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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das schweigende Kind
Eingestellt am 28. 02. 2012 08:37


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Raoul Schrott, Das schweigende Kind, Hanser 2012, ISBN 978-3-446-23864-0


Ein Maler sitzt in einem psychiatrischen Sanatorium und schreibt seine Lebensgeschichte auf. Er tut es auf Anraten seines Arztes, der ihm den therapeutischen Rat gegeben hat, das, was ihn bewegt, zu Papier zu bringen. Doch sein Schreiben gerÀt zu einer literarisch ambitionierten Lebensbeichte.

Adressat seiner sich ĂŒber zweiunddreißig Kapitel hinziehende Erinnerungen und Einsichten ist seine Tochter, die er schon bald nach ihrer Geburt nur selten sehen durfte und vor der er nach dem Tod seiner Frau ganz getrennt ist. Er hofft, ihr spĂ€ter, wenn sie seine Texte lesen wird können, zu erklĂ€ren, wie alles gekommen ist.

Doch der Reihe nach. Eines Tages steht vor dem Maler ein neues Aktmodell, das ihn unwahrscheinlich anzieht. Diese Attraktion spĂŒrt auch die Frau, und so beginnen sie schon bald eine Beziehung. Der sexuelle Teil dieser Beziehung ist geprĂ€gt von WĂŒnschen der Frau nach sado-masochistischen Praktiken, auf die sich der Maler einlĂ€sst, fĂŒr die er sich aber mit jedem Akt mehr verachtet. Diese Gewalt schwappt auch auf die anderen Lebensbereiche ĂŒber und wird nach der Geburt der gemeinsamen Tochter fĂŒr den Maler schier unertrĂ€glich. Das Kind war durch eine kĂŒnstliche Befruchtung als Wunschkind auf die Welt gekommen, doch die Mutter beginnt sofort danach, die Tochter dem Vater zu entziehen. Die Mutter trennt sich vom Vater, und auch die wenigen vom Gericht festgelegten Kontakten zwischen Vater und Tochter boykottiert sie, sodass er sie nur sehr selten zu sehen bekommt. Da die Tochter in ihren ersten Lebensjahren nicht spricht, was auch kein Wunder ist bei der FĂŒlle von schrecklicher Gewalt und Wutszenen zwischen ihren beiden Eltern, nennt er sie „das schweigende Kind“.

Als der Maler zusammen mit seiner neuen Partnerin Kim in Kroatien einen Kunstauftrag abliefert und dort zwischen die MĂŒhlen der aktuellen kroatischen Politik gerĂ€t, lernt er auch einen Mann namens Milan kennen, dem er erzĂ€hlt, wie seine Frau ihn von seiner Tochter fernhĂ€lt. Milan verspricht Abhilfe. Doch da auch des Malers Freund Louis mit seiner ehemaligen Frau deren sadomasochistischen BedĂŒrfnisse erfĂŒllt, bleibt nach ihrem Tod dessen Ursache nicht nur fĂŒr die Polizei ungeklĂ€rt. NatĂŒrlich gerĂ€t der Maler in Verdacht, doch die Ermittlungen werden eingestellt. In der Zwischenzeit ist sein psychischer Zustand prekĂ€r, und er muss in die Klinik, von wo aus er seiner Tochter schreibt. Voller kunsttheoretischer Betrachtungen sind diese Texte, und gleichzeitig ein erschĂŒtterndes Dokument eines psychischen Niedergangs.

Die ErzĂ€hlung bleibt sprachlich dicht und spannend bis ans Ende, in dem ein Brief des Psychiaters an die Tochter des Malers, dem er die Aufzeichnungen des Vaters zufĂŒgt, doch so etwas wie eine AufklĂ€rung bringt.

Ein beeindruckendes literarisches Dokument eines großen menschlichen Verlustes.

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