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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Das wahre Wunder
Eingestellt am 23. 12. 2007 17:00


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AnBa
AutorenanwÀrter
Registriert: Dec 2007

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Bisher habe ich nur Kindergeschichten geschrieben. Dies ist mein Ausflug in eine andere Kategorie. Ich bitte sehr um ehrliche Kritiken. Vielen Dank.


Das wahre Wunder

Gibt es Wunder wirklich? Diese Frage stellt sich die Menschheit, so lange sie denken kann. Sollen wir Dinge glauben, die den Gesetzlichkeiten von Natur, Wissen und Geschichte widersprechen und uns somit in Erstaunen versetzen? Glauben wir den Augen- und Ohrenzeugen, die von unfassbaren Erlebnissen berichten? Nun, ob ein Ereignis ĂŒbernatĂŒrliche ZĂŒge trĂ€gt, liegt sicher im Auge des Betrachters. Es gibt aber ein Geschehnis, das jeder Mensch, egal welcher Herkunft, welcher Religion und welchen Alters als wahres Wunder bezeichnet, obwohl es jeden Tag millionenfach unter uns ist.

Mein wahres Wunder begann an einem frĂŒhen Samstagmorgen mit einem leichten Ziehen in der linken Bauchseite. „Bestimmt wieder falscher Alarm.“, dachte ich, ignorierte den hart werdenden Bauch und wuchtete mich unbeholfen wie ein Walross auf die andere Seite. Nach einer Stunde wiederkehrenden Reißens innerhalb meiner Bauchdecke, entschloss ich mich, die Nachhaltigkeit dieser „verheißungsvollen“ AnkĂŒndigung zu ĂŒberprĂŒfen.

So lag ich die nĂ€chste halbe Stunde in der Badewanne, missachtete meine durch das heiße Wasser hervorgerufenen SchwindelanfĂ€lle und hoffte, der Kelch wĂŒrde heute noch mal an mir vorĂŒbergehen. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“, schoss mir plötzlich ein altes Sprichwort durch den Kopf und ich schob in Gedanken ein geseufztes „Leider.“ hinterher. Ich hatte Angst! Verzweifelte, unbĂ€ndige, verwirrte Angst und ich ahnte, dass sie solange anhalten wĂŒrde, bis mein Wunder vollbracht war. All die unzĂ€hligen (leider auch wahrhaftigen) Berichte meiner Freundinnen schossen durch mein Gehirn und hinterließen eine wahre Feuerbrunst an Emotionen. Selbst das in Unmengen durch meinen Körper rasende Adrenalin bewirkte leider nicht, dass sich meine GebĂ€rmutter beruhigte. Wieso auch? Meine GefĂŒhle, Sorgen, Ängste und WĂŒnsche ignorierend, zog sie sich stoisch in ihrem eigenen Rhythmus zusammen. „Hinaus, hinaus!“, schien sie zu rufen, leise noch, doch schon entscheidend.

Nachdem ich das Wasser, jedoch nicht die Angst, von mir abgeschĂŒttelt hatte, gab ich diesem Rufen nach, alarmierte meinen Mann, zerrte meine Krankenhaustasche unter dem Bett hervor (die war vorschriftsmĂ€ĂŸig seit drei Wochen gepackt), drĂŒckte sie ihm in die Hand und ging erst einmal in die KĂŒche, um mir einen „beruhigenden“ Kaffee zu kochen. Als ich wie ein HĂ€ufchen Elend am KĂŒchentisch saß, hörte ich, wie oben hektisch SchranktĂŒren geknallt wurden und der Wasserhahn im Bad fĂŒr eine Millisekunde lief. Der Adrenalinstoß schien meinen Mann also auch erreicht zu haben. Halleluja!

Die Fahrt zum Krankenhaus glich einer stetigen Berg- und Talfahrt und ich meine damit nicht die Eigenschaften der Wegstrecke, sondern die rege Abwechselung zwischen Entspannung und Kontraktion. Selbst beim rasantesten Fahrstil meines Mannes habe ich nicht so verkrampft im Beifahrersitz gesessen und das Ende des Trips herbei gesehnt, wie ich es zu diesem Zeitpunkt tat.

Nach dem Einzug in die gebÀrtechnische Abteilung des Krankenhauses und der Verkabelung meines voluminösen Bauches, kam die Dienst habende Hebamme (ich sollte noch so einige andere kennen lernen) zu dem Entschluss, dass eigentlich noch nicht so viel in meiner derzeit
wichtigen Bauchregion los war.

Wie? Was? Ich hatte mich doch sicher verhört. Wenn zu diesem Zeitpunkt meine GebĂ€rmutter noch nicht mit vollem Einsatz fleißig war
was kam denn dann noch?!
Blankes Entsetzen erfasste mich und ließ mir den Angstschweiß aus allen Poren treten. Zaghaft bat ich um die Kontrolle meines Muttermundes. „Na, der wird sich doch wohl schon wenigstens angestrengt haben.“, hoffte ich instĂ€ndig und betet das erste Mal seit Jahren wieder zu Gott.

Die ErnĂŒchterung folgte gleich auf dem Fuße. Zwei Zentimeter! Zwei, nicht acht oder neun. FĂŒnf wĂ€ren auch nicht schlecht gewesen, aber zwei? Selbst mein Mann wusste, dass das nicht viel war, wenn man 12 Zentimeter brauchte und so schaute er mich mitleidig an.

„Aber warum kommen die Wehen denn dann schon so oft?“ fragte ich mit zusammengebissenen ZĂ€hnen, wĂ€hrend eine von diesen ĂŒber mich hinwegrollte.
Ich bekam ein Schulterzucken und ein gemurmeltes: „Scheinen ineffektiv zu sein.“ zur Antwort.

Dieser Satz sollte mich die nĂ€chsten 18 Stunden wie ein wahrhaftiger Fluch verfolgen, ließ mich mehrere WannenbĂ€der praktizieren, SitzbĂ€lle behĂŒpfen, an Seilen festkrallen, meinen Mann beschimpfen, weinen, schreien, verzweifeln, um kurz vorm Ende nur noch ein Schatten meiner selbst zu sein.

Auch die viel gepriesene RĂŒckenmarksnarkose (natĂŒrlich nur was fĂŒr Weicheier, wie ich eines bin) hielt nicht das, was mir die Ärzte versprochen hatten. Leider legte die nĂ€mlich nur eine Seite meiner Bauchnerven lahm, so dass die andere in den vollen Genuss der Übergangswehen kam.

In meiner Pein keimte langsam Irrsinn auf. „Wer hat sich das Wort Wehen eigentlich ausgedacht?“, kreischte ich aufgebracht in einer kurzen Verschnaufpause. „Wehe sie kommen, oder was? Oder wehret euch? Ohhhh, das tut weeehhh.“, unterbrach mich die nĂ€chste Wehe und machte ihrem Namen alle Ehre.

„Wunder? Wer sagt denn, dass eine Geburt ein Wunder ist?“, ereiferte ich mich zwei Minuten spĂ€ter. „obwohl, es steckt das Wörtchen Wunde darin. Wenn das hier zu Ende ist, dann bin ich nur noch eine einzige, riesige Wunde!“ Auch hier konnte ich meine Gedanken nicht zu Ende spinnen, denn die nĂ€chste Kontraktion raubte mir den Atem.

Die letzte halbe Stunde dieses Martyriums erlebte ich in einem umnebelten, komaĂ€hnlichen Zustand. Ich konnte nicht mehr klar denken und tat nur das, was mir die Ärzte und Hebammen hektisch zuriefen. „Pressen“, „Atmen.“, „Nicht pressen!“, „Auf gar keinen Fall pressen, jetzt kommt die Saugglocke!“

SAUGGLOCKE?! Urplötzlich war ich wieder hellwach und schrie: „Niemals! Keine Saugglocke. Bitte, bitte machen sie einen Kaiserschnitt. Mein armes Kind!“ Ich fing hemmungslos an zu schluchzen. Jetzt war sie wieder da, die Angst, fĂŒr die ich die letzten Stunden keine Zeit mehr gehabt hatte. Mit brachialer Gewalt ĂŒberlagerte sie alles, was ich fĂŒhlte, selbst den Schmerz der Presswehen. Was hatte ich nicht schon fĂŒr grausame Geschichten ĂŒber Saugglockengeburten gehört!

Doch es war schon zu spĂ€t, die Saugglocke saß und zwei, drei Presswehen spĂ€ter war alles vorbei.

Vorbei? Nein, denn dann begann das wahre Wunder, auf das ich so lange gehofft und gewartet hatte. Die Hebamme legte mir das Schönste, was ich je gesehen habe auf meinen erschlafften Bauch. Es war klein, zart und duftete, wie Babys nur duften können. Die großen, dunklen Augen betrachteten mich voller Urvertrauen und die schmalen Ärmchen fuchtelten unkoordiniert durch die Luft. „Wir haben es geschafft.“, flĂŒsterte ich dem kleinen Wesen ins Ohr und mein Herz quoll ĂŒber vor Freude, Liebe und der Erkenntnis, dass das Leben uns manchmal ĂŒbernatĂŒrliche KrĂ€fte abverlangt. Dies war zweifelsohne ein unfassbares Ereignis gewesen, welches uns zum Staunen bringt. Ein wahres Wunder eben.


Version vom 23. 12. 2007 17:00

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