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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das märchenhafte Seminar
Eingestellt am 24. 05. 2016 19:43


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Hagen
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Das märchenhafte Seminar

Nachdem eine Kollegin mich zum Bahnhof gebracht hatte, fuhr ich zunächst mit dem Zug nach Braunschweig. Einen Kaffee aus einem Pappbecher und in den Zug nach Zorbst. Ein Abteil für mich, der sonore Klang der Stahlräder auf den Schienen, ich genoss die Fahrt, es hatte nicht so recht geklappt mit dem Schlafen, nach der Nachtschicht als Taxifahrer. Möglicherweise befand ich mich deshalb in einem seltsamen ‘Vorschlafstadium‘, die Konzentration war noch da, aber das Wohlgefühl während des Schlafes hatte sich bereits eingestellt.
Ich war mir nicht ganz sicher, im Zug doch etwas geschlafen zu haben, denn eine Frau saß plötzlich schräg vor mir und klappte das Buch zu, in den sie offenbar gelesen hatte. Arthur Schnitzler ‘Der Reigen’. Nach wie vor bin ich fasziniert von diesem Werk, eine Verfilmung davon habe ich mehrfach gesehen. Ein Stoff, der mich reizt, ihn in die heutige Zeit zu transferieren.
Wir kamen darüber ins Gespräch, und darüber, wie sehr ich tiefgründige Beobachtungsgabe schätzte, die vor des Lesers Auge Bilder entstehen lässt, Empfindungen, Impressionen ...
Sie stimmte mir zu, und sie ließ sich mitreißen von meinem Begeisterungsstom für diese Art der Literatur, trotz ihrer geschäftsmäßigen Gewandung, ihrer deutlich teuren, goldenen Uhr, dem wirkungsvollen Goldschmuck. Sie auf dem Heimweg von irgendwelchen Geschäften, die Adrenalinproduktion zurückfahrend, zufällig am Bahnhofskiosk den Reigen gegriffen, vermutlich wegen des Titels, und ein fast leeres Abteil gefunden, leer bis auf einen schlafenden Mann.
Ihre Gedanken waren irgendwo, nur nicht bei der Literatur, und sie fragte mich: „Sind sie vom Fach? – Sind sie auch Schriftsteller, Lektor oder sowas?“
„Nein“, sagte ich, „ich bin Taxifahrer. Aber ich fahre zu einem Seminar, ‚kreatives Schreiben‘ heißt das. Anschließend soll jeder noch ein Märchen schreiben. – Ach, ich bin ja so gespannt.“
„Ach so.“ Sie klappte ihr Buch wieder auf, „nur Taxifahrer“, legte das Lesezeichen – eine Eintrittskarte der California Dream Boys – zur Seite und sprach kein Wort mehr, bis ich in Zorbst den Zug verließ.
Auf der Pole-Position vor dem Bahnhof stand ein Taxi mit einer Frau am Steuer.
Ich enterte das zweite Taxi und ließ mich dann von dem grinsenden Fahrer zu dem idyllisch am Waldrand gelegenen Anwesen fahren, in der das Wochenendseminar ‘Kreatives Schreiben‘ unter Leitung der bekannten Lyrikerin Donata Grönefeld-Schlierensief stattfinden sollte.
Das sagte ich dem Fahrer und sein Grinsen vertiefte sich.
„Ach, dies Wochenende gibt es da ‘Literatur‘. Sonst haben die da immer nur Dessous-Partys“, grinste er. „Es gibt preiswertere Wege, eine Tussi kennenzulernen.“
„Hm, jetzt bin ich aber ein ganz klein wenig irritiert“, bemerkte ich.
„Kann ich verstehen“, nickte er und erzählte ausschweifend von der Gründerzeit der Social-Beat-Scene, als besagte Donata – damals nur Grönefeld – von den Social-Beat-Poets `Die Horizontale Donata´ genannt wurde, weil sie oft und gerne das praktizierte, wovon diese Poeten gerne schrieben und so taten, als ob sie es ebenso oft tun würden, aber meistens zu besoffen dazu waren.
„‘hab‘ auch mal einen Slam gewonnen“, grinste der Mann, „‘bin auch ziemlich besoffen gewesen damals ... gehörte wohl dazu, sich von einer halbbesoffenen Jury beurteilen zu lassen. – Na ja, vorbei die Zeit! War seinerzeit noch in Hamburg. – Sie sehen so aus, als hätten sie auch schon mal was Ordentliches geschrieben.“
„Stimmt“, sagte ich, „einen Roman, ‘Verstreut in alle Winde‘. Ich habe ihn sogar an einen Verlag geschickt. Danach ist mein Haus abgebrannt. Damit auch der Computer auf dem das Original war“.
„Oh, das tut mir leid. – Nach der Wiedervereinigung sind die Literaten alle hierher gekommen, weil die meinten, hier gäbe es ein Defizit an Kultur. ’sind heute alle Sozialpädagogen geworden oder so, oder haben sich an der Börse kaputt gemacht. Na ja. Hin und wieder treffen sich die Altfreaks auf derartigen Kursen und wühlen in Sentimentalität. Donata hat damals Zwillinge bekommen, sich vom Social-Beat verabschiedet, den Chef einer Gebäudereinigungsfirma geheiratet und den einen oder anderen Gedichtband sowie ein Büchlein mit Märchen für Erwachsene im Selbstverlag herausgebracht. Verkauft sich allerdings nicht, das Ding. Sie ist statt dessen auf den Bolzen gekommen, Seminare abzuhalten.“
„Eine etwas ungewöhnliche Reihenfolge“, bemerkte ich.
„Das stimmt“, nickte der Fahrer, „so, da sind wir. – Viel Spaß. Sag‘ mir Bescheid, wenn ich dich wieder abholen soll!“
Das idyllisch am Waldrand gelegene Anwesen sah aus, als sei der Besitzer nach der Wiedervereinigung unter Ausnutzung derselben zu Geld gekommen und hatte mächtig renoviert. Der Kies auf dem Weg knirschte, als der hiesige Kollege das Taxi zum Halten brachte.
„Viel Spaß“, grinste er nachdem ich ausgestiegen war und mich anschickte, federnden Schrittes gen Eingang zu eilen.
Die bekannte Lyrikerin Donata Grönefeld-Schlierensief hatte noch Lockenwickler im Haar, als sie mir nach eindringlichem Klingeln die Tür öffnete.
Ich entschuldigte mich für mein etwas verfrühtes Erscheinen und teilte Frau Donata Grönefeld-Schlierensief mit, dass ich vor Kursbeginn noch etwas Schlaf nachholen wollte. Sie zeigte sich sichtlich erleichtert und mir kleines Zimmerchen mit schrägem, nicht ganz zu schließendem Fenster sowie Toilette über den Flur. Wenigstens stand eine alte Kommode gegenüber vom Bett, darauf eine angejahrte Waschschüssel unter einem ramponierten Spiegel. Es gab auch ein Regal voller Bücher in kunterbunter Mischung diverser Genres, von ‘Die Frau und ihre Welt’ über ‘Die schönsten Flugzeuge der Welt’ und ‘Dufte Düfte’, die Welt der ätherischen Öle, bis ‘Die Welt der Fossilien’. Die einzige Steckdose im Raum war kaputt, und ich bat Frau Donata Grönefeld-Schlierensief mich kurz vor Kursbeginn zu wecken, da ich meinen Reisewecker ohne Netzspannung nicht in Betrieb nehmen konnte.
Das versprach sie mir, und ich legte mich zu einem Schläfchen nieder, nachdem ich ein wenig in dem Flugzeugbuch geblättert hatte. Da stand bei ‘Curtis‘ etwas über die P-40 Warhawk und die C-46 Commando. Die P-40 fand ich überhaupt nicht schön, mit dem dicken Ölkühler unter dem Kinn. Die Mitsubishi A6M5 Zero-Sen, besser bekannt unter dem amerikanischen Codenamen ‘Zecke’ gefiel mir unter ästhetischen Gesichtspunkten schon besser, mit ihrem Doppelsternmotor und der leicht gedrungenen Bauweise. Bei den moderneren Flugzeugen fiel mir der Hawker Harrier auf, weil er für ein senkrecht startendes und landendes Flugzeug erstaunlich gut aussah.
Ein erfrischender, regenerierender Schlaf stellte sich zu meinem Leidwesen nicht ein, nur dieser seltsame Zwischenzustand wie in den einsamen Stunden zwischen Mitternacht und Morgen, in denen der Tau entsteht und die Realität die kreativen Träume verdrängt; - bei normalen Menschen jedenfalls.
Als ich wieder in die Realität geglitten und in das zum Seminarraum umgestalteten Wohnzimmer geeilt war, hatten sie soeben begonnen, sich bekannt zu machen. Nachdem ich erwähnt hatte, dass ich Taxifahrer bin, rückte die Realschullehrerin, deren Lächeln mich zuvor einige Male wohlwollend gestreift hatte, diskret von mir ab. Vielleicht hätte ich lieber andeuten sollen, dass ich mal Florist gelernt hatte, oder im Management der Floristikbranche tätig war. Creative-Director in der Floristikbranche wäre auch nicht schlecht, schließlich hatte ich hin und wieder die Schaufenster des Ladens meiner Exgattin dekoriert und mir dumme Werbesprüche ausgedacht, nach dem Motto: ‘Das Blümlein, das am Wege steht, tretet drauf bevor Ihr geht. – Das Blümlein, das im Laden lacht, erweckt der Liebe Himmelsmacht.’
Egal.
Ich zog mich etwas zurück und half einem etwa gleichaltrigen Herrn, der die Woche über irgend etwas mit Sondermüll organisierte und vor der Wiedervereinigung bei der Nationalen Volksarmee gedient hatte, den Kamin in Gang zu setzen.
Anschließend nahm ich weiter hinten Platz, zwischen einer Realschullehrerin der Fachrichtung Deutsch und Biologie und dem Veteran der Nationalen Volksarmee, der einer weiteren Realschullehrerin, die der Schauspielerin Ruth Leuwerik in ihren besten Jahren verblüffend ähnlich sah, ständig auf den Busen schaute.
Dann saß da noch eine junge Dame, die was mit alten Menschen machte und denen Geschichten erzählen wollte. Frau Holthausen. Auf meine Frage, ob sie mit dem Schriftsteller Hans Egon Holthausen, der so wunderbare Gedichte, die vom späten Rilke und von Eliot ausgehen, verfasst hat, verwand sei, erntete ich nur ein verständnisloses „Häh?“
Die anderen Teilnehmer erzählten sich erst gegenseitig, wie gut sie sich fühlten und diskutierten lange rum, ob geraucht werden dürfe. Natürlich nicht, weil der Trend allgemein zum Nichtrauchen tendierte. Und das obwohl der Kamin wegen miserablem Abzug beschaulich in den Raum qualmte. Und dann notierten alle gewissenhaft das, was von Frau Donata Grönefeld-Schlierensiefs Lippen tropfte.
Diese erzählte von dem `Monomythos´, der `Urgeschichte´, auf der alle Geschichten basieren die es gibt, vom Märchen bis zum Fernsehthriller. Bei dem Wort ‘Fernsehthriller‘ zog sie die Mundwinkel verächtlich herunter und fasste sodann zusammen:
Ein Held wagt sich hinaus in eine Region voller (übernatürlicher) Wunder.
Er gerät mit Fabelkräften aneinander und erlangt einen entscheidenden Sieg.
Ich schrieb eifrig mit, bis mich die Dame vor mir, Verkaufsleiterin von irgendwas mit Haushaltsreinigern, darauf aufmerksam machte, dass im Kamin ein Scheit nachgelegt werden müsse. Das tat ich auch, woraufhin mir der dritte Punkt, nämlich der, dass der Held freudestrahlend zurückkehrt und die Fähigkeit mitbringt, seiner Umgebung Wohltaten zu erweisen, lediglich rudimentär in Erinnerung blieb, da Frau Donata Grönefeld-Schlierensief unerbittlich weiter machte derweil mir die Haushaltsreinigerdame permanent Ratschläge gab, wie ein Scheit nachzulegen ist.
Nachdem der Kamin wieder fröhlich flackerte, ließ sie sich malerisch in einen Sessel daneben gleiten und verlas eins ihrer ‘modernen Märchen’ für Erwachsene.
In diesem Märchen ging es darum, dass eine Nixe, durch die Umweltverschmutzung ihres Lebensraums beraubt, in das Röhrensystem eines Installateurs geriet und von dort aus in die Badewanne eines einsamen Junggesellen, mit dem sie fortan glücklich und in Frieden lebte.
Fanden sie alle schön, die Geschichte, nur ich verwies darauf, dass eine Nixe – von der klassischen Semiotik her gesehen – Begehren erzeugt, dieses aber nicht stillt. Auf die Dauer kann eine derartige Beziehung nicht gut gehen, weil man mit einer Nixe keinen Sex haben kann; - zumindest im konventionellen Sinne. Zugegebenermaßen ein hübscher Einstieg für eine Komödie. Die Nixe müsste in der Badewanne eines Ehepaars auftauchen, und der Mann versucht zunächst die Nixe vor seiner Frau zu verstecken.
Frau Donata Grönefeld-Schlierensief verbot mir, ihr Märchen dahingehend zu interpretieren, es zu kritisieren oder in irgendeiner Art zu verfremden.
Irgendwie kamen sie auf das Urheberrecht, das sie bei dem Genuss einiger trockener Dinkelkekse lang und breit diskutierten, während sie freiwillig abscheulichen roten Tee der Sorte zu sich nahmen, die ich noch aus Schullandheimzeiten in übelster Erinnerung habe.
War alles nicht das, was ich mir unter ’Kreatives Schreiben‘ vorgestellt hatte, ich lenkte meine Schritte aus diesem Grund in Bälde gen Dachkammer, ließ mich daselbst auf dem Bett gegenüber des Spiegels nieder und hätte gern ein Fläschchen Bier gehabt. Das war aber nicht da.
Ich überlegte, eine meiner Zigarren, die ich für tiefes Nachdenken mitgebracht hatte, zu entzünden, drehte mir aber doch eine Zigarette, rauchte genüsslich und sah dabei in den Spiegel.
Müde war ich inzwischen, verdammt müde, und ich überlegte, ob ich schlafen sollte oder nach einer weiteren Zigarette zu den anderen Teilnehmern zurückkehren.
„Was zur Hölle mache ich jetzt?“, fragte ich den Typen im Spiegel.
„‘ist mir doch egal ...“ Die Antwort kam aus des Spiegels Richtung.
Wenn ich hier auf einem Slapstick-Seminar gewesen wäre – was ich aus der momentanen Situation heraus und dramaturgischer Sicht vorzugsweise hätte besuchen sollen – sähe ich jetzt ganz entsetzt die Zigarette an, aber das hier war ein Seminar über kreatives Schreiben, und ich hatte viel Geld dafür bezahlt!
Ich war mir ganz sicher, in dem Seminar ‘Kreatives Schreiben’ gelandet zu sein, aber es wäre ein hübscher Stoff für eine Komödie, wenn einer, der ‘Kreatives Schreiben’ gebucht hatte, aus Versehen in ein Slapstick-Seminar geraten war, und das nicht merkt. Dann wird er berühmt, nimmt Slapstick als Maß aller Dinge, und das merkt auch keiner, weil er ja berühmt ist.
Na gut, sollte so sein, könnte ich gelegentlich mal dran arbeiten. Ich rauchte noch einen Zug und sah mir im Spiegel zu, wie ich den Rauch durch die Nase wieder ausstieß. Eigentlich hätte ich meinen Bart noch ein wenig nachstutzen können – trotzdem empfand ich mich als recht gut aussehend.
„Spieglein, Spieglein an der Wand“, fragte ich daraufhin, „wer ist der Schönste im ganzen Land?“
„Woher soll ich das wissen?“, antwortete das Spieglein, diesmal vernahm ich es ganz genau, „Fragen stellen die Leute heutzutage! Wir Spieglein haben doch weiß Gott andere Sorgen!“
„Kann ich mir vorstellen“, antwortete ich dem Spieglein, „denn seit ich Taxifahrer bin, ist in mir die Erkenntnis gereift, dass jegliche Materie beseelt ist und nichts anderes im Sinn hat, als bei mir den größtmöglichen Schaden an Physis und Psyche anzurichten.“
„Häh?“, fragte das Spieglein.
Ich wollte mich gerade auf ein interessantes Gespräch mit adäquatem Wortschatz mit dem Spieglein einlassen, denn es wollte mir unbedingt ein Märchen erzählen, an dem es einstmals mitgewirkt hatte, und in dem sieben Zwerge vorkommen, als die Realschullehrerin, die Ähnlichkeit mit Ruth Leuwerik aufwies, mich abholen kam. Sie äußerte sich etwas verwundert darüber, dass ich zu so früher Stunde bereits im Bett saß und offenkundig Selbstgespräche führte.
Ich murmelte etwas von ’Rezitieren üben‘, winkte dem Spieglein – der Kerl in ihm winkte mit dezenter Verspätung zurück – ergriff Block samt Bleistift und folgte Ruth Leuwerik zurück in den Seminarraum.
Dort war Frau Donata Grönefeld-Schlierensief vor dem gemütlich flackernden Kaminfeuer bereits wieder, mit einer Hand einen schwarzen Hund kraulend, gnadenlos am dozieren, und zwar über Gruselgeschichten, was ich nicht mitbekommen hatte. Ich war der Ansicht, sie würde noch den Monomythos behandeln und schrieb eifrig mit: Man setzt den oder die `gute Identifikationsfigur´ Erfahrungen aus, die auch im normalen Leben Angst machen, oder unwirklich erscheinen.
Man stelle eine Schranke, die für den Menschen lebenswichtig ist, als durchbrochen dar.
Man nehme ein intensives menschliches Gefühl; - vertausche aber die Fronten.
„Lassen Sie also“, fasste Frau Donata Grönefeld-Schlierensief zusammen, „das, was Sie als bisher gut kennen gelernt haben, als böse erscheinen und umgekehrt.“
„Das kenne noch aus meiner Berufspraxis“, murmelte der Mann neben mir, der, der bei der Nationalen Volksarmee gedient hatte, mit steinernem Gesicht.
Die Realschullehrerinnen legten sodann zuerst einen ermatteten Gesichtsausdruck an den Tag und brachten hernach den Vorschlag ein, einen Abendspaziergang zu absolvieren, um das soeben Gehörte noch einmal zu ver,- oder überzuarbeiten.
„Natürlich“, sagte Frau Donata Grönefeld-Schlierensief mit ernstem Gesicht, „dürfen wir aber die Moral nicht vergessen! Ein gutes Märchen hat eine Moral. Man soll aus einem Märchen etwas fürs Leben lernen.“
„Potz Tausend noch eins“, wagte ich einzuwerfen, „da gibt es doch die gar lustige Mär mit der Kuh, der Katze und der Maus, die sogar eine dreifache Moral beinhaltet!“
Sie machten zunächst erstaunte Gesichter und wollten die Geschichte dann hören.
„Nun gut“, fuhr ich fort, „also, da kommt die Maus zur Kuh, die debilen Blickes auf der Wiese wiederkäuend rumsteht und sagt: „Kuh, bitte hilf mir! Da hinten ist die Miezekatze, die will mich fressen!“ „Wie“, kaute die Kuh, die eigentlich mit Wiederkäuen beschäftigt war und dabei darüber nachdachte, was es alles soll, „soll ich dir denn helfen?“
„Aber du bist doch so groß“, piepste die Maus, „und du hast so einen großen Kopf, da wirst du dir sicher was einfallen lassen.“
„Mir ist schon was eingefallen“, brummte die Kuh, „geh doch mal hinter mich.“
Die Maus tat wie geheißen, und die Kuh hob ihren Schwanz und kleckerte die Maus voll. Alsbald kam die Miezekatze und sah den Schwanz der Maus, der aus dem Kuhfladen herausragte. Flugs zog sie die Maus am Schwanz aus der Kuhscheisse, putze sie im Gras ab und fraß sie auf. – Tja, das war die Geschichte.“
„Und wo ist die dreifache Moral?“, fragte Frau Donata Grönefeld-Schlierensief ernsten Gesichts.
„Nun“, sprach ich, „nicht jeder, der dich bescheißt, will dir übel. Nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, will dir wohl. Aber wenn du in der Scheiße steckst, zieh wenigstens den Schwanz ein!“
Fanden sie alle gar nicht gut, die Geschichte, war ihnen sicherlich zu lebensnah.
„Da ist doch noch die Sache mit den drei Prüfungen, die der Held besteht! Und dann erhört ihn die Prinzessin“, versuchte der NVA-Mann die Situation zu retten.
„Ja, das kommt in guten, alten Märchen vor“, bemerkte Frau Donata Grönefeld-Schlierensief, „heutzutage liegt das aber nicht mehr im Trend. Das werden wir später behandeln, ebenso wie die magische Zahl Drei. Ich denke, wir machen jetzt einen Abendspaziergang. Ich schlage vor, dass wir anschließend die Sauna aufsuchen. Aber vorher wollen wir noch ein bisschen arbeiten.“
Der Vorschlag wurde von den anderen Damen und dem blondgelockten Herrn, der mir erst jetzt auffiel, weil er sich ständig in Tuchfühlung mit der Haushaltsreinigerdame aufhielt und stets ihrer Meinung war, allgemein begrüßt. Sie jagten den schwarzen Hund hoch und verließen heiteren Gemüts den Raum. Irgendeine lästerliche Bemerkung, die in die Gegend lief, dass Männer eigentlich für ein Märchenseminar zu unkreativ seinen, fing ich noch auf.
Zurück blieben der Veteran der NVA und ich. Der knurrte etwas von ‘Weiberpack’, ging auch, allerdings etwas später, nachdem die Damen raus waren. Ich wollte die Gelegenheit nutzen um etwas zu schlafen oder das zu schreibende Märchen unter Berücksichtigung des Monomythosses und der Moral geistig vorzuarbeiten.
Ich stellte mir vor, dass einer umzieht und nachdem er tapeziert und seine Möbel stehen hat, das erste Mal in eine ihm bislang unbekannte Kneipe geht; - er begibt sich also in eine Region voller übernatürlicher Wunder.
Als ich noch am Denken war, kehrte der NVA-Mann lächelnden Gesichts und einer Flasche Wodka sowie zwei Gläsern zurück.
Mein Protagonist erkundigte sich sodann nach dem härtesten Säufer der Region und trinkt den unter den Tisch, Er erringt also einen entscheidenden Sieg.
„Der stammt noch aus der Zeit vor der Wiedervereinigung“, sagte der NVA-Mann und hielt mir die Flasche mit dem Etikett nach vorne genau vor die Nase, „ein ganz toller Stoff, hilft richtigen Männern ungemein beim Denken!“
„Sind wir richtige Männer?“
„Ich denke doch!“
„Einen ganz kleinen Moment bitte“, ich sauste in mein Zimmerchen und holte meine Zigarren, „möchten Sie auch eine? In einer anerkannten Studie ist mal festgestellt worden, dass Zigarrenraucher die brillantesten Denker sind.“
„Ich wollte es mir eigentlich abgewöhnen, aber wenn das so ist ...“
Mit Bedacht entzündeten wir jeder eine Zigarre, danach goss der NVA-Mann zwei Gläser voll, gab mir eins und sagte: „Auf was trinken wir?“
„Ich würde sagen: Auf die Verfassung! – Ich meine nicht unsere, sondern die der Bundesrepublik Deutschland.“
„Wir sind hier auf einem Märchenseminar“, sagte der gute Mann, „da sollten wir auf was märchenhaftes trinken, und wir wollen alles bisher Dagewesene übertreffen! Wir wollen mal so richtig kreativ sein!“
„Da stimme ich Ihnen mit Begeisterung zu.“
„Eben! Wir wollen es den Damen mal so richtig zeigen! Die Gebrüder Grimm, Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff waren schließlich auch Männer!“
„Trinken wir auf den Hausgeist ’Infernalia’, den wir gleich entwickeln werden.“
„Auf den Hausgeist ’Infernalia’!“
„Auf den Hausgeist ’Infernalia’!“
Unsere Gläser klirrten aneinander, andächtig nahmen wir den Wodka zu uns.
„Was ist denn nun der Hausgeist ’Infernalia’?“
„Also“, nahm ich den Faden unseres Denkprozesses wieder auf, „der Hausgeist ’Infernalia’ fährt in die Ehefrau das Mannes und die quält den Mann, indem sie durch ihr ständiges Gelaber dafür sorgt, dass er nachts nicht schlafen kann. Deshalb kann er auch am nächsten Tag keine Leistung bringen und wird langsam verrückt, denn wenn ein richtiger Mann daran gehindert wird, das zu tun, was getan werden muss, damit die Menschheit vorwärts kommt, dreht er durch.“
„Leuchtet ein. Wie macht er das?“
„Wie macht Sie das! ’Infernalia’ ist ein weiblicher Geist. Fast alle bösen Geister der griechischen und römischen Mythologie sind weiblich. Denken Sie mal an Sechmet, die Göttin der Rache, des Krieges, des Schreckens.“
Mein Gegenüber runzelte die Stirn und schenkte noch mal nach. Wir dachten, tranken und gaben Rauchwolken von uns.
„Nun“, fuhr ich fort, „ein weiblicher Geist verfügt natürlich auch über ein typisch weibliches, situatives Handlungsinventar.“
„Logisch.“
„Meiner Erfahrung nach geht eine Frau das, was sie erreichen will, nie direkt an, sondern beschreitet irgendwelche Umwege, die für Männer mit logischem, gradlinigem Denken schwer nachzuvollziehen sind.“
Nachdenklich nickend sog mein Gegenüber an seiner Zigarre, gab eine duftende Rauchwolke von sich und goss unsere Gläser noch mal voll.
Schluck Wodka.
„’Infernalia’ geht genau so vor“, spann ich den gedanklichen Faden weiter, „’Infernalia’ fährt in die Frau des Mannes wie ein Dämon. Kaum das der Mann des Nachts nach einem arbeitsreichen Tag eingeschlafen ist, wird er von seiner Frau geweckt, die wissen will, wie ihm die neue Frisur von Frau Dingenskirchen gefällt.“
„Uff! Natürlich, das kenne ich! Es folgt eine lange Diskussion.“ Eine Spur von Trauer umflorte die Augen des Mannes mir gegenüber und wir tranken noch einen.
„Kaum ist der Mann endlich wieder eingeschlafen“, fuhr der gute Mann fort, „weckt sie ihn und will wissen, ob man nicht den Stromanbieter wechseln sollte, und er sollte doch mal eben anrufen und das erledigen.“
Ich grinste und rauchte andächtig einige Züge meiner Zigarre.
„Die folgenden Diskussionen drehen sich dann um Schuhe, Klamotten und einen Diätclub, dem sie demnächst vielleicht beitreten möchte und ob er der Ansicht sei, sie wäre zu dick. – Haben wir denn noch einen Schluck?“ fragte ich.
„Natürlich.“
Schluck Wodka.
„Aber wie jeder Hausgeist ist auch ’Infernalia’ in irgendeiner Form zu besänftigen“, stellte ich fest und schaute versonnen einer Rauchwolke nach, die sich lethargisch in die Höhe hob, „vielleicht mit Eierlikör?“
„Schuhe! Jede Frau ist mit Schuhen oder einem Nerzmantel zu besänftigen!“
„Klar, das ist natürlich sehr kostenintensiv, aber da sollten wir noch dran arbeiten. Vielleicht sollten wir erst mal über ein konventionelles Märchen nachdenken, so mit Prinzessinnen und so, obwohl Frau Donata Grönefeld-Schlierensief der Ansicht ist, dass so was nicht im Trend liegt. Wir beweisen ihr einfach das Gegenteil.“
„Klar, das machen wir! Trinken wir noch einen auf den konventionellen klassischen Märchenprinzen und seine drei Prinzessinnen!“
„Quatsch! Auf den Prinzen und seine neunundneunzig Prinzessinnen.“
„Hm“, der NVA-Mann wiegte den Kopf während er nachschenkte, „neunundneunzig Prinzessinnen sind vielleicht ein bisschen viel für den Anfang, das schafft selbst der stärkste Prinz nicht.“
„Sie haben recht. Neunundneunzig Prinzessinnen sind in der Tat ein wenig heftig, das hält kein Mann aus. Wir sollten die Verfilmbarkeit unseres Märchens nicht außer Acht lassen.“ Ich hob mein Glas. „Schließlich gehen wir davon aus, dass dieses Seminar das Sprungbrett zu unserer Schriftstellerkarriere ist. Vielleicht sollten wir die Anzahl der Prinzessinnen auf neunundsechzig reduzieren. Das ist eine glaubhafte Größe.“
„Neunundsechzig Prinzessinnen hört sich nicht schlecht an“, sagte der NVA-Mann, „Nastrrrowje!“
„Tschernobyl!“, prostete ich zurück, „mit neunundsechzig Prinzessinnen übertreffen wir schon mal Ali Baba und seine vierzig Räuber. Oder gibt es in irgendeinem Märchen irgendwo irgendeinen Boss, der noch mehr Gefolgsmannen oder so was hat?“
„Nicht, dass ich wüsste. Wir haben die meisten!“
„Eben, eben.“
Unsere Gläser klirrten aneinander. Wir tranken. War wirklich gut, der Wodka.
„Das ist eine gute Idee“, nahm der NVA-Mann den Faden wieder auf, „warum sollen neunundsechzig Prinzessinnen auf einem Haufen sein?“
„Das königliche Schuhgeschäft macht Sommerschlussverkauf, da treten die Damen immer in Rudeln auf.“
„Quatsch! Der Prinz heißt Michael und hat neunundsechzig Boxenluder an der Rennstrecke.“
„Auch nicht gut! – Wie wär’s denn, wenn wir dem klassischen Märchen folgen, und der Prinz sucht lediglich eine Frau, und er macht einen Aufruf, so das Übliche, Casting nennt man das heutzutage. Geht ja per Internet ganz schnell, und dann kommen die alle an und müssen Prüfungen bestehen, an deren Schluss drei übrig bleiben. Wie Sie bereits erwähnten, ist das in klassischen Märchen immer so.“
Der NVA-Mann nickte und schenkte nach: „Es müssen also sechsundsechzig Prinzessinnen bei der Vorauswahl raus fliegen. Gar nicht so einfach.“
„Das schaffen wir mühelos, ich bin Taxifahrer und habe bereits eine Ehe absolviert“, fuhr ich fort, „wir verwenden lediglich typisch weibliche Verhaltensmuster, das kommt glaubhaft rüber! Die Prinzessinnen sollen die sich im Schloss nützlich machen und zeigen, was sie so können. Kochen, Putzen, Waschen, Bügeln, Rasen mähen ...“
„Klar, beim Rasenmähen mit dem königlichen, elektrischen Rasenmäher im königlichen Garten, mäht die erste gleich über die Schnur des königlichen Rasenmähers. Daraufhin fliegt die königliche Hauptsicherung raus ...“
„... und besagte Prinzessin natürlich auch“, endete ich den Satz. „Die nächste fliegt raus, weil sie, als der Prinz gerade im Internet am Surfen war, ohne nachzudenken, des königlichen Computers Netzstecker zog, um den königlichen Staubsauger einzustecken, weil sie saugen wollte.“
„Klar fliegt die raus“, sagte der NVA-Mann und schenkte nach, „die nächste fliegt raus, weil sie mit dem Prinzen diskutieren wollte, ob sie den Gina Wild-Kalender im Zimmer des Prinzen nicht gegen einen Kalender mit Kätzchen und Blümchen austauschen sollte.“
„Logisch! Unser Märchen lässt sich dynamisch an! Die nächste fliegt raus, weil sie ständig vor dem Bildschirm hin und her läuft, während der Prinz mit seinen Kumpels Fußball gucken will. Schließlich ist er auch ein Mann mit Recht auf eine gewisse Privatsphäre.“
„... und während der spannendsten Szenen die Abseitsregel erklärt haben will“, fuhr der NVA-Mann fort und hob das Glas, „Prost!“
„Auf die Prinzessinnen! – Prost! – Die nächste fliegt raus, weil sie rumzickt, schlecht geschlafen zu haben, nachdem ihr Jemand eine Erbse unter die Matratze gelegt hatte, wobei wir ein klassisches Märchen zitiert hätten.“
„Jawohl!“ Genussvoll nahmen wir den nächsten Wodka zu uns und sahen kein Problem darin, auf diese Weise mindestens einundsechzig weitere Prinzessinnen aus dem Schloss zu werfen. Die, die nicht nackt putzen wollte, die, die der Ansicht war, dass mit 250 Nm an der Achse des königlichen Hot Rod, den der Prinz hobbymäßig aufgebaut hatte, ein ordentliches Drehmoment anliegt, und überhaupt sollte er die Sache mit dem Hot Rod lassen und sich einen Micra kaufen. Schließlich gibt es noch andere Hobbys, Briefmarken sammeln zum Beispiel, oder ein Schnittlauchbeet pflegen.
Wir atmeten beide schwer aus, und der NVA-Mann begann, sich feist grinsend Notizen zu machen. Die, die der Ansicht ist, dass mit vier Flaschen genügend Bier im königlichen Kühlschrank vorhanden sei, den schließlich müsse auch noch Platz für Jogurt und irgend so ein macrobiologisches Zeugs sein, fliegt raus. Auch die Tussi, die den Prinzen zum Heilfasten mitschleppen will, genau wie die, die den Prinzen zu alkoholfreiem Bier bringen will.
„Darf ich das Märchen schreiben?“ Der gute Mann war sichtlich erregt und setzte noch einen Schluck nach, „vielleicht sind neunundsechzig Prinzessinnen doch etwas niedrig angesetzt.“
Ich nickte zustimmend und nahm auch einen Schluck, „die nächste fliegt raus, weil sie dem Prinzen statt der ‘74er WM absprachewidrig einen Frauenproblemfilm mit Überlänge aus der Videothek holte. – Übrigens: Ihre Zigarre ist ausgegangen.“
Der Rest würde sich ebenso problemlos wie von selber ergeben, wenn wir diesem Zirkus hier noch ein Weilchen beiwohnen würden. Aber wir wollten uns schon mal um die drei Übriggebliebenen kümmern. Diesen drei Prinzessinnen gab der Prinz jeweils viel Geld, mit dem sie beweisen sollten, wie sehr sie ihn liebten.
Es brauchte ein paar Wodkas, bis wir zu dieser Variante der klassischen Märchen gelangt waren, und wir schlossen gewisse Sexualpraktiken aus, weil in Märchen so was nicht vorkommt.
„Wäre sonst auch zu leicht“, sagte der NVA-Mann. Er schenkte Wodka nach, zündete seine Zigarre neu an und sagte: „Wir müssen jetzt einen klaren Kopf bewahren!“
„In der Tat! Eine fliegt raus, weil sie dauernd rumzickt, von wegen, der Prinz hätte schon genug getrunken, und er sollte lieber Alsterwasser ...“
„Jau! Die nächste fliegt raus, weil sie dem Prinzen absprachewidrig statt einem Rumpsteak Tofu und Jogitee serviert.“ Schluck Wodka. „Also die erste geht zum Friseur, kauft sich 26 Paar Schuhe, viele schöne Kleider, geht zum Visagisten, zum Fußpfleger, zum Hastenichtgesehen und behauptet anschließend, alles nur getan zu haben, um für ihn schön auszusehen, weil sie den Prinzen so sehr liebt.“
„Ja, ja, so sind die Frauen“, sinnierte der NVA-Mann, „die nächste klinkt sich im Internet ein, bei eBay, und fängt an zu handeln. Sie kauft und verkauft, und sie macht Gewinn.“
„Tatsächlich?“
„Tatsächlich! – Und die dritte engagiert einen Gärtner und legt einen schönen Garten an. Denn wenn der Prinz König ist, und Politik machen muss, kann er in dem Garten lustwandeln und so auf kluge Gedanken kommen.“
„Hört sich gut an“, sagte ich, als der NVA-Mann die Gläser erneut nachschenkte, „ist ein bisschen weit weg von der Realität, das Ganze ...“
„Finden sie?“, unterbrach mich der NVA-Mann und fuhr fort, bevor ich etwas sagen konnte: „Kommt eine Blondine in die königliche Küche und sagt, während sie eine Pfanne und einen Kochtopf betrachtet: „Was ist das für ein komisches Zimmer? Was sind das für seltsame Geräte?“ Die fliegt natürlich auch!“
„Klar fliegt die auch! – Aber ich darf Sie mal des von Frau Donata Grönefeld-Schlierensief zuletzt Gesagtem erinnern, dem mit ’gut‘ und ’böse‘ vertauschen, dem ’intensiven menschlichen Gefühl‘ und so.“
Es entstand eine Denkpause, welche der NVA-Mann nutzte, noch mal nachzuschenken.
„Eine fliegt raus, weil sie den Prinzen allen Ernstes zu einer Männergruppe schicken wollte“, fiel mir spontan ein.
„Meine Frau wollte mich mal allen Ernstes zu einer Strickgruppe für Männer schicken ...“ Der NVA-Mann seufzte schwer, hob sein Glas und trank einen Schluck. „War kurz nach der Wiedervereinigung, da musste sie all das Zeugs nachmachen, was ihr im Westen so alles erfunden habt. – Scheiße.“
„Hm“, sagte ich, nahm auch einen Schluck und dachte an die Nummer mit ‘gut’ und ‘böse’ vertauschen, „aber ein Gutes hat die Wiedervereinigung trotzdem: Wir sind in den Besitz einiger MIG 29 gelangt!“
„Ja und?“, fragte er.
„Nun ja“, fuhr ich fort, „dem haben die Engländer zur Zeit nichts entgegen zu setzen! Wir könnten England den Krieg erklären und zumindest die Schlappe der Luftschlacht um England von 1940/41 wieder wett machen ...“
„Hören sie mir doch mit den Engländern auf! Außer Marmelade können die doch nix ordentlich machen! – Außerdem fahren die auf der falschen Straßenseite und trinken lauwarmes Bier. Da kann doch nichts Vernünftiges bei rauskommen!“
„Und der Hawker Harrier?“, warf ich ein. „Meines Erachtens ein grandioses Flugzeug.“
„Stimmt!“, nickte der NVA-Mann, „gut, dass die Tommys die damals noch nicht hatten.“
Ruck-Zuck waren wir bei den großen Gegnern von Einst während besagter Luftschlacht: Der Spitfire der Briten und der Me 109 der Deutschen. Die Diskussion dauerte einige Gläschen und einige Geistesblitze in Richtung Prinzessinnen, - wir konnten uns partout nicht einigen, welche Prinzessin der Prinz nun nimmt, dabei tranken wir nebenbei auf allerhand, was mit verwunschenen Fröschen, mehr oder weniger tapferen Rittern, Feuer speienden Drachen und den verbliebenen Prinzessinnen zu tun hatte – während wir die Vor-, und Nachteile von Vergasermotoren, welche derzeit die Spitfires angetrieben hatten, gegenüber solchen mit Kraftstoffeinspritzung, welche der Me 109 zu ihrem ausgezeichneten Flugverhalten im Kurvenkampf verholfen hatte, diskutierten. Wir schafften sämtliche Themen mühelos parallel nebeneinander, und warfen nebenbei die Prinzessin raus, die eine Dolby-Surround-Anlage für Quatsch hielt und statt derer einen Herd mit Glaskeramik-Kochfeld haben wollte, in der sie allerdings nie kocht, weil ihr die Bedienung des Kochfeldes zu kompliziert ist. Doch anstatt die Bedienungsanleitung zu studieren, fragt sie ihren Mann. Der soll auf Schlag alles wissen.
Als wir wieder mit den Flugzeugen im Gange waren, kamen die Realschullehrerinnen entlang, schnappten einige Fachbegriffe wie `Spaltklappenverriegelung´ und `Vorverdichter´ auf, interpretieren das Gehörte offenbar ein wenig miss, weil sie sich, wie ich später erfuhr, über Keuschheitsgürtel unterhalten hatten, davon ausgingen, dass wir dieses auch getan hatten, und geboten diktatorisch Schweigen.
Die Realschullehrerin, die aussah wie Ruth Leuwerik, erzählte sodann übergangslos von ihrem lange zurückliegenden Besuch bei Sai Baba und wie Herr Baba Asche hatte aus seinem Ärmel rieseln lassen.
„So eine würde natürlich auch rausfliegen“, sagte ich leise zu dem NVA-Mann, doch der schüttelte gedankenverloren den Kopf.
War irgendwie beeindruckend das alles, mir kam dabei die Idee zu dem Schluss meiner Geschichte: meinem Protagonisten müsste nach seinem entscheidenden Sieg Wodka aus dem Ärmel laufen, was sich für seine Umwelt als erwiesene Wohltat herausstellt ...
Als ich die Geschichte noch mal überdenken wollte, und ernsthaft darüber nachdachte, welche der drei übrig gebliebenen Prinzessinnen der Prinz denn nun nehmen sollte – nachdenklich vor dem Kamin zurückgelehnt und mit einem Gläschen Wodka in einer Hand, die Zigarre in der anderen – kamen die restlichen Seminarteilnehmer auch entlang, bedauerten den Hund, an dem eine Zecke haftete und lästerten fürchterlich über den Zigarrenqualm, und ob wir nicht hätten auf die Terrasse gehen können, wenn wir unbedingt rauchen müssten, und das läge sowieso nicht mehr im Trend.
‘Eine Prinzessin fliegt raus, weil sie dem Prinzen allen Ernstes nahe legt, doch auf die Terrasse zu gehen, wenn er rauchen will’, dachte ich, während sie wieder übergangslos auf die Zecke an dem Hund zu sprechen kamen.
Von ’ekelhaftes Vieh‘ über ’der arme Hund‘ bis ’Hirnhautentzündung‘ schwirrte allerhand Vokabular im Raume umher, bis ich mir von einer der Realschullehrerinnen eine Pinzette erbat, die Zecke damit packte, gegen den Uhrzeigersinn heraus drehte und in die Glut des Kamins warf. Sie tat mir leid, die Zecke, aber sie knackte noch einmal und hatte es überstanden. Diese Aktion wurde von guten Ratschlägen seitens der Haushaltsreinigerdame begleitet. Ich warf noch ein paar Scheite in den Kamin und ich den Zigarrenstumpen hinterher.
Die Realschullehrerin motzte noch etwas herum, wegen der Pinzette, weil sie sich damit nun nicht mehr die Augenbrauen auszupfen könne, und die Haushaltsreinigerdame gab gute Ratschläge.
‘Eine Prinzessin fliegt raus, weil sie ständig unaufgefordert gute Ratschläge gibt’, dachte ich und setzte mich. Frau Donata Grönefeld-Schlierensief warf einen missbilligenden Blick auf die halb geleerte Flasche, ging wieder zur Tagesordnung über, erwähnte kurz, dass das, was einmal anklingt, später Bedeutung gewinnen muss und sprach von Metaphern und bilderreicher Sprache, wie ’windelweich’ und ’federleicht’.
Sie waren alle glücklich wie die Ferkel im Schlamm, als sich jeder eine Metapher ausdachte und zum Besten gab, nur mir fiel nichts ein. Ich saß da, guckte wie ein Frosch im Eimer und fragte, ob das, was im Laufe der Geschichte Bedeutung erlangt, vorher schon mal angeklungen sein sollte, ein ganz normaler Umkehrschluss. Frau Donata Grönefeld-Schlierensief wurde von meiner Frage offenbar etwas aus dem Konzept geworfen, zeigte sich nicht sonderlich begeistert und fragte die Gruppe. Die war der Ansicht, dass so was im richtigen Leben auch nicht vorkommt. Ich war anderer Ansicht, nämlich der, dass laufend was anklingt und wir es nur erkennen müssen.
Sie lauschten ein wenig, bemerkten keine Anklänge und machten mit den Metaphern weiter. Mir fiel immer noch keine ein, weil ich darüber nachdachte, welche Prinzessin der Prinz nehmen würde.
Frau Donata Grönefeld-Schlierensief wollte mich etwas nach vorne bringen und lobte mich, weil ich die Scheite im Kamin so schön nachgelegt hatte. Ich bat sie daraufhin, mir nicht weiterhin Sonnenstrahlen in den Hintern zu schieben und fortzufahren, denn die Fackel meiner Begeisterung begann zu erlöschen.
Ich sollte nicht so viel dummes Zeugs reden, sagte die Haushaltsreinigerdame, statt dessen lieber meinen Grips benutzen und eine Metapher zum Besten geben. Frau Donata Grönefeld-Schlierensief sprach daraufhin vom Reichtum des Lebens an Anregungen und Metaphern, Gedichten sowie ganzen Geschichten, und ob mir denn heute nichts Besonderes aufgefallen wäre. Sie hätten heute an dem Tümpel, während des Spaziergangs, an dem ich unbedingt hätte teilnehmen sollen, anstatt hier rumzusaufen – ein bohrender Blick traf mich – einen Frosch gesehen, der so schön gewesen war, dass sich alle fragten, ob sie nicht einen verwunschenen Prinzen vor sich gehabt hatten, den man bloß hätte küssen müssen, wie im Märchen, um ihn zurück zu verwandeln.
Als ich daraufhin mal vorsichtig anfragte, ob die eine oder andere der Damen den Frosch geküsst hatte, um in diesem Punkt Klarheit zu schaffen, reagierten sie irgendwie ungehalten und die Realschullehrerin fing wieder von ihrer Pinzette an.
‘Eine Prinzessin müsste raus fliegen, weil sie dauernd wegen einer Scheißpinzette rumzickt’, dachte ich. Die Überlegung ließ mich die Situation mit einer gewissen Gelassenheit ertragen.
„In dem Zusammenhang, wehrte Anwesende, und weil wir gerade bei Märchenfiguren sind, fällt mir ein Schabernack ein“, sagte ich, „welchen mir unlängst ein Fahrgast meiner Kraftdroschke erzählte, als wir gar traulich zu nächtlicher Stunde einen Tümpel passierten.“
Den wollten sie hören und ich hub an: „Da spielt des Königs Töchterlein in des Königs Garten mit ihrer goldenen Kugel. Wie es sich für Märchen dieser Kategorie gehört, rollt die goldene Kugel im Verlauf des Spiels an das Ufer des königlichen Teiches, an dessen Ufer ein Frosch sitzt und dem Spiel der Prinzessin aufmerksam zuschaut. Wie nun des Königs Töchterlein den Frosch gewahrt, spricht sie: „Guten Tag lieber Frosch! Wirst du ein Prinz, wenn ich dich küsse?“
„Nein“, antwortet der Frosch daraufhin, „das ist mein bescheuerter Bruder, mit mir musst du schon richtigen, guten Sex haben.“
Der NVA-Mann brach in brüllendes Gelächter aus, Frau Donata Grönefeld-Schlierensief gebot diktatorisch Ruhe und die anderen Damen waren der Ansicht, dass ich den Unterschied zwischen reiner tantrischer Liebe und ordinärem Sex nicht begriffen hätte, und Ruth Leuwerik riss das Gespräch an sich, indem sie entzückende Anekdoten aus ihrem letzten Tantra-Seminar zum Besten gab.
„Die verschiedenen Stellungen der Tantrischen Liebe“, so sprach sie, „sind sehr bildhaft und reich an Metaphern! – Aber wir wollen wieder zum Thema kommen und weiter arbeiten, sonst schaffen wir unser Pensum nicht.“
„Geben Sie uns doch mal ein Beispiel“, bat der NVA-Mann neben mir, der inzwischen ebenso emsig wie unauffällig an der weiteren Leerung der Flasche gearbeitet hatte.
Ruth Leuwerik war nur allzu bereit, erzählte und demonstrierte – sofern es alleine und bekleidet möglich war – bis zu dem vegetarischen Abendessen – was es denn so mit dem Juwel in der Krone und dem vom Nektar der Göttin trunkenen Falter der Abendröte entgegen taumelnd alles so auf sich hatte. Diese kleine, jedoch zeitintensive Exkursion ins Reich der Sinnenfreude wurde von allen, sogar von Frau Donata Grönefeld-Schlierensief, die hin und wieder beiläufig auf die Einhaltung des Zeitplans hinwies, mit außerordentlichem Interesse aufgenommen.
Der Streifzug in die tantrische Liebe dauerte bis zum Nachtmahl. Der NVA-Mann konnte sich nicht so recht was unter dem Nektar der Göttin vorstellen und wollte das erörtert haben. Dabei grinste er wie eine Kanalratte.
Da Ruth Leuwerik dem Wunsch nur zu gerne nachkam und es bei dem Souper lediglich Vegetarisches gab, obwohl ich eine horrende Summe für Verpflegung abgedrückt hatte, zog ich mich ein ganz klein wenig deprimiert auf mein Zimmerchen zurück und wälzte die Frage, ob ich schlafen gehen, darüber nachdenken, welche Prinzessin der Prinz nun erwählen würde und warum, oder ein Märchen schreiben sollte. Im Bette sitzend nahm ich als Entscheidungshilfe einige Schokoriegel zu mir. Das Spieglein an der Wand nahm dieses mit ausgesprochener Missbilligung zur Kenntnis, lästerte fürchterlich herum, war der Ansicht, dass ich sturzbetrunken sei und wollte mir unbedingt ein Märchen erzählen, an dem es damals mitgearbeitet hatte, und in dem sieben Zwerge vorkamen.
„Bitte nicht“, sagte ich, „ich arbeite momentan an einem Märchen, in dem neunundsechzig Prinzessinnen vorkommen! Und dass ich sturzbetrunken bin, ist mitnichten der Fall, denn hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen lebt mein Vorbild, ein Kerl namens Bukowski, der ist tausendmal betrunkener als ich und kann trotzdem schreiben!“
„Der schreibt auch tausendmal besser als du ...“
Das wollten wir doch mal sehen!
Gerne hätte ich das Märchen mit den neunundsechzig Prinzessinnen geschrieben und den dreien, die übrig geblieben waren; - aber das sollte der NVA-Mann tun, schließlich hatte ich ihm das zugesagt. Zudem war mir noch nicht klar, welche der übergebliebenen drei Prinzessinnen der Prinz nun nehmen würde, und ob er rauskriegen sollte, dass die Prinzessin, die den Garten angelegt hatte, nebenbei noch ein Verhältnis mit dem Gärtner angefangen hatte.
Ich hängte mein Hemd über das Spieglein an der Wand, ergriff Block und Bleistift und schrieb in der folgenden Nacht ein Märchen unter Beachtung des intensiven menschlichen Gefühls, der durchbrochenen Schranke und dem, was Frau Donata Grönefeld-Schlierensief uns so alles erzählt hatte:


von dem netten, dem tapferen, dem bösen und einigen anderen Rittern, einem Drachen sowie einer Prinzessin

Ein Märchen aus dem täglichen Leben

Es war einmal eine Kleinanzeige,
die in den Camelot-News erschien:
Junge Prinzessin
Von Drachen festgehalten
Wartet auf ihren Retter

Diese Anzeige wurde von vielen Helden gelesen. Wie es sich für ein ordentliches Märchen gehört, machten sich zahlreiche Ritter auf, die Prinzessin zu retten.

Auf machte sich zuerst der nette Ritter, die Prinzessin zu retten. Dieser Ritter war insofern ein netter Kerl, dass er stets, wenn er über die Straße ging, eine alte Dame mit hinüber geleitete, und wenn am Nachtschalter der Post oder im Supermarkt an der Kasse eine Schlange war, und irgend jemand stänkerte herum, überließ er ihm seinen Platz.
Er fuhr in geschlossenen Ortschaften nie mehr als fünfzig, und wenn eine Ampel von Grün auf Gelb umsprang, nahm er den Fuß vom Gas.
Wenn er Taxi fuhr, nervte er den Fahrer nicht mit Vorschlägen über kürzere Strecken, versuchte nicht, ihn zu überreden, die Uhr abzustellen und gab stets ein angemessenes Trinkgeld.
Wenn ihm jemand sein Leben erzählte, oder ihm vorjammerte, wie gemein die Leute zu ihm seien, hörte er andächtig zu und zeigte Mitgefühl. Selbst zu Punkern war er freundlich, und wenn ihm ein Penner seinen Hut unter die Nase hielt, tat er eine Münze hinein.
Dieser nette Ritter wollte die Prinzessin retten, weil er allein den Gedanken nicht ertragen konnte, eine Prinzessin in den Klauen eines Drachen zu wissen.

Als nächster machte sich der tapfere Ritter auf, die Prinzessin zu retten.
Dieser Ritter war insofern tapfer, als dass er sich bei Demonstrationen immer ganz vorne aufhielt, wo mit Sicherheit die Kameras der Presse klickten. Er ließ sich mit einem Helm unter dem Arm neben Kampfflugzeugen photographieren und besaß ein Auto ohne Feinstaubpartikelfilter, das über 200 km/h fuhr, was er auch bis ins Letzte ausnutzte.
Diesem tapferen Ritter ging es weniger um die Prinzessin, als um den Drachen, den er zu töten beabsichtigte, um einige neue Schlagzeilen zu bekommen.

Und dann war da noch der böse Ritter, der sich aufmachte, die Prinzessin zu retten. Der Böse Ritter fuhr zuweilen bei Rot über Kreuzungen und bestach die Richter, wenn er ertappt wurde.
Wenn er Taxi fuhr, beschuldigte er den Fahrer stets, einen Umweg gefahren zu sein, versuchte anschließend um den Preis zu feilschen und gab niemals Trinkgeld.
Er handelte mit Giftgas, stahl den Kindern den Sand vom Spielplatz, verkaufte ihn weiter und drehte den Junkies gestreckten Stoff an.
Seinen Freundinnen machte er billige Geschenke, ließ sie in Restaurants selber bezahlen und benutzte beim Beischlaf nie ein Kondom.
Die Prinzessin wollte er nur retten, um mit ihr ins Bett gehen zu können.

Schließlich las auch ein dummer Ritter die Anzeige, als er in einem überteuerten In-Restaurant saß und einen bunten Cocktail, in dem ein Papierschirmchen steckte, mit einem Trinkhalm zu sich nahm. Auf dem Tisch vor ihm lag stets ein teures Handy, das nur kostspielig war, weil ein schwuler Designer ein Metallteilchen gestaltet hatte, das nur die Funktion hatte, des Handys Preis zu verzehnfachen.
Weiterhin rauchte der dumme Ritter Filterzigaretten, die voll im Trend lagen, trug stets Markenklamotten mit riesigen Logos und glaubte immer noch, mit der Riester-Rente und Investment-Fonds reich werden zu können.
Er kaufte alle Produkte, die das Werbefernsehen unaufhörlich sendete und konnte sich nicht vorstellen, dass man über das Internet auch Viren in den Computer laden kann.
Weil er keine Karten lesen konnte, kaufte er sich, um zu des Drachens Höhle zu gelangen, ein Navigationssystem mit absolut coolem Design, das ihm ein smarter Verkäufer aufgeschwatzt hatte.
Weil das Navigationssystem nicht den Unterschied zwischen einer Brücke und einer Autofähre kannte, fuhr der dumme Ritter auf dem Weg zu des Drachens Höhle in einen Fluss.
Da der Designer der Designerrüstung, die der dumme Ritter bereits angelegt hatte, keine Schnellöffnungsvorrichtung vorgesehen hatte, ertrank der dumme Ritter bereits auf dem Weg zu des Drachens Höhle und kommt in diesem Märchen nicht mehr vor, genau wie der intelligente Ritter, der in diesem Märchen überhaupt nicht vorkommt.

Der schwule Ritter las die Anzeige auch, aber er sah keinen Handlungsbedarf, die Prinzessin zu retten. Zudem hatte er Angst, dass seine rosa Rüstung Schaden nehmen könnte.
Nicht zu vergessen war der naive Ritter.
Der Naive Ritter glaubte alles, was die Abgeordneten vor den Wahlen erzählten, glaubte, was die Werbung versprach, und wenn ihm eine Dame erzählte, dass sie ihm zugetan war, glaubte er ihr.
Er glaubte an das Gute im Menschen und er glaubte daran, dass alles gut wird.
Wenn er in einer Kneipe saß, gab er den anderen Anwesenden einen aus und war erstaunt, dass ihm niemand einen ausgab. Als er einmal sein Portemonnaie mit sämtlichen Kreditkarten verlor, glaubte er an die Ehrlichkeit des Finders und wunderte sich, dass sein Konto wenig später leer geräumt war.
Die Prinzessin wollte er retten, weil er glaubte, dass Prinzessinnen, stets denjenigen heiraten, der sie aus den Klauen eines Drachen befreien.
Da der naive Ritter Gewalt verabscheute, wie es ihm seine Lehrerinnen in der Realschule erzählt hatten, ging er zu einem Rechtsanwalt und gab dem viel Geld, damit er für ihn tätig werde.
Das tat der dann auch, indem er dem Drachen einen Brief schickte.

Als die drei verbliebenen Ritter nun vor des Drachens Höhle standen, begann der Böse den Drachen auf das Übelste zu beschimpfen und zu beleidigen. Er bezichtigte den Drachen HIV-positiv zu sein, hohe Schulden zu haben und ließ sich lästerlich über des Drachens Potenz aus. Zudem unterstellte er ihm, bei der letzten Bundestagswahl eine radikale, rechte Partei gewählt zu haben.
Der Drache hörte sich das Geschrei nicht lange an, trat vor seine Höhle, spie Feuer und fragte:
„Wer pöbelt hier so unflätig herum?“
„Er dort“, sprach der böse Ritter und zeigte auf den netten Ritter, „Jener! Er will euch töten, um die Prinzessin zu befreien!“

„Verzeiht, edler Drache“, antwortete der nette Ritter, „erlauben Sie mir, diesen Irrtum aufzuklären...“
„Hier wird nicht rumdiskutiert!“, schnaufte der Drache, der seit seiner Kommunenzeit in der ‘68igern keine Lust mehr auf Diskussionen verspürte, spie erneut Feuer, schälte den netten Ritter aus seiner Rüstung und fraß ihn auf. Danach kehrte er in seine Höhle zurück und trank einige Liter verbleiten Benzins, um bei Bedarf abermals Feuer speien zu können.

Der böse Ritter verkaufte dem tapferen Ritter daraufhin ein Schwert vom Typ Drachentöter GTI - das er ohne dessen Wissen angesägt hatte - und sagte zu dem tapferen Ritter:
„Nun, teurer Freund, an Camelots Tafel hörte ich, dass es mit Eurer Tapferkeit nicht weit her sein soll.“
„Ha!“ rief daraufhin der tapfere Ritter, und: „Wohlan!“, denn er hatte gelesen, dass tapfere Recken bei derartigen Gelegenheiten stets „Wohlan!“ rufen.
Alsdann ritt er mit gezogenem Schwert vom Typ Drachentöter GTI in die Höhle des Drachens.
Das Letzte jedoch, was der tapfere Ritter in diesem Leben vernahm, war das scheppernde Geräusch, das die abgebrochene Klinge des Drachentöters GTI verursachte, als sie zu Boden fiel.
Der böse Ritter mischte daraufhin den Sprengstoff eines panzerbrechenden Hohlladungsgeschosses, welches er – wie es sich für ein derartiges Märchen gehört – von Ungefähr gefunden hatte, in das Benzin, das der Drache zu trinken pflegte, um Feuer speien zu können. Hernach hub er erneut an, den Drachen durch unflätige Reden zu ärgern.
Der Dache reagierte wie erwartet: Er spie Feuer und zerbarst in tausend Stücke.
Als der böse Ritter daraufhin in des Drachens Höhle schritt, fand er die Prinzessin auf dem Sofa sitzend vor. Sie war klein, fett, obendrein lesbisch, hatte Sichelfüße und eine leere Flasche in der Hand. Die Flasche warf sie umgehend nach dem bösen Ritter. Der kehrte daraufhin auf dem Absatz um, dass die Sporen klirrten, ging weg und ward glücklich, weil er diese Prinzessin weder zu heiraten noch vom Suff abzubringen brauchte, wie es in einem bewährten Märchen der Fall gewesen wäre.
Der Prinzessin hingegen blieb nichts anderes übrig, als mit einem Taxi nach Hause zu fahren, weil es keinen Drachen mehr gab, der ihr Täglich Schnaps darreichte.
Sie gab dem Taxifahrer kein Trinkgeld.

Wie es sich weiterhin für ein ordentliches Märchen gehört, erwuchs aus des Drachens Blut eine Blume. In dieser Dichtung eine Solche mit wunderschönen weißen Blüten. Sie wurde später als ‘Schierling’ bekannt und erlangte legendäre Berühmtheit weil der Kollege Sokrates dereinst unangenehme Erfahrung mit ihr machte.

Die kleine dicke Prinzessin mit den Sichelfüßen jedoch trifft man bisweilen in Szenekneipen an, in denen sie große Sprüche macht und von ihren Memoiren erzählt, die sie demnächst zu schreiben beabsichtigt und Hella von Sinnen widmen will.
Alsbald lernte die kleine dicke Prinzessin den Anwalt des naiven Ritters in einer dieser Kneipen kennen und ging fortan mit diesem jeden Dienstag und Donnerstag ins Bett.
Der naive Ritter bemerkte das nicht. Da er aber weiterhin an das Gute glaubte, beauftragte er den Rechtsanwalt festzustellen, ob der Drache die Prinzessin rechtmäßig festgehalten hatte.

Der Rechtsanwalt machte sich umgehend daran, diesen Fall juristisch zu prüfen.

Und wenn der naive Ritter nicht gestorben ist, dann zahlt er noch heute.


Als Frau Donata Grönefeld-Schlierensief am Morgen persönlich entlang kam um mich zu wecken, wurde sie des über dem Spiegel hängendes Hemdes ansichtig und bemerkte etwas herablassend, dass ich am Vorabend ja wohl völlig besoffen gewesen sein musste. Ich dementierte dieses und legte ihr voller Stolz das des Nachts vom mir geschriebene Märchen vor.
Frau Donata Grönefeld-Schlierensief überflog das Werk mit herabgezogenen Mundwinkeln und legte mir nahe, es besser nicht vorzutragen.
Ich tat es trotzdem. Der blondgelockte Begleiter der Haushaltsreinigerdame lachte anfangs kurz auf, was ihm jedoch augenblicklich von dieser verboten wurde, weil Frau Donata Grönefeld-Schlierensief bemerkte, dass wir hier nicht auf einem Comic-Seminar weilten. Außerdem sei das ‘Märchen‘ extrem frauenfeindlich, und sie wollten wissen, ob ich etwas gegen Homosexuelle hätte. Das fand auch der NVA-Mann, mittlerweile auf Tuchfühlung zu Ruth Leuwerik.
Während ich vorlas langte er mächtig zu. Da für jeden nur zwei Brötchen vorgesehen waren, ging ich, was Brötchen betraf, leer aus, und musste mit den vom Vortag übrig gebliebenen Dinkelkeksen vorlieb nehmen, und weil der Blondgelockte entkoffeinierten Kaffee hatte haben wollen, hatten sie solchen gekocht, und ich kam überhaupt nicht in Gang.
‘Man müsste noch einfügen’, dachte ich, ‘dass eine Prinzessin rausfliegt, weil sie dem Prinzen allen Ernstes entkoffeinierten Kaffee oder magenfreundlichen Tee zum Frühstück andrehen wollte.’
Selber hatten sie noch keine Zeile zustande gebracht, verrissen mein Märchen aber einhellig, weil es weder Happy-End noch Moral besaß. Sie eröffneten mir statt dessen, dass sie sich angesichts des schönen Wetters, abweichend vom Lehrplan, nach dem Frühstück auf eine Wiese hinter dem Wald setzen wollten, um dort, sozusagen zum seelischen Ausgleich, Haikus – die kürzeste Form der japanischen Dichtkunst – zu dichten. Fahrräder um dort hin zu gelangen, hatte Frau Donata Grönefeld-Schlierensief bereits organisiert, und der NVA-Mann – sie hatten ihn ohne mein Wissen zum Häuptling dieses Lehrausflugs ernannt – lief zur Hochform auf, indem er die Trillerpfeifensignale der bevorstehenden Formationsfahrt erklärte. Ein Pfiff sollte ‘sammeln‘ heißen, zweimal pfeifen irgendetwas anderes. Sicherlich hatte sich während der vergangenen Nacht etwas abgespielt, von dem ich keine Kenntnis besaß.
Ich sagte dem guten Mann, wohin er sich seine Pfeife stecken sollte und erwähnte kurz, dass ich dazubleiben um noch etwas Schlaf nachzuholen beabsichtigte. Schließlich hatte ich bereits ein Märchen geschrieben und deshalb sehr wenig geschlafen.
Die Realschullehrerinnen belehrte mich daraufhin, und zwar in die Richtung, dass anhaltender Schlafentzug zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen führen kann, die man nicht von der Realität zu unterscheiden vermag.
Ich bemerkte, dass man auf diese Weise viel Geld für Drogen sparen könnte, wenn man auf Halluzinationen aus ist, was für ein derartiges Seminar recht angebracht wäre. Die Realschullehrerinnen waren alle empört und wollten mir kleine Vorträge halten, aber Frau Donata Grönefeld-Schlierensief begrüßte mein Vorhaben hier zubleiben, ich sollte keineswegs schlafen und später noch irgendetwas entgegen nehmen. So blieb ich einfach am Tisch sitzen, dachte darüber nach, welche Prinzessin der Prinz zur Frau nehmen würde und kochte mir, während ich netterweise beim Denken die Küche aufräumte, nachdem sie aufgebrochen waren, eine Kanne frischen, starken richtigen Kaffee.
Eigentlich standen Satzbau und Stilübung auf dem Stundenplan, so von wegen nicht zu lange Sätze, selten Nebensätze und in keinem und keinstem Fall mehrfach geschachtelte Sätze.
Das kannte, beherrschte und beherzigte ich alles.
So dachte ich mir ganz nebenbei, während die Kaffeemaschine das letzte Wasser durch gurgelte, schnell einen Haiku aus:

Der Morgen nun graut
Das Gedicht ist geschrieben
Jetzt schläft der Dichter.

Na gut. War nicht gerade um mit der Zunge zu schnalzen, und den Teilnehmern der deutschen Haiku-Meisterschaften hätte es bestimmt kein begeistertes ’Booh-Ej‘ entlockt, aber ich wollte hier ja auch keine japanische Dichtkunst erlernen, sondern richtige Literatur.
In Bälde erschien auch ein Nachbar, grinste gar fürchterlich als er mich sah und drückte mir einen Kanister in die Hand.
„Würden Sie das Benzin bitte entgegennehmen“, sagte er, „das Kettenfett bringe ich Herrn Schlierensief die Tage vorbei. Sein Sie bitte vorsichtig, der Verschluss geht nicht mehr richtig zu.“
„Ja“, sagte ich und er stellte den Kanister neben die Tür.
Der Mann kam einfach herein, „Sie nehmen hier an dem Märchenseminar teil, ja? Höhöhö!“ bediente sich an dem Kaffee und hielt mir einen kleinen Vortrag darüber, wie Eiben mit einer Kettensäge zu beschneiden sind. Irgendwie kam er von Kettensägen auf Motorräder und erzählte mir von seiner Honda XL 250, die er in der Garage stehen hatte und gelegentlich zu restaurieren beabsichtigte. ’hätte er günstig bekommen, das Bike, der Vorbesitzer wusste nicht, dass auf dem rechten Kurbelwellenende ein Zentrifugalölfilter sitzt, der alle 10.000 Kilometer gereinigt werden sollte. Deswegen lief das Ding nicht so recht, und er hatte es abgestoßen.
„Tja, wer weiß das schon?“, versuchte ich das Gespräch zu enden. Gelang mir nicht, es folgte ein Vortrag über die Probleme bei der Ersatzteilbeschaffung für japanische Motorräder, „gar nicht so einfach, gar nicht so einfach!“
Ich zeigte tiefes Mitgefühl und wurde den Mann los, indem ich ihm androhte, ihm das Märchen mit den neunundsechzig Prinzessinnen zu erzählen.
Das Spieglein wollte wissen, wo ich solange gesteckt hatte, nachdem ich in mein Zimmerchen zurück gekehrt war um etwas von dem Schlaf nachzuholen, den ich die letzte Nacht wiederum versäumt hatte.
„Ich hatte mit dem Nachbarn ein Fachgespräch über Eben, Kettensägen und japanische Motorräder.“
„Ach, die Japaner“, sagte das Spieglein mit geringschätzig herabgezogenem unterem Rahmenteil, die haben außer dem Sake, den schönen Bruce Lee-Filmen und dem Sushi nichts von Bedeutung zustande gebracht!“
„Du vergisst den legendären `Zero-Jäger´, den die Amerikaner dereinst `Zecke´ nannten“, sagte ich.
„Aber das Sushi ...“
„Ich setze mich jetzt nicht mit dir über Fressereien auseinander!“, sagte ich, entledigte mich meines Beinkleides und legte mich auf dem Bett nieder. „Ich will jetzt etwas schlafen. Erzähl‘ mir lieber etwas Lustiges, etwas, das ich für ein Märchen gebrauchen kann, wie man die eine oder andere Prinzessin los wird, oder eine Gute-Nacht-Geschichte.“
Das Spieglein erzählte mir daraufhin ein paar Witze, mit denen ich selbst aus den vormittäglichen Talk-Shows geflogen wäre, und kam anschließend mit der Geschichte eines Typen rüber, der alles studiert hatte, was es zu seiner Zeit so zu studieren gegeben hatte, sich aber immer noch so klug wie zuvor fühlte und sich im Zuge seines Drangs nach dem ultimativen Wissen und Weltbeherrschung mit satanischen Mächten verband, denen er seine Seele auslieferte.
Meiner Ansicht nach nicht der Stoff für ein Märchen. Zu flach, zu wenig Aktion – überhaupt zu dumm. Zudem hatte sich der Geheimrat Goethe schon mal dieses Themas angenommen.
Ich sah mir noch mal meine Notizen an und fand das Ding mit dem Vertauschen von Gut und Böse schon mal recht interessant. Ebenso müsste angenehm und ekelhaft zu vertauschen sein, das Spieglein unterbrach mich in meinem Denkprozess indem es wissen wollte, warum die Amerikaner den Zero-Jäger Zecke genannt hatten.
„Weil er sich im Kurvenkampf schwer abschütteln ließ“, sagte ich und entschloss mich, die Hauptidentifikationsfigur meines Märchens eine Zecke sein zu lassen, und zwar eine Zecke, die selbständig denken konnte und dafür im Verlauf des Märchens einen goldenen Hintern bekam, weil den meisten klassischen Märchengestalten etwas Goldenes anhaftet. Zudem sind Zecken in Märchen deutlich unterrepräsentiert.
Das fand das Spieglein nicht und meinte, ich sollte lieber ein Märchen mit einem Elch schreiben, weil das Image der Elche seit dem legendären Elchtest derzeit arg gelitten hätte.
Ich überlegte, was unsere von uns allen so sehr geliebte und hoch geschätzte Kursleiterin dazu sagen würde, hoffte, dass dieser Elch an mir vorüber gehen möge und erinnerte mich des Märchens von der Gans mit den goldenen Federn, die goldene Eier legte.
Darüber sprach ich mit dem Spieglein und äußerte die Vermutung, dass die goldenen Eier und alles goldene im Märchen nur symbolisch für geistiges Gut stehen. Und dann war da ja auch noch die Sache mit der Moral. Das hatte ich mir so vorgestellt, dass der Protagonist für selbständiges Denken irgendwie belohnt wird, zum Beispiel mit einem goldenen Hintern. Wäre mal was ganz Neues.
Das konnte das Spieglein überhaupt nicht einsehen und von einer Zecke mit einem goldenen Hintern hatte es noch nie was gehört und überhaupt wäre selbständiges Denken im richtigen Leben nur hinderlich.
„Folglich“, sprach das Spieglein, „ist das völliger Quatsch! In einem Märchen müssen Feen vorkommen und eine schöne Prinzessin! Prinzessinnen sind in Märchen immer schön, und die sind niemals betrunken! Und eine Liebesgeschichte muss darin vorkommen! – Ich habe mal an einem Märchen mitgearbeitet, in dem sogar sieben Zwerge vorkommen, das wird heute noch gern erzählt!“
Ich versprach dem Spieglein, Feen und eine schöne Prinzessin, die nicht betrunken ist, in meinem Märchen vorkommen zu lassen, hängte es wieder zu und grübelte eine Weile vor mich hin. Aus dieser Situation heraus wäre es mir sicherlich gelungen, noch ein Wenig zu schlafen, aber sie kamen vom Haiku dichten wieder. Ich wurde davon wach und eilte nach unten. Dort fielen sie geschlossen über mich her.
Inzwischen war eine Box Sushi geliefert worden. Der Bote hatte den Karton an die Tür gestellt, daneben den Benzinkanister. Ruth Leuwerik war beim Betreten des Hauses gegen den Kanister getreten, der war auf das Sushi gekippt, worauf sich einige Tröpfchen Benzin auf den Karton ergossen hatten.
„Jetzt mussten wir das ganze, schöne Sushi wegwerfen“, empörte sich Frau Donata Grönefeld-Schlierensief, „ich habe ihnen doch gesagt, das sie was entgegen nehmen sollen! Das sollte eine Überraschung sein, aber sie haben wieder mal alles kaputt gemacht!“
Da sie gerade bei der Schuldzuweisung waren, gaben sie mir auch die Schuld daran, dass sie sich verfahren hatten. Ich hätte mitkommen müssen, denn als Taxifahrer hätte ich ja einen gewissen Orientierungssinn.
Allerdings konnten sie mir nicht die Schuld dafür geben, dass Frau Donata Grönefeld-Schlierensief, kaum dass sie die Wiese doch noch gefunden hatten, eine Haftschale verloren hatte, die sie dann, anstatt Haikus zu dichten, gemeinschaftlich vergeblich gesucht hatten. Aber ein schönes, weißes Pferd hatten sie gesehen und ihm die Äpfel gegeben, die sie eigentlich als Wegzehrung mitgenommen, aber noch nicht gegessen hatten, weil einige Druckstellen dran gewesen waren.
Dabei hatten sie sich des sagenumwobenen Einhorns erinnert, dem Symbol sexueller Kräfte und jungfräulicher Reinheit, welches nur durch eine reine Jungfrau gefangen und gezähmt werden kann, in deren Schoß es sich flüchtet, wenn es gejagt wird. – Und sie seufzten alle schwer ob dieser tiefgründigen Semiotik und entschlossen sich, in die Pflichtübung des Seminars – das zu schreibende Märchen – ein Einhorn einzubauen.
Ich erwähnte kurz, dass nur jemand, der guten Willens ist, des Einhorns Horn sehen kann, aber davon war ihnen, was die offizielle Semiotik betraf, nichts bekannt. Wenigstens gestanden sie mir zu, das in meinem neuen Märchen zu verwenden, denn schließlich könnte man das, was ich in der vorigen Nacht verzapft hatte, nicht als Märchen bezeichnen, eigentlich als überhaupt nichts – so die Realschullehrerinnen – und sie hätten diese schwache Leistung mit einer glatten ‘Sechs’ benotet.
Ich sah das Ding mit dem Einhorn als Herausforderung an und freute mich, die zunächst vorgehabte Säufergeschichte noch nicht in Angriff genommen zu haben.
Weil Frau Donata Grönefeld-Schlierensief ohne mich zu fragen eine gigantische vegetarische Pizza alternativ zu dem angeblich verdorbenen Sushi bestellt hatte, rief ich den örtlichen Taxifahrer an und fuhr mit ihm zum nächsten Imbiss mit Kiosk. Ich gab ihm eine Currywurst aus, aß selbst eine, trank Bier dazu, kam dabei zu der Erkenntnis, dass eine Prinzessin raus fliegt, weil sie dem Prinzen statt Currywurst vegetarische Pizza andrehen wollte, und erwarb im nahen Supermarkt zahlreiche Schokoriegel, ein Six-pack Bier, sowie einen Karton Sahnetörtchen.
Den Genuss von Sahnetörtchen halte ich zwar für unmännlich, aber mir fliegen erfahrungsgemäß, wenn ich beim Schreiben ins Stocken gerate, die besten Ideen zu, wenn ich das eine oder andere Sahnetörtchen zu mir nehme.
Irgend etwas hatte Frau Donata Grönefeld-Schlierensief erwähnt mit ‘Gut’ und ‘Böse’ vertauschen; - vielleicht sollte ich mal ‘Männlich’ und ‘Unmännlich’ vertauschen.
Frau Donata Grönefeld-Schlierensief sprach am Nachmittag etwas schludrig über Handlung, Spannung, Logik und Glaubwürdigkeit, weil sie ihre Notizen wegen der verlorenen Haftschale nicht lesen konnte.
Kurz vor dem Abendbrot zog ich mich zurück, hängte das Spieglein zu, weil es mir wieder das Märchen mit den sieben Zwergen, an der es damals mitgewirkt hatte, erzählen wollte, mampfte Schokoriegel, begann mein Zeckenmärchen, nahm hin und wieder das eine oder andere Bier zu mir und stellte die Sahnetörtchen bereit, für den Fall, das ich ins Stocken geraten sollte.
Frau Holthausen kam gegen zwanzig Uhr entlang, erkundigte sich, wie es denn so liefe und ob ich mit in die Sauna kommen wolle.
„Ja, etwas später“, sagte ich und bot ihr ein Sahnetörtchen an, „eigentlich wollte ich noch ein bisschen schlafen, aber mir ist da gerade eine Idee für ein Märchen gekommen.“
Da sollte ich unbedingt dran arbeiten, meinte Frau Holthausen, nahm sich ein Sahnetörtchen aus dem Karton, meinte, dass ich doch Zuhause schlafen könne, fragte noch warum ich mich immer absondern würde, stibitzte mir noch zwei Sahnetörtchen, obwohl sie auf Diät war, wie sie beiläufig erwähnte, aber bei Sahnetörtchen würde sie stets schwach werden, und gab mir gute Ratschläge, mein Märchen betreffend. Sie persönlich fand ja die Geschichte mit den Rittern gar nicht so schlecht, sehr phantasievoll, und ob sie mir bei meinem nächsten Märchen helfen könne.
‘Eine der Prinzessinnen müsste raus fliegen, weil sie ständig gute Ratschläge gibt; - oder hatten wir das schon mal?’, sinnierte ich unterdessen, weil wegen ihres vollen Mundes nicht so recht was zu verstehen war, aber ich hatte eigentlich nichts dagegen. Sie könne ja nachher mal entlang kommen, wir könnten uns ja gegenseitig mit guten Ideen aushelfen. Irgendetwas murmelte sie noch und war wieder verschwunden.
Ich legte los mit meinem Zeckenmärchen und kam auch ganz gut voran. Irgendwann, so gegen Mitternacht tat sich die Tür auf und es erschien Frau Holthausen, gewandet in Nachthemd und Morgenmantel. Sie trug ein Blöckchen, eine Flasche Wein und zwei Gläser mit sich. Nieder ließ sie sich auf der Bettstatt neben mir, öffnete die Flasche und schenkte zwei Gläser in einer Art voll güldenen Wein, dass sie wohl klangen, als wir anstießen.
Nachdem wir unsere Gläser geleert hatten, nahm sie ihr Blöckchen aufs Knie, drückte des Kugelschreibers Mine heraus und setzte die Kugel aufs Blatt.
Sie sah mich fragend an, aus rehbraunen Augen, umkränzt von winzigen Fältchen, die das Leben in ihr Antlitz gegraben haben mochte. Erwartungsvoll öffneten sich ihre roten Lippen, rot wie die reflektierende Folie des Warndreiecks im Kofferraum meines Taxis, und fuhr mit der Zunge darüber.
„Sie haben doch Phantasie! Wie fange ich denn nun mein Märchen an?“
Ihr Morgenrock war vorne aufgesprungen, wie es sich gehört, wenn eine Dame einen Herrn zu nächtlicher Stunde auf seinem Zimmer besucht und Wein mitbringt. Es wäre unhöflich gewesen, nicht den einen oder anderen anerkennenden Blick über dieses begehrenswerte Dekolleté schweifen zu lassen.
„Es war einmal eine schöne, junge Frau“, begann ich, „die niemals unaufgefordert gute Ratschläge gab, niemals albern lachte, und ihr Leben aus purer Nächstenliebe den alten Menschen widmete ... – äh, darf’s auch ein wenig ins Erotische gehen?“
Ihr halb durchsichtiges Nachthemd hielt meinen Blicken kaum stand und barg die beiden wohlgeformten Brüste darunter kaum. Zwei wunderbare Vorgaben für eine Investition in eine traute Zweisamkeit. Aus dieser Situation heraus hatte ich nichts anderes zu investieren als die eine oder andere gute Idee.
„Natürlich ...“ Irgendetwas glomm in ihren Augen auf, sie nahm ein Sahnetörtchen, eine lange, runde Waffel mit Sahne gefüllt. Sie ließ ihre Zunge ein Stück aus dem Mund gleiten, legte das Ende des langen, runden Sahnetörtchens darauf und nickte langsam und mit traumverlorenem Blick.
„Nun ja“, fuhr ich fort, „einer schönen Frau erzählte eines Tages eine Fee, dass sie – sollte sie eines Tages einem rechtschaffendem, ehrlichen, guten Mann begegnen und guten Sex mit ihm haben ...“
Sie schlürfte die Sahne des Sahnetörtchens heraus.
„Wird sich des Mannes Sperma in ihr in pures Gold verwandeln ...“, fuhr ich erwartungsvoll fort.
Ihre Augen wurden zu Schlitzen.
Möglicherweise interpretierte ich dieses Mienenspiel ein wenig miss als ich, getrieben von meiner grandiosen Idee, fort fuhr: „Dumm war nur, dass man sie eines Tages tot auffand ...“
„Warum ... tot ... ?“
„Erstickt. An einem Klumpen Gold.“
Ihr traumverlorener Blick löste sich auf. Ihre linke Hand raffte den Morgenmantel dicht unter dem Kinn zusammen.
„Entschuldigung“, murmelte ich, „muss wohl am Wein liegen. Hab’ zu viel gearbeitet in der letzten Zeit und zu wenig geschlafen. Ich fang’ noch mal an.“
„Bitte.“
„Es war einmal ein wackerer Taxifahrer“, begann ich, „der brachte nette Menschen nach Hause, Nacht für Nacht für Nacht ...“
„Taxifahrer geht nicht“, sagte Frau Holthausen, „nehmen wir doch einen normalen Menschen. Einen Handwerker, Bäcker, Schlachter, Friseur ...“
„Na klar! Raubritter, Seeräuber, Kerkermeister, Minnesänger, Folterknecht ...“
„Warum müssen sie eigentlich immer Quatsch machen?“
„Entschuldigung, aber ich weiß ja noch gar nicht worauf sie hinaus wollen. Nehmen wir doch mal einen Schornsteinfeger. Die gab es früher auch schon, es gibt wenige Märchen mit Schornsteinfegern, und der Schornsteinfeger hatte auch einen Scheißjob damals. Der musste nämlich in den heißen Kamin rein, weil die Leute bis zuletzt geheizt haben. Er war immer dreckig, und niemand wollte was mit ihm zutun haben. Das mit dem Glück und so kam erst in der letzten Zeit auf.“
Frau Holthausen legte ihr Gesicht in arge Falten und sie verzehrte gnädig ein Sahnetörtchen.
„Nun ja“, fuhr ich fort. „Der Schornsteinfeger war stets guten Willens, er tat seine Arbeit, nahm keine überhöhten Preise, betrank sich nie, war seiner Frau treu, immer positiv motiviert und jederzeit heiteren Gemütes.“
„Und weiter?“ Frau Holthausen leckte sich ein wenig Sahne von der Lippe und fingerte sich ein weiteres Törtchen aus dem Karton. Vielleicht war noch was zu retten.
„Und so begab es sich, dass sich des Schornsteinfegers Kehrkugel an seinem Besen, den er unermüdlich in die Schornsteine der Häuser seiner Mitmenschen senkte und herauf zog, im Laufe der Zeit in pures Gold verwandelte.“
Die Kaubewegungen Frau Holthausens wurden langsamer und erstarben schließlich ganz.
Der Rahmen des Spiegleins knackte.
„Das ist gut! Das ist gut! Gute Taten belohnt das Leben.“ Frau Holthausen sprang auf und entschwand mit wehenden Morgenmantel.
Schade, denn ich hätte gerne mit ihr darüber gesprochen, ob das Leben an sich möglicherweise andere Vorstellungen von ‘Guten Taten’ hat, als wir Menschen.
Ich schrieb mein Zeckenmärchen mit dem Pflichteinhorn ein wenig gefrustet zuende. Und weil das Märchen von Zita der Zecke wesentlich kürzer war, als das mit den Rittern, schrieb ich es noch mal sauber ab.
Am frühen Morgen waren Wein und Sahnetörtchen alle und mir ein ganz klein wenig übel.


Das Märchen von Zita der Zecke

Es war einmal eine Zecke, Zita mit Namen, die sich von anderen Zecken und vielen Menschen insoweit unterschied, dass sie selbständig denken konnte.
Als sie soweit war, sich ein Wirtstier zu suchen, erklomm sie einen Busch und suchte sich ein Blatt unter dem sie auf ein Wirtstier warten konnte. Als sie ein Blatt erreichte, dass ihr gefiel, war da schon eine andere Zecke.
„Was machst Du denn hier?“ fragte Zita.
„Ich hänge hier ein bisschen rum“, sagte die andere Zecke, „sozusagen abhängen“, und ließ sich flugs auf einen Hasen fallen, der wie von Ungefähr des Wegs entlang gehoppelt kam.
‘Einen Hasen‘, dachte Zita die Zecke, ‘möchte ich nicht haben, die hoppeln zu sehr.‘
So blieb sie weiterhin hängen und wartete. Sie dachte viel nach während sie hing, über den Sinn des Lebens und den Ursprung der Welt. Das Blatt, unter dem sie hing, bezeichnete sie als ihre Welt und sie fragte sich, ob es auf anderen Welten auch intelligentes Leben gibt.
Zwischendurch sah sie den Feen und Elfen zu, die sich des Abends auf der nahen Lichtung trafen, tanzten, Joints rauchten und sich darüber unterhielten, wie Fliegenpilze am besten zuzubereiten wären, damit sie auch gut reinziehen.
Nein, auf eine Elfe wollte sie sich auch nicht fallen lassen. Sie kam zu der Überzeugung, dass es andere Lebewesen nur gibt, damit sie den Zecken als Wirtstiere dienen können.

Zita die Zecke hing also weiter unter dem Blatt und wartete. Sie überstand sogar einen Sturm, der in der Nähe einen Baum umfallen ließ. Als am nächsten Tag Waldarbeiter kamen, den umgestürzten Baum mit einer Motorsäge klein sägten und beseitigten, fand sie die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Welt.
’Das, was Welten vernichtet‘, dachte Zita, ‘muss auch Welten erschaffen können! Erschaffer und Vernichter von Welten sind Götter. Ich habe einen Gott gesehen! Ich werde mich auf ihm niederlassen‘!
Und sie warf noch einen Blick auf die Motorsäge, die ein Arbeiter auf seiner Schulter nach getaner Arbeit fort trug und ließ sich in einem günstigen Moment auf das Schwert der Säge fallen. Doch weil die Säge gut gefettet war, glitt Zita ab und fiel zu Boden.
„Unerreichbar sind die Götter“, seufzte Zita, erklomm ihren Busch erneut und betete um ein Tier für sie.
So hing Zita lange Zeit unter ihrem Blatt.
Viele Tiere kamen entlang, aber keines war Zita gut genug. Die Füchse waren ihr zu dusselig, die Mäuse zu klein, die Rehe zu arrogant und die Wildschweine, die sich an dem Stamm des nahen Baumes scheuerten, zu dumm, weil sie so was Blödsinniges taten.
Doch eines Tages kam ein kurzsichtiges Einhorn angetrabt und verhedderte sich gar fürchterlich mit seinem Horn in dem Geäst des Busches unter dessen einem Blatt Zita lebte.
„Guten Abend“, sprach Zita zu dem Einhorn, „würden Sie mir eventuell gestatten, auf Ihnen Platz zu nehmen?“
„Aber nur, wenn Sie mir helfen, aus diesem Scheißbusch zu kommen“, antwortete das Einhorn, „dann verspreche ich Ihnen, Sie mit mir zu tragen.“
„Nun denn, es wird sich machen lassen“, sagte Zita, ließ sich auf das Einhorn fallen und dirigierte es aus dem Dickicht des Busches.
„Danke“, sagte das Einhorn, „und nun hiev Deinen verdammten Arsch von meinem Rücken und verpiss Dich!“
„Hej“, sagte Zita, „Sie haben mir etwas versprochen!“
Das Einhorn konnte sich plötzlich an nichts mehr erinnern, aber es konnte Zita die Zecke nicht abschütteln.
Zita indes, steckte ihren Kopf ins Einhorn und begann Blut zu saugen.

Als Zita nach drei Tagen mal kurz den Kopf aus dem Einhorn nahm, um zu gucken, wo es denn inzwischen hingelaufen war, stellte sie fest, dass sie inzwischen einen goldenen Hintern bekommen hatte.
Das wiederum war dem Einhorn gar nicht recht. Es flüchtete sich in den Schoß einer Prinzessin, die seit langem vergeblich auf einen Prinzen gewartet hatte.
Weil die Prinzessin farbenblind war, konnte sie nicht erkennen, dass Zita einen goldenen Hintern hatte. Sie ergriff ihre Pinzette zum Auszupfen der Augenbrauen, drehte Zita die Zecke aus dem Einhorn und warf sie in den Kamin.
Das Einhorn verkaufte sie an einen Bauern, der es hin und wieder vor den Pflug spannt, denn dieses Einhorns Horn kann nur von Menschen gesehen werden, die guten Willens sind.
Das aber war der Bauer nicht, denn wenn er den Mund auftat, schimpfte er nur darüber, dass ihn die EG zu wenig subventioniere.
Am Wochenende, wenn der Bauer besoffen ist, steht das Einhorn auf der Weide und freut sich, dass es keinen Pflug ziehen muss. Hin und wieder kommen Realschullehrerinnen entlang und glauben, da steht ein Pferd, das sich freut, wenn sie ihm gammelige Äpfel vor die Hufe werfen.


Am Morgen trug ich mein Märchen todmüde aber voller Hoffnung hinunter zum Frühstück. Sie hatten auch ihre Märchenfragmente mit.
Frau Holthausen trug umgehend die Schornsteinfegergeschichte vor. Sie hatte selbständig noch ein paar Sätze beigefügt. Alle fanden die Geschichte toll.
Niemand außer mir und Frau Holthausen waren wegen der knappen Zeit fertig geworden, bis auf die Ruth Leuverik und den NVA-Mann, die hatten gar nichts mit. Angesichts ihres durchnächtigten Aussehens fragte taktvollerweise niemand nach irgendwelchen literarischen Werken, aber mein Märchen verrissen sie nach meinem Vortrag einhellig. Sie waren sich darüber einig, dass man eine Zecke niemals als Märchenfigur und schon gar nicht als gute Identifikationsfigur einsetzen könne, und dass Realschullehrerinnen ein Einhorn nicht zu erkennen in der Lage sind, sei völlig unglaubwürdig! Was das denn überhaupt für eine bekloppte Moral sei, und seit wann man denn vom Denken einen goldenen Hintern bekäme. Ich sollte mich mal mit Frau Holthausen zusammen setzen und mir erklären lassen, was ein gutes Märchen beinhalten müsste.
Frau Holthausen sah mich nicht mal an, während ich die guten Ratschläge von mir abprallen ließ.
Was ich zu dem Zeitpunkt, an dem ich mein Märchen von Zita der Zecke – mit Nachnahmen müsste sie `Delle´ heißen, leider war es mir etwas zu spät eingefallen – schrieb, noch nicht wusste, war der Umstand, dass Frau Donata Grönefeld-Schlierensief kurz nach ihrer Eheschließung mal mit dem Fahrrad im Wald gestürzt war und eine Weile bewusstlos im Unterholz gelegen hatte, was einige Zecken genutzt hatten, sich nicht nur in ihrem Haupthaar niederzulassen. Seit dem hatte sie ein etwas gestörtes Verhältnis zu Wäldern und dem Kleingetier, das im Unterholz weilte. Weil sie keine Götter neben sich duldete, erzählte sie dieses epochale Ereignis in epischer Breite während alle anderen Teilnehmer ergriffen lauschten. Ich bedauerte, für einige ignorante Realschullehrerinnen eine komplette Romanidee verballert zu haben. Zweifellos hatte sich dieses Trauma auch auf Frau Donata Grönefeld-Schlierensiefs Verhältnis zur Literatur ausgewirkt.
Alle brachten Verständnis auf und ließen sich den Appetit verderben, so dass endlich mal genug Brötchen für mich da waren.
Nach dem Frühstück machten sie sich mit Verbissenheit über ihre Märchen her, Frau Holthausen wandelte herum und ignorierte mich. Sie kamen aber nicht so recht voran, weil der Kamin nicht an war. Ging auch nicht, weil sie am Vortag in meiner Abwesenheit das gesamte Kaminholz verfeuert hatten.
Ruth Leuwerik, die Realschullehrerin, die gegen den Benzinkanister getreten war, wurde extrem pädagogisch indem sie erwähnte, dass sie, als sie meine Märchen verrissen hatten, Spuren von Aggression bei mir festgestellt hatte. Da soll Holzhacken gut gegen sein. Ich sollte mich für die Gemeinschaft einbringen und das tun. Vielleicht käme mir dabei der Grundgedanke für ein anständiges Märchen, denn die Geschichte mit der Zecke wäre ja wohl auch nichts gewesen.
Der Grundgedanke kam mir tatsächlich, als sie weitläufig und mit wogendem Busen vor sich hin pädagogisierte und von einem Guru erzählte, der seine Schüler Gräben ausheben und wieder zuschütten ließ, bis sie erleuchtet waren. Möglicherweise würde mir das beim Holzhacken auch passieren.
Die Idee kam mir schon vorher: Die Protagonistin meiner nächsten Geschichte unterzieht sich einer Brusttransplantation, doch irgendetwas geht dabei schief. Die vergrößerten Brüste konnten nur von aufrichtigen Männern wahrgenommen werden. Besser wäre natürlich, wenn nur die ursprüngliche Größe von wahrhaften Männern wahrgenommen wird, weil die sich nicht durch irgendwelche Fremdeinflüsse beeinflussen lassen. Sollte ich gelegentlich mal dran arbeiten, schien mir interessanter, als die guten Ratschläge der anwesenden Damen, die pausenlos auf mich einprasselten.
Sie waren etwas indigniert als ich kurz erwähnte, dass ich mich nicht in holzhackender Weise einbringen würde und wollten wissen, warum ich überhaupt Schriftsteller werden wollte, wo es doch so viele schöne andere Berufe gibt, zum Beispiel Florist, das sollte ich man weiter machen, denn da könnte ich immer mit schönen Blumen umgehen und käme so bestimmt auf positive Gedanken.
Angesichts des hier Erlebten schien mir die Sache mit dem Schriftsteller etwas hoch gegriffen und ich sagte: „Als erfolgreicher Schriftsteller kann ich mich ständig wie ein Riesenarschloch benehmen! – Jeder wird mich trotzdem für geistreich halten.“
Das verstanden sie nicht, aber es war ein erhebendes Gefühl für mich, einfach weg zu gehen, alles hinter mich zu lassen, was nicht in meine Vorstellung vom kreativen Schreiben passte.
Gerne wäre ich in irgendeinen Sonnenuntergang geritten, aber das richtige Leben ist anders als die guten, alten Western. So blieb mir nichts anderes übrig, als den örtlichen Kollegen anzurufen, meine Sachen und Märchen zu packen, dem Spieglein noch einen kollegialen Klaps auf den Rahmen zu geben und zur Straße zu gehen. Der NVA-Mann kam noch zu mir und wollte wissen, welche Prinzessin der Prinz denn nun erwählen würde.
„Ist doch logisch“, sagte ich, „die mit den größten Titten!“
„Das wird Heidemarie bestimmt nicht gefallen“, sagte der NVA-Mann. „Das ganze Märchen wird Heidemarie nicht gefallen“, sagte ich, „aber darum geht es nicht! Richtige Männer ziehen ihr Ding durch, ohne sich von Heidemarie oder sonst einer Frau beeinflussen zu lassen!“
Bevor ich in Erfahrung bringen konnte, wer Heidemarie überhaupt war, kam das Taxi. Der Fahrer winkte, sah und grinste. Danach brachte er mich zum Bahnhof.
In der Gaststätte in des Bahnhofs Nähe kämpfte ich gegen den Schlaf und trank Bier bis zehn Minuten bevor der Regionalexpress nach Magdeburg eintreffen sollte. Ich ging rechtzeitig auf den Bahnsteig, zwei junge Damen stellten sich neben mich und begannen sich darüber zu unterhalten, ob man ein bestimmtes Geschwür selber aufstechen sollte. Während einer Lautsprecherdurchsage setzten sie das Gespräch erbarmungslos fort, ich bekam deshalb von der Durchsage nichts mit, aber nachdem es im Lautsprecher geknackt hatte, und sich wieder Stille ausbreitete, wollte eine der Damen von mir wissen, was der Mann soeben gesagt hatte.
„War da eine Ansage? Hab’ nicht drauf geachtet“, sagte ich. „Ich habe gerade an meine Verlobte gedacht. Wissen Sie, sie arbeitet beim Zahnarzt, und sie hat mir immer den Zahnstein entfernt, so haben wir uns kennen gelernt ...“
Die Damen wünschten mir viel Glück und entfernten sich.
Als ich nach halbstündigem Warten im Zug saß, machte sich die Feststellung in mir breit, dass es gar nicht so einfach ist, mit der Literatur. Vielleicht sollte ich mir etwas anderes suchen, eine Spur zu hinterlassen, etwas mit Eurhythmie vielleicht oder mit Synchronschwimmen.
Egal.
Im Interregio nach Braunschweig fand ich ein leeres Abteil, freute mich darüber und setzte mich in Fahrtrichtung ans Fenster.
‚Eine Spur hinterlassen ist das Mindeste, was ein Mann im Leben tun muss!‘, dachte ich während der Zug anfuhr, und dann kam eine Frau ins Abteil und bat mich, ihr den Fensterplatz in Fahrtrichtung zu überlassen, weil ihr gegen die Fahrtrichtung immer schlecht würde, und sie ohnehin schon Kopfschmerzen hatte.
„Möchten Sie die eine oder andere Tablette?“ fragte ich nachdem ich meinen Platz geräumt und ihr offeriert hatte.
Sie trug ein graues Kostüm passend zu der Farbe ihrer Haare, die jedoch nicht in Ehren ergraut waren. In Farbe und Frisur trendy zurecht gemacht, ebenso wie der Gesichtsausdruck, antiageing-mäßig zurecht gestylt, cool und mit einem Hauch von Groll gegen den Rest der Welt nahm sie den Platz kurzerhand in Anspruch und aus ihrem Aktenkoffer einen Ordner.
„Das ist aber nett. Danke schön“, sagte sie ohne mich anzusehen.
Ich brach zwei Tabletten von dem Blister, den ich in meiner Eigenschaft als Taxifahrer stets bei mir führe, und reichte sie ihr.
„Wie soll ich die denn einnehmen? Ich habe doch kein Wasser.“
„Dann hole ich Ihnen mal eben was. Dieser Zug führt meines Wissens einen Bistowagen mit sich.“
„Ja, können Sie machen.“
In meinem Märchen hätte ich geschrieben: ‚Ich schalt mich einen Narren, als ich den Bistrowagen aufsuchte, Wasser zu erwerben, um es der Frau zu reichen. ‘
Als ich zurückkam, entging mir, dass sie das Fenster so weit wie möglich geöffnet hatte. Sie stand mit dem Rücken zu mir, als ich die Tür vorsichtig zur Seite schob und das Abteil betrat. Es entstand ein heftiger Durchzug, wie an einer Schnur gezogen flatterten die Blätter aus einem Aktenordner vor ihr auf dem kleinen Tischchen aus dem Fenster.
„Können Sie denn nicht aufpassen?“
„Entschuldigung.“
„Ist ja nicht so schlimm, war ja nur eine Kopie.“ Sie warf die Blätter, die sie noch in der Hand hielt, hinterher, nahm mir die Wasserflasche aus der Hand und trank einige heftige Schlucke. „Wird sich schon wieder melden, dieser Schreiberling. Aber der Titel war passend.“
Auf meinen Platz war ein Blatt geflattert, das Titelblatt.

Verstreut in alle Winde





Version vom 24. 05. 2016 19:43

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