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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Das wahre Leben
Eingestellt am 14. 06. 2003 14:47


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Friede
Leere-Blätter-Hasser
Registriert: May 2003

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-oder vom Tellerwäscher zum Penner!

Als ich am Wochenende in einer freien Stunde mal versuchte Ordnung in meinen Papierkram zu bringen, fielen mir 2 Tagebücher aus meinem früheren Leben in die Hände. Es handelte sich um urschriftliche Aufzeichnungen, die ich während eines längeren USA Aufenthaltes in den Jahren 1982 und 1983 selbst angefertigt hatte, und die ich schon fast vergessen hatte.

Denn schon in meiner Studentenzeit jagte ich zusammen mit drei weiteren Freunden dem Traum vom großen Geld hinterher (jedoch ohne nennenswerten Erfolg). Zu diesem Zwecke hatten wir uns zusammen getan, und eine Garage in Düsseldorf Eller angemietet, um dort Autos (hauptsächlich VW-Käfer) zu reparieren und dann wieder zu verkaufen und damit unser bescheidenes Bafög aufzubessern. Die teilnehmenden Personen sind mir zum Teil heute noch bekannt, denn wir treffen uns in unregelmäßigen Abständen immer wieder zum Pokern.

Mit von dieser Truppe waren Wolfgang P., genannt Ali, (damals Chemiestudent, heute verschollen), Thomas M., genannt Uffzi (Geräusch eines Schweines, wenn es vor die Wand läuft, aber in Wirklichkeit kommt der Name von seiner Strebsamkeit bei der Bundeswehr), heute erfolgreicher Jurist, der dubiose Gerald G. (damals abgebrochener Student der Elektrotechnik, später das gleiche mit Wirtschaftswissenschaften), heute reist er erfolglos durch die Welt und versucht Drucker für eine japanische Firma zu reparieren und ich selbst, (damals Chemiestudent), heute was anderes.

Auf jeden Fall fristeten wir unser kärgliches Dasein mit der Reparatur von Autos in Düsseldorf Eller, jedenfalls solange, bis wir durch Nachbarn auf eine Super Geschäftsidee kamen, einfach nicht mehr zu toppen – Die Zauberformel hieß: Export von alten Mercedes Coupe´s in die USA (Kalifornien) und von den immensen erhofften Gewinnen dann ein amerikanisches Auto (vorzugsweise eine Corvette) zurückzubringen.

Laut unseren Informationen konnte man für solche alten Fahrzeuge in den USA einen großen Gewinn erwarten. Wir begaben uns dann auch kurzfristig an die Umsetzung dieses Gedankens und kauften zunächst von einem Nachtclubbesitzer in Hemer (bei Witten) ein braunes Mercedes-Coupe aus dem Baujahr 1963. Später kam dann noch ein weißes Coupe aus Gladbeck dazu, doch das war völliger Schrott. Na gut, aus zwei mach eins, und ab die aufs Schiff nach Kalifornien damit.

Als Finanzier hatten wir einen weiteren Pokerkumpel, Christoph S. mit ins Boot genommen (übrigens der Einzige, der später wirklich an der Sache verdient hat). Christoph S. verfügte damals schon über ein etwas gepolstertes Bankkonto, und stellte uns einen Teil seines Geldes für einen (un-)angemessenen Zinssatz zur Verfügung.

Als alle Vorarbeiten abgeschlossen waren, fielen dem Uffzi und Ali die Aufgabe zu, die Stellung hier im kalten Deutschland zu halten, während Geng und ich mit der verantwortungsvollen Aktion betraut wurden, das Coupe zum höchstmöglichen Kurs in Kalifornien zu veräußern.

Dabei fällt mir zwischendurch noch ein lustiges Erlebnis ein, denn auch die Beschaffung von Fahrzeugen hat so Ihre Tücken... . Man liest so allerlei Anzeigen und ruft dann auch an, und wenn dann etwas irgendwie erfolgversprechend ist, fährt man auch hin und sieht sich das Fahrzeug auch an (so wie heute, nach der Scheidung, mit Kontaktanzeigen eben...). Auf jeden Fall fuhren –ich glaube es waren der Uffzi und ich- wir dann eines Tages nach Düsseldorf Derendorf, um einen gewissen Manfred von S. (im Folgenden: Manni) mit seinem Coupe zu treffen. Manni war anders (allein schon von seiner geschlechtlichen Ausrichtung stand er auf Uffzi). Ganz anders wurde uns dann auch als Manni, Uffzi und ich und Mannis gestylter Pudel mit 90 Sachen durch die volle Derendorfer Innenstadt das Coupe probefuhren. Auf dem Hinweg saß Uffzi noch vorne.. auf dem Rückweg musste ich dann auf Mannis Hand aufpassen... . Ein Kaufvertrag kam übrigens nicht zustande...


So weit – so gut, das war der Traum vom großen Geld und Geng und ich machten sich dann am 4.11.1982 auf, um über London Heathrow nach Los Angeles zu fliegen, und dort das braune Coupe abzuholen und zu verkaufen. Die ganze Sache sollte sich jedoch später als riesiger Irrtum herausstellen, und reich ist dabei keiner von uns geworden... . Damals dachten wir jedoch ganz anders und los ging´s.

Schon am 5.11.82 teilen die Tagebuchaufzeichnungen mit, dass hier in den USA alles viel zu teuer ist, und wir eigentlich sofort wieder Geld gebrauchen konnten. Irgendwo hatten wir dann im Motel eingecheckt und später war dann auch noch die Toilette übergelaufen, und wir mussten dann das Zimmer wechseln. Als Mietwagen wählten wir aus Preisgründen die Firma: „Rent a Wreck!“, was für sich selbst spricht.

Der erste Check über Coupe Preise ergab zu unserer Enttäuschung auch noch, dass man die Dinger vielleicht doch noch am Besten in Deutschland verkaufen könnte, irgend wie waren die Preise für solche Autos hier im Keller. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen.... .

Bereits wenig später stellte sich dann auch noch heraus, dass bei der Herausgabe des Autos am Hafen gewisse Schwierigkeiten auftauchen würden... . Der nächste Tag vergeht dann mit Papierkram und den vergeblichen Versuchen in den Besitz des Coupe´s zu kommen, der Abend endet mit totalem Stromausfall im gesamten Motel, so dass wir im draußen im Licht der Autoscheinwerfer unser Nachtmahl nehmen mussten. Ein kleiner Lichtblick zeigt sich in dem Besuch der Familie Rodenberg in La Habra, die im Laufe dieser Unternehmung unsere guten Freunde wurden und uns später noch viel helfen sollten.

Am 10.11. erfahren wir, dass nur Ali, der aus Deutschland, auf dessen Namen das Coupe verschifft wurde, dieses hier auch in Empfang nehmen kann. Sehr gute Planung also. Ali winselte auch am Telefon, dass er schon jetzt selbst in D-land kein Geld mehr hätte... . Irgendwie ist auch sonst noch der Wurm drin, denn morgen ist hier Feiertag! Am 12.11 beschlossen wir dann das Zimmer im Motel für USD 90.- um eine Woche zu verlängern... Schon am 13.11 ahnen wir, dass wir auch das Fahrzeug bei „Rent a Wreck!“ um mehrere Tage verlängern müssen, ein Lichtblick am Horizont bezüglich der Abholung des Coupe´s ist noch nicht in Sicht.

Aber ungeachtet dessen machen wir uns Hoffnung auf den Hauptgewinn von USD 100.000.- bei dem gemeinsamen Gewinnspiel der Supermarktkette Ralph´s und der Restaurantkette McDonalds. Deshalb wird ab sofort nur noch bei Ralph´s eingekauft und bei McDonalds gegessen, die Freunde in Deutschland rotieren, und wir haben Angst, dass Ali sich etwas antut.

Am 15.11 ist immer noch nichts Entscheidendes passiert, außer das wir einmal Nachts von irgend einem besoffenen Penner an der Moteltür belästigt werden. Einen Tag später wird Geng krank, und ich überlege, ob ich Ihn einschläfern lassen muss, gegen Abend scheint er jedoch wieder zu Kräften zu kommen.

Weitere zwei Tage warten wir ohne Erfolg auf das notwendige Telex zur Freigabe des Fahrzeuges und haben auch selbst jetzt kein Geld mehr. Geng stöhnt über McDonalds mit den Worten: „Ich kann das Scheißzeug nicht mehr sehen.. !“ Gleichzeitig stößt er den angegessenen Big Mac vom Tisch. Gewonnen haben wir auch noch nicht. Ist das das Ende?


Es sollte dann auch tatsächlich bis zum 19.11 dauern, bis wir das Fahrzeug endlich in Empfang nehmen konnten. In der Zwischenzeit mussten wir uns dann auch noch von der Familie Rodenberg 100 USD leihen. Der am Wochenende in Pasadena stattfindende Automarkt brachte uns dann auch nicht weiter. An alten Mercedes Fahrzeugen bestand hier irgendwie gar kein Interesse. Im Laufe der nächsten Tage mussten wir erst mal weiteren Kredit bei Rodenbergs aufnehmen und zusätzlich einige Gläubiger (z.B. Motelmanager) vertrösten. Angeblich ist jetzt Geld aus Deutschland unterwegs, aber am 23.11 müssen wir eine erneute Gläubigerversammlung (immer noch Motel) einleiten, Geng hatte dann auch plötzlich keine Englischkenntnisse mehr.

Doch alles das war nur der Auftakt zu dem, was noch folgen sollte:
Am 25.11. hatten wir eine Anzeige in die örtliche Zeitung (Register) gesetzt. Das Zimmer im Motel hatten wir bereits vorsorglich so ausgewählt, dass ein öffentlicher Fernsprecher in Hörweite lag. Diese Nummer, die man in den USA auch anrufen kann, war in der Anzeige bekannt gegeben. Wir erhielten auch einen Anruf: „ Is this the Alpha-Beta Store?“ Damit war der Supermarkt gegenüber gemeint!

Nach soviel Erfolg entschieden wir uns, sobald das Geld aus Deutschland ankommen sollte, erst mal nach Phoenix, Arizona weiterzufahren – mit dem Gedanken, dass dort im Landesinneren vielleicht ein höherer Verkaufserlös zu erzielen sei. Bis zum 26.11 passiert aber rein gar nichts (auch kein Geld). Das Motel wurde (mal wieder ohne Geld) verlängert. Mit Michael Rodenberg besuchten wir zusammen eine Auto Auktion – Kaufinteresse für alte Merceds Coupe´s gleich null!

Dann, endlich am 29.11. ist Geld aus Deutschland eingetroffen, Schulden bezahlt und das restliche Geld in der Spielhalle verspielt (nee, nicht alles).

Abends wollten wir dann die Familie Rodenberg als Dankeschön zum Essen einladen, doch der Mercedes machte uns insofern einen Strich durch die Rechnung, indem er einfach seinen Auspuff vor dem Haus abwarf. War wohl nichts! In der Dunkelheit machten wir dann noch verschiedene Reparaturversuche und als wir dann in den Schlaf der Gerechten fielen, wurden wir um ca. 2.00 durch grölende, besoffene Amis wieder geweckt.

Ende November machten wir uns dann nach Sturm , Stromausfall und Aufenthaltsverlängerung schließlich doch auf den Weg nach Phoenix, Arizona, wo wir auch noch Bekannte aus noch weiter zurückliegenden Zeiten hatten. In der Innenstadt fanden wir dann auch schließlich ein Motel (natürlich wieder mit Telefonzelle in Hörweite) für USD 75.-

Die übliche, tägliche Routine wie Anzeige setzen, Autoauktion, Spielhalle und Fernsehen sowie das Abfahren verschiedener Händler bestimmten auch hier wieder unseren Tagesablauf. Das Motel zeichnet sich übrigens durch seine hervorragende Umgebung aus: Laute Familiestreitigkeiten bei Tag und bei Nacht. Außerdem fuhren alle paar Minuten lange Güterzüge hupend quasi direkt durch das Zimmer, wie bei den Blues Brothers, eben.

Es ist jetzt bereits der 5.12. und bis jetzt zeichnet sich aber auch rein gar nichts an potentiellen Käufern ab. Erst am 7.12. erhalten wir nach Preisreduzierung auf USD 6500.- (vorher USD 8500.-) den ersten Anruf. Die Dame wollte aber einen Zweitürer. Von nun an tut sich auf die diversesten Unternehmungen und Anzeigen in verschiedenen Blättern wieder rein gar nichts.

Erst am 11.12. 1982 sollte unser eintöniges Leben durch einen Zwischenfall aufgelockert werden: Es ist Samstag Nachmittags, kurz vor vier, die Zimmertür ist offen (Natürlich damit wir das Telefon hören können, doch jedes Mal wenn es klingelt geht die Dame von nebenan dran – und das Schlimme: Es ist auch immer für sie. Welchem Beruf sie nachging, haben wir nie herausgefunden!), aber wir freuen uns auf die 2 stündige Sondersendung von Starsky & Hutch, als plötzlich Schatten das durch die geöffnete Tür einfallende Licht verdunkeln. ... .

Im Zimmer stehen auf einmal Gestalten, die auch ebenso gut aus dem Film: Ein Mann sieht rot, mit Charles Bronson hätten stammen könnten, und die eine Probefahrt mit dem Fahrzeug wünschen. Tri-Tra –Trallala, das hatte uns gerade noch gefehlt, raus mit den Typen, ab ins Fahrzeug und nichts wie weg hier, Motel gekündigt und Unterschlupf bei unseren Bekannten, den Pomeroys gefunden.

Nachdem wir nun unser neues Heim bei den Bekannten bezogen hatten, es handelt sich um einen ehemaligen Colonel der amerikanischen Luftwaffe mit seiner Familie, der selbst als Pilot über Korea geflogen ist und in der Luft Flugzeuge betankt hatte, besuchen wir noch eine Autoauktion, aber sind mit dem Höchstgebot, USD 2900.- überhaupt nicht glücklich.

Endlich dann am 13.12.,abends, also fast 6 Wochen nach unserer Einreise können wir das leicht angeschlagene Fahrzeug dann durch Vermittlung des Colonels an einen Nachbarn für USD 4000.- verkaufen. Den Tag verbrachten wir mit einer Fahrt zu einer Ghost-Town, bei der wir unterwegs ca. 300 Schuss aus diversen Pistolen und Gewehren verballerten.

Doch diese Geschichte war noch nicht zu Ende, vielmehr sollte es jetzt erst richtig losgehen.

Für USD 300.- erwarben wir 14.12. zunächst ein altes amerikanisches Schlachtschiff, einen Caddy. Mit diesem Fahrzeug machten wir uns dann sofort wieder auf nach L.A. zu den Rodenbergs und brauchen ca. 7 Stunden bis zum Ziel und dann wird’s lustig:

Deutschland signalisiert, dass drüben auch für amerikanische Fahrzeuge, wie Corvette nicht gerade Saison ist, und wir machen uns alternativ schlau indem wir jetzt hier Marktforschung für Jaguar XKE und Austin Healey betreiben. Inzwischen weist der Caddy erste Mangelerscheinungen auf... . Nach diversen , mit Marktforschung verbrachten Tagen will der Caddy am 19.12 nur noch vorwärts fahren und das mit ca. 30 kmh. Einen Tag später, nach dem Aufstehen, tut sich gar nichts mehr mit dem Caddy.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns einen Kleinwagen von Budget zu leihen, damit zu Rodenbergs zu fahren, um einen grossen Wagenheber mit Rädern zu leihen, diesen unter die Hinterachse des Caddys zu schieben, um ihn dann aus der Parklücke am Motel zu bekommen. Der Caddy ist hin! Aber immerhin schafft er es noch mit Kriechgeschwindigkeit um die nächste Straßenecke. Dort stellen wir Ihn ab, schließen sorgfältig alle Türen und werfen die Schlüssel in das nächste Gebüsch. Verkaufen können wir Ihn nicht mal an einen Schrotthändler, da wir nur im Besitz einer sog. „Temporary“ sind. Die Original Papiere sind noch in Arizona, und können von uns aus dort auch verschimmeln.

Ohne Auto dann zu FuĂź nach Rodenbergs, und ĂĽber Alternativen nachgedacht. Es ist jetzt bereits der 21.12 und Weihnachten steht vor der TĂĽr! Also werden Nahrungsmittel eingekauft und wir verbarrikadieren uns im Motel.

Die Weihnachtstage verlaufen ruhig, und wir wurden von den Rodenbergs gut bewirtet. Deutschland rät uns an jetzt zurückzukehren, doch wir sehen das noch nicht ganz ein... . Unsere Bewegungsfreiheit ist allerdings sowohl entfernungsbezogen als auch materiell sehr eingeschränkt.

Am 29.12. nehmen wir dann das Angebot von Michael und Sally an, in Ihre „Ferienwohnung“, eine alte chinesische Dschunke, die im Hafen von San Diego auf einem kostenlosen Liegeplatz verankert ist, einzuziehen. Das kostet uns nichts, außer dem Versprechen einige kleinere Wartungsarbeiten an Bord durchzuführen. Der Nachbar, Ray, der mit seiner Freundin dort ebenfalls auf einem Schiff wohnt, erlaubt uns sogar seinen Answering Service im Hafen und seine P.O. Box mitzubenutzen. Am ersten Abend bricht ein Sturm mit viel Regen los und wir schaffen es gerade noch zur Spielhalle am Hafen, wo es für 1 USD 10 Spieltoken gibt, mit denen wir uns relativ lange am Galaga Automaten aufhalten können...

Diese dort auf dem Wasser angesiedelte Kolonie bedarf jedoch einiger Beschreibung. Es handelt sich um die letzte freie Liegezone in den USA, dass heißt im Prinzip konnte sich hier jeder ein Häuschen oder ein Schiff auf das Wasser bauen und ohne Pacht liegen. Dementsprechend findet man auch einen kompletten Querschnitt durch alle Schichten der Bevölkerung hier: Angefangen vom Professor mit großem Haus und Luxusjacht – bis hin zum „Penner“ im überdachten Ruderboot. Leider musste ich feststellen, dass diese interessante Kolonie, als ich Jahre später wieder einmal nach San Diego kommen sollte, einem Luxus Yachthafen weichen musste. Wir sollten dort jedenfalls einige recht interessante Wochen verleben.

In den diesen ersten Januartagen des Jahres 1983 lesen wir auch erstmalig in einem kleinen Artikel in der L.A. Times von einer merkwürdigen Immunschwächekrankheit, die hauptsächlich in den Homosexuellenkreisen von San Franzisko Ihr Unwesen treibt. Diese Krankheit sollte später traurige Berühmtheit unter dem Namen „AIDS“ erlangen... . Damals machten wir allerdings noch Witze über Uffzi, Ali und Manni... .

Die Tage vergehen mit Spielen und Marktforschung (mit dem Bus!) sowie mit Reparaturversuchen an dem ebenfalls zur Dschunke gehörigen Motorboot, welches wir letztendlich aber nie zum Laufen kriegen sollten. Bald sollten wir auch kein Licht mehr an Bord haben, da das Gas alle ist, jetzt also immer mit dem Dunkelwerden ins Bett. Deutschland verspricht uns nun wieder Geld zu schicken, angedacht ist jetzt der Erwerb eines Austin Healey, der aber nicht mehr als USD 3000.- kosten darf. Unser Lebensunterhalt beläuft sich jetzt durch einige Tricks, die wir von Ray gelernt haben auf ca. USD 1,30.-/Tag. Dazu gehört geschicktes Ausnutzen der Happy Hours von Restaurants und das Wissen, wo man auf der Rückseite des Supermarktes eine Art Auberginen finden kann, die mit Öl gebraten und dann mit Käse überbacken auf Toast recht gut sättigen. 2 x die Woche ist jetzt Duschen in der Fischerdusche angesagt.

Übliche Routine, warten auf Geld, spielen (1 USD = 10 Token = 2 Stunden), versuchen das Motorboot zu reparieren, das Ersatzteil ist aber mit USD 125.- weit außerhalb unserer finanziellen Reichweite! Am 4.1 weckt uns Ray um uns den P.O. Box Schlüssel zu übergeben und gleichzeitig mitzuteilen, dass er für einige Tage nach Mexiko fährt, da es ihm hier zu kalt ist. Wir machen am gleichen Nachmittag entscheidende Fortschritte bei der Motorbootreparatur, indem wir herausfinden, dass das Teil, was im Starter kaputt ist nur USD 25.- kosten soll.

Am 9.1.1986 entschließen wir uns nochmals zu einer Autoauktion nach Phönix, Arizona zu fahren und mieten uns dort wieder in einem Motel ein, da der Colonel nicht zu Hause ist. Zur Abwechslung dann nach langer Zeit wieder ausgiebig ferngesehen. Auf der Autoauktion war aber nichts los. Durch weitere Recherchen in Zeitungen sahen wir uns dann noch einen Austin Healey und einen Ford Mustang an. Der Mustang hatte aber Rost! – und das in Arizona!

Am 14.1. beschließen wir dann, den erfolglosen Phönix Aufenthalt zu beenden und lassen uns durch den günstigen Flugpreis von nur USD 30.- bis San Diego verleiten, den Mietwagen am Flughafen abzugeben. Doch was wir am Flug sparen zahlen wir doppelt und dreifach bei der Mietwagenabgabe drauf! Und als wir dann spät nachts wieder in San Diego eintreffen folgt ein weiteres High Light dieser bis jetzt so erfolgreichen Unternehmung:

In San Diego angekommen, müssen wir frustriert feststellen, dass kein Bus mehr zu Hafen fährt, also mit viel Widerwillen ins Taxi, dann Horror pur, denn im Hafen angekommen, offenbart sich die Tatsache, die ich bereits vorausgesagt hatte, dass das Dingi, mit dem wir immer zur Dschunke rausrudern müssen, gestohlen wurde, Spuren der durchtrennten Eisenkette finden sich noch am Liegeplatz ..
Es ist mittlerweile 00.30 Uhr! Mit viel Mühe treiben wir dann noch an einer anderen Anlegestelle 3 suspekte Typen auf, die uns trotz eigener Schwierigkeiten (zu hoher Alkoholgenuss) zur Dschunke bringen. Jetzt ist es ca. 3.00 Uhr morgens. Morgens irgendwie rumgewunken, damit uns jemand wieder mit an Land nimmt, danach den ganzen Hafen abgelaufen und gesucht – ohne Erfolg. Auch die Polizei interessiert sich mehr für unsere Aufenthaltsgenehmigung, als für das gestohlenen Dingi, deshalb auch von dort schnell wieder verschwunden. Michael rotiert und fordert uns auf solange zu suchen, bis wir das Boot wieder haben!

Also was bleibt uns übrig: Wir klauen das Dingi von Ray (ziemlicher Schrott, aber er ist immer noch in Mexiko) und rudern den ganzen Hafen ab und oh Wunder , wir finden das Boot wieder, allerdings ohne Ruder. Die sind und bleiben verschwunden. Aber das ist schon mal besser als nichts. Haben uns solange erst mal Rays Ruder ausgeliehen... . und eine besonders dicke Eisenkette (1/2 zoll) gekauft. Die nächsten Tage verbringen wir dann in Los Angeles (wieder mit einem Mietwagen) und finden dann auch endlich ein etwas reparaturbedürftiges, grünes Mustang Cabriolet, zu dessen Kauf wir uns entschließen.

Gleichzeitig kĂĽmmern wir uns jetzt auch um unseren RĂĽckflug und finden dann in der Old Topanga Canyon Road ein kleines, auf Europa FlĂĽge spezialisiertes ReisebĂĽro, Watrauds German-American Travel Agency.

Waltraud, die Inhaberin, lebt dort in einer umgebauten Kirche mit einer behinderten alten Frau und vielen Tieren. Ein Zimmer ist auch BĂĽro. Wir bekommen, als wir an einem stĂĽrmischen Abend dort einfallen, erst mal Whisky am offenen Kamin angeboten. Waltraud verspricht sich um unsere Tickets zu kĂĽmmern. Eine Anzahlung will sie nicht.

Im Laufe der nächsten Tage sollten wir dann alle Schrotplätze und Mustang Spezial Schrottplätze von L.A. kennenlernen, denn unser Cabriolet war eben nicht mehr neu, und was man hier schon erledigen konnte, ist bestimmt billiger. Am 27 1. verlasen wir dann L.A wieder, um bei stürmischem Wetter auf die Dschunke zurückzukehren, Geld haben wir auch keins mehr, aber der Typ von der Spielhalle (1USD =10 Token = 3,5h) ist erfreut uns wiederzusehen.

Die nächsten Tage obliegen wieder unserem Tagesablauf für San Diego, morgens erst Bank, dann Spielhalle, dann versuchen Motorboot zu reparieren. Ray ist auch wieder da, und wir geben Ihm die geklauten Sachen zurück. In der ersten Nacht, die wir wieder an Bord sind, bricht dann ein großer Sturm aus, der auch bei Ray einigen Schaden verursacht.
Michael teilte uns in diesen Tagen mit, dass er plane die Dschunke zu verkaufen, wir sollten dann eventuelle Interessenten herumfĂĽhren und abholen. Aber wie zu erwarten kam dann der angekĂĽndigte Interessent doch nicht. Auch alle weiteren Reparaturversuche am Motorboot bleiben ohne nennenswerten Erfolg.
Die nächsten Tage vergehen:
Spielhalle (1USD = 10 Token = 4h), Bank (negativ) , Bootsarbeiten (wieder ohne Erfolg, das besorgte Ersatzteil gibt sofort wieder den Geist auf!), Telefonate (ohne Ergebnisse).

Lichtblick: Am 1.2.1983 treffen aus Deutschland USD 600.- und kurz danach noch mal USD 800,. ein.
Sofort alles abgehoben., und versucht nochmals ein Starterteil zu kaufen, aber natürlich erfolglos, unser letztes war auch deren letztes. Bei einem anderen Händler dann doch noch mal welche bekommen (2 Stück). Aber auch die gehen sofort wieder baden. Jetzt endgültig die Faxen dicke. Aufgegeben!

Kurzfristig bricht dann auch ein weiterer, heftiger Sturm aus, der ein Verlassen der Dschunke unmöglich macht, in einer kurzen Pause schlagen wir uns aber zum Land durch und fahren nach L.A., um bei Waltraud den Rückflug zu bezahlen.

Es ist jetzt bereits Februar 1983 und die nächsten Tage vergehen mit Fahrten nach L.A, Organisation des Fahrzeugtransportes nach Europa, sowie Beschaffung der verschiedensten Ersatzteile dafür. Außerdem müssen wir zwischendurch einigen Interessenten die Dschunke zeigen und nicht zu vergessen: Regelmäßiges Galaga spielen am Automaten. Üblicherweise passieren auch wieder die insgesamt normalen Pannen: So zerbricht zum Beispiel die einzig verfügbare, gebrauchte Frontscheibe für unser Fahrzeug in ganz L.A. beim Ausbau durch den Inhaber des Schrottplatzes. Kostet uns ca. 2h Wartezeit ohne Erfolg dann.

Wir beheben dann unter anderem diverse Sturmschäden bei Rodenbergs und bei Ray, demolieren ein Motel-Zimmer, weil zu teuer und pendeln oft zwischen San Diego und L.A. hin und her, wohnen dort im alten Motel und in San Diego auf der Dschunke. Licht haben wir dort immer noch nicht, auch die Petroleum Lampe kriegen wir nicht hin – das übliche also. Im Laufe der letzten Tage bekommt Ray auch von uns neue Ruder, es regnet jetzt andauernd und alles ist klitschnass und trocknet nicht.

In Deutschland bereite sich Ali derzeit auf seine Vor Diplom-Nachprüfung an der Uni vor und ist wenig ansprechbar. (Vielleicht ist er aber auch regelmäßig bei Manni!)


Am 14.2 1983 enden die Eintragungen im Tagebuch, nachdem die letzten Tage noch mit Spielhalle und diversen Reparaturarbeiten verbracht wurden. Michael Rodenberg brachte uns dann nach LAX und wir verlieĂźen das Land, in dem wir solange mehr oder weniger freiwillig festsaĂźen. Als letzte Post erhalten wir dann noch Nachricht von der Anaheim Police, die uns mit einem kurzen Anschreiben mitteilt, dass der Caddy verschrottet wurde... .

Die Tagebuch Eintragungen enden hier – nicht jedoch die Geschichte, die geht noch etwas weiter.... Man könnte auch sagen: Jetzt geht’s los.... .

Wieder in Deutschland machte man sich dann auch zum Einen Gedanken über den weiteren studentischen Werdegang, es werden Studienorte und Fächer gewechselt – so wird Geng jetzt Student der Wirtschaftswissenschaft, Ali und ich wechseln nach Wuppertal in die Textilchemie und Uffzi bleibt bei Jura in Köln. Christoph S. wechselt ebenfalls. (Von Jura zu Wirtschaftswissenschaften), wird aber später diesen Studiengang –im Gegensatz zu Geng - auch mit Diplom abschließen.

Einige Wochen später holt uns dann die USA wieder ein, indem der Mustang in Bremerhaven angekommen ist... . Geng´s alter Ford Granada Kombi muss als Zugmaschine herhalten, da er als einziger eine Anhängerkupplung hat, gemietet wird zusätzlich ein nagelneuer Karo Autoanhänger (ohne Vollkasko – Fehler!).

Auf jeden Fall sind wir alle vier dabei als der Wagen übernommen wird, und machen uns dann mit dem Gespann über die A1 auf den Nachhauseweg, als die Zugmaschine mit Hänger und Mustang dann in der Nähe von Osnabrück und mit mir als Fahrer ins Schleudern gerät (Geng rät noch zu bremsen, aber beschleunigen wäre richtig gewesen) und in der Böschung landet. Die recht unhöfliche Polizei stellt alles sicher und droht dem Halter Geng und mir (als Fahrer) mit 5 Punkten, einer Anzeige und hoher Geldstrafe und vielem mehr – wegen Überladung. Mustang ist Teilschrott, Anhänger ist Vollschrott, Schaden für uns ca. DM 25.000.-

Nach der Freigabe, einige Wochen später, verbringen wir das Fahrzeug noch in unsere Garage, aber richtig Lust und Geld um irgend etwas zu tun hat keiner von uns mehr. Geng schießt Geld vor, Ali geht arbeiten, ich arbeite Schicht bei Feldmühle und Uffzi besorgt sich auch auf irgend eine Art Geld. Christoph S. verleiht und profitiert.

Im Sommer 1983 verkaufen wir den Mustang dann, nach einer Anzeige in Auto, Motor und Sport nach Hamburg an irgend welche Zuhälter für DM 9500.- . Die kommen einfach so vorbei, zahlen bar, schrauben ein Nummernschild dran, und fahren weg. Ich habe nie wieder von Ihnen oder dem Mustang gehört.

Das letzte Nachspiel (ironischerweise der einzige finanzielle Erfolg) für uns vier findet Im Amtsgericht Osnabrück an einem eiskalten Novembermorgen 1983 statt. Die Verhandlung soll gegen Geng und mich eröffnet werden, Uffzi und Ali sind als Zeugen geladen.

Wir fahren alle vier mit meinem 70 DM Kadett. Die ganze A1 ist voller Glatteis und die geladenen Polizisten erscheinen nicht. Geng wird zu DM 30.- verurteilt, ich werde freigesprochen, der Rest bekommt je DM 70.- Zeugengeld – also unser Mittagessen.

Kurz danach verabschiedeten wir uns alle vier aus der freien Wirtschaft und verbringen unserer Zeit wieder mit dem regulären Studentenleben, um aus unseren verkorksten Werdegängen doch noch das Beste herauszuholen... .

Und was aus uns geworden ist, das wissen wir dann heute... .

F.-K. Weide , RĂĽckblick auf 1982/83 in 2003




















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Gruss
Friede

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