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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das süße Gift der Resignation
Eingestellt am 06. 05. 2005 11:29


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sohalt
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Registriert: Apr 2003

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Schmeckt schal, aber sonst nicht so schlecht. Komm kosten.

Man kennt das ja aus diversen Comic-Verfilmungen. Die brenzlige Situation. Der Bösewicht hat den Helden in eine Falle gelockt. In ein verlassenes Fabriksgebäude zB. Oder in ein kaltes, finsteres Kellerloch. Oder auf ein Floß in einem reißenden Wildbach. Und jetzt ist der Held gefesselt, auf einem Fließband, das schnurstracks zur Fleischerverarbeitungsanlage führt/an einen Heizkörper, während der Wasserhahn tropft, das Becken übergeht und der Keller sich langsam mit Wasser führt/auf das Floß, das auf den Wasserfall zutreibt. Und er kann sich natürlich noch retten.

Ein Ausweg wird ihm immer offen gelassen. Ein seltsamer Ehrenkodex scheint das von den Bösewichten zu verlangen, tatsächlich tut es die Dramaturgie. Er muss bis zum Schluss strampeln dürfen, dann bleibt es spannend. Ja, er ist gefesselt, das schon, aber mit Stricken, nicht mit Handschellen. Der Knoten lässt sich lösen. Links und rechts vom Fließband vielleicht ein Abgrund, von mir aus, also nichts mit einfach runterspringen, gut. Aber in die Gegenrichtung laufen könnte der Held, bis er die sichere Plattform erreicht. Und im Keller stehen eine Menge Kisten rum, die kann er zusammenschieben, eine Treppe basteln, das Kellerfenster ist zwar hoch oben und zu, aber es lässt sich einschlagen. Gegen die Strömung schwimmen, das haben auch schon Leute geschafft. Der Wildbach ist reißend, aber mit einer Kraftanstrengung… Der Held kann sich retten. Er wird sich immer retten können.

In Wirklichkeit ist es natürlich anders. Nicht ganz, aber was die entscheidenden Details betrifft. In Wirklichkeit sieht der Held genauso das Fließband auf die Messer zulaufen, spürt die Feuchtigkeit an den Zehen, hört das Rauschen des Wasserfalls. Und er hat viel mehr Zeit als im Film. Und was tut er?

Nichts. Spiegelt sich in den blitzenden Messern, badet die Zehen, lauscht dem Wasserfall. Kriegt den Hintern nicht hoch. Er ist nicht die Angst, die ihn lähmt, das ist keine Ausrede. Zumindest nicht die Angst vorm Zerstückelt-Werden, vorm Ersaufen, vorm auf den Felsen-Zerschmettert-Werden. Mit dieser Vorstellungen hat er sich schon angefreundet, in Wirklichkeit dauert die brenzlige Situation ja viel länger, ein ganzes Leben, manchmal. Am Anfang schien das alles so weit weg, nicht wirklich bedrohlich, jetzt, da es nahe kommt, hat er sich daran gewöhnt. Nein, diese Angst ist es nicht. Eher schon: Die Angst vor der neuen Hoffnung.

Vielleicht hat er es schon ein tausend Mal versucht, vielleicht hat ihn das Band zurückgetragen, als er kurz innehielt, um Atem zu holen, vielleicht ist ihm die Kistentreppen eingestürzt, vielleicht war die Strömung stärker und hat ihn zurückgetrieben. Und jetzt ist er müde. Er könnte neue Kraft schöpfen, es ist noch genug Zeit, aber wozu?

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Die Feststellung ist so berückend banal, da kann sie nur wahr sein. Was dabei gern übersehen wird: „Verlieren“ tut mehr weh als „Verloren Haben“ (Verlieren ist unangenehm und die Distanz zu etwas Unangenehmen ist angenehm, zeitliche Distanz gilt auch, der Schmerz ist am Abklingen, die Heilungsphase kann beginnen, es geht immer irgendwie weiter und wenn nicht, ist es wenigstens vorbei). Und die Gewissheit von „Hat“ fühlt sich manchmal besser an als die Ungewissheit von „kann“ - selbst wenn sie etwas Schlechtes betrifft.

Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wenn es nur um das eigene Wohl geht, ist das keine Entscheidungshilfe.

Andererseits:

Ich hatte immer eine romantische Vorstellung vom Sehenden-Auges-in-den-Abgrund-Rennen. Es ist die einzige Option mit Stil. Nicht so feig, sich vor den Hindernissen blind zu stellen. Nicht so feig, vor ihnen zu kapitulieren. Ein lässiger Abgrund muss das dann aber sein, bitte, ein tiefer, ein bedeutsamer, ein selbstgewählter, wenn möglich. Oder zumindest ein tragisch unvermeidlich schicksalshafter. Kein gewöhnlicher, erbärmlicher Standard-Abgrund, wie sie uns alle anziehen wie die Fliegen.

Ich liebe die, die sehenden Auges in den Abgrund rennen.

Aber sehenden Auges in den Abgrund treiben ist einfach nur schwach.

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jon
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Süffig geschrieben, vielleicht ein bisschen zu „schwebend". Man segelt so über die Gedanken hin, als hielte es der Autor nicht für notig, irgendwo Halt zu machen, Luft zu holen, um einem der Gedanken (ein Zwischenfazit?) Zeit zu geben, sich im Gehirn zu verankern. Zugleich bekommt man aber ständig interessante Ankerplätze gezeigt. Man darf nur nicht landen. Ob daher mein Unwohlsein kommt?
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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