Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95264
Momentan online:
542 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das schwierige Gespräch beim Frühstück
Eingestellt am 29. 09. 2013 20:53


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Rosa Eggenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Oct 2011

Werke: 6
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rosa Eggenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das schwierige Gespräch beim Frühstück

Danksagung an Frank Stronach für die Inspiration zu dieser Geschichte.*

„Sind Sie auch aus Oberösterreich?“ fragte der sympathische Herr, der mir beim Frühstück gegenüber saß und beiläufig den Zucker in seinen Kaffee einrührte. Es war mir also nicht gelungen, unentdeckt zu bleiben, verdammt! Allerdings, möglicherweise wäre es nicht einmal Luis Trojanow, dem großen Trojanow, gelungen, in einem leeren Speisesaal, mit einer einzigen weiteren Person direkt vis-à-vis, unentdeckt zu bleiben. Ich wandte also Plan B an und antwortete: „Ja, aber ich habe doch noch gar nichts gesagt. Wie kommen Sie darauf?“ Mein Dialekt hätte mich verraten, doch rein an meiner äußeren Erscheinung, dachte ich, konnte man eine solche Zuordnung nicht festmachen. Oder doch? Was konnte man mir noch alles ansehen?

„Alle, die hier absteigen, sind aus Oberösterreich, darum komme ich darauf.“ – „Aha.“ tat ich, als ob mir das einleuchtete. Wie das möglich sein sollte, fragte ich mich im Stillen, da ich mir keiner Gesetzmäßigkeit bewusst war, der die Oberösterreicher, nicht aber die Tiroler oder Burgenländer folgten, um hier als Gäste zu wohnen. Der frühstückende Herr wollte wohl mit einem etwas müden Aufhänger eine Unterhaltung anregen, immerhin passend zur frühen Stunde. Wie auch immer, er unterbrach meinen Gedankenfluss. „Gehen Sie auch auf den Kongress heute?“ fragte er gut gelaunt, woher sollte er auch wissen, wen er vor sich hatte? Ich war jedenfalls seit meiner Teilnahme am äußerst anregenden Seminar – „Auftragsmörder – authentisches Auftreten im Alltag“- nicht mehr verlegen, wenn ich über meinen Beruf zu sprechen kam. „Nein, ich komme nicht zum Kongress, bin aber trotzdem beruflich hier. Gestern hatte ich zwei Aufträge, heute sind es drei. Ich bin im Bereich der Mord-Dienstleistungen tätig, wissen Sie.“ Der Herr blickte von der Zeitung auf, die er nebenbei gelesen hatte. Sein Blick war nicht mehr ganz so heiter wie vorhin. Er fixierte mich prüfend einige Atemzüge lang. Ich hielt seinem Blick natürlich stand, ließ meine Augen klar und offen wirken. In diesen Momenten entschied er sich, meine Angaben als eigenartigen Scherz einzuordnen, so eine unauffällige Frau konnte doch nicht Auftragsmörderin sein, das war gar nicht möglich, absurd, kein Beruf und überhaupt vollkommen abwegig. All das hörte ich buchstäblich durch seine Gedanken knattern, in seiner Mimik war es ebenfalls mit zu verfolgen. Anfangs senkte er die Brauen streng, eine dicke Falte entstand zwischen seinen Augen; dann legte er die ganze Stirn in Falten und breitete ein großes Lächeln über sein Gesicht aus. Genau diesen Ablauf hatte ich auch im besagten Seminar erklärt bekommen und schloss daraus, dass es sich um einen sogenannten „unschuldigen, unbedarften Gesprächspartner“ handelte. „Mord-Dienstleistungen? Was soll das bedeuten?“ Er hielt mich weiterhin fest mit seinem Blick fixiert und bedeutete mir damit, dass er trotz seiner noch freundlichen Gesinnung eine ernsthafte Antwort erwartete, eine Antwort in seinem Sinn, eine Auflösung der Spannung, eine Erklärung für diesen eigenartigen Witz.
Damit konnte ich nicht dienen. „Das ist meine Aufgabe. Ich bin Berufskillerin.“ antwortete ich knapp. Ich wollte mich nicht länger für meine Arbeit schlecht fühlen, das hatte ich wahrhaftig satt. Ich wandte mich bewusst ab und widmete mich meinem Frühstück. Sehr gewissenhaft schmierte ich die Butter auf meine Semmelhälfte, und als mir bewusst wurde, dass ich das mit einem Messer tat – wenn auch mit einem sehr stumpfen Buttermesser – spannte ich die Muskeln meiner Rechten stärker an als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Ich hoffte und spürte, dass mein Gegenüber Angst bekam, vielleicht nicht vor meinem Muskelspiel, obwohl mir das sehr gefallen hätte, aber doch vor der Selbstverständlichkeit meiner Aussage. Verunsichert durch meine Bestimmtheit verfiel er in eine abwehrende Spott-Manier: mit schiefem Grinsen – einem klassischen Zeichen von Angst, wie ich wusste – startete er einen vorhersehbaren, lächerlichen Versuch, sein Unbehagen zu überspielen:“Aha! Sie haben wohl Ihr Hobby zum Beruf gemacht? Haha! Haben Sie da auch eine Gewerkschaft? Muss man das studieren oder haben Sie eine Lehre gemacht?“ Seine Reaktion war vollkommen im Rahmen des „Reaktionen-Kataloges“, den wir im Seminar vorgestellt bekommen hatten, eben in der Kategorie „unschuldiger, unbedarfter Gesprächspartner“. Solchen Fällen begegnet man mit entgegenkommendem Verständnis ihrer Sorge, ohne sie an zu lügen, erinnerte ich mich professionell an das Gelernte, und musste dementsprechend meine Freude am Angstmachen zügeln. Schade! Denn: Menschen, die Freude am Angstmachen haben, sind für den Beruf des Auftragsmörders ungeeignet, hatten wir ebenfalls im Seminar gelernt. Sollte man diese Unart bei sich entdecken, hatte uns die Seminarleiterin eindringlich erklärt, sei das ein Grund, seine Berufswahl ernsthaft zu überdenken, oder sich mit der Idee einer professionellen Behandlung dieser unartigen Neigung anzufreunden.
Ich konnte mich damit bestens arrangieren, da ich mich wegen meiner anhaltenden endogenen Depression mit gelegentlichen aggressiven Episoden bereits seit mehr als fünf Jahren in psychiatrischer Behandlung befand. Doch offenbar nicht mit der erwünschten Wirkung, wie ich eben festzustellen gehabt hatte.

„1) Angst nehmen 2) beschwichtigen 3) authentisch bleiben“ rezitierte ich innerlich die im Seminar vorgestellten Schritte für den Umgang mit „unschuldigen, unbedarften Gesprächspartnern“ und setzte sie sogleich in die Tat um. Ich richtete meinen Blick direkt zwischen die streng schielenden Augen meines Gegenübers und sprach:“ Ich weiß, die Berufsbezeichnung klingt etwas abstoßend oder gefährlich, aber Sie müssen sich keine Gedanken machen. In Wirklichkeit müssen sich nur ganz wenige vor uns fürchten, und auch die fürchten sich nicht, weil sie ja nicht wissen, was wir ihnen bringen. Sie kennen das entsprechende Sprichwort? – Na also!“ Die Seminarleiterin wäre stolz auf mich gewesen, als wir uns beim Rollenspiel auf genau solche Begegnungen vorbereitet hatten. Meine Augen blieben weiterhin klar und offen – das kann man willentlich kontrollieren, wie wir gelernt hatten – und ich formte meine Wangen zu einem hübschen Lächeln. Ich hielt dieses Lächeln auch, während ich von meiner Semmel ein großes Stück abbiss und versuchte, es auch beim Kauen nicht aufzugeben. Ungläubig starrte mich der Herr an, beleidigt von dieser banalen Handlung angesichts seiner Unfähigkeit, zu fassen, was ich da sagte. Auf einmal war er gar nicht mehr gut gelaunt. Böse formte sich wieder seine dicke Zornesfalte zwischen den Augen, die mich zusammengekniffen anstarrten. „Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen? Was glauben Sie eigentlich? Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Sie haben Glück, dass ich jetzt gehen muss – sonst komm‘ ich zu spät zum Kongress – am liebsten würde ich Sie anzeigen! Sie…Sie….“ An der dick angeschwollenen Ader seiner Schläfe konnte ich seinen hohen Ängstigungsgrad klar ablesen – ich hatte ihn sichtlich überfordert. „Sie sind ja nicht ganz bei Trost!“ Damit schlüpfte er geschmeidig in sein feines, wahrscheinlich handgenähtes beiges Nadelstreif-Sakko und entfernte sich eilig.

Hach! Wenn ich da an den großen Trojanow dachte! Ich hatte ihn einmal beim Kongress der Vereinigung freier Auftragsverbrecher als Gastredner erlebt und war nachhaltig beeindruckt gewesen. Seine Spezialität war das Unauffällig-Sein, worüber er auch seinen Vortrag gehalten hatte und weswegen es ihm im Übrigen problemlos gelungen war, am Kongress überhaupt teil zu nehmen. Schließlich hatte niemand seine Einreise bemerkt, obwohl sein Phantom von weltweit allen großen Geheimdienstorganisationen gesucht wurde. Selbst als er am Rednerpult stand und mikrophonverstärkt referierte, bemerkte kaum jemand im Auditorium, dass hier einer der größten Fachmänner der Branche gerade sein Erfolgsgeheimnis preis gab. Mich konnte er freilich nicht hinters Licht führen. Ich hing an seinen Lippen und notierte jedes Wort von ihm in das selbstredend unbemerkt verteilte Skriptum. Ich war immer schon sehr ehrgeizig gewesen. Und obwohl ich mir das von vorne bis hinten mit Notizen vollgeschriebene Skript später nicht nur einmal zu Hand genommen hatte, um das Unauffällig-Sein zu einer ebensolchen Perfektion zu bringen wie Luis Trojanow, war es mir bei diesem Frühstück offenbar wieder nicht gelungen.

Noch voll der ehrfürchtigen Erinnerung an den Meister machte ich mich an diesem Morgen auf den Weg zu meinem nächsten Klienten, den ich um exakt 11:13 an der Straßenbahnhaltestelle Praterhauptallee treffen sollte–im wahrsten Sinne, wohlgemerkt. Ich verließ also die in Oberösterreich anscheinend besonders beliebte Unterkunft in Richtung Norden, und schreckte durch ein Großaufgebot an Sicherheitskräften auf, das mich um die nächste Straßenecke erwartete. Ich konnte sogar kurz den Angstschweiß nicht unterdrücken, aber schon nach wenigen Momenten hatte ich mich wieder gefangen und vollkommen unter Kontrolle. Die vielen Schäferhunde, die an den Leinen der Polizisten hingen und in ihre Maulkörbe hechelten, waren schließlich genau auf die Marke Angstschweiß trainiert, wie ich sowohl von Trojanow als auch vom Seminar wusste. Daher hörte ich sofort auf, zu schwitzen und atmete ruhig weiter, während ich ein unschuldig-fröhliches Lächeln aufsetzte, das so echt wirkte, dass ich mich augenblicklich und tatsächlich völlig unschuldig und fröhlich fühlte. Ich begann heiter zu pfeifen und näherte mich sogar zwanglos einem Polizisten mit Hund, um letzteren zu streicheln, wobei ich mich in diesem Moment selbst scharf zurück pfeifen musste, denn ich schien es nun in die gegenteilige Richtung zu übertreiben. Doch der Polizist winkte mir freundlich zu, der Polizeihund wedelte begeistert mit dem Schwanz, und man ließ mich ohne weiteres passieren. Unbehelligt wanderte ich vorbei an unzähligen gepanzerten Fahrzeugen der Exekutive, deren Blaulichter sich pulsierend drehten. Was da wohl passiert sein mochte, fragte ich mich, nahm mir aber nicht mehr Zeit, darüber nach zu denken. Ich hatte schließlich eine Verabredung ein zu halten. Dieser folgten zwei weitere erfolgreiche Treffen, und als ich am Abend, nach getaner Tat, in meinem Zimmer die Nachrichten verfolgte, war die erste Schlagzeile:“ Lange gesuchter Auftragskiller in Wien endlich gefasst“. „Im 5.Wiener Gemeindebezirk wurde heute in einer groß angelegten Polizeiaktion der seit 24 Jahren gesuchte Berufsmörder mit dem Decknamen Luis Trojanow endgültig gefangen genommen.“ berichtete der attraktive Sprecher, der seinen Tiroler Akzent trotz sicher jahrelangem Trainings noch immer nicht ganz im Griff hatte. Dabei sah man im Bild genau den Beamten, dessen Hund ich fast gestreichelt hätte, und der mir so freundlich zu gewunken hatte! Ich war entsetzt! Mein Vorbild! Mein Idol! Der große Trojanow! Gefangen von einfachen Polizisten mit ihren harmlosen Hausfrauen-Hunden, die sich von jedem Dahergelaufenen einfach streicheln lassen würden! Es war unfassbar! Kurz sah man im Fernsehen den Verbrecher als er in den Blaulichtwagen getaucht wurde – in der Art, wie es in den amerikanischen Krimis immer gemacht wurde. Dabei war mir etwas an ihm unerwartet vertraut. Erst nach längerem Nachdenken, und schon beim übernächsten Beitrag fiel es mir ein: das beige Nadelstreif Sakko! Heute Früh! Ich hatte genau dieses edle Tuch heute früh schon einmal gesehen! Beim Frühstück, der nette Herr mir gegenüber war am Ende des schwierigen Gesprächs genau in dieses Muster hinein geschlüpft. Und ich hatte ihn nicht erkannt!

Was für ein unwahrscheinlicher Könner dieser Trojanow – zumindest bis heute morgen - doch war!


*Frank Stronach hat allen Ernstes bei den vergangenen Nationalratswahlen die Todesstrafe für Berufskiller gefordert.




Version vom 29. 09. 2013 20:53
Version vom 01. 10. 2013 16:01
Version vom 22. 10. 2013 22:07
Version vom 22. 10. 2013 22:09

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


14 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung