Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5561
Themen:   95444
Momentan online:
558 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das späte Gewissen des Monsieur Chevallier
Eingestellt am 14. 06. 2012 20:00


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Writter
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2012

Werke: 4
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Writter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das späte Gewissen des Monsieut Chevallier


„Flieht! Noch ist Zeit.“
Ich schweige.
„Sie hängen Euch!“
Ein Blick Richtung Wand.
„Bei den Göttern, was hält Euch hier? Unsere Männer halten nicht mehr lange stand.“
Er meint wohl meine Männer.
„Hört Ihr die Chöre vor dem Tor? Sie fordern Euren Kopf!“
Armer René, versteht es nicht. Mein Kopf ist das Wertloseste in diesem Raum.
„Sagt doch etwas!“
In der lethargischen Ruhe, die ich mir während der Jahre angewöhnt habe, öffne ich die unterste Schublade des Schreibtischs und entnehme dieser ein Buch.
„Was wollt Ihr damit?“
Ich schlage es auf, blättere ein wenig darin und schliesse es wieder. Hinter dem Fenster steigt Rauch auf. Meine Rosen werden die Nacht auch nicht überleben.
„Ist Euch Euer Lebens nichts mehr Wert, Monsieur Chevallier?.“
Das würdige ich nicht einmal einer Antwort.
„Euer Kopf wird einen Pfahl zieren und in den Gassen umher getragen werden!“
Denkt er in meinem Alter fürchte ich den Tod? Ich habe bei weitem Schlimmeres erlebt, als so eine Lappalie.
René sammelt einige der herumliegenden Goldmünzen ein und verstaut sie in seinen Taschen. Danach widmet er sich dem teuersten Schnaps und steckt auch ihn ein.
„Ich gehe jetzt. War mir eine Ehre.“
„Warte!“
Er dreht sich um, sichtlich verwundert, dass ich meine faltigen Mundwinkel doch noch bewegen kann.
„Endlich, eilt Euch!“
„Nein, ich denke hier ist es zu Ende.“
„Seid Ihr des Wahnsinns?“
„Mitnichten.“
Ich erkenne gleichermassen Todesangst und Verwirrung in Renés Gesicht.
„Schliess die Tür, das Schreien der Diener langweilt mich.“
„Monsieur!“
„Das Tor hält und der Fluchttunnel ist ein gut gehütetes Geheimnis. Wir haben Zeit.“
Wieder nehme ich das Buch zur Hand. Mein Diener setzt sich vor den Schreibtisch und blickt hinaus.
„Euer Schicksal führt geradewegs zum Galgen, ebenso wie meines.“
„Zünde eine Kerze an, das Schicksal ist es sich gewohnt zu warten.“
Unter dem Licht der Kerze schlage ich das zerfledderte Buch erneut auf.
„Ist das Buch wichtig?“
Vergeblich verkneife ich mir ein flüchtiges Schmunzeln.
„Wichtig? Es ist eine Geschichte sowie der Grund meines Hierbleibens.“
Jetzt schweigt er.
„Lange bevor du geboren wurdest, geschahen schreckliche Dinge.“
„Wie heute?“
„Keine kurzlebige Revolution noch kurzlebigerer Revolutionäre.“
„Wovon sprecht Ihr?“
„Von der Wahrheit.“
Ein lautes Knallen erschüttert das Anwesen. Anscheinend versuchen die Angreifer mit grösserem Geschütz das Tor aufzubrechen.
„Monsieur!“
„Nur die Ruhe, hör zu. Ich beging schlimme Dinge und das ist meine letzte Chance auf Vergebung. Jede der Abscheulichkeiten brachte ich auf Papier, hier drin zusammengefasst.“
Ich tippe mit meinen dürren Fingern einige Male auf das Buch. Renés Interesse scheint gewegt.
„Meine letzte Aufgabe oder viel mehr mein letzter Wunsch an dich. Leiste einem toten Mann Gesellschaft und höre, was er zu sagen hat. Danach pack Gold, Schnaps, was immer du willst und zieh deiner Wege.“
„Dafür ist keine Zeit!“
Schwerfällig erhebe ich mich, hinke zu einem der Gemälde und betätige den dortigen Hebel.
„Falls es nicht reicht, drück mit aller Kraft gegen das Mauerwerk. Es wird nachgeben und der Tunnel führt dich ins Freie.“
„So eilt Euch doch!“
Zurück in meinem Sessel zwinkere ich dem Verängstigten zu.
„Meine Zeit ist um. Endgültig. Aber bleibst du und hilfst einem alten Greis, mit reinem Gewissen in den Himmel hinauf zu steigen? Oder zum Teufel, die Hölle verdiene ich gleichermassen.“
Er geht in sich. Danach folgt ein kurzes, jedoch wenig überzeugendes Nicken.
„Gut, wo beginne ich? Es gibt viel zu erzählen.“
Wir versuchen den draussen wütenden Mob zu ignorieren. Ab und zu fliegen Fackeln wie aufsteigende Sternschnuppen am Fenster vorbei.
„Wenn sie das Tor nicht durchbrechen können, werden sie uns verbrennen.“
„Die Fenster sind vergittert, die Wände aus massivem Stein und das Dach liegt in unerreichbarer Höhe. Vertrau dem, der dieses Anwesen gebaut hat.“
„Ich habe Euch immer vertraut!“
„Schön zu hören, mein Freund. Nur wo … ?“
„Beginnt doch am Anfang und arbeitet Euch vor.“
„Am Anfang?“
„Es gibt doch sicher einen Anfang?“
„Den gibt es, den gibt es. Nur würdest du es nicht verstehen. Ich verstehe den Beginn selbst nicht.“
„Sie verwirren mich.“
„Ich bin alt.“
„Draussen herrscht das Chaos und unser Ableben steht kurz bevor … Wäre es nicht Zeit zu beginnen?“
„Die Kerze ist aus, zünde sie nochmals an?“
„Monsieur!!!“
Seinen Schrei hört sogar der Pöbel draussen. Und doch ist Renés Panik verständlich. In seinen Jahren hat er noch so viel vor sich.
„Der Anfang, Monsieur Chevallier!“
Eine Seite, ziemlich am Ende des Buches aufschlagend, will ich beginnen. In diesem Moment knallt und knirscht es draussen lauter, als es in den letzten Wochen je der Fall gewesen ist.
„Das Zeughaus ist explodiert!“, stellt René aufgeschreckt fest.
Dieses seiner Entsetzen kann ich allerdings nicht teilen.
„Eine gute Nachricht. Einige Waffen weniger, die einigen Menschen weniger Schaden zufügen.“
„Ihr seid von Sinnen.“
„Mir geht es gut! Nun setzt dich. Diese Tölpel werden so viel Freude an ihrem Feuerwerk haben, dass sie uns eine Weile vergessen.“
„Einige gehen tatsächlich zum Zeughaus.“
Der Lärm nimmt kurz darauf ab. Ein Teil der Menge hat sich Richtung Zeughaus gewandt, wahrscheinlich in der Hoffnung einige Waffen zu erbeuten.
„Sei dir bewusst, als Hörer dieser Geschichte bist du das wandelnde Todesurteil für viele mächtige Menschen.“
„Ja, Monsieur Chevallier!“
Plötzlich brüllt eine der Wenigen noch lebenden Wachen aus den unteren Hallen herauf: „Unsere Linie ist durchbrochen, wir können sie nicht stop … Arghh“
„Zu spät.“
„Monsieur?“
„Ich enthebe dich deiner Pflichten.“
„Eure Beichte?“
„Zu spät. Nimm das Buch und lauf.“
Ich blicke zu meiner Muskete.
„Lebt wohl, Monsieur Chevallier. Gott möge Euch gnädig sein.“
„Das ist sein Beruf. Jetzt geh!“
Nachdem das Buch seinen Weg in Sicherheit gefunden hat, muss ich noch eine Sache zu erledigen. Niemals erlaube ich, dass diese Bauerntölpel über mein Leben entscheiden.
So entlasse ich, mit einer simplen Bewegung, gefolgt durch ein lautes Knallen, mein Herz aus seinem 88-jährigen Dienst.
Rien ne vas plus.
__________________
Man muss reif für die beste Gesellschaft sein - damit man sie meiden kann.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung