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Leselupe.de > Kurzprosa
Das rote Kleid
Eingestellt am 02. 12. 2004 21:30


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Rakun
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Das rote Kleid

Keine warmen Sommerabende mehr, an denen sie drau├čen auf dem B├╝rgersteig vor dem Bistro ihre unbequemen St├╝hle eng aneinander geschoben hatten.
Der Winter legte seine Dunkelheit jetzt schon fr├╝h ├╝ber alle H├Ąuser und Stra├čen, gab der Umgebung ein gespenstisches Aussehen, vor dem sie sich f├╝rchtete. Es war kaum etwas zu erkennen in dem fahlen Licht der Laternen. Kaltes Licht, das ihr jedes Jahr um diese Angst machte. Angst, alleine ihre Wohnung zu verlassen. ├ťberall f├╝hlte sie sich verfolgt von fremden Schatten, von Ger├Ąuschen.
Letztes Jahr hatte er ihr versprochen sie mitzunehmen.
ÔÇ×In den S├╝den m├╝ssen wir! Dort wirst du alles vergessen.ÔÇť, hatte er ihr zugefl├╝stert.
Sie h├Ârte seine Worte immer noch, als ob es gestern gewesen w├Ąre. Dieses Mal hatte sie ihm einfach geglaubt. Sie hielt sich an seinen Worten fest, als ob ihr Leben davon abhinge.
Wie oft hatte er sein Versprechen schon gebrochen? Wie viele Ausreden hatte sie sich seitdem anh├Âren m├╝ssen? Wie viele Geschenke hatte er ihr mit jeder Entt├Ąuschung gemacht?

ÔÇ×Sei nicht traurig, bitte sei nicht traurig! Du musst es verstehen, bitte!ÔÇť hatte er sie gebeten, als er ihr den neuen gelben Hut vorsichtig aufgesetzt und den neuen blauen Wintermantel um ihre Schultern gelegt hatte. Extra f├╝r sie hatte er Pelz aufn├Ąhen lassen am Kragen und an beiden ├ärmeln. In den Manteltaschen fand sie die Handschuhe, die ihr genau passten. Er kannte sie genau, er wusste alles von ihr. Doch das machte sie nicht gl├╝cklicher. Nie wusste sie, ob er wirklich die Wahrheit sagte oder ob er sie nicht abspeisen, beruhigen wollte mit all seinen Geschenken. Doch dieses Mal wollte sie ihm glauben, sie wollte an ihn glauben, sie musste an ihn glauben. Nein, dieses Mal wird er mich nicht entt├Ąuschen, dachte sie und umklammerte ihre Tasse. Der hei├če Tee w├Ąrmte ihre Finger. Ihren neuen Mantel hatte sie nicht abgelegt, den linken Handschuh nicht ausgezogen.

ÔÇ×Ich werde den Heizk├Ârper h├Âher stellen.ÔÇť, sagte der Wirt. Rechts von ihr stand ein kleiner alter Heizk├Ârper, gelblich war er gestrichen, er hatte fast die selbe Farbe wie ihr Hut. Sie fror am ganzen K├Ârper.
Nicht einmal frische Blumen standen auf dem runden Tischchen, an dem sie sa├č, nur die Fensterbank war mit einem Strau├č dekoriert, doch der war aus Plastik.
Sie wollte die k├╝nstlichen Blumen nicht sehen und hatte sich mit dem R├╝cken zu ihnen gesetzt. Sie wollte auch nicht durch das riesige eckige Fenster hinaus sehen, sie k├Ânnte doch nichts erkennen. Sie f├╝hlte sich beobachtet, f├╝hlte sich beinahe wie auf einer hell erleuchteten B├╝hne. Jeder konnte sie von drau├čen sehen, konnte sie sehen, wie sie fror, wie sie allein an dem Tisch sa├č, wie sie ihre Tasse fest hielt, wie sie sich nicht zu bewegen wagte. Doch niemand konnte ihr Gesicht sehen, keiner konnte erkennen, wie ihre Ungeduld immer gr├Â├čer wurde, konnte sehen, wie sie vor sich hin starrte, wie sie beinahe das Atmen verga├č und auf jedes Ger├Ąusch h├Ârte.
Niemand sah, dass sie unter ihrem Mantel ein ausgeschnittenes Kleid trug. Er hatte es ihr geschenkt. Rot war der feine Stoff, rot f├╝r das Zeichen ihrer Liebe, rot f├╝r all die Sonnenunterg├Ąnge. Die sie ab heute jeden Abend im S├╝den zusammen erleben wollten.

Gut, dass sie ihren Mantel nicht ausgezogen hatte, denn die runde Marmorplatte f├╝hlte sich so kalt an wie nie zuvor. Die langen ├ärmel w├Ąrmten ihre nackten Arme. ÔÇ×Dein letzter WintermantelÔÇť, hatte er gefl├╝stert. Jetzt sch├╝tzte er sie vor fremden, neugierigen Blicken, denn jeder h├Ątte sie nur ungl├Ąubig angestarrt, in ihrem sch├Ânen roten Kleid, das nicht in diese Jahreszeit passte und auch nicht in dieses Bistro.

Die runden Deckenlampen warfen ihr mattes Licht durch die Fensterscheibe nach drau├čen in den dunklen Abend. Das Spiegelbild bildete eine gleichm├Ą├čige Lichterkette. Zwei Reihen, wie die Positionslampen auf dem Rollfeld. Es war kein warmes Licht, es war kalt und ungem├╝tlich.
Der kleine Rippenheizk├Ârper rechts neben ihr war so alt, dass er alleine den Raum nicht beheizen konnte. Sie h├Ątte eine gute Ausrede gehabt, warum sie ihren Mantel noch trug.
Keiner w├Ąre auf die Idee gekommen, dass sie ihn noch trug, ihren Mantel, weil sie einfach nur auf dem Sprung war, weil er gleich kommt, sie abzuholen und dann wollte sie keine kostbare Zeit verlieren. Ihren Tee hatte sie schon bezahlt, als der Wirt ihn an ihren Tisch gebracht hatte. Jede Minute, die sie verschwenden w├╝rde, w├Ąre viel zu wertvoll. Jede Sekunde an diesem Abend brachte sie n├Ąher in ihr neues Leben.

__________________
JO

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