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Leselupe.de > Kurzprosa
Das letzte Mal
Eingestellt am 10. 11. 2006 22:16


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maerchenhexe
???
Registriert: Nov 2006

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Das letzte Mal

Das letzte Mal

Vier Uhr frĂŒh, kalt und Nieselregen. FĂŒnfzig war sie jetzt, kalendarisch gesehen, wĂŒrde sie jemand fragen, wie sie sich fĂŒhlte, wĂ€re ihre Antwort „ wie sechzig“ und „ verbraucht wie mit siebzig“. Seit sechsunddreißig Jahren ging sie diesen Weg, Tag fĂŒr Tag, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.

Heute wĂŒrde sie ihn zum letzten Mal nehmen, denn ab morgen gab es ihn nicht mehr, „ihren Betrieb“, mit morgigem Datum waren sie und ihre Kollegen abgewickelt. Das Unternehmen selbst, hatte bereits eine neue Niederlassung innerhalb der EU eröffnet. „Die arbeiten da fĂŒr zwei Euro die Stunde und machen unbezahlte Überstunden. Und diesen völlig unternehmerfeindlichen KĂŒndigungsschutz gibt es dort auch nicht“, hatte der Firmeninhaber ihnen als BegrĂŒndung fĂŒr die Schließung genannt.

Ihre Gedanken wanderten zurĂŒck... „Du bist vierzehn und mit der Schule fertig“, hatten ihre Eltern damals gesagt, „eine Lehre ist fĂŒr dich völlig ĂŒberflĂŒssig. Du heiratest sowieso, bekommst Kinder, bist dann Hausfrau und dein Mann verdient das Geld fĂŒr die Familie. Besorg dir eine Stelle in der Fabrik, dann verdienst du sofort gutes Geld, kannst fĂŒr deine Aussteuer sparen und Kostgeld abgeben.“

Wie damals so ĂŒblich hatte sie das getan, was die Eltern sagten; sie hatte die Stelle in der Fabrik angenommen, hatte gutes Geld verdient, fĂŒr die Aussteuer gespart und Kostgeld abgegeben.
Mit achtzehn hatte sie Bernd Hagemann geheiratet; der arbeitete auch in der Fabrik, war acht Jahre Ă€lter, fleißig und zuverlĂ€ssig. Deshalb war er auch schon Vorarbeiter. Ein Jahr spĂ€ter waren sie Eltern von Zwillingen und zogen zur Miete in das FabrikarbeiterhĂ€uschen, das neben ihren Eltern frei geworden war. „Ist doch gut so“, hatte Bernd gesagt, „dann kann deine Mutter vormittags auf die Zwillinge aufpassen und du kannst halbtags noch ein paar Mark dazuverdienen.“

Sie machten es, wie Bernd gesagt hatte, und von ihrem Dazuverdienten kauften sie sich drei Jahre spĂ€ter einen gebrauchten Kleinwagen. „Klein, aber mein, “ hatte Bernd lachend gesagt, als sie ihn beim HĂ€ndler abholten.

Sechs Wochen spĂ€ter klingelte es spĂ€tabends an ihrer HaustĂŒr. Schlaftrunken stand sie vom Sofa auf und dachte: „Ausgerechnet auf der SpĂ€tschicht vergisst er seinen SchlĂŒssel.“... Vor der HaustĂŒr standen zwei Polizisten, die ihre HĂŒte verlegen in der Hand drehten und ihr in gemessenen Worten mitteilten, dass ihr Mann bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Ein Lkw-Fahrer hatte ihn einfach ĂŒbersehen.

„Du hast Verantwortung fĂŒr deine Kinder“, hatten ihre Eltern nach der Beerdigung gesagt, „ eine Lebensversicherung hatte Bernd nicht und Erspartes ist auch nicht da. Frag in der Fabrik nach, ob du wieder auf volle Schicht kannst, dann kommen die Kinder tagsĂŒber zu uns. Ist doch gut, dass wir nebenan wohnen.“

Und genauso wurde es dann gemacht. WĂ€hrend sie ganztags arbeiten ging, wuchsen ihre Kinder grĂ¶ĂŸtenteils bei den Großeltern auf. Wegen des Studiums waren beide mit einundzwanzig von zu Hause ausgezogen und sie bewohnte das FabrikarbeiterhĂ€uschen seitdem allein.

Der Nieselregen hatte aufgehört, nur noch vereinzelte Tropfen warfen Blasen auf in den PfĂŒtzen. FĂŒnfzig war sie jetzt, fĂŒhlte sich wie sechzig und verbraucht wie mit siebzig. Und ab morgen war sie arbeitslos!


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flammarion
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hm,

ein tolles leben, was man als frau und mutter haben kann. hast nischt, bist nischt und kannst nischt - richtig erstrebenswert, oder?
gut geschrieben. mach mal so weiter.
lg
__________________
Old Icke

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maerchenhexe
???
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Danke fĂŒr deine RĂŒckmeldung zu meiner Geschichte, war mir nĂ€mlich nicht sicher, ob ich auch Kurzgeschichten von mir in LL einstellen soll.
lieber Gruß
maerchenhexe
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flammarion
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na

klar doch, immer her damit. dafĂŒr ist doch die leselupe da. und so, wie du schreibst, werden die bestimmt auch gern gelesen.
lg
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Old Icke

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