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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das grosse Windelmassaker
Eingestellt am 12. 10. 2002 01:11


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Tezetto
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Unsere Tochter Savita wird diesen Monat ein Jahr alt. Savita ist Hindi, und bedeutet “Die Sonne“. An sich ein, sogar genaugenommen zwei Gründe zur Freude, werden Sie sagen. So ist es, doch es gibt Augenblicke im Leben eines jungen Vaters, dich sich wie zur Unendlichkeit dehnen. Von einem dieser Augenblicke soll hier die Rede sein.

Ich war mit Ihr alleine zu Hause und wie üblich wollte ich vor Ihrem Mittagsschlaf noch einmal eine frische Windel anlegen. Da sie bereits morgens einen stattlichen Haufen hinterlassen hatte, und auch mein sonst für diese Art Geschehen feiner Geruchssinn keinerlei Alarm schlug, ahnte ich nichts Böses. Unser Wickeltisch steht im Badezimmer, an der gefliesten Wand hängt ein kleiner weisser Teddy in einem Luftballonherz, den sie innig liebt. Ein Geschenk ihres On-kels. Da sie seit ein paar Wochen stehen kann, ist sie immer ganz begeistert, wenn sie ein paar Minuten Auge in Auge mit dem Teddy verbringt. Diese paar Minuten kann man, wenn man(n) sich geschickt anstellt, perfekt zum Wechseln der Windel nutzen. Doch heute sollte alles anders kommen.

Zunächst war alles wie gewohnt und seit Monaten erprobt, ein, zwei geschickte Handgriffe des modernen Vaters, und der Body war geöffnet, ein weiterer flinker Griff an die neuzeitliche Windelbefestigung, und das Unglück nahm seinen Lauf. Das prall gefüllte Ding sackte nach unten, ich rang mit der Luft, die jäh geruchssgeschwängert aus eben diesem strömte. Ein breiiger Klumpen begann sich quälend langsam von ihren Hinterbacken zu lösen. Mit der linken ver-suchte ich noch, das sich setzende Baby zu halten, mit der rechten nestelte ich an der Babylove-Feuchttücherbox, zerrte wie im Wahn zwei oder fünf von den Dingern hervor. Den breiigen Klumpen erwischte ich noch mit einem der Tücher, während die anderen es sich mit einem leisen Plopp auf der Vorleger gemütlich machten. Doch meine Linke versagte, ich konnte das Setzen des kleinen Körpers nicht mehr verhindern. Geistesgegenwärtig und triumphierend riss ich die volle, zu Boden gesackte Windel unter ihrem Hintern zur Seite. Ein kleiner Finger zeigte voller Stolz auf den Bären, ein Lächeln strahlte mich an. Ich nickte zufrieden.

Noch!

Denn ich dachte halt nur, das ich den eben erhaschten Klumpen fest verankert hätte. Noch während mich die kleinen, blauen Augen liebevoll in ihren Bann schlugen, klatschte die ganze Packung auf den Boden. Ein Fluch entfuhr meinen Mund. Ob dieser verbalen Entgleisung entgleiste auch meinem Kind die Mimik, ein wohlbekanntes Quäken in Verbindung mit einer sich zu einer rechteckigen Form verziehenden Mundpartie war das Ergebnis.

"Psssssch, der Papa hat’s nicht so gemeint, ist gar nicht schlimm."

Fand sie aber doch! Allem Anschein nach wollte sie, zumindest im Moment, nichts mit diesem fluchenden Wesen vor ihr zu tun haben, und drehte sich mit der ihr eigenen Eleganz von mir weg über die linke Seite auf den Bauch. Dummerweise lag genau dort die von mir heldenhaft gerettete Windel. Ihr rechter Arm nahm eine für meine ganzen Sinne unangenehme braune Färbung an. Ich zuckte zusammen. Trat einen kleinen Schritt auf sie zu. Mein rechter grosser Zeh versank in dem etwa pflaumengrossen, von der selben braunen Farbe geprägten Stück, das mir kurz zuvor entgleiste. Von "Pflaumengrösse" konnte man jetzt beim besten Willen nicht mehr sprechen. Wieder ein Fluch. Verzweiflung stieg in mir auf, aber sollte ich mich geschlagen geben. Nein, nein, und nochmals nein.

Auf der rechten Ferse balancierend warf ich die Windel zu Boden, wohl wissend, das sie dort weitaus weniger Schaden anzurichten vermochte. Mit der Linken das Kind haltend, sammelte ich die zuvor verlorenen Feuchttücher vom Boden, riss noch ein oder zwei aus der Box. Das Kind wedelte derweil, nun wieder fröhlich juchzend, mit den Armen. Das einer dieser Arme noch, nun, sagen wir mal, verunreinigt war, schien sie dabei nicht weiter zu stören. »Dedadat, dedadat« klang es mir entgegen, eine Äusserung, der ich in der gegebenen Situation nicht so ganz zuzustimmen vermochte.

Endlich hatte ich die Tücher auf dem Wickeltische, zog ihr den Body über den Kopf, was ihre Stimmung allerdings wieder ein klein wenig ins Negative abrutschen liess. Da das Kleidungsstück durch die beschriebenen Aktionen auch schon in Mitleidenschaft gezogen war, zeigten sich in der Folge auch braune Flecken an Stellen ihres kleinen Körpers, die normalerweise nicht mit Exkrementen in Berührung kommen. Womöglich trug auch das Wedeln mit dem erstaunlich kräftigen Arm zu der weiträumigen Weiterverbreitung bei. Aber egal, ich beschloss, dem ein Ende zu setzen. Meine linke Hand nagelte das Kind auf der weichen Wickelunterlage fest. Protest war bei dieser Vorgehensweise zwar vorprogrammiert, ich hielt es in der gegebenen Situation aber für unvermeidlich, wollte ich weiteres Unglück verhindern. Was soll ich sagen, ein breitgezogenes, und mit grosser Wahrscheinlichkeit noch mehrere Strassen weiter zu hörendes »Uuuuuuähhhh« erklang. Man ist immer wieder erstaunt, welche Energie so ein doch verhältnismässig winziger Körper zu entwickeln in der Lage ist, sowohl verbal als auch in der Benutzung aller Extremitäten. Und biegsam sind diese kleinen Monster, unglaublich.

Die Beseitigung aller Spuren konnte beginnen.

Unter lautstarkem Protest gelang es mir in der folgenden Zeit (Minuten, Stunden, wer vermag es zu sagen?), sowohl das Kind als auch meinen dicken Zeh von allen Verunreinigungen zu befreien. Die »Uäh´s« wirkten mit fortschreitender Tätigkeit auf mich doch nur noch im weitesten Sinne halbherzig. Oder sollten sich meine Sinne und Empfindungen zwischenzeitlich in eine Ecke meines Gehirns zurückgezogen haben, in der der psychologische Fachbegriff der Verdrängung angesiedelt ist?

Egal, frisch eingekleidet (übrigens, weiss vielleicht jemand, was am Anziehen, speziell am Einfädeln der Arme in die Ärmel so grausam und kleinkindverachtend ist, das man meint, das Baby würde umgehend die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen und Amnesty International anrufen?) merke man fast nichts mehr von den erlittenen Folterungen. Auf dem Weg ins Bett wurde ich dann wieder fröhlich ins Auge gepikst und angegrinst.

»Dedadedadat?«, fragt sie und diesmal stimmt ich zu!

Durch die Strapazen erschöpft, das gerade Erlebte wohl nur durch Schlaf zu bewältigen, war sie nach wenigen Minuten und einigen mehr Schlucken Wasser in ihrer unnachahmlichen Art im Traumland. Den kleinen Kopf nach links gedreht, die Knie angezogen, so das ihr Hintern steil in die Höhe ragt und beide Arme flach zur Seite ausgestreckt. In meinen Augen die unbequemste Art, sich dem Schlafe hinzugeben, aber...

...und schliesslich, gibt es etwas Schöneres, als einen Baby beim Schlafen zuzusehen?

12.01.2002
__________________
© by Torsten Sammet 1981-2017

"Eine strenge und unumstößliche Regel, was man lesen sollte und was nicht, ist albern. Man sollte alles lesen. Mehr als die Hälfte unserer heutigen Bildung verdanken wir dem, was wir nicht lesen sollten." Oscar Wilde

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flammarion
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ein

entzückendes drama. ja, sowas kann man nur heiter sehen. ich wäre nie auf die idee gekommen, bei einem stehenden kind die windeln wechseln zu wollen. allerdings ging man damals mit anderen materialien um als heute, dennoch . . .
ĂĽbrigens: als meine tochter in dem alter war, hat sie genau die gleiche stellung zum schlafen eingenommen.
ganz lieb grĂĽĂźt
__________________
Old Icke

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Wolfsbane
???
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"Dedadedadat"

Schöner Monolog! (s.o.)

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