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Leselupe.de > Kurzprosa
Das erste Orakel des Todes
Eingestellt am 03. 11. 2006 18:59


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Zaunk├Ânig
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Das erste Orakel des Todes




Der Aschenregen hatte etwas nachgelassen.
Idiotl und Torotl , zwei aztekische Krieger, Edelleute und Weise, klopften sich den grauen Staub aus den Kleidern. Ihre Bronzegesichter blickten zum bleiernen Himmel auf, der flach und erdr├╝ckend ├╝ber ihnen lag und keine R├╝hrung zeigte.
Der gute Quetzalcoatl, der Beherrscher des Windes, hatte sein Volk verlas-sen. Die Orakel schwiegen schon seit Wochen, und die mit Menschenhaut bespannten Trommeln riefen vergeblich die G├Âtter um Hilfe an. Und nun waren auch sie zum Schweigen verdammt. Endg├╝ltig, ewiglich.
Idiotl senkte traurig sein Haupt, Asche rieselte aus dem fahl gewordenen, einstmals schwarzgl├Ąnzenden Haar, das zu einem Knoten hochgebunden war. Torotl zeigte keine sichtbare Regung und starrte schicksalergeben ins Leere.
D├╝nn und klagend wehte weit entferntes Wolfsgeheul zu den beiden Krie-gern her├╝ber. So hatte es den Anschein, doch wie so oft ... trog der Schein auch hier. Es waren weder W├Âlfe noch Coyoten, die dort heulten. Der ster-bende Wind hauchte seinen Abschiedsseufzer ├╝ber das tote Land hinweg.
Die Ahnen der gesamten Menschheit hatten sich versammelt zum gro├čen Stelldichein ... pulverisiert zu Asche, zu elendem Staub, der die Sonne ver-dunkelt und die Nachfahren erstickt hatte ... alle, bis auf die zwei hier: Idiotl und Torotl, zwei aztekische Weise und Edelleute.
Das Experiment des j├╝ngsten Tages war fehl gegangen.
Idiotl ertr├Ąnkte seine letzten Gedankenkeime im Gift der reinen Vernunft und tauschte ergeben die Sinnlosigkeit des Seins gegen die Wunschlosigkeit des Nichtseins.
Torotl aber grub noch immer mit fahrigen H├Ąnden in der Asche nach je-nem Funken, der niemals mehr als ein Irrlicht gewesen war.
Als dann endlich die letzten Kr├╝mel aus der gro├čen Sanduhr der Zeit un-wiederbringlich in die Nichtigkeit absoluter Leere hinabgerieselt waren, als der grienende Tod sich zum absolutistischen Herrscher ├╝ber das gesamte U-niversum emporgehoben hatte, da fand auch die Idee der Sch├Âpfung, die un-wahrgenommen und au├čerhalb der Zeit stehend nicht mehr l├Ąnger existieren konnte, ihr endg├╝ltiges Verl├Âschen.
Torotl hatte nun resignierend seine H├Ąnde in den Scho├č gelegt und sog mit seinem letzten Atem, dem letzten Atemzug eines lebenden, wahrnehmenden Wesens, die Vorstellung von Zeit, Raum, Sch├Âpfung und Sch├Âpfer in den dunklen Schlund bodenlosen Vergessens.


__________________
Werner Fletcher

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