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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das ewige Leben – keine Ostergeschichte
Eingestellt am 06. 07. 2003 13:16


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Haget
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Das ewige Leben – keine Ostergeschichte

„Ich habe mit Lisa am Waldrand drei Häschen gesehen. Sie waren gar nicht bange, als sie uns sahen; erst als wir näher kamen sind sie in ihren Höhlen verschwunden.“ Franzi war mit ihren schmutzigen Schuhen gerade quer durch die frisch geputzte Diele gleich zu mir in die Küche geeilt – mit vor Aufregung hochrotem Gesicht. Zahme und wilde „Häschen“ haben es ihr eben angetan und natürlich weiß sie längst, dass es tatsächlich Kaninchen sind.

Franzi ist nun ja schon in der dritten Klasse und meine jüngste Enkelin Lisa, mit der sie das Häschen-Erlebnis hatte, ist vor drei Monaten auch eingeschult worden.
Mir bringt Franzis aufgeregte Erzählung einen Ausspruch in Erinnerung, den sie in der Osterzeit machte: „Eigentlich war der Osterhase echt cool.“ Alles, was uns früher großartig oder – später schon viel moderner – große Klasse dünkte, ist heute über „geil“ zu „cool“ oder - gesteigert - „echt cool“ geworden. Ob kinderlose Erwachsene auch in früheren Jahren einen Dolmetscher brauchten, um sich mit Kindern zu unterhalten?

Den „echt coolen Osterhasen“ erklärte Franzi mir damals so, dass es viel schönere Osterzeit gewesen sei, als noch der Hase mit seiner Kiepe durch die Fantasien hoppelte und ganz real zu bunten Eiern begehrte Schokoladenfiguren und andere Süßigkeiten versteckte. Gut, diese Gaben kamen auch heute noch am Ostertag, aber eben viel nüchterner. Erst der Osterhase hatte Ostern wirklich zu dem wunderbaren Fest gemacht.
Kaum anders war es mit Weihnachten. Die Spannung, welche Geschenke es wohl geben würde, war geblieben; auch der geschmückte Weihnachtsbaum war noch interessant, durfte man ihn doch nun auch selbst mit schmücken.
Aber mit dem Glauben an Weihnachtsmann & Co war auch eine ganze Märchenwelt zerstiebt, alles war nun nüchterner, sachlicher, materieller geworden. Die unvermeidliche Erkenntnis, dass die mit so vielen Geschichten, Liedern und Gedichten umrankten Figuren Christkind(le), Weihnachtsmann, Nikolaus, Knecht Ruprecht und die vielen sonstigen teils geflügelten Helfer - wie auch der Osterhase - nur in der Fantasie existiert hatten, ähnelte der Vertreibung aus dem Paradies. Sie hatten von dem Apfel der Erkenntnis gegessen und es gab kein Zurück mehr.

Franzi und Lisa spielen nun nebenan. Die Barbi-Puppe hat Hochzeit und Lisa ist der Bräutigam. Fantasie macht eben vieles möglich.

Meine Fantasie schweift in die eigene Kindheit und Jugend zurück, als mir ein anderes Paradies genommen wurde. Ich war elf oder zwölf Jahre alt und ging „auf die höhere Schule“. Es war die Nachkriegszeit und da viele aus den zurückliegenden Nazijahren „belastete“ Lehrer ausge-siebt worden waren, wurden die noch übrigen dringend gebraucht und unterrichteten teils noch im Pensionsalter weiter. Unser Religionslehrer Sprick war schon neunundsechzig und stammte für uns aus längst vergangenen Ur-Zeiten. Für mich allerdings war er ein höchst sympathischer Mann, ähnelte er doch sehr der Erinnerung an meinen im Kriege verstorbenen Großvater.

In einer seiner ersten Unterrichtsstunden bei uns bekam er auf seine Frage: „Was bedeutet Gott?“ nicht die gewünschte Antwort. Daraufhin mussten alle der Reihe nach ihre Ansicht dazu sagen. Als ich dran kam, waren die besten Antworten schon „weg“:
„Gott ist im Himmel und beobachtet uns.“
„Gott sitzt auf seinem Wolkenthron und schickt uns seine Engel.“
„Gott sorgt dafür, dass wir nur Gutes tun und bestraft Ungehorsam.“

Herr Sprick wollte aber ganz offensichtlich etwas ganz anderes hören. Meine wohlüberlegte Antwort – ich hatte gut Zeit zum Nachdenken gehabt – brachte ihn dann von Engeln und Him-mel wieder auf die Erde zurück: „Gott ist in unserem Kopf.“
Ich habe später oft über meine Antwort nachgedacht. Über die Bibel und die christliche Glaubensgeschichte wussten wir damals noch nicht sehr viel; es war alles eher märchenhaft. Und ich wollte ausdrücken (wenn das mit im Himmel Sitzen denn nicht erwünscht war!), dass Gott als unser Gewissen in uns wirkt. Und diese Antwort vertrieb mich aus dem Paradies. Denn die Hand des von mir so verehrten Herrn Sprick landete an meinem Sitz Gottes – ich erhielt eine damals noch übliche kräftige Ohrfeige. Und Herr Sprick sah und war plötzlich meinem Großvater so gar nicht mehr ähnlich.

Ich denke heute, meine Antwort war nur der letzte kleine Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte. Die gewünschte Antwort übrigens: „Gott bedeutet GUT.“

Meine Gedanken schweifen weiter zu einem ähnlichen Ereignis während der Unterrichtsstunden bei unserem Pastor als Vorbereitung zur Konfirmation. Die Bibel war uns längst näher gebracht worden und ich hatte keinerlei Zweifel an einem Gott irgendwo über uns allen. Aber ich hatte auch Fantasie genug, um für mich zu erkennen, dass z. B. die Entstehungsgeschichte und die von Adam und Eva nur etwas versinnbildlichen sollen. Ich nahm sie nicht wörtlich sondern als gute Umschreibung eines viel komplizierteren Vorgangs. – Das Wort „Metapher“ war mir damals sicher noch nicht geläufig.

Aber mir gefielen solche phantasievoll umschreibende Erklärungen. Warum sollte man von einem Gott, der über uns alle wacht, über uns thront und richtet, nicht sagen, er wohne oder sei „im Himmel“? Damit hatte ich kein Problem. Und wollte eigentlich ähnlich argumentieren, als auch hier eine Frage kam wie Jahre vorher von Herrn Sprick:
„Was bedeutet dir Gott?“
Meine Antwort - ich weiß sie fast noch wörtlich - war durchaus von tiefem Glauben getragen:
„Gott mit Jesus und seinen vielen Helfern ist wie der Weihnachtsmann mit seinen Gesellen. So lange man fest glaubt fühlt man sich gut und glücklich.“

Zu weiteren erklärenden Ausführungen bekam ich keine Zeit. Der Herr Pastor hatte keine Freude an meinem Vergleich und verwies mich ins Nebenzimmer. Ich musste dort das Ende der Unterrichtsstunde abwarten und erhielt dann eine Privat-Predigt. Er hat auch später meine ergänzenden Erklärungen wohl nie akzeptiert oder verstanden.

Und egal, was ich sonst heute glaube oder nicht. Ich bin überzeugt, dass der von Franzi angeführte „coole Osterhase“ zeigt, dass meine Enkelin einmal denken und sein wird wie ich, dass es auf diese Weise ein ewiges Leben gibt.

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Rainer
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hallo haget,

eine schöne betrachtung zum sinn und zu den freuden der fantasie - hat mir gut gefallen, auch wenn es nicht die klassische kurzgeschichte ist.(ich weiß auch nicht, wo du es sonst unterbringen könntest, essay vielleicht? egal!) der abschließende bogen ist zwar kühn (und etwas pathetisch), aber sauber.

einzige klitzkleine anmerkung: "kindermundwiedergabe" ist frei, aber gerade weil es ein bisschen das vehikel deines themas berührt: kann man selbst bange SEIN? kenne ich zwar nicht, will aber nicht sagen dass das nicht geht. ich kenne eher, dass einem bange ist, ergo dass den hasen nicht bange war.("Ihnen war gar nicht bange, als sie uns sahen...)
aber vielleicht ist das auch wieder nur so ein thüringisches sprachgebrauchsproblem...


grüße

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Haget
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Danke Rainer,
wohl durch die "freie Übersetzung" aus dem PLATT (Niederdeutschen) - "Ik bin ni bang" = Ich habe keine Angst - ist es im Norden "normal", bange zu sein.

Ähnliches ergibt sich z. B. dadurch, dass man auf PLATT die Waage GEWICH(T) nennt, das Gewicht dann LOT. Dadurch sagen auch viele platt-sprechende Schleswig-Holsteiner auf Hochdeutsch zur Waage "Gewicht" - was natürlich verwirrend ist!
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weghenkel
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Austreibung von Religion

Lieber Hans-G. Thomsen,
Bin nach längerer Pause (aus Zeitgründen) kurz wieder zu Gast bei der Leselupe. Stündchen lange nach Mitternacht.
Also Suche nach einem neueren Text von Ihnen - ich erinnere mich: Sie waren der erste Autor, zu dem ich mich geäußert habe, als ich dieses Literaturforum entdeckt hatte.
Nun kurz zur Nichtostergeschichte DAS EWIGE LEBEN:
Nachdenkenswerte Erinnerungsmomente.
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weghenkel

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Haget
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... dann freue ich mich, lieber Weghenkel, dass diese Besuchszeit auch wieder mir mit gewidmet wurde. Danke.
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Ela
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Hallo Haget,
deine Geschichte hat mich an meine Konfirmationszeit erinnert (die auch schon ein paar Jahre her ist). Unser Pastor hat jede Meinung gelten lassen, so lange wir sie gut begründet haben und sie nicht wirklich zu abwegig war. Er hat uns immer viel Raum für eigene Meinungen gelassen. Teilweise heftige Diskussionen waren da natürlich vorprogrammiert. Deine Geschichte macht nachdenklich, ich finde sie sehr gut.
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Haget
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MoinMoin Ela,
ich freue mich, dass auch Dir meine „Geschichte" nicht zu lang war. -
... und zum Nachdenken anregen wollte ich damit, ohne nun zu sehr mein Ergebnis in den Vordergrund zu stellen.
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