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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Das rote Vorzimmer
Eingestellt am 07. 12. 2016 09:51


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Arno Abendschön
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„Warum hast du nicht angerufen?!“ - Es war Julian, er war gerade mit drei anderen hereingekommen. Er hatte sich suchend in der Bar umgesehen und war dann rasch auf Theo zugegangen. Jetzt stand er, auf Antwort wartend, dicht vor ihm, lauernd und offenbar wirklich gekränkt.

Theo sagte, er habe nicht gedacht, dass ihm sein Anruf so wichtig sei.

„O, doch. Ich hatte fest damit gerechnet … Wir sehen uns später noch.“ Damit verließ er ihn schon fürs Erste und kehrte zu seinen Begleitern zurück. Heute wirkte er energischer als damals, vor ein paar Wochen, dabei gereizt, wie zu irgendeinem Angriff bereit.

Theo hatte ihn in der folgenden Stunde ständig im Blickfeld. Auf dem großen Schachbrett des Bronx war jeder für jeden sichtbar. Man konnte sich schlecht ignorieren. Julian selbst sah oft über zehn Meter hinweg zu ihm herüber: als wären sie noch nicht miteinander fertig.

Aufreizend war heute auch seine Aufmachung. Die engen, schwarzen Lederjeans und das rot karierte Hemd betonten die Figur, die männlich schön und ohne Fehler war. Er war noch etwas jünger als Theo, beinahe so kräftig und viel schlanker. Damals bei ihrem Kennenlernen, vor der gemeinsamen Nacht in Manfreds Wohnung, hatte er einen unauffälligen Sommerpulli über ziemlich weiten Blue Jeans getragen, die den Körper einfach nur verhüllten. Um das Gesicht schön zu finden, musste man einen anderen Geschmack haben, als Theo ihn besaß. Es war großflächig, mit breiten Backenknochen und schräg gestellten Augen wie Schlitzen. Er fand es bei aller Kraft und Harmonie des Ausdrucks etwas zu apart. Julian – das war also für Theo bisher nur ein unkomplizierter und vermutlich einmaliger Fick gewesen. Bei Julians Aufbruch in Eimsbüttel hatte er geglaubt, das sei alles gewesen, und es nicht weiter bedauert.

Julians Blicke funkelten herüber. Konnte es sein, dass er noch nicht genug von ihm hatte? Julian war zweifellos sehr attraktiv, ein hübscher, kräftiger Kerl, der (wenn es darauf ankam) doch alles mit sich geschehen ließ. Er, Theo, kann sich ein zweites Mal schon vorstellen, er hat ihn eigentlich erst jetzt richtig entdeckt. Und er sah ihn über die Distanz hinweg freundlicher an. Julian schien nachzudenken.

Später sahen sie sich im Village wieder, wohin er mit dem Cousin auf dessen Drängen gegangen war. Manfred zog bald wieder seine eigenen Kreise und Julian kam mit einem deutlich wahrnehmbaren Ruck zu ihm herüber.

Theo sah, er drängte seinen Ärger zurück, er gab sich beinahe schmeichelnd und das hatte bei ihm etwas leicht Gewaltsames. Er sagte offen, er lege Wert darauf, wieder mit Theo zu schlafen. Was ihm an Theo gefalle, sei das Gefühlvolle - so stark habe er es selten erlebt. Theo stand schon wie auf einem Sprungbrett und stürzte sich in dieses freundschaftliche Element, das aus Versprechen und Bereitwilligkeit bestand. Sie umarmten sich, zwei synchrone Bewegungen, und küssten sich lange. Es hatte etwas von einem Vertragsabschluss unter Freunden, den man gemeinsam feiert und zu dem man sich ein, zwei Schnäpse genehmigt. Sie tranken stattdessen mehrere Flaschen Bier kurz hintereinander. Sie fühlten sich versinken, einer im anderen, und das teilten sie sich im Kuss mit.


Manfred kannte Julian nur vom Sehen. Er erinnerte sich, über ihn neulich eine charakterisierende Äußerung gehört zu haben. Es musste hier im Village gewesen sein. Aber welchen Inhalt hatte jene Bemerkung gehabt? Und von wem war sie gekommen? Sein Gedächtnis ließ ihn manchmal im Stich. Die Information oder vielmehr ihre Spur war noch vorhanden, doch gegenwärtig kein Zugriff auf den Text selbst möglich. Wie er sich abmühte, hatte er wohl etwas Hilfsbedürftiges und das schien ein Namensvetter ausnutzen und ihm endlich seine Bekanntschaft aufzudrängen zu wollen. Er war diesem anderen Manfred, den hier alle nur den Bankier nannten, zehn Jahre lang aus dem Weg gegangen. Da kommt er, sozusagen in letzter Stunde, dachte Theos Cousin. Der andere war von Beruf Vermögensberater und das erklärte vielleicht das Einfühlungsvermögen, den gewinnenden Ton und den Anschein persönlicher Zuwendung. Man ließ ihn gern reden, auch wenn seine Vorschläge indiskutabel blieben, sofern es sich nicht überhaupt nur um bloßes Prahlen handelte.

Er belästigte Manfred schon nach zwei Minuten mit seinem Grundbesitz in Australien, natürlich mit Pool. Melbourne und seine Szene brachten ihn bald auf die auch dort üblichen roten Praktiken. Dass er selbst manischer Anhänger des Faustfickens war, wusste längst jedermann in den hiesigen Bars. Er unterstellte jetzt einfach, Manfred wünsche sich insgeheim, in jene Riten eingeführt zu werden. Er gab seiner ohnehin angenehmen Stimme etwas einschmeichelnd
Geschmeidiges, er lächelte überlegen und zugleich rücksichtsvoll und die Bewegungen seiner Hände, seiner Arme schienen immerzu Türen für den anderen offen halten zu wollen. Dass Manfred sich weigerte, eine Modernisierung seines Sexualverhaltens auch nur zu erörtern, quittierte er mit amüsiertem Unverständnis.

Dann erging er sich weitschweifig in Schilderungen gewisser regelmäßig in Krefeld veranstalteter Orgien. Manfred ahmte die Manier des Kabarettisten Hüsch nach: „Orgien! In Krefeld!“ und bekam zu hören: auf welchem Stern er denn lebe. Der andere versuchte nun mit dem Mittel des Schocks, Interesse zu wecken. Er sagte, mindestens einer sei gerade in ihrer Nähe, der Aussichten habe, dass sein Name demnächst in der Rubrik Todesanzeigen erscheine. Sie befanden sich im vorderen Raum der Bar, wo sich rund ein Dutzend Männer aufhielt. Eben stand Theo von seinem Hocker auf, Julian ging zum Ausgang voran. Es gelang Manfred vielleicht nicht ganz, seine Beunruhigung zu verbergen. - „Nicht der, von dem du es jetzt annimmst“, versuchte der andere Manfred eine Spur zu verwischen.

Da entschloss Theo sich doch noch, dem Cousin einige Worte zu sagen, und als er näher kam, empfahl sich der Bankier rasch. „Du entschuldigst mich. Ich mach mich Richtung Bronx auf. Jetzt strömt alles zurück.“ Im Fortgehen drehte sich seine wuchtige Gestalt zur Seite, um Theo vorbeizulassen. In diesem Augenblick kam die Rückmeldung aus Manfreds Gehirn: „Ich mache privat eine Psychotherapie bei ihm …“ Bei diesem Julian – das hatte Sascha ausgeplaudert, Sascha, der Irrenarzt.


Der Taxifahrer war selbst oft Gast in den Bars. Offenbar kannte er Julian; wie gut, blieb Theo verborgen. Er sagte, sie sollten vorsichtig sein, nichts riskieren. „Tut euch nichts an, was nicht wieder gutzumachen ist.“

„Nein, bestimmt nicht“, antwortete Julian, auch für Theo. „Dafür mögen wir uns viel zu gern.“ Dann hielten sie vor einem Haus in Winterhude. Nach Eimsbüttel hatte Julian diesmal nicht mitkommen wollen.

Sie stiegen nebeneinander die Treppe hinauf. Ab und zu blieben sie stehen, sahen sich an, berührten sich. Julians Wohnung lag in einem der oberen Stockwerke, Theo zählte die Treppen nicht.

Im Flur der Wohnung kam ihnen ein Kater entgegen, schwarz-weiß gezeichnet, der sich an Julians Stiefeln rieb und klagend miaute. Julian nannte ihn Frido und hob ihn hoch, vors Gesicht. Tier und Besitzer fixierten sich eine Zeitlang stumm. Am Boden abgesetzt, lief der Kater auf Theo zu, wich zurück und kam dann doch dicht heran. Er beroch den Gast und gewöhnte sich rasch an seine Erscheinung. Mit noch mehr Ausdruck als bei ihrem Eintritt vorhin richtete er seine lebhaften Klagelaute jetzt an den Besucher. Es war wie eine Aussprache zu dritt.

„Er beklagt sich bei dir über mich“, sagte Julian. Dann vergaßen sie das Tier.

Sie konzentrierten sich ausschließlich einer auf den anderen und zumindest Theo verlor in diesem Raum ohne Fenster jedes Gefühl für die verfließende Zeit. Es musste noch Nacht sein – sie konnte unendlich lang werden. Immer wieder nannte ihn Julian bei seinem Namen, den Vornamen bewegt auszusprechen, schien ihm tiefe Freude zu bereiten. Irgendwann löste er sich und sagte, er werde duschen gehen.

Theo stand dann allein in diesem geräumigen und auffällig möblierten Vorzimmer. Einrichtungen wie diese kannte er sonst nur von Schaufenstern, vor denen er gar nicht erst stehen blieb. Alles war witzig und doch streng. Vielleicht nannte man so etwas Lifestyle? Das Wort war ihm gedruckt ab und zu begegnet, ohne dass er eine annähernde Vorstellung von seiner Bedeutung bekam. Man konnte hier nicht einmal sitzen. In einer Nische stand, groß wie ein Mensch, aufrecht auf seinen Hinterbeinen ein grüner Dinosaurier aus Plastik und bleckte ihn an. Als einzige war die Tür zur Küche offen, durch die Julian Richtung Bad verschwunden war. Theo ließ sich auf einem Stuhl dort nieder.

Julian kam nackt zurück. Er zog ihn mit sich, zurück ins Vorzimmer. Auch jetzt öffnete er keine der Zimmertüren. Das Vorspiel begann von neuem und musste irgendwann unmerklich zur Hauptsache geworden sein. Er hörte Julian fragen: „Soll ich die Cremedose holen?“ Theo, noch immer nur aufgeknöpft und nicht entkleidet, noch immer im Vorzimmer stehend, war mit drei, vier Fingern der rechten Hand in ihn eingedrungen, ohne dass es ihm vollkommen klar zum Bewusstsein gekommen wäre. Es hatte sich eines aus dem anderen ergeben, es war ein nahe liegender Ablauf gewesen; soviel ging ihm noch in der kurzen Zeitspanne durch den Kopf, die verging, ehe Julian wieder bei ihm war. Dann hatte er das Gefühl, abgesondert von allem und jedem mit Julian in einer Kapsel aus Kristall zu sein.

Er probierte es zum ersten Mal und er zögerte, bis ans Ende zu gehen. Er war tief in ihm, doch den Faustschluss versagte er sich und ihm. Obwohl der Akt also auf seine Weise unvollendet blieb, schien ihm, Nähe, Hingabe und Intensität des Gefühls seien so ungeheuer, dass sie nicht größer, nicht stärker sein könnten. Erschöpft und schweißnass lehnte Julian seinen Kopf gegen Theos Hals.

Frido schoss jetzt aus der Küche in den Flur. Er fegte allzu scharf um den Türpfosten und riss eine Vase mit Trockenblumen mit sich. Erschrocken bremste er seinen Lauf jäh ab und mit diesem Aufprall ruinierte er erst den Strauß. Julian geriet in Wut, er brüllte ihn an. Er titulierte ihn „Mistvieh“ und jagte ihn mit Fußtritten in einen Abstellraum, dessen Tür er hinter ihm zuwarf. Bei dieser Aktion trat er auf die zerbröselnden Reste der Trockenblumen und ihr Staub vermischte sich mit den Spuren von Sperma und Gleitmittel. All das beseitigte er rasch, ehe sie schlafen gingen.

Theo kam also doch bis in sein Schlafzimmer. Julian hatte sich beruhigt und umarmte ihn, während er einschlief. Eng umschlungen verbrachten sie die ersten Stunden gemeinsamen Schlafs.





Theo erwachte zuerst, lange vor Julian. Er betrachtete ihn. Er lag da wie ein Kämpfer zwischen zwei Schlachten, den Ernst der Lage noch im Tiefschlaf präsent. Sein Atem war kräftig und regelmäßig. Traten Störungen in Form von Geräuschen von irgendwoher auf, wurde er vorübergehend unruhig, der Rhythmus der Atmung wurde undeutlich. Manchmal seufzte er oder er stöhnte, ohne äußeren Anlass. Wovon träumte er?

Mitten am Vormittag schlug er die Augen auf und war offenbar gleich wieder über alles im Bild. Er umarmte den Bettgenossen, doch nur kurz, und stand dann auf. Die Routine eines Morgens nach einer Nacht wie der vergangenen entfaltete sich: duschen (einer nach dem anderen), Frühstück bereiten (und zuvor die Vorlieben des anderen erfragen), ein Gespräch mit einem Menschen führen, dem man ein paar Stunden davor sehr nahe gekommen ist, ohne ihn wirklich zu kennen. Man steht dann gewissermaßen mit einem Fuß auf festem Boden und mit dem anderen auf einem Stück Treibholz. Die Situation war für Theo nicht mehr neu.

Frido wurde aus seinem VerlieĂź befreit. Theo sah vom Bett aus, wie Julian ihn an die nackte Brust hob und liebkoste. Der Kater war einfach nur dankbar, er trug nichts nach.

Theo verbrachte noch eine Stunde in Julians Wohnung, ehe er ging. Das Zwiespältige der Lage ging von Julian aus. Er war jetzt weit entfernt von der Offenheit, der Hingabe der vergangenen Nacht. Seine Augen wichen aus, sein Körper wich aus. Zum Ausgleich war der Klang seiner Stimme viel wärmer, als er in der Nacht gewesen war. Er legte die gesamte Zuwendung, zu der er gerade fähig war, in diese Stimme, die etwas raue eines kräftigen jungen Mannes. Doch er schlug die Augen nieder, wenn er mit ihm sprach, und redete nur Gleichgültiges. Seine Stimme war sehr angenehm, warmherzig, brüderlich, und dabei ging es nur um die Buslinie, mit der Theo nach Eimsbüttel zurückfahren könne.

Immerhin wurde er beim Abschied klar und entschieden aufgefordert, diesmal bestimmt anzurufen. „Ja, mach ich“, sagte Theo, „wir telefonieren.“ Auf der Heimfahrt überließ er sich dem Nachgefühl des Überschwangs der mit ihm verbrachten Nacht und vermied es, über die Kühle und Widersprüchlichkeit des näher zurückliegenden Morgens nachzudenken. Klar, er wird auf ihn eingehen, ihn nicht so bald wieder loslassen. Hier lohnte es sich einmal.

Er verließ Julian am Sonntagmorgen und nahm sich vor, ihn nicht vor Mittwoch anzurufen. Es war ihm eingefallen, dass sie schon damals in Eimsbüttel ihre Nummern beim Abschied ausgetauscht hatten: Julian hätte ihn also erreichen können, wenn ihm so viel daran lag. Aber es hätte dann nicht diese wunderbare Art der Wiederbegegnung gegeben … Es war doch gut so, wie es gekommen war. Er wird ihm den Gefallen tun, als Erster zum Telefon zu greifen, es war seine Sache, er sah es ein. Er freute sich schon auf das Gespräch. Und man ruft natürlich an, um sich bald wieder zu treffen.


Die Vorfreude verlieh ihm Schwung und er kam zunächst gut durch die Arbeitswoche. Es ging gut voran auf ihrer neuen Baustelle im Norden der Stadt und er dachte anfangs tagsüber kaum an Julian, oft erst auf der Heimfahrt. In den Arbeitspausen war er lebhafter als sonst, das fiel ihm selbst auf – lebhafter, doch nicht offener: Das verstand sich von selbst.

Dagegen ging er dem Großen Cousin lieber aus dem Weg. Manfred wusste womöglich Verschiedenes, das Julian betraf. Doch er, Theo, wollte von ihm unter keinen Umständen über etwas ins Bild gesetzt werden, das nach seinem Gefühl nur nebensächlich sein konnte. Die beiden schienen sich nicht näher zu kennen. Vielleicht lag es an der Farbe Rot. In den Bars hatte er das rote Tuch an Julian nicht entdecken können, und doch besaß er eines: Er hatte es am Sonntagmorgen, am Morgen danach, aus der Innentasche seiner Lederjacke gezogen, zusammengefaltet und im Vorraum in der Nähe des Telefons auf einem Wandbord abgelegt. Im Vorzimmer dort … Er sah ihn wieder nackt und glühend vor sich. Er war kräftig und schön und die Lust auf Unterwerfung trieb ihn an. Das war erregend und auch rührend. Man musste ihn ins Mark treffen, er wollte es selbst so, und ihn dann – gefährdet war er, verwundet – auffangen, ihn stützen und trösten. Dabei war er nicht einmal weich, er war ohne Zweifel kernig. Es gehörte einiges dazu, sich so fallen zu lassen. Und Julian riskierte viel dabei. Wenn sie so miteinander umgingen, riskierten sie vielleicht beide viel, gemeinsam. Er war sich dessen bewusst, es war unvermeidlich.

Obwohl es erst Dienstagabend war, wählte er jetzt schon erstmals seine Nummer. Er hatte ihn lange genug warten lassen. Nach kurzem Klingeln (dort im Vorraum) schaltete sich ein Apparat ein: also nur sein Anrufbeantworter.

Zuerst einige Takte Musik: Theo kannte den Namen der Popgruppe nicht. Sie sangen etwas auf Deutsch, doch war der Text nicht zu verstehen, und dann meldete sich auch schon Julian in scharfem Kontrast zum einleitenden Singsang. Er hatte ihn selbst ausgewählt und protestierte jetzt mit klarer, harter Stimme gegen das weich Fließende dieser Musik in der Art von Abba: „Kein Trallala und kein Schubidu, sondern …“ Worauf er nur seine Nummer, nicht seinen Namen nannte und einen knapp aufforderte, die Nachricht, die man loswerden wolle, auf Band zu sprechen. Man höre von ihm!

Diese Montage war ein Kurzporträt seiner selbst. So war er tatsächlich, Theo erkannte ihn wieder oder erkannte ihn vielmehr erst jetzt, im Nassforschen seines Auftretens, das etwas von Kriegführung hatte und seltsam abstach von seiner zeitweise extremen Hingabe. Die Psychologie eines anderen Mannes war für Theo eine so junge Wissenschaft, dass ihn seine erste größere Entdeckung stark erregte und ihn erst recht an den Gegenstand fesselte. So war er wirklich: verletzlich und verletzend und darunter – sehr zart, innig und auch aufrichtig, wahrscheinlich, vielleicht …

Theo sagte, er halte sein Versprechen und melde sich. Er fühlte, damit traf er nicht den richtigen, mitreißenden Ton und er fuhr mit veränderter, verhärteter und, wie er wiederum fühlte, nicht ganz sicherer Stimme fort, er gebe ihm jetzt noch einmal seine eigene Nummer und hoffe, ihn bald live zu hören. Live: Klang vielleicht nicht übel? Er drückte sich sonst nicht so aus und konnte die Wirkung nicht abschätzen.

In letzter Zeit war er oft abends nach dem Essen ein StĂĽck hinausgefahren, die Elbdeiche entlang. Nun aber wartete er von Tag zu Tag auf einen Anruf, den er fĂĽr nahe bevorstehend zu halten sich zwang und von dem er gleichzeitig wusste, dass er wahrscheinlich gar nicht erfolgen wĂĽrde.

Seit einiger Zeit aß er mit Manfred abends zu Hause. Sie kochten beide nicht gern und bereiteten irgendein Verlegenheitsessen zu. Manfred war es im Grunde gleichgültig, womit er sich sättigte. Er spottete über ihre Junggesellenwirtschaft und machte nachher Kaffee, um noch eine Weile mit dem jungen Cousin reden zu können. Theo, dem mehr an gutem Essen lag, wollte Manfred nicht mehr über Vergangenes reden hören und hatte selbst nichts aus der Gegenwart beizutragen. Die Zukunft war vielleicht nur ein Loch, in das sie einfach hineinfallen würden. Er war wie eine Tür, die nur noch in einer Angel hängt.

Er zog sich mit einem Buch in sein Zimmer zurück, um allein zu sein, um allein auf den Anruf, der immer notwendiger wurde, zu warten. Bald hörte er Manfred beim Schreiben, dieses Geräusch wie von einem Schnellfeuergewehr. Der Große Cousin sagte, wenn Theo ihn verließ, er mache sich wieder an seine Fingerübungen.

Theo nahm das Buch nicht nur zum Schein mit, er las tatsächlich. Manfred hatte ihm die schmalen Bände mit den Erzählungen und kurzen Romanen von Pavese herausgelegt. Theo, an Literatur kaum gewöhnt, las langsam und so, als wäre er selbst die Hauptperson der Erzählung. Er vergaß während des Lesens Eimsbüttel, den Cousin, die Baustellen und die Bars. Er selbst machte dabei die qualvolle Hochzeitsreise nach Genua mit einer Frau, mit der er nicht klar kam und die er dafür hasste, dass er sie im Stich ließ. Seinetwegen drehte, in einer anderen Erzählung, Carlotta den Gashahn auf. Er war der Genosse in Rom – mit einer ganz anderen Art von Frau! -, und er war Unter Bauern und fand die Wenigen schnell heraus, die zu ihm passten.

Nachher wusste er, er hatte auch während des Lesens auf Julian gewartet. Die betäubende Wirkung der Lektüre ließ nach. Er begann wieder zu grübeln.

Er wählte in diesen Tagen Julians Nummer zu den verschiedensten Tageszeiten, ohne jemals etwas anderes als immer dieselbe Montage zu hören: den dummen Musikfetzen und Julians ruppiges Hineinplatzen. So räumt einer den Tisch ab, indem er alles herunterfegt, und pflanzt sich dann schlecht gelaunt daneben auf. Schon gut, aber dann muss es doch weitergehen … Die ewige Wiederholung begann zu ermüden, ohne abzustumpfen. So ähnlich war purer Schmerz beschaffen. Es war idiotisch, er musste aufhören, immer wieder diese Nummer zu wählen, er kannte sie seit Tagen auswendig. Julian konnte nicht ständig unterwegs sein und er meldete sich selbst nie. Irgendetwas musste er doch mit seinem Spiel bezwecken. Missbrauch war auf verschiedene Weise denkbar. Es war möglich, beispielsweise, den Text des Anrufers allein oder mit anderen zusammen wiederholt abzuhören, davon irgendeinen Gewinn zu haben – nur welchen? – und stumm zu bleiben. Man konnte sich auch selbst während des Anrufs einschalten und den Anrufer live anhören, während dieser noch davon ausging, es allein mit der Maschine zu tun zu haben. Theo hinterließ keine Nachricht mehr. Er lauschte in das Schweigen des Apparates hinein, ungewiss, ob er auch seinerseits belauscht werde. Später wartete er das Ende der automatischen Ansage gar nicht mehr ab und legte schon während der einleitenden Musik auf.

Am Wochenende stellte Theo die vergeblichen Anrufe ein und bald ging es ihm besser. Er sagte sich, es sei zwar schade, aber zum GlĂĽck sei er selbst stabil, wie sich gezeigt habe. Er fuhr allein fĂĽr zwei Tage ins Wendland, das er noch nicht kannte.

Ja, er war stabil und um es sich zu beweisen, wählte er am Mittwoch darauf noch einmal Julians Nummer: nur noch dieses eine Mal. Gut möglich, dass Julian sich am Ende geschlagen gibt und sich einfach meldet. Er, Theo, hat ihn jetzt lange genug warten lassen. Er wird recht kühl zu ihm sein. Es war ja vorbei, mit diesem letzten Gespräch wird es besiegelt. Und wenn er wieder nur die blöde Montage zu hören bekommt? Dann wird es erst recht zu Ende sein, dann war er wirklich ein Halbverrückter. An Geschichten wie dieser ist die Stadt schuld, in der ihm jetzt alles überreizt und übertrieben vorkam, ungesund eben, auch für den Kopf. Manfred hatte es neulich zugegeben.

Womit Theo nicht gerechnet hatte: Die Ansage auf dem Anrufbeantworter war ausgewechselt worden. Etwas Neues von Julian!

Mit dem Klang seiner Stimme, die jetzt ohne Musik gleich einsetzte und überaus freundlich war, erschien das Gesicht wieder vor ihm, auch die Gestalt, und zwar gerade so wie er ihn in den Momenten extremster Annäherung erlebt hatte. Julians eine Schulter zuckte dann nervös, der Tonfall der halbdunklen Stimme war schmeichelnd und der Ausdruck des Gesichts liebenswürdig bis zur Grimasse. All das sprach von Anstrengung, Überwindung, es verriet den Willen, ein bestimmtes Ziel unbedingt zu erreichen, und den Wunsch, dass es bald geschehen und auch bald vorüber sein möge.

Nur ein dummer Zufall sei daran schuld, sagte Julian, dass sie sich jetzt nicht persönlich sprechen könnten. (Oder hatte er aussprechen gesagt – man müsste es gleich noch einmal abhören.) Doch sei er nur kurz von zu Hause abwesend und freue sich riesig, bei seiner Rückkehr eine Nachricht vorzufinden. Bestimmt werde er sich dann sehr rasch zurückmelden. Und er schloss sanft und eindringlich: „Worum geht es dir?“ Da riss das Signal Theo aus dieser Atmosphäre akustischer Verdeutlichung der brüderlichsten Gefühle. Verdutzt sagte er mit einer Stimme, deren Nüchternheit ihm selbst unangenehm auffiel, er sei es, Theo, falls man sich erinnere. Er warte noch immer auf eine Antwort. Dabei beließ er es, schwieg noch eine Viertelminute in den Apparat hinein und legte auf.

Ein Rückruf war natürlich unwahrscheinlich. Die wenigen Anrufe, die in den folgenden Tagen kamen, waren ausnahmslos für den Cousin bestimmt. Wenn der Wechsel der Ansage Theo zunächst überrascht hatte, so verwandelte sich die Irritation bald in Ärger und später in noch etwas anderes, in ein bedrückendes Gefühl von Ausweglosigkeit und böser Verzauberung. Er wählte Julians Nummer noch oft, mindestens einmal am Tag und ab und zu auch bei Nacht. Immer eindringlicher dieses Worum geht es dir, Worum geht es dir? Es war ja nur ein dummer Zufall, er freut sich doch riesig, riesig, riesig … nur ein dummer Zufall … Worum geht es ihm denn, es war doch alles nur auf ihn gemünzt, jedes Wort, kein Zweifel möglich. Er spielt mit dir, aber er ist doch nicht falsch?!

Am neunten oder zehnten Tag der Krise sprach Theo wieder einmal selbst aufs Band: Ich liebe dich … Später schien es ihm nicht ausgeschlossen, er sei gar nicht gemeint, nicht er sei der Adressat dieser von einem Automaten verbreiteten Ansprache. Dann hatte er, Theo, sich lächerlich gemacht. Von da an wählte er Julians Nummer kein einziges Mal mehr.


Theo wollte Julian nicht ansehen. Aber dann ging Manfred weg und überließ ihn diesem Stefan. Der stand links von ihm und im Gespräch mit ihm fiel Theos Blick zwangsläufig auch auf Julian. Es war nicht viel anders als beim letzten Mal. Sie musterten sich über mehrere Meter hinweg und warteten. Zu Beginn schien Julian verlegen, doch dann brach etwas wie Trotz auf seinem Gesicht durch. Bei wechselnder Bewölkung bietet der Himmel ein ähnliches Schauspiel.

Stefan verlieĂź ihn und Julian kam sofort herĂĽber.

„Du solltest etwas wählerischer in deinem Umgang sein.“ Der Tonfall war unverschämt und eine Kopfbewegung verdeutlichte, dass tatsächlich Stefan gemeint war. Theo ging nicht darauf ein und sah ihn nur schweigend an.

„Weißt du, manche Figuren sind einfach indiskutabel …“ Das kam schon eine Spur weicher heraus.

„Du hast dich rar gemacht.“

„Ich bin seitdem nicht mehr hier gewesen ... Ich komme nur sehr selten hierher ... Es ist doch kaum zu ertragen.“

„Wir hätten uns woanders sehen können.“

„Ach ja, du hast mir da etwas aufs Band gesagt …“ Der Tonfall wandelte sich weiter, wurde sanft und nachdenklich, der Ausdruck des Gesichtes träumerisch. „Es ging nicht. Du weißt schon, es ist immer dasselbe …“

Theo wusste gar nichts. Im Übrigen war der Inhalt dieser Sätze bedeutungslos: Sie sprachen doch miteinander. Wieder umschlang sie das Band des Einverständnisses, von dem sie nicht hätten sagen können, woraus es gewebt war. Der große Reiz war jedenfalls noch da und beide gaben zum gleichen Zeitpunkt dem Verlangen nach, den anderen zu küssen.

Mit kleinen Abweichungen verlief es wie beim vorigen Mal. Theo ging bald mit ihm fort, diesmal ohne den Cousin davon zu verständigen. Irgendwer wird sie schon haben weggehen sehen … Ihr Taxifahrer heute blieb stumm. Sie küssten sich auf dem Rücksitz und keine Zwischenbemerkung störte sie.

Frido war nicht zu sehen. Er war auch nicht dabei, als Julian nach dem Duschen mit der Cremedose zurĂĽckkam, als im Vorzimmer das Vorspiel zur Hauptsache wurde.

„Oooooh – an diesem Punkt musst du ganz, ganz vorsichtig sein! Nur sehr langsam herumdrehen.“ Er, Theo, war diesmal bis zum Äußersten gelangt, bis an die Grenze der Vernichtung. Drei Orgasmen für Julian und bei Theo nachher kein Blut an der Hand zu sehen, es war hoffentlich noch einmal gut gegangen. Es war eigentlich gleichgültig, auch er war jetzt sehr erschöpft, froh, ins Schlafzimmer geführt zu werden. Kurz vor dem Einschlafen dachte er noch: Komisch, rot bedeutet sonst doch: Stopp … Da spürte er Julians Arm sich enger um seinen Hals legen.

Der Morgen begann mit einem Kuss, den Julian ihm gab, einem Kuss wie ein langer Abschied. Als wäre es sein letzter überhaupt, so kam es Theo unmittelbar danach vor. Und nachher sagte er sich: Auch für mich war es das Ultimative, keine Steigerung mehr möglich. Und vielleicht auch unwiederholbar.

Julians Blick am Frühstückstisch ging an ihm vorbei auf den Hof hinaus. Er erzählte von einer ihm nicht näher bekannten Nachbarin. Sie wohnte in dem Mietshaus in der Parallelstraße, dessen Rückfassade Theo zu Gesicht bekam, als er sich umdrehte.

„Wir sehen uns manchmal, wenn ich lüfte oder, länger, wenn ich die Fenster putze. Weiß nicht, wie sie heißt, ich weiß gar nichts über sie, weiß nicht einmal, wie sie von Nahem aussieht. Da war einmal plötzlich so ein Gefühl, Sympathie, meine ich, und ich hab ihr zugewunken. Seitdem winken wir uns über den Hof zu, wenn wir uns sehen. Auf der Straße würde ich sie bestimmt nicht erkennen. Und überhaupt – eine Frau, eigentlich komisch – oder ?“

Theo sah jetzt viel klarer. Dieses Frühstück war eine genaue Kopie des vorigen gemeinsamen. Da nahm er das Heft in die Hand und bat Julian beim Weggehen, ihn im Lauf der Woche anzurufen und dabei das nächste Treffen vorzuschlagen. Julian ging gleich darauf ein. Ja, er werde ihn am Mittwochabend gegen neun zu Hause anrufen. Er brachte ihn diesmal sogar hinunter. Die Haustür fiel zu, Julians Gestalt verschwand hinter der Glasscheibe im Dämmer des Treppenhauses.

Er fuhr mit dem Bus durch ihm wenig bekannte Viertel. Er versuchte, an gar nichts zu denken, worin er es frĂĽher schon weit gebracht hatte. Es gelang noch immer.

In den folgenden Tagen ging er schon nicht mehr davon aus, dass Julian sich noch melden würde. Es wurmte ihn zwar, doch er litt nicht mehr wirklich. Er hat da eine Gewaltkur hinter sich gebracht. Er hat sie überstanden und ist vielleicht noch stärker geworden. Was ihm entgangen ist, ist vielleicht das Glück, das die meisten suchen – aber vielleicht ist es ein Glück für ihn, so leicht davongekommen zu sein, vorausgesetzt, es ist kein Unglück geschehen. Er war schon darüber hinaus, das entgangene Glück nach der Stärke des eigenen Gefühls zu veranschlagen. Oder schätzte er den Verlust geringer ein, da seine Neigung nicht mehr ganz so stark war?

Das Spiel ist aus, darĂĽber ist er sich klar. Aber ist es ĂĽberhaupt ein Spiel gewesen? Wenn Julian auftritt, scheint er nicht die Wahl zu haben, so oder anders zu handeln. Er wirkt wie einer, an dem Strippen gezogen werden. Aber wer oder was ist da im Hintergrund? Sein Schicksal, seine Veranlagung oder gibt es da auch Menschen, die ihn lenken und die er, Theo, nicht kennt? Julian, man merkt es, ist voller Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben. Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren drĂĽckt sich in einem Kuss aus, wie schon nicht mehr von dieser Welt.

Von Julians Kuss kam er nicht los, er bekam ihn nicht aus dem Kopf. Sein Gefühl dabei, dieses starke Gefühl ist echt gewesen, da ist er sich sicher. Er hat gar nicht aufhören wollen und ist dabei auch traurig gewesen. So küsst einer, der sich trennen muss. Oder wenn einem eine lange Reise bevorsteht … Er wird doch nicht krank sein?! Muss er am Ende bald sterben? Die Vorstellung, er könnte sich bei ihm angesteckt haben, wuchs sich zur Angst aus. Ist es das gewesen? Und hat er es nicht längst gespürt?

Er begann, sich zu beobachten und zu untersuchen. Er dachte immer seltener an Julian selbst. Sein Anruf, der immer noch möglich war, würde ihn von da an unangenehm überrascht haben.

Die Stunde des versprochenen Anrufs verbrachte er trotzdem im Wohnzimmer wartend und las Zeitung. Manfred saß wie an den meisten Abenden am Schreibtisch, in seinem Zimmer drüben. Er kam heute öfter herüber, um etwas in Büchern nachzuschlagen und sich Notizen zu machen.

Die Stunde war um. Es machte ihm wirklich fast nichts aus. Er wollte, dass es einer erfuhr, Manfred wenigstens. Der Cousin blätterte gerade im Lexikon.

„So, wieder kein Anruf gekommen. Das war’s dann. Wieder eine Illusion weniger und eine Erfahrung mehr.“

„Immer noch derselbe? Und das Rückfallfieber ist damit abgeklungen?“

„Meinst du?“

„Das kann man bei … Infektionen wie dieser nie wissen.“

„Du hast davon gewusst?“ fuhr Theo auf.

„Wovon?“

„Dass er krank ist?“

„Er? Ich habe nur einen Hinweis bekommen. Dass er behandelt wird.“

Theo sagte darauf nichts mehr. Es trifft also zu, Julian ist einer, der sich angesteckt hat. Er begann zu brĂĽten. Zuerst: Ihn hat es hoffentlich nicht erwischt. Er muss Gewissheit bekommen, etwas tun, sich untersuchen lassen. Wo kann man den Test machen lassen? Immer wieder ist von diesem Test die Rede und er weiĂź nichts darĂĽber. Manfred fragen? Manfred hat ihn nicht gewarnt. Er ist allein gelassen worden. Er muss es allein hinter sich bringen.

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