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Leselupe.de > Erzählungen
Das nimmt kein gutes Ende
Eingestellt am 02. 07. 2014 14:10


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Rafi
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Das nimmt kein gutes Ende

Schon als Kisch mir an jenem Abend von dieser Frau erzählte, wusste ich: Das nimmt kein gutes Ende. Nichts in Kischs Leben nahm jemals ein gutes Ende. Blind konnte man sich darauf verlassen, dass jedes seiner Vorhaben scheiterte und nichts, was er tat, von Erfolg gekrönt war. Nur insofern war Kisch ein verlässlicher Mensch. Setzte er sein Geld beim Boxkampf auf den Favoriten, so brach dieser sich in Runde zwei die Mittelhand; plante er einen Urlaub im Süden, so mussten die Menschen dort mit sintflutartigen Regengüssen leben, solange Kisch sich in ihrer Nähe aufhielt. Der Mops der Nachbarin, ein wahrhaft friedfertiges Tier, biss nur Kisch, freundliche Kinder brachen in Tränen aus, fragte er sie, wie sie denn hießen und beim Kauf neuer Schuhe stellte er schon am nächsten Tag fest, dass die Sohlen sich lösten.
Diese Art Mensch war Kisch. Einer, dem nichts im Leben glückte. Wir kannten einander, seit wir Kinder waren, zur Schule waren wir eine Zeit lang gemeinsam gegangen. Bis er zum ersten Mal ein Jahr wiederholen musste, weil er, im Gegensatz zu mir, weder den einfachen Satz des Pythagoras verstand, noch sich je mit der Grammatik anfreunden konnte. Später war’s eine Lungenentzündung, die ihn zwang, ein weiteres Jahr zu wiederholen. Im Kühlhaus unseres Metzgers hatte er sich einschließen lassen, um von Würsten und Schinken zu naschen. ⁄
Nun saß Kisch neben mir, trank sein dunkles Bier (bestellt hatte er ein helles …) und meinte, etwas sei mit ihm „geschehen“. Ich verstand nicht, was er meinte, doch er erklärte es sofort: „Ich bin verliebt“, sagte er, wobei Euphorie in seiner Stimme schwang. „Ach, was sag ich denn? Nein, Liebe ist es, die mir begegnet ist, die wahre Liebe!“
Ich nippte an meinem Hellen, das ich schließlich bestellt hatte, und schaute Kisch an. „Glückwunsch. Wer ist sie?“
Ein Leuchten setzte sich auf das Gesicht meines Freundes, eine Glückseligkeit, wie man sie gewöhnlich bei Kindern sieht. Oder bei Idioten. „Oh, du musst sie kennenlernen“, rief er aus, „unbedingt! Ein wahrhaftiger Engel ist sie, ein Schatz, ein Sonnenstrahl!“
Da wusste ich, dass er einmal mehr drauf und dran war, sein Unglück mit offenen Armen zu empfangen. Ein Kind war er ja im Körper eines Mannes, das mit einer Kerzenflamme spielt, sich der Konsequenz nicht bewusst ist und unter Schmerzen erfahren muss, wie heiß ein Licht bisweilen brennt. War Kisch erst einmal von einer solchen Besessenheit beseelt, das wusste ich sicher, konnte die Sache kein gutes Ende nehmen.
Vor Jahren einmal hatte er es sich nicht nehmen lassen, auszuprobieren, wie schnell er mit einem Fahrrad – ich muss gestehen, wir hatten es gestohlen – bergab würde fahren können. Hätte ich ihn warnen sollen, als er meinte, dies würde ein Heidenspaß? Hätte ich ihn zurückhalten müssen bei den Worten „Wir durchbrechen die Schallmauer“? Ich tat es nicht, und Kisch durchbrach nur einen Gartenzaun, ehe er liegenblieb wie tot. Eine Gehirnerschütterung brachte ihm dieses Husarenstück ein und eine erhebliche Geldstrafe. Klüger war er nicht dadurch geworden.
„Woher kennst du sie denn?“, wollte ich nun wissen.
„Das glaubst du mir nicht“, sagte er mit etwas Verschwörerischem im Blick, und ich wusste, ich würde ihm jedes Wort glauben. „Ein Zufall war’s. Ein Unfall. Ein kleiner.“
„Was ist passiert?“
„Ich suchte einen Parkplatz in der Stadt. Du weißt, das ist ja stets ein Problem. Und da sah ich eine Lücke zwischen zwei Autos, und ich dachte so bei mir: passt! Ich also rückwärts reingefahren, das Lenkrad eingeschlagen und denk mir nichts Böses, und auf einmal macht’s rumms!“
Ich verdrehte die Augen. „Die Lücke war zu klein?“
„Die Lücke war zu klein – woher wusstest du das? Na ja, sei’s drum. Jedenfalls, ich steig aus und guck mir das Malheur an. Beim Wagen hinter mir war ein Scheinwerfer zerdeppert. Nichts Großes.“
„Ein Scheinwerfer …“
„Sag ich ja. Und schon kommt da prompt die Besitzerin des Autos. Sie!“
Ich wunderte mich. „Und obwohl du ihr Auto zerdeppert hast, wollte sie dich wiedersehen?“
„Wie vom Blitz getroffen war ich, wie versteinert zuerst! Sie war auch ganz ruhig, trotz allem ganz ruhig. Hat sich den Schaden angeguckt und gemeint, sie hoffe, ich hätte eine gute Versicherung. Dass ich die überhaupt nicht brauchte, hab ich dann gesagt, weil ich so einen zerdepperten Scheinwerfer bar bezahlen würde.“
Kisch verschränkte die Arme vor der Brust und schmückte sein Gesicht mit Zufriedenheit. Diesen Ausdruck kannte ich. Als er ihn das letzte Mal zeigte – vier oder fünf Jahre mochte es her sein –, war ebenfalls eine Frau der Grund dafür gewesen. Isabell hatte sie geheißen und ihm dermaßen den Kopf verdreht, dass er rückwärts zu gehen schien. Drei Wochen lang, vielleicht auch vier. Dann hatte Isabell sich eines anderen Mannes Kopf vorgenommen.
„Bar bezahlen?“ Ich schaute ihn verwundert an. „Wovon?“
„Mein Bester, du wirst es nicht glauben: Ich habe in der Lotterie gewonnen! Seit Jahren schon spiele ich, und diesmal hat Fortuna mich auserwählt. Nicht viel, keine Reichtümer, so lieb hat sie mich denn doch wohl nicht. Für einen zerdepperten Scheinwerfer aber langt’s allemal!“
„Wie? Du hast etwas gewonnen?“ Wie groß war doch mein Erstaunen!
„Aber ja!“, jubelte er. „Ich glaube, meine Pechsträhne ist endlich vorbei! Geld habe ich jetzt und noch einen Engel dazu. Und dich habe ich!” Er legte mir die Hand auf den Arm. „Den besten Freund, den man sich nur wünschen kann. Immer hast du zu mir gehalten. Jetzt ist das Tal durchschritten!“
Kisch erzählte, wie es weitergegangen war. Demnach hatten er und diese Frau – „Gitta, wunderbar, nicht wahr?“ – den Abend miteinander verbracht. Und den folgenden Tag. Die ganze Woche sahen sie einander, waren sich nähergekommen dabei. „Von Anfang an hab ich gespürt: Gitta ist die Frau, mit der ich mein Leben verbringen will“, endete er enthusiastisch.
Ich bestellte ein weiteres helles Bier, um den Geschmack wegzuspülen, welcher sich auf meine Zunge gelegt hatte, meinen Herzschlag beschleunigte und in meinem Magen lag wie ein Geschwür, angefüllt mit Gift.
Der Wirt stellte mir unverständlicherweise ein Dunkles vor; ich nahm es, weil mein Gaumen ausgedörrt war. „Prima“, sagte ich, während ich mir den bitteren Schaum von den Lippen wischte. „Hört sich ja an, als würden da bald die Hochzeitsglocken läuten.“
Kisch strahlte mich an mit seinem runden, fahlen Gesicht, das mich schon immer an den blöde glotzenden Vollmond erinnert hatte. „Ganz genau, mein Freund“, jubelte er wie ein Knabe, der zum Geburtstag eine elektrische Eisenbahn geschenkt bekam. „Und ich will, dass du mein Trauzeuge wirst. Niemanden sonst würde ich an meinem großen Tag lieber neben mir wissen!“
Es fühlte sich an, als sei das Geschwür geplatzt und hätte Feuer in meine Eingeweide entlassen. Zugleich jedoch gebar es eine wunderbare Idee in meinem Kopf. Einen vortrefflichen Streich, über den ich mich sicher noch nach Jahren amüsieren würde. Kischs kindlicher Übermut schrie ja geradezu nach einem Dämpfer. Und den wollte ich ihm geben.
„Nur zu gerne, mein lieber Kisch, übernehme ich diese Aufgabe“, sagte ich und lächelte ihn honigsüß dabei an. „Wann darf ich denn die glückliche Braut kennenlernen?“
Fast schien es mir, als würde er vor lauter Freude über meine Zusage explodieren wollen. Seine Glatze wurde rot, und seine hervorquellenden Molchaugen schimmerten feucht. Er fuhr sich mit nervöser Zunge über die fleischigen Lippen, die mir schon immer zu groß, zu viel für dieses Kindergesicht vorgekommen waren. Kisch breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen; am Ende aber war nur ich es, der sich unvermittelt umklammert sah. „Ich wusste es! Ich wusste es!“, rief er aus und presste seine Wange, auf der noch nie ein Haar gesprossen war, an meine frisch rasierte. „Du bist mein bester Freund, mein einziger. Bist es schon immer gewesen. Ich wusste es!“
Ein wenig ließ ich ihn noch seine Euphorie ausleben, dann verabredeten wir uns für einen der nächsten Abende. Ich verließ Kisch schließlich in der Überzeugung im Herzen, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen würde.
Mit Spannung erwartete ich unser Treffen. Zu Hause bei Kisch sollte es stattfinden. In seiner Wohnung, die, wie ich stets fand, mehr als alles andere den Charakter ihres Mieters widerspiegelte: billige Möbel, alt, abgenutzt, wahllos zusammengewürfelt; Tapeten, deren Muster von Geschmacklosigkeit in Vollendung zeugten; ein grauer, gummiartiger Bodenbelag, hier und da unter Brücken und Läufern versteckt, die jedem anderen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Klein war alles und muffig, düster und beengt.
Doch war all dies gleich. Denn ich hatte ja einen Plan für diesen Abend gefasst, der mich schon im Vorfeld vergnüglich die Hände rieben ließ. Simpel war er, dieser Plan, und doch genial. Wusste ich doch um die Wirkung, welche ich auf die Damenwelt ausübte. Durchaus mit Stolz kann ich behaupten, dass wohl kein weibliches Wesen, dem mein Interesse galt, mir je widerstehen konnte. Ein Magier war ich diesbezüglich, der – was mich kalt ließ – schon einige Male den Neid seiner Geschlechtsgenossen auf sich gezogen hatte. Und hatte sich auch manche Frau anfangs zu wehren versucht, und war ich auch von so manchem Mann mit wüsten Beschimpfungen und sogar wilden Drohungen verfolgt worden; am Ende war doch stets ich derjenige, der als lachender Sieger dastand. Diese Gabe war’s, mit der ich Kisch überraschen wollte. Sein Mütchen zu kühlen sah ich als meine Aufgabe, ja, als meine Pflicht an. Immerhin war ich ja sein Freund.
Das Rasierwasser, welches ich aufgelegt hatte, die Rosen in meiner Hand, die Flasche Cognac von erster Güte – all dies waren die Werkzeuge meines Vorhabens. Oh, wie ich mich darauf freute, das Erstaunen in seinen Augen zu sehen, die maßlose Bewunderung ob meiner Verführungskünste, würde Kisch erst das ganze Bild, das ausgeklügelte Meisterwerk in seiner Gesamtheit erkennen!
Gestriegelt wie ein junger Rappe vor seinem ersten Derby stand ich am verabredeten Abend pünktlich vor Kischs Tür. Er öffnete, noch ehe das Schrillen der Klingel ganz verklungen war.
„Du bist da!“, rief er, und einmal mehr umarmte er mich ungefragt. „Komm nur! Komm herein, ich nehm dir den Mantel ab. Oh, was hast du da? Blumen! Das ist nett, wirklich nett. Und Cognac, wie ich sehe. Aber ich bitte dich, das wäre doch nicht nötig gewesen.“ Er nahm mir beides aus der Hand. „Komm nur, komm herein!“
Die Wohnung war überheizt, Luft so schwer wie ein Flies kratzte in meinem Hals. Kisch deponierte Cognac und Blumen auf einem Schränkchen von ausgesuchter Schlichtheit, um nicht zu sagen: Hässlichkeit. Dann nahm er mir Mantel und Schal ab und schob mich in den Wohnraum. Getrieben stolperte gleichsam ins Zimmer.
Und da stand sie!
Kaum zwei Meter lagen zwischen uns, und doch nahm ich voller Erschrecken ob dieser Plötzlichkeit einen schieren Ozean wahr, den zu überqueren mir in diesem Augenblick unmöglich schien. Ich hörte Kisch etwas sagen, doch drangen keine Worte zu mir, nur Geräusche. Abgeschottet von der Welt fühlte ich mich. Eingeschlossen in einem von außen undurchdringlichen Raum mit ihr, die vor mir stand, mir Blicke schenkte, in denen Wissen lag, die mich Bewegungen ahnen ließ, zu deren Rhythmus ich tanzen wollte. Ihre Stimme schlängelte sich in mich, deren Timbre Samt war, in welches meine Seele sich bettete. Ich roch den Duft ihrer Haut und sah den Glanz ihres Haares, das Weiß ihrer Zähne blendete mich, im Schimmer ihrer Augen glaubte ich Kinder auszumachen – unserer beider Kinder! – die auf ihre Zeugung warteten! Ein wildes Tier, gebändigt allein durch den Willen eines Dompteurs, schlich sich an, reichte mir voller Anmut eine Hand, zart und jeden Widerstand in mir brechend, und sagte: „Guten Abend. Ich bin Gitta.“
Kaum eines Wortes fähig nahm ich, was sie mir gab: ihre Hand, in die sie auch ihre Seele gelegt hatte. Von nun an, dies wurde mir so deutlich wie sich einem wundersam geheilten Blinden die Welt offenbarte, hatte sie mich in eben dieser Hand, war ich ihr Hofnarr, ihr Diener, Gefangener und Sklave, Liebe war mir begegnet, wahre Liebe!
Beim Essen – es gab Kalbsmedaillons, die Kisch erstaunlicherweise zart und saftig gebraten hatte – gelang es mir nicht, den Blick von ihr zu wenden. Führte sie die Gabel zum Mund, war es mir, als hielte sie einen Pinsel, mit dem sie zauberhaft vergängliche Gemälde in die Luft malte; trank sie, so schmeckte ich ihren Wein auf meiner Zunge und war erfrischt; ihr Lachen, wenn Kisch eine alberne Anekdote aus unserer Jugend zum Besten gab, wurde zu Musik, welche ganz allein mir gewidmet war.
„Hallo, ihr zwei“, hörte ich Kisch irgendwann sich zwischen uns drängen, „seid ihr noch bei mir?“
Gitta wandte den Blick von mir ab und lächelte ihn an. „Natürlich, mein Lieber“, gurrte sie. „Bei wem denn sonst?“
Wir tranken Wein, viel Wein. Oh ja, trunken war ich bald. Doch war es Gitta, die mich die Welt in einem Schwindel sehen ließ, mir den festen Stand raubte und mich zum Wanken brachte. Eine Magierin war sie! Vergessen war der geplante Streich. Was Scherz sein sollte, wurde ernst. Diese Frau, dieses überirdische Wesen – ich lag in ihren Fesseln.
Kisch wurde nicht müde zu erzählen, welch Wunder ihm doch widerfahren sei, als er ihren Scheinwerfer „zerdepperte“ und er dadurch die Liebe seines Lebens gefunden habe. „Gitta“, sagte er, „du erlöst mich. Aber ja, ein Ertrinkender war ich, und du allein bist mein Rettungsring. Von nun an wird alles, alles anders. Nie mehr so wie zuvor!“
Sie meinte, er übertreibe, aber Kisch beharrte auf seiner Aussage. „Ich sage euch, von nun an wird alles anders!“, lallte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Gläser tanzten. „Nie mehr wie zuvor, nie mehr!“
Und dann wankte er auf mich zu und nahm mein Gesicht zwischen seine Hände. Tief schaute er mir in die Augen, seine Lippe glänzten nass. Meine Befürchtungen steigerten sich bis ins Schlimmste. Er würde doch nicht …
Ich wollte mich seinem Griff entziehen, doch hielt er meinen Kopf nur umso fester. „Nie mehr wie zuvor, mein Freund“, flüsterte er.
Kaum weiß ich noch, wie ich in jener Nacht zurück in meine Wohnung fand. Es war, als schwämme ich durch silbernen Nebel. Doch erinnere ich mich an den Glanz des Himmels im ersten Tageslicht, welches mir wie rosafarbener Tüll erschien. Auch meine ich noch den Boden unter meinen schwankenden Füßen zu spüren, den Asphalt, weich und luftig. Was war geschehen mit mir, welches bis dahin schlafende Tier war geweckt worden, das nun mit zärtlichem Flügelschlag meine Seele streifte und durch jeden meiner Gedanken flatterte? Ich war es mit einem Mal, dem ein Streich gespielt worden war; ein wundervoller, ausgeheckt von Amor.
Die folgenden Tage waren wie ein zähes Wasser, durch das hindurch ich watete. Gitta ging mir nicht aus dem Sinn. In jedem Atemzug schwebte sie, in jedem Traum – schlafend oder wach geträumt – erschien sie, in jedes Gesicht auf der Straße malte sich ihr Antlitz.
Ich musste sie wiedersehen! Ich musste ihr meine Gefühle offenbaren! Ich musste sie für mich empfinden lassen, wie ich für sie empfand!
Kisch war mir gleich dabei. Was kümmerte mich dieser Trottel, was ging mich sein Schicksal an? Zu idiotisch war dieser Esel, als dass er einer Frau wie Gitta würdig hätte sein können. Nichts konnte er ihr schließlich bieten als die Unterhaltung, die auch ein dummer August im Zirkus seinem Publikum bot. Er hatte nichts, dieser Kisch, keine Ehre, kein Ansehen. Ein bisschen Geld vielleicht, ergaunert in der Lotterie, doch was wollte er damit schon kaufen? Witz vielleicht und Esprit? Charme oder ein ansprechenderes Gesicht? Ihm fehlte es doch an allem, ein Dummkopf war er, über den die Leute lachten, ein Pechvogel. Nie war ihm etwas gelungen, nichts nahm jemals ein gutes Ende mit ihm. Was also konnte ich ihm schon nehmen? Er besaß ja nichts, erst recht nicht Gitta. Ginge sie mit mir anstatt mit ihm – und dass dem so wäre, daran hegte ich keinen Zweifel –, so wäre dies doch nur die Erfüllung seines Schicksals gewesen, dessen Vollstrecker ich war. Weiter nichts.
Nach drei Tagen zerreißender Sehnsucht, die mich alles wie in einem Fieber erleben ließ, war mir klar: Ich wollte diese Frau für mich haben, für mich alleine. Koste es, was es wolle!
Ich rief Kisch an und verabredete mich mit ihm. „Das ist gut“, sagte er, „sehr gut. Auch ich muss mit dir reden.“
Am Abend – er hatte ein Helles bestellt und wundersamerweise auch bekommen – wollte ich nicht viel Federlesens machen, gleich nach dem ersten Schluck Kisch offenbaren, wie ich für Gitta empfand. „Als ich bei dir war“, begann ich, „und du mir Gitta vorstelltest …“
„Ja, Gitta. Über sie wollte ich auch mit dir reden“, unterbrach er mich. „Ich liebe sie so sehr. Du machst dir keine Vorstellung, mein Freund, keine Vorstellung.“
„Ich weiß, ich weiß“, sagte ich. „Sie ist eine dieser seltenen Frauen, die man liebt, die man lieben muss, ob man will oder nicht. Es ist, als würde man gezwungen. Ihr Blick, ihr Gang, ihre Art zu reden und dabei zu lachen.“
„Du hast es auch bemerkt. Du verstehst mich.“
„Dem kann sich niemand entziehen.“
„Nein, niemand.“ Er richtete seinen Blick in die Ferne und nippte versonnen an seinem Bier. „Du weißt ja, ich will sie heiraten“, sagte er schließlich.
„Du hast es mir gesagt. Aber …“ Plötzlich fand ich nicht die richtigen Worte, jene, die hätten ausdrücken können, was ich empfand. In meinem Halse vertrockneten sie, noch ehe sie geboren werden konnten. Doch musste ich ihm sagen, dass er sie nicht heiraten konnte, dass es schlicht keine Zukunft für ihn und Gitta gab. Mir gehörte sie, nur mir. Unser Weg allein war ein gemeinsamer!
„Sie hat so einen Zauber an sich“, begann ich zögernd, „so etwas Einnehmendes. Als würde sie ein Netz über dich werfen, dessen Maschen einzig und allein mit ihr ausgefüllt sind …“
Wieder unterbrach er mich, diesmal, indem er seine flache Hand hob. „Sprich nicht weiter“, sagte er ungewohnt ernst. In seinem Blick lag eine Entschlossenheit, die ich nie zuvor an ihm bemerkt hatte. „Ich weiß, wie du empfindest. Gewusst hab ich’s vom ersten Augenblick an, als ich euch beide sah. Um dich war’s geschehen, mein Freund. Um dich und um sie.“
„Kisch, ich …“
„Nein, sag nichts! Erinnere dich nur. Weißt du noch, was ich an jenem Abend gesagt habe, in jener Nacht?“
Ich dachte nach, doch wollte mir nichts einfallen, was beeindruckend genug gewesen wäre, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Er sagte ja nie etwas, das in der Erinnerung zu behalten sich gelohnt hätte.
„Erinnere dich!“, drängte Kisch.
„Ich … ich weiß nicht recht …“
Er näherte sein Gesicht dem meinen, ich sah die feinen Adern im Weiß seiner Augen, roch seinen Atem, spürte die von ihm ausgehende Hitze. „Erinnere dich!“
Mir wurde es eng, Schweiß trat auf meine Stirn. Hastig nahm ich einen Schluck. „Was du gesagt hast …“
„Ja, mein Freund, was ich gesagt habe.“ Kisch legte seinen Arm um mich, der mir schwer schien wie ein Amboss. „Nie mehr wie zuvor. Ein Versprechen war’s, das ich mir selber gab. Mir und dir und der ganzen Welt.“
Er zog mich zu sich heran – wie stark er war! – und drückte meinen Kopf an seine Brust. Das Atmen fiel mir schwer, ich fühlte mich gefangen.
„Kisch, du musst verstehen“, nuschelte ich. „Als ich Gitta sah, sie mich, wir uns …“
„… da traf euch die Liebe wie ein Schlag, ich weiß“, vervollständigte er meine erbärmliche Erklärung. Er ließ mich los und trank. Gierig leerte er sein Glas und bestellte gleich ein neues. Auch dieses war mit wenigen Zügen geleert, das nächste wartete bereits. „Ich habe es gesehen, vom ersten Augenblick an habe ich es gesehen. Auch Gitta sagte mir, was ich ja längst schon wusste.“
Mein Herz tat einen Sprung, mein Magen glühte. Also hatte ich recht, auch sie liebte mich! „Was? Was hat sie gesagt?“, drängte ich.
Kisch ließ sich Zeit, trank, legte eine Maske aus Stein auf. Und dann offenbarte er es; dass Gitta ihn nicht heiraten wolle, dass ihr Herz sich einem anderen zugewandt hätte. „Du ahnst es sicher schon, mein Freund.“ Bitternis lag in seiner Stimme. „In dich hat sie sich verguckt. Natürlich. In dich.“
Ich wollte es nicht, doch konnte ich nicht anders; ich lachte auf. Umarmt hätte ich ihn am liebsten, diesen Dummkopf, doch beherrschte ich mich. Warum den Verlierer noch übergebühr demütigen? Im Staube lag er ja schon. „Kisch, es … es tut mir leid“, log ich.
„Oh, sag nichts, mein Freund, sag nichts!“ Er senkte den Kopf und schaute mich von unten her an. In seinen Augen lag etwas, das mich ängstigte, sein Gesicht war so – ja, hart war es, entschlossen. Etwas schien geschehen mit ihm, eine Veränderung, die ich mir nicht erklären konnte. Verwandelt wirkte er, wie jemand, den ein Fluch getroffen hat. Der da, das war doch nicht Kisch! Nicht der Kisch, den ich kannte seit Kindertagen. Der da war ein anderer, einer, der zum Tier geworden war. Mit zum Sprung gekrümmten Rücken und mit festem Blick, mit gespannten Muskeln und zum Biss bereiten Zähnen, die er durch ein bedrohliches Lächeln entblößte. War’s eine Maskerade – oder war’s der wahre Kisch, der all die Jahre gebändigt in einem Käfig darauf harrte, die Gitter zu zerschlagen?
Wie auch immer; der da gefiel mir nicht. Er machte mir ein mulmiges Gefühl.
Er aber beruhigte mich, sagte, er sei nicht zornig, nicht einmal besonders überrascht. „So geht’s doch immer“, meinte er. „Finde ich einen Apfel, so ist er wurmstichig. Darauf kannst du wetten.“
Ich verspürte nicht die geringste Lust, mir sein Gejammer anzuhören. Auch seine Gegenwart behagte mir nicht, angewidert war ich durch ihn, ein Schwächling war er trotz allem, der sich in seinem Leid suhlte. Was verschwendete ich noch meine Zeit mit so einem? Zu Gitta wollte ich, nur zu ihr, sofort!
„Was kann ich tun, Kisch?“, fragte ich scheinheilig.
„Geh zu ihr“, antwortete er sofort. „Sag ihr, wie du empfindest und nimm sie.
Ich wollte wissen, wo ich sie finden könne, und er sagte, sie sei bei ihm zu Hause. „Dort wartet sie auf dich. Ich habe ihr versprochen, dass du kommst, dass du noch heute zu ihr kommst.“
Ich drängte ihn zu gehen, zahlte seine Rechnung, und endlich machten wir uns auf den Weg. Schweigend trabten wir das Stück nebeneinanderher, beide die Köpfe von Gedanken schwer gesenkt. Kisch mochte wohl mit jedem Tritt auf den Asphalt eine Hoffnung mehr in seinem Leben zerstampfen; für mich jedoch war jeder getane Schritt eine Stufe, die ich zum Paradiese hin erklomm.
„Wir müssen leise sein“, sagte er, als er endlich den Schlüssel im Schloss drehte. Ich zögerte, eine ungeahnte Kälte schien von meinem Innersten Besitz zu ergreifen. „Komm, aber sei leise. Sie wartet auf dich.“
Ich ging durch die stets unbeleuchtete Diele vorbei am schlichten Schränkchen. Kaum bemerkte ich die welk gewordenen Blumen, die da staubig zerfielen.
Gitta lag auf dem Sofa, langgestreckt, den Kopf auf ein verbleichtes Kissen gebettet, die Augen geschlossen.
„Sie schläft“, flüsterte Kisch in mein Ohr. Unbemerkt war er dicht hinter mich getreten. Ich spürte seinen Atem an meiner Wange. Er war kalt.
Auf dem Tisch stand die geöffnete Flasche Cognac, die ich vor Tagen mitbrachte, zwei Gläser. In einem – dem mit Lippenstifträndern – sah ich einen silbernen Ring am Boden liegen und blitzen.
Verwirrt wandte ich mich an Kisch. „Was … was sollen wir jetzt tun?“
„Setzen wir uns, mein Freund.“ Er nahm mich am Arm, zog mich, schob mich hin zur Sitzgruppe, die das Zimmer in ihrer Barockheit nahezu gänzlich ausfüllte. Alt war der moosgrüne Bezug und abgenutzt, muffig und uneinladend.
„Aber sie wird aufwachen.“
„Mach dir keine Sorgen. Ihr Schlaf ist tief, ganz tief.“
Kisch nahm das Glas ohne den Ring und schenkte sich Cognac ein; mir bot er nichts an. Mit einem Schluck leerte er sein Glas und füllte es erneut. „Zwei davon trank Gitta. Dann schlief sie ein.“
„Was soll ich jetzt tun, Kisch, was erwartest du?“, flüsterte ich verwirrt.
„Nichts, mein Freund. Nichts sollst du tun und nichts erwarte ich“, sagte er ebenso leise. „Sitz nur still und warte. Nicht lange. Nur bis ich die Flasche geleert habe.“
Ich fühlte mich unwohl, die Luft war stickig, mein Mund trocken. Was war das für ein Spiel, das Kisch da inszenierte? Gittas Schlaf war so tief, sie regte sich nicht, kein Atemzug war von ihr zu hören, kein Heben und Senken der Brust zu sehen. Aufspringen wollte ich, sie wecken und mit mir nehmen. Weg von dem da, der mit nassen Lippen grinsend vor mir saß und starrte wie ein morbider Idiot. Doch etwas hielt mich zurück, lag zentnerschwer auf mir und fesselte mich gleichsam an den Sessel. Vielleicht war es die Stille, die von der Schlafenden ausging, vielleicht die Ruhe, mit der Kisch nun sein drittes Glas trank.
Er setzte es ab, atmete schwer und sagte schließlich: „Gleich, mein Freund, werde auch ich schlafen. Ganz tief, ganz fest schlafen. Zuvor jedoch muss ich dir etwas sagen.“
„Dann sprich mit mir, Kisch! Sag mir endlich, was dir auf der Seele brennt, und dann lass mich gehen. Lass uns gehen, und du wirst uns nie mehr wiedersehen. Los, sag’s schon!“
„Diesen Ring dort im Glas“, begann er, „den habe ich ihr geschenkt. Mein Leben wollte ich doch mit ihr teilen.“
„Halte mich nicht mit deiner traurigen Litanei auf“, fiel ich ihm ins Wort. Ich wurde ungeduldig und zornig, wollte nur Gitta nehmen und diesen Verrückten hinter mir lassen
„Unterbrich mich nicht“, sagte er unwirsch. „Wir haben nicht so viel Zeit. Gitta war mein Ein und Alles. Doch dann kamst du, und es wurde wie immer. Ich melke die Kuh, und du schöpfst den Rahm.“
„Dummes Zeug!“, rief ich ungewollt laut dazwischen. „Hirngespinste, die deinem Wahn entspringen!“
Kisch lachte bitter. „Nein, nein, mein Freund, keine Hirngespinste. Erinnere dich. Du hattest vorgeschlagen, das Kühlhaus des Metzgers zu plündern. Hast mich rein geschickt und wolltest draußen Wache stehen. Dann hast du die Tür zugeschlagen und bist weggelaufen. Gute zwei Stunden musste ich bibbern, ehe man mich befreite.“
„Ach, Schnee von gestern!“ Ich winkte ab.
Er fuhr unbeirrt fort. „Ich sollte doch das Fahrrad verstecken, das du gestohlen hattest. Runter ins Dorf sollte ich’s bringen, und du hattest mir verschwiegen, dass du zuvor die Reifen mit Fett eingeschmiert hattest, sodass es sich nicht bremsen ließ.“
„Kisch, ich bitte dich – Kindereien!“
„Kindereien? Als du mir Isabell nahmst, meine erste Liebe, waren das Kindereien? Nein, viel mehr war alles, so viel mehr. Dein Glänzen hast du dir geholt, indem du mich in den Schatten stelltest. Stark konntest du vor aller Welt immer nur sein, weil du mich zum Schwächling machtest. Dein Hofnarr war ich, einen wie mich hast du gebraucht, um einer wie du sein zu können. Doch damit ist jetzt Schluss. Nie mehr wie zuvor, du weißt.“
Er leerte den Rest Cognac, ich sah, dass seine Augen schwer wurden. Eine düstere Ahnung befiel mich. „Was hast du mit Gitta gemacht?“
Kisch lächelte. „Vergiftet habe ich sie“, sagte er kaum hörbar. „Sie und mich jetzt auch. Ja, mein Freund, jetzt stehst du alleine da.“
„Du Wahnsinniger!“, rief ich und sprang auf.
„Zu spät. Du kannst nichts mehr tun. Sieh nur, mein Freund – es ist dein Cognac. Was wohl die Welt denken wird, wenn sie’s erfährt? Dass dein Geschenk vergiftet war, dass du als einziger aus unserer trauten Runde nicht davon getrunken hast. Du wusstest ja um den wahren Inhalt, wird man denken. Zu gern würde ich deine Erklärung dazu hören. Ob man dir glauben wird, wenn du versuchst, deinen Hals mit der unglaubwürdigen Wahrheit aus der Schlinge zu ziehen? Fast glaube ich, mein Freund, diesmal nimmt’s mit dir kein gutes Ende …“
Sein Kopf fiel zur Seite. Mit halb geöffneten Augen starrte Kisch ins Nichts. Grabesstille machte sich breit wie aufziehender Nebel. Ich fror.

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Val Sidal
???
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Rafi,

der erste Satz setzt das Koordinatensystem der Geschichte:

quote:
Schon als Kisch mir an jenem Abend von dieser Frau erzählte, wusste ich: Das nimmt kein gutes Ende.

Durch die Wahl der Ich-Perspektive wird der Erzähler in den Mittelpunkt der Geschichte gesetzt, er ist der Protagonist, der von etwas Vergangenem berichtet, an dem er persönlich beteiligt war. Am Ende wissen wir, was: der verquere, verzweifelte Versuch einer späten Rache. Mit diesem Wissen (als Erzähler) und Erlebnis (als Protagonist) reflektiert der Text den Erzähler, indem er ihn seinen Freund Kisch beschreiben lässt:
quote:
Nichts in Kischs Leben nahm jemals ein gutes Ende. Blind konnte man sich darauf verlassen, dass jedes seiner Vorhaben scheiterte und nichts, was er tat, von Erfolg gekrönt war. Nur insofern war Kisch ein verlässlicher Mensch. (1)Setzte er sein Geld beim Boxkampf auf den Favoriten, so brach dieser sich in Runde zwei die Mittelhand; (2)plante er einen Urlaub im Süden, so mussten die Menschen dort mit sintflutartigen Regengüssen leben, solange Kisch sich in ihrer Nähe aufhielt. (3)Der Mops der Nachbarin, ein wahrhaft friedfertiges Tier, biss nur Kisch, (4)freundliche Kinder brachen in Tränen aus, fragte er sie, wie sie denn hießen und (5)beim Kauf neuer Schuhe stellte er schon am nächsten Tag fest, dass die Sohlen sich lösten. 

Beim ersten Lesen wirkt dieses Portrait auf mich lustig, locker und leicht überzogen — ich weiss ja nicht, was geschehen war. Fünf Begebenheiten, beliebig gewählt, die den Leser lediglich amüsieren sollen, zeigen lediglich ein Muster, nicht eine Person. Beim zweiten Blick wirkt es verstörend, zeigt es doch einen gefühlskalten, krankhaften Egomanen, in einer Freundschaft, die wohl nie eine echte war.

So was kann man machen, wenn der Text anschließend den Menschen und der Beziehung näher kommt, sich an den Figuren und an dem Drama abarbeitend, die verborgenen Facetten, Beweggründe, besonderen Mechaniken vor dem Leser entfaltet.
Doch darum geht es im Text nicht: Der Autor will die Figuren als Karikaturen und die Situation als Comedy präsentieren — eben als DEN Glückspilz, dem, da er derart frohen Mutes vom Geschehen berichten kann, wohl kein Mord nachgewiesen wurde, und DEN Pechvogel, der auch in seinem kapitalen Scheitern auf Distanz gehalten wird. Der Text lässt dem Leser keinen Spielraum für eine emotionale Beteiligung,
quote:
Er leerte den Rest Cognac, ich sah, dass seine Augen schwer wurden. Eine düstere Ahnung befiel mich. „Was hast du mit Gitta gemacht?“
Kisch lächelte. „Vergiftet habe ich sie“, sagte er kaum hörbar.
… der Mord an Gitta geht einfach unter (man fragt sich höchstens, wozu, wenn Kisch felsenfest davon ausgeht, dass der Protagonist diesmal dran ist). Der einzige Grund der mir einfällt: er will Gitta nicht dabei haben, wenn er sagt
quote:
„... mich jetzt auch. Ja, mein Freund, jetzt stehst du alleine da.“
... das wäre zu wenig. Kischs Wandlung von chronischem Opfer zum Täter wäre freilich ein literarisches Motiv — wird aber im Text nicht nachgezeichnet.
Die Reaktion des Protagonisten ist einfallslos:
quote:
„Du Wahnsinniger!“, rief ich und sprang auf.
Der Schluss — und man erinnere sich: der Erzähler war dabei — wirkt aufgesetzt
quote:
Sein Kopf fiel zur Seite. Mit halb geöffneten Augen starrte Kisch ins Nichts. Grabesstille machte sich breit wie aufziehender Nebel. Ich fror.
… bei einer auktorialen Erzählperspektive und personalem Erzählmodus währe der Schluss zwar auch keine sprachliche Glanztat, würde aber zumindest passen.

Wie in meiner spontanen Betrachtung erwähnt, suchte ich Literatur und fand leichte, oberflächliche Unterhaltung. Von dieser Position aus kann ich Dir keine Änderungsvorschläge machen, denn um aus der Idee einen literarischen Text zu entwickeln, müsste er mMn komplett neu angesetzt werden.
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valS
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Rafi
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Wow – und ich Naivling hatte gedacht, ich schreibe einfach mal ‘nen Text, der dem einen oder anderen hier vielleicht gefällt …
Dass mein literarischer Analphabetismus in einer solch ausgefeilt vernichtenden Kritik eines Koordinatensystemsanalytikers gipfelt und den hehren Ansprüchen desselben nicht genügt – so ‘n Mist!

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