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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Das erste Mal
Eingestellt am 27. 06. 2003 18:53


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poppins
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Registriert: May 2003

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Das erste Mal

„Wenn es jetzt nicht bald vorangeht, werden wir nachhelfen mĂŒssen“, drohte der GynĂ€kologe im Kreißsaal, andere Saiten aufzuziehen. Seit Stunden kreißte ich nun gemĂŒtlich vor mich hin, bester Laune und fest davon ĂŒberzeugt, mein Baby aus eigener Kraft an die Luft befördern zu können.

Der werdende Vater verhielt sich indifferent. Er stĂŒtzte mich, wenn ich gestĂŒtzt werden wollte, spazierte mit mir die GĂ€nge der Klinik entlang, Treppauf und -ab, drehte mit mir Runde um Runde im Krankenhauspark und las ansonsten zum Zeitvertreib sein „Time Magazine“.
Und es gab eine Menge Zeit zu vertreiben. Die Art und Weise, in der Geburten in Film und Fernsehen oft dargestellt werden, entspricht nĂ€mlich keineswegs den Tatsachen. Sie ist vielmehr derart verschieden von den wahren AblĂ€ufen, dass ich schon oft den Verdacht hatte, die DrehbĂŒcher zu diesen Werken wĂ€ren von einer nur entfernt verwandten Spezies, wie etwa Zierfischen verfasst worden. - Hochschwangere greift sich mit einem Schrei an den geblĂ€hten Leib, presst: "... es geht los!" zwischen den ZĂ€hnen hervor, wird vor Schmerz schreiend zusammengekrĂŒmmt in einer rasenden Alarmfahrt in die Klinik transportiert, und zack, ist das Kind geboren. - Von alphabetisierten Guppies* erdacht, gar kein Zweifel.

Etwas wortkarg war mein Bester, denn eigentlich hatte ihn die Idee, bei der Geburt dabei zu sein nicht gerade elektrisiert. Nur weil ich meinte, er wĂ€re daran beteiligt gewesen, das Baby da rein zu kriegen, nun möge er sich bitte auch beim Rauskommen nĂŒtzlich machen, hatte er sich schließlich breitschlagen lassen. Nicht sehr schön, den Mann zu zwingen. Andererseits sah ich es so, dass auch ICH keine Wahl hatte - kleinlich und egoistisch, ja, ich weiß.

Es ist nicht ganz risikolos, als ‚ErstgebĂ€rende’ bester Laune und allzu selbstbewusst in einer großen Entbindungsklinik aufzulaufen. Das wird nicht gern gesehen. Von Hochschwangeren in den Wehen wird dort eher eine Haltung ĂĄ la „zu HĂŒlf, Ihr Weisen, errettet mich!“ erwartet. Das hatte ich in meiner Euphorie, bald dem kleinen Wesen, das da seit Monaten in meinem Inneren herumtobte in die Augen blicken zu können, glatt ĂŒbersehen. Dabei waren die Zeichen mehr als deutlich.
„Frau Jaja, wir machen zuerst mal einen Einlauf.“
Frau Jaja lehnte dies dankend ab, immerhin hatte sie vergangene Nacht - seit Beginn der ersten schĂŒchternen Wehen - schon mehr als zwanzig Mal ... aber wer will das schon so genau wissen.
„Hier, nehmen Sie ein Buscopan, dann geht der Muttermund schneller auf.“
Ich hatte es absolut nicht eilig, wollte auch meinen Muttermund nicht hetzen und lehnte wieder dankend ab.
Damit war es geschafft. Die Klappen fielen: klare Sache - eine von diesen „NatĂŒrliche-Geburt“-NervensĂ€gen ...

Sie stellten sich der Herausforderung, eine offensichtlich verbohrte Individualistin von den Segnungen der modernen Medizin zu ĂŒberzeugen. Wozu war ich schließlich in die Klinik gekommen, wenn ich doch alles allein machen wollte. Sie zeigten mir all die großartigen modernen Maschinen, die der Kreißsaal zu bieten hatte (ja, auch die Maschine mit dem "Ping!" war dabei). Ich war sehr beeindruckt. SpĂ€ter stritten sie geradezu darum, wer die Fruchtblase aufpieken dĂŒrfte, hingen mich an den Wehentropf und andere hochinteressante GerĂ€tschaften und taten auch sonst alles erdenkliche, mir die Flausen auszutreiben. Es gelang ihnen.
Ich will hier niemanden mit weiteren Details langweilen, nur soviel: wenn frau denkt, NUN wÀre es wirklich nicht mehr zum Aushalten, ist es bald vorbei. TatsÀchlich. Bald.

NatĂŒrlich ist es reine Propagande, frau wĂŒrde direkt nach vollbrachter Entbindung, einzig durch den lieblichen Anblick des frischgepressten neuen Erdlings all die erlebte Qual und Pein vergessen. Nichts dergleichen. Könnte ein Mann es jemals vergessen, eine mit Reißzwecken gespickte Honigmelone geschissen zu haben? Na bitte.

Mir wĂ€re es aber auch gar nicht recht, mich nicht daran erinnern zu können. Nur ein Beispiel: War frĂŒher das Wort "Zahnarzt" geeignet, mich in irrationale Panik zu versetzen, gehe ich heute lĂ€chelnd, ein munt'res Liedchen trĂ€llernd in die Praxis des Dentisten meines Vertrauens. Das erlebte Wissen um die ElastizitĂ€t des weiblichen Körpers lĂ€ĂŸt mich mit grĂ¶ĂŸter Gelassenheit in die Zukunft blicken.

Was sollte mich schon noch schrecken?



---------------------------
*Guppies sind nette kleine Fischlein, die sich geradezu RASEND vermehren. Sie werden bezeichnenderweise auch "Millionenfische" genannt und gebÀren lebende Junge, statt z.B. Eier abzulegen wie die meisten anderen Fischarten.
__________________
Verschiebe nicht auf morgen, was auch bis ĂŒbermorgen Zeit hat.
(Mark Twain)

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kaffeehausintellektuelle
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Registriert: Not Yet

wunderschön hast du das beschrieben.
und da werden eine menge erinnerungen wach.
"wollen sie das köpfchen fĂŒhlen?", fragte die hebamme und ich schrie sie an: "verdammt noch mal, nein! Ich will nur, dass das blöde kind endlich da ist!" ja. das ist nicht mĂŒtterlich-romantisch, ich weiß.

aber als zweifachgebĂ€rende kann ich dir sagen, das zweite mal ist leichter. da ist es fast wie in amerikanischen filmen. meine tochter wĂ€re beinahe auf einer holprigen straße im fiat panda geboren worden. wir fuhren um 11 uhr nachts weg und waren um 3 uhr frĂŒh wieder zu hause. mit neuem kind.
was das alte gar nicht so sehr erfreute.

auf jeden fall hat mir deine beschreibung sehr sehr gut gefallen. weil sie nicht so idealisierend-romantisch ist. sondern witzig und leicht. so wie eben das kinderkriegen ist. *grinst*

die k.

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poppins
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Hallo k.,

schön, dass Dir der Text gefÀllt.
Ich habe ĂŒbrigens mittlerweile drei Kinder - wundert mich nach dem einschneidenden (im wörtlichen Sinne) Ersterlebnis manchmal selbst, daran merkt frau aber, dass mich wohl wirklich nix mehr schrecken konnte - schlimmer als DAS konnte es unmöglich werden (... und wurde es auch nie wieder).
Allerdings waren meine Entbindungen nie wie in den amerikanischen Filmen -
immer eher ein Marathon, als ein 100m Sprint.
Sozusagen "die Entdeckung der Langsamkeit" beim Kinderkriegen.
"Wollen sie das Köpfchen fĂŒhlen?" *G*, den Spruch kenne ich auch (ich wollte allerdings, das Stadium "Holt endlich das Dings da aus mir 'raus!! Egal, wie, nur raus!" kam spĂ€ter)
Nee, Kinderkriegen ist wahrlich nicht romantisch.

LG poppins


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Rote Socke
Guest
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Och poppins,

nach diesem Titel freute ich mich auf einen anderen Lesestoff GĂ€hn!

Scherz beiseite: Dieser Lesestoff ist auch fĂŒr MĂ€nner sehr interessant, die diesem Ereignis noch nicht beiwohnen konnten.

GrĂŒĂŸle
Socke

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poppins
Fast-Bestseller-Autor
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Ach Socke, das andere "erste Mal" wÀre doch ein sehr kurzer Text geworden, wie bei wohl 99,9% der weiblichen Menschheit.

O.K., weil Du's bist, hier das andere 1.x:

Peinlich, autsch, noch peinlicher.

**************

... weshalb es danach noch zum 2.Mal (...und folgenden) kommt, ist DAS Mysterium des Lebens. (Aber ich habe ja z.B. auch noch zwei Geburten trotz der ersten Gruselentbindung nachgelegt...)
Hat das was mit dem so vielzitierten weiblichen Masochismus zu tun?
Nicht auszuschließen.

LG poppins


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Michael Schmidt
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UrsprĂŒnglich veröffentlicht von poppins
Und es gab eine Menge Zeit zu vertreiben. Die Art und Weise, in der Geburten in Film und Fernsehen oft dargestellt werden, entspricht nĂ€mlich keineswegs den Tatsachen. Sie ist vielmehr derart verschieden von den wahren AblĂ€ufen, dass ich schon oft den Verdacht hatte, die DrehbĂŒcher zu diesen Werken wĂ€ren von einer nur entfernt verwandten Spezies, wie etwa Zierfischen verfasst worden. - Hochschwangere greift sich mit einem Schrei an den geblĂ€hten Leib, presst: "... es geht los!" zwischen den ZĂ€hnen hervor, wird vor Schmerz schreiend zusammengekrĂŒmmt in einer rasenden Alarmfahrt in die Klinik transportiert, und zack, ist das Kind geboren. - Von alphabetisierten Guppies* erdacht, gar kein Zweifel.


DAS war der absolute Highlight, einfach köstlich. Bei manchen SchachtelsÀtzen hakt es ein wenig beim Lesen, ansonsten wirklich nette Unterhaltung.

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