sehr
ber├╝hrt hat. Sie spricht das Gef├╝hl an. Das geht mir
selten bei solch kurzen Liebesgeschichten so, da es schwer
ist, "neu" oder zu sein oder so mit Sprache umzugehen,
dass wirkliche Stimmung entsteht.
Einen Vorschlag h├Ątte ich dennoch, da mir zuf├Ąllig etwas
aufgefallen ist: beim ersten Lesen ├╝bersah ich den
folgenden Satz:

quote:
Das Haus war besonders, denn in ihm wohnte eine, die ihn einst geliebt hatte.
Ich las also, ohne diese Information zu haben. Nachdem
ich beschlossen hatte, dir einen Kommentar zu schreiben,
las ich noch einmal und dachte, dass die Geschichte
gewinnt, wenn dem Leser diese Information am Anfang
vorenthalten wird.
Das nur als Vorschlag.
Liebe Gr├╝├če,
Denschie

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