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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das kurze, strahlende Leben der Sonnenblume
Eingestellt am 11. 06. 2005 14:46


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Kadira
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Das kurze, strahlende Leben der Sonnenblume

Sie konnte den Atem der anderen Frau gegen ihren Nacken f├╝hlen, hei├č und gerade eine so kleine Spur unregelm├Ą├čig, dass sie wusste, dass sie nicht die einzige war, die von der Situation ber├╝hrt war. Es freute sie mehr als sie dachte, war es doch nicht Teil ihres Kontrakts. Nicht das irgendwas von dem hier es war, angefangen mit der letzten Stunde, von dem Moment an, als sie die andere Frau in ihrer Wohnung ├╝berrascht hatte, ├╝ber ihr Verlegenheitsteest├╝ndchen, bis jetzt, zu dieser neuen, noch ├╝berraschenderen Entwicklung.

Aber vielleicht lag es auch nur an ihr. Sie hatte nicht wirklich viel Erfahrung, was man von solchen Leuten erwarten sollte. Vielleicht geh├Ârte das ja zum Standartprogramm, und man hatte es ihr nur vergessen zu sagen. Oder sie war der tausendste Kunde oder so was in der Art. Sie lachte innerlich, ├╝ber die Unsinnigkeit ihrer Gedanken.

┬╗Geh├Ârt das mit zum Vertrag? Kann mich gar nicht daran erinnern┬ź, fragte sie nach einem Moment, als sie sich in die Arme der anderen Frau fallen lie├č und ihren Kopf zur Seite drehte, so das die weichen Lippen der anderen Frau leichter Zugang zu ihrer Haut hatte.

┬╗Nur bei ganz speziellen Kunden. Nat├╝rlich auch nur, wenn besagte Kunden es wollen┬ź, sagte die Frau hinter ihr, wobei sie sich eng gegen sie presste. In der Halbd├Ąmmerung und mit dem R├╝cken zu ihr gedreht, konnte sie das Grinsen nur erahnen. In ihren Gedanken jedoch, hatte sie ein sehr klares Bild. Auch ohne die andere Frau jemals bei voller Beleuchtung gesehen zu haben, wusste sie irgendwie, dass die kurzen Haare, die sich gerade gegen ihre Wange pressten, schwarz waren, vielleicht noch mit blauen Str├Ąhnchen durchsetzt, die das eisblau ihrer Augen, den einzigen Teil, den sie wirklich deutlich gesehen hatte und was sie von Anfang an fasziniert hatte, noch unterstrichen. Und leicht stachelig, so als wenn sie mit Haargel oder Schaum fixiert waren. Es war ein angenehmes Gef├╝hl.

Ein wohliger Schauder durchfuhr sie, als Lippen an ihren Hals entlang wanderten. Sie konnte ein leichtes Seufzen nicht unterdr├╝cken. ┬╗Diese Kundin will┬ź, erkl├Ąrte sie nach einem Moment, Stimme leicht belegt.

┬╗Ist diese Kundin sich auch ganz sicher?┬ź, leise, sanft, verf├╝hrerisch. Die Stimme lullte sie ein, berauschte sie, w├Ąhrend sie sich zur gleichen Zeit lebendiger f├╝hle, als jemals zuvor, oder zumindest mehr als sie sich erinnern konnte.

Sie nickte, und presste sich gegen die andere Frau, sicher das sie keine Worte brauchen w├╝rde. ┬╗Man sagt ja, dass man alles mal ausprobiert haben soll, und das fehlt noch auf meiner Palette.┬ź Sie war jetzt dankbar f├╝r die Dunkelheit, die ihre Rotwerden wenigstens oberfl├Ąchlich verdeckte, wenn sie sich auch sicher war, dass die andere Frau die Hitze, die von ihrer Haut ausging, f├╝hlen konnte.

┬╗In der Tat┬ź, murmelte die andere Frau gegen ihr Ohr. Der sanft-warme Atem lie├č sie schaudern. ┬╗Das sollte man. Obwohl ich ├╝berrascht bin. Angenehm nat├╝rlich. Jemand mit deiner Ausstrahlung und deinem Aussehen ... ┬ź

Eine warme Hand strich ihr ├╝ber die Kehle, dann hinunter, ├╝ber ihre Seidenbluse, so leicht, dass die Ber├╝hrung kaum mehr als eine Illusion schien. Sie hatte beinahe Angst zu atmen, vor Furcht, dass die Seifenblase zerplatzen und die Leere zur├╝ckkehren w├╝rde. Ein leises St├Âhnen entfuhr ihr, als ihrem Ohrl├Ąppchen auf einmal besonders viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, erst mit Lippen, dann, ganz sanft mit Z├Ąhnen, gerade so viel Druck, dass sie es merkte. Beinahe wie ein Langzeitliebhaber, der genau wusste, welche Kn├Âpfe er zu dr├╝cken hatte, um ihren K├Ârper wie ein perfektes Instrument zu spielen.

Und genau wie ein Instrument sich seinem Musiker hingeben w├╝rde, gab sie sich der anderen Frau hin, K├Ârper und Seele, wenigstens f├╝r diesen fl├╝chtigen Augenblick alles andere um sich herum vergessend, sogar wie es zu dieser Begegnung kam. Wie ein Instrument von einem Musiker zum Leben erweckt wurde, wenn er die richtigen Noten spielte, erwachte auch sie unter den H├Ąnden und Lippen der anderen Frau zu neuem Leben.

~.~.~.~.

Im gelblichen Licht der Stra├čenlaterne, untersetzt von einem roten Streifen auf ihrer Wange von der Leuchtreklame der Getr├Ąnkefabrik gegen├╝ber, stand die andere Frau am Fenster und ging Papiere durch. ┬╗Es scheint alles in Ordnung zu sein┬ź, sagte sie mit einem kleinen L├Ącheln, bevor sie die Unterlagen auf ihre Tasche zur├╝cklegte. ┬╗Du kannst jetzt nicht mehr zur├╝ck, dass wei├čt du, oder? Wir treten niemals zur├╝ck, wenn einmal unterschrieben wurde. Es w├╝rde gegen unsere Ethik versto├čen.┬ź

Sie nickte. Nicht das sie es jemals vor hatte, so sch├Ân die letzten Stunden auch waren. ┬╗Und du willst es wirklich so haben? Das gibt eine ganz sch├Âne Sauerei...┬ź Die andere Frau sah sie z├Âgernd an. Die unnat├╝rlichen Lichtverh├Ąltnisse gaben ihren Augen einen beinahe d├Ąmonischen Schein. ┬╗ Es w├Ąre Schade um dein Gesicht. W├╝rde auch kein sch├Ânes Bild bei der Beerdigung geben.┬ź

Sie zuckte mit den Schultern, ├Âffnete die Wasserflasche und nahm einen tiefen Schluck. ┬╗Mich wird's wohl nicht mehr sonderlich st├Âren┬ź, sagte sie dann mit einem leichten Lachen. Merkw├╝rdigerweise versp├╝rte sie keinerlei Angst mehr. Tats├Ąchlich hatte sie die nicht mehr gesp├╝rt, seit dem die andere Frau in ihr Leben getreten war. Auf einer verkorksten Art und Weise, f├╝hlte sie sich sicher bei und mit ihr, trotz ihrer Profession, trotzdem, dass sie nicht mal ihren Namen kannte, und trotzdem, dass sie das letzte Gesicht war, das sie jemals sehen w├╝rde.

Die andere Frau grinste leicht. ┬╗Das stimmt. Trotzdem legen da viele unserer Kunden noch wert drauf.┬ź

┬╗Ich nicht. Au├čerdem haben mir deine Leute gesagt, dass es eine todsichere Art w├Ąre. Wesentlich sicherer als Tabletten und ├Ąhnliches.┬ź

┬╗Metal dieser Art so tief im K├Ârper ist in der Tat sehr sicher┬ź, sagte ihr Gegen├╝ber, mit einem leichten Lachen. ┬╗Es ist normalerweise gegen unsere Police zu fragen, aber warum willst du es ├╝berhaupt?┬ź

Sie strich sich eine lange blonde Str├Ąhne aus dem Gesicht und zuckte ein weiteres Mal mit den Schultern. ┬╗Ich kann es nicht sagen. Es ist die einzige logische Konsequenz f├╝r mich. Die war es schon, als ich mich bei euch gemeldet habe, und sie ist es noch immer. Ich habe alles erreicht und gemacht, was ich jemals wollte. Es ist die ideale Zeit um abzutreten.┬ź

┬╗Verlustangst?┬ź

┬╗Hat man die nicht immer auf die eine oder andere Art und Weise? Aber das ist nicht der Grund. Ich will einfach nicht mehr. Es ist an der Zeit, einen Schritt weiterzugehen f├╝r mich.┬ź

┬╗Und was machst du wenn es danach nichts mehr gibt?┬ź

┬╗Das st├Ârt mich dann wohl auch nicht mehr.┬ź

Die andere Frau sah sie einen Moment nachdenklich an, nickte dann. ┬╗Das ist wohl wahr. Viel zu viele Leute f├╝rchten sich vor dem Tod f├╝r nichts. Deine Ansicht kann ich respektieren. Selbst erkennen, wann es Zeit ist abzutreten ... Ich kann nur hoffen, dass ich es auch irgendwann sehe. Gibt es noch irgendetwas, dass du machen willst, oder bist du bereit?┬ź, wechselte sie dann das Thema.

┬╗Ich bin bereit┬ź, erkl├Ąrte sie, und es war die Wahrheit. Alles was sie noch zu tun gehabt hatte, wie Briefe an ihre Familie schreiben, ihr Testament aufsetzen, den Teufel von einem Hund ihrem Exfreund nachzuschicken, hatte sie schon vor Wochen erledigt. Heute nachmittag, auf dem Weg zum B├Ącker um ihre Dauerbestellung f├╝r das K├╝rbisbrot und die Sonnenblumenkernbr├Âtchen zu k├╝ndigen, hatte sie noch die offenen Rechnungen bezahlt und besagte Briefe eingeschmissen.

Es gab f├╝r sie definitiv nichts mehr zu tun. Nun noch weniger, als w├Ąhrend der letzten Monate schon.

┬╗Wird es wehtun?┬ź, fragte sie aus einem pl├Âtzlichen Impuls heraus. Es war das Einzige, was ihr wirklich Sorgen bereitete. Sie hatte genauso wenig Angst vor dem Tod, wie sie es vor dem Leben gehabt hatte. Die Aussicht auf Schmerz hingegen, konnte sie, wenn sie es denn zu lassen w├╝rde, in Panik versetzen.

┬╗Es geht so schnell, du wirst nichts merken┬ź, sagte die andere Frau, ihre Stimme leise und beruhigend.

Sie nickte. ┬╗Und wie ...?┬ź Sie wollte es nicht sagen, aber nach den letzten Stunden w├╝rde es ihr zu unpers├Ânlich vorkommen, einfach aus der Ferne, vom Fenster aus, erschossen zu werden.

┬╗Wie immer du willst┬ź, sagte die andere Frau, w├Ąhrend sie sich eine dieser d├╝nnen Gummihandschuhe, wie ├ärzte sie benutzten, anzog.

┬╗Ich ... ich m├Âchte, das du mich h├Ąltst┬ź, sagte sie nach einem Moment des Schweigens. ┬╗Wenn das geht┬ź, f├╝gte sie mit einem unsicheren L├Ącheln hinzu.

Das kurze Z├Âgern der anderen Frau lie├č sie mit einer Absage rechnen. Dann: ┬╗Nat├╝rlich geht das. Ich w├╝rde es sogar gerne machen.┬ź

Sie stie├č einen unh├Ârbaren Seufzer der Erleichterung aus und lie├č sich nach hinten sinken, auf ihr Kopfkissen. Sie schloss ihre Augen f├╝r den Moment, und h├Ârte in die Stille hinein, die nur hier und da von einem leisen Knacken unterbrochen war. Noch nicht einmal das sonst gleichm├Ą├čige Gesumme des K├╝hlschranks war zu h├Âren, da sie ihn einige Stunden vorher schon vom Netz genommen hatte. Die Stille war nicht nur beruhigend, sondern beinahe befreiend.

Sie ├Âffnete ihre Augen erst wieder, als die Matratze sich unter ihr bewegte, und die andere Frau sich neben sie setzte. F├╝r einen Moment sahen sie sich nur an, sprachen wortlos miteinander, auf einer Ebene, wie es wohl nur Leute in ihrer Situation konnten.

┬╗Danke┬ź, sagte sie dann mit einem L├Ącheln. ┬╗F├╝r alles.┬ź

Die andere Frau beugte sich vor und k├╝sste sie leicht auf die Wange. ┬╗Es war mir eine Freude.┬ź

Sie machte bereitwillig Platz, als die andere Frau sich hinter sie legte, und kuschelte sich gegen den warmen K├Ârper, seufzte leise, zufrieden, als ein Arm sich um ihren K├Ârper wand und sie festhielt. Es war perfekt, fand sie, als der Geruch der anderen Frau ihre Sinne benebelte, bis au├čer ihr nichts mehr wichtig zu sein schien. ┬╗Schlie├č deine Augen und versuch etwas zu schlafen. Ich werde bei dir bleiben.┬ź

Es war eine Aufforderung, der sie nur zu gerne folgte, und als sie schon am wegd├Âsen war, f├╝hlte sie noch die Lippen ihrer Einmal-Liebhaberin auf ihrer Stirn und glaubte ein 'Es war sch├Ân dich kennen gelernt zu haben' zu h├Âren.

~.~.~.~.

Die Ermittlungen im Fall der Emilia Kartig (31) wurden trotz vehementer Proteste von Familienangeh├Ârigen eingestellt.

Die national bekannte und gefeierte K├╝nstlerin, war am Freitag vergangener Woche tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Es wurde eine Routineuntersuchung durchgef├╝hrt, diese wurde aber eingestellt, als man keinen Hinweis auf ├Ąu├čerliche Einwirkung finden konnte.

Wie aus Briefen an Freunden und Verwandten, so wie ihrem Testament hervorging, war sie des Lebens m├╝de, was zu Selbstt├Âtung durch Kopfschuss f├╝hrte.

Die Beisetzung wird im engsten Familien- und Freundeskreis stattfinden.


Zufrieden faltete sie den ausgerissenen Zeitungsausschnitt wieder vorsichtig zusammen und steckte ihn in die Hosentasche ihrer ausgewaschenen Jeans. Das Gesicht versteckt unter ihrer M├╝tze, wartete sie darauf, dass sich auch die letzten Trauernden verziehen w├╝rden. Es erstaunte sie, wie weit dehnbar der Begriff 'eng' doch war. Bei Trauergast 150 hatte sie aufgeh├Ârt zu z├Ąhlen. Ber├╝hmtheit schien den Bekannten- und Familienkreis doch nicht unerheblich zu vergr├Â├čern.

Sie beobachtete, wie ein ├Ąlteres Paar wei├če Rosen auf das Grab legte. Sie waren die beinahe letzten in einer langen Reihe. Wie viele der hier Anwesenden hatten sie wohl wirklich gekannt und wie viele waren nur hier, damit sie sp├Ąter davon berichten konnten?

Es war beinahe ekelerregend und machte sie froh, dass sie normalerweise nichts mit solchen Leuten zu tun hatte. Es erstaunte sie selber, dass sie heute hier war. Es ging gegen alles, wof├╝r sie eigentlich einstand. Nicht nur ihre pers├Ânliche Ethik, die hatte sie ja schon vor einigen Tagen spontan ├╝ber den Haufen geworfen, sondern auch gegen ihren Arbeitsvertrag. 'Erledige deinen Job', und das war es. Es war die erste und wichtigste Regel und sie war gerade dabei sie zum zweiten Mal zu brechen.

Sie blinzelte, als die Sonne zwischen den dunklen Wolken durchbrach und das graue Licht f├╝r einen Moment schmutziggelb erschienenen lie├č, bis sie den Kampf gewann und die Grabsteine erstrahlten. Sie l├Ąchelte leicht. Irgendwie war sie sich sicher, dass ihr das gefallen w├╝rde.

Sie wartete noch einen Moment nach dem der letzte Trauergast gegangen war, bis sie sich aus dem Schatten der kleinen Kapelle herausbewegte und, mit einem letzten Blick umher, auf das blumen├╝berh├Ąufte Grab zusteuerte. Ihre Situation war prek├Ąr genug, auch ohne das sie noch ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zog.

Vorsichtig legte sie die einzelne Sonnenblumen auf das Grab. Anstatt in der Blumenpracht unterzugehen, schien sie in ihrem ganzen Glanz hervorzustechen. Es war ein Spontanentschluss gewesen -- wie beinahe alles, was Emilia Kartig und sie scheinbar betraf. Sie war nicht sehr gut in solchen Dingen, aber wusste, dass ihr die Blume gefallen w├╝rde, sobald sie sie gesehen hatte. Nicht nur wegen des Bildes mit dem Sonnenblumenfeld, das fast die ganze Wand ├╝ber ihrem Bett eingenommen hatte, sondern weil es einfach zu der Frau passte, die f├╝r so kurze Zeit in ihr Leben getreten war, es erstrahlt hatte, und es geschafft hatte, dass sie mal eben alle ihre Prinzipien ├╝ber den Haufen geworfen hatte.

┬╗Ich hoffe du hast gefunden, wonach du gesucht hast┬ź, sagte sie leise, w├Ąhrend ihr Blick ├╝ber den kalten Marmorgrabstein strich, in dem in goldenen, verschn├Ârkelten Buchstaben ein einfaches 'Beloved' stand.

┬╗Kannten sie Emilia?┬ź Sie zuckte zusammen, als auf einmal die Stimme hinter ihr ert├Ânte. ┬╗Ich habe sie gar nicht bei der Beerdigung gesehen?┬ź

Die ├ähnlichkeit war unverkennbar, als sie den Kopf leicht wand, und ihr Blick auf eine Frau fiel. Es war die gleiche Nase und die gleichen Augen. Die einzigen Unterschiede bestanden in zwei Nuancen dunklere Haare, welches hier nur schulterlang waren und ungef├Ąhr 5 Jahre weniger. ┬╗Ich habe sie nur einmal getroffen. Vor langer Zeit┬ź, erkl├Ąrte sie. ┬╗Es schien mir nicht passend an den Feierlichkeiten teilzunehmen.┬ź

Die j├╝ngere Frau zuckte mit den Schultern. ┬╗Es war eh alles nur eine Farce. Zum gro├čen Teil wenigstens. Ein letzter Versuch noch was vom gro├čen Kuchen abzubekommen. Kaum einer von ihnen kannte sie wirklich. Als sie anfing zu malen, hielten es alle f├╝r Spinnerei. Erst als sie erfolgreich wurde, wollten sie auf einmal alle Gutfreund sein. Aber am Ende hat sie es ihnen alle gezeigt┬ź, sagte die andere Frau mit einem leichten L├Ącheln. ┬╗Sie war meine gro├če Schwester, wissen sie? Und obwohl ich bei weitem nicht sagen kann, dass ich sie wirklich kannte, war ich ihr wohl mit am nahsten. Wenigstens kann ich behaupten, dass ich ihr weder vollkommen gleichg├╝ltig war, noch das sie mich gehasst hat.┬ź

Die Stimme ihrer Gespr├Ąchspartnerin - nein, besser: der Monologistin - zitterte leicht. Aber obwohl die Situation unangenehm war, drehte sie sich nicht um und ging. Ihre Neugier war zu gro├č daf├╝r. Stattdessen l├Ąchelte sie die andere Frau so unverbindlich an, dass sie es so interpretieren konnte wie sie wollte, entweder zum weiterreden oder als peinliche Erkenntnis, dass sie gerade einer v├Âllig Fremden das Herz aussch├╝ttete.

┬╗Letzten Monat habe ich sie zum letzten Mal gesehen. Wir haben uns zum Mittagessen getroffen. Sie war anders als sonst, beinahe euphorisch. Da wusste ich, dass sie einen Weg gefunden hatte. Jeder hier sagt, dass ein Selbstmord unm├Âglich sein kann, dass sie zu lebensfroh daf├╝r war. Irgendwie war sie es auch, aber es gab da auch die andere Seite an ihr. Sie wollte immer weiter. Wenn es nichts neues mehr f├╝r sie gab, erkundete sie das n├Ąchste Thema. Im letzten Jahr war sie besessen vom Tod. Sie las alles, was es dazu gab und alle ihre Bilder drehten sich darum. Weder unsere Eltern noch ihre Kritiker haben die Zeichen richtig gedeutet. Sie haben es als Schaffenskrise bezeichnet. Schaffenskrise und Emilia!┬ź Das Lachen klang freudlos. ┬╗Niemals.┬ź

┬╗Aber du glaubst an Selbstmord?┬ź, fragte sie vorsichtig.

┬╗Sie sagte mir bei einem unserer Treffen, dass es nichts mehr f├╝r sie zu erkunden gibt. Sie hat alles erreicht was sie jemals wollte. Und dann waren da noch ihre Abschiedsbriefe... Ja, ich denke schon, dass es das war. Oder sie hat jemand gefunden, der es f├╝r sie gemacht hat.┬ź Sie zuckte innerlich zusammen. ┬╗Aber auf jeden Fall war es kein wirklicher Mord. Sie wollte sterben! Es gab f├╝r sie hier nichts mehr! Sie wollte wissen, was danach kommt! Nur will das hier keiner wahr haben. Den Aufruhr den es gab, als die Polizei keine Hinweise auf Mord gefunden hat und ihre Ermittlungen eingestellt hat...┬ź

Dann, mit funkelnden Augen: ┬╗Sie sind doch keine Reporterin, oder?┬ź

Sie lachte leise. ┬╗Wenn ich es w├Ąre, w├Ąre es jetzt wahrscheinlich schon etwas sp├Ąt, oder? Aber ich bin nur jemand der sie getroffen hat, und den sie sehr beeindruckt hat.┬ź

Die andere Frau l├Ąchelte. ┬╗Das glaube ich gerne. Emilia hatte ein Talent daf├╝r, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst war. Sie imponierte den Leuten einfach und lie├č sich so unvergesslich werden.┬ź

Sie nickte zustimmend. Daran hatte sie gar keinen Zweifel.

┬╗Karla! Wo bleibst du denn?┬ź, erklang es auf einmal aus Richtung des Parkplatzes. ┬╗Wir m├╝ssen los! Die Leute werden schon ungeduldig.┬ź

Karla verdrehte leicht die Augen. ┬╗Ich muss. Der Leichenschmaus wartet. Mehr Herumgehschleime und debattieren ├╝ber etwas, was so offensichtlich ist. M├Âchten sie vielleicht mitkommen? Es w├Ąre sch├Ân einen Menschen dabei zu haben, der wenigstens ansatzweise normal ist. Es w├Ąre sicherlich auch in Emilias Sinne.┬ź

┬╗Ich denke --┬ź Sie wurde von ihrem Piepser gerettet. ┬╗Ich habe leider keine Zeit. Die Arbeit ruft. Ich wollte mich nur noch mal von ihr verabschieden┬ź, sagte sie mit einem tiefen Gef├╝hl innerer Erleichterung.

Karla zuckte mit den Schultern, unf├Ąhig ihre Entt├Ąuschung komplett zu verbergen, dass ihr Rettungsanker - und als das sah Karla sie offensichtlich - gerade vor ihrer Nase weggezogen worden war. Mit einem: ┬╗Na dann. Es war sch├Ân sie kennen gelernt zu haben┬ź, drehte sie sich um und ging mit entschlossenen Schritten auf das Tor zu.

Sie beneidete Karla nicht. Erst als die andere Frau endg├╝ltig aus ihrer Sicht verschwunden war, drehte sie sich noch einmal zu dem Grab um. ┬╗Es war mir eine Ehre dich kennen gelernt zu haben, Emilia┬ź, sagte sie und strich ├╝ber die blumenbedeckte Oberfl├Ąche, bevor auch sie sich entfernte.

Im Auto ├Âffnete sie ihr Arbeitshandy und rief die Piepsernummer an. ┬╗Warum hast du so lange gebraucht?┬ź, Jacks irritierter Ton lie├č sie l├Ącheln.

┬╗Was gibt es?┬ź

┬╗Ich wollte dich nur noch mal an deinen Auftrag heute Nachmittag erinnern.┬ź

┬╗Daf├╝r rufst du mich an?┬ź

┬╗Ich wollte einfach nur sicher gehen, dass du es nicht vergisst.┬ź

┬╗Habe ich jemals einen Auftrag vermasselt?┬ź, fragte sie und schaffte es zugleich beleidigt und am├╝siert zu klingen.

┬╗Nat├╝rlich nicht, aber du schienst in den letzten Tagen etwas zerstreut. Ist denn alles in Ordnung?┬ź

Sie dachte an Emilia, ihr L├Ącheln, und an das Bild mit den Sonneblumen ├╝ber ihrem Bett. Sie dachte daran, wie die andere Frau sich in ihren Armen angef├╝hlt hatte, ihre Bestimmtheit und ihre St├Ąrke, an das Gespr├Ąch mit ihrer Schwester und an ihr Grab.

'Danke. F├╝r alles.'

┬╗Erde an Manu.┬ź

┬╗Du sollst mich nicht so nennen. Es ist Manuela┬ź, sagte sie resigniert, als sie den Motor startete. Es war ein verlorener Kampf, wie sie sehr wohl wusste. ┬╗Und ja, es ist alles in Ordnung. Ich musste nur gerade an was denken. Und nein, es wird mich nicht von meiner Arbeit ablenken┬ź, nahm sie die Frage vorweg, die mit Sicherheit jetzt gekommen w├Ąre.

┬╗Gut! Nicht das ich was anderes erwartet h├Ątte┬ź, f├╝gte Jack beinahe entschuldigend hinzu. ┬╗Dein letzter Auftrag, die K├╝nstlerin, wurde mittlerweile auch als Selbstmord ad acta gelegt. Gute Arbeit.┬ź

Sie l├Ąchelte in das Telefon hinein. ┬╗Was h├Ąltst du heute von Abendessen? Ich k├Ânnte etwas Gesellschaft gebrauchen und mir w├Ąre mal wieder nach griechisch.┬ź

┬╗Gerne. Wann glaubst du, dass du fertig bist?┬ź

┬╗Nach Zeitplan um 7. Du k├Ânntest mich um 10 zu Hause abholen.┬ź

┬╗Werde ich machen┬ź, sagte Jack und unterbrach die Verbindung.

Sie lie├č das Telefon wieder in ihre Tasche gleiten und verlie├č dann den Parkplatz. Der Friedhof verschwand langsam in der Ferne und dann endg├╝ltig aus ihrer Sicht, als sie in die Schnellstrasse einbog.

Das Leben ging weiter. Wenigstens f├╝r sie, und vielleicht gab es ja doch noch mehr nach dem Tod. Ein Teil von ihr w├╝nschte es. Nicht nur f├╝r Emilia, sondern f├╝r alle ihre Klienten, und auch letztendlich f├╝r sich selber, wenn der Zeitpunkt denn da sein w├╝rde. Auch wenn sie hoffte, dass es noch lange nicht so weit sein w├╝rde.

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