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Leselupe.de > Kurzprosa
Das zweite Orakel des Todes
Eingestellt am 08. 11. 2006 19:57


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Zaunk├Ânig
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Das zweite Orakel des Todes

Sie war nicht unbedeutend m├╝de.

Lebensm├╝de.

Ihr Name tut nichts zur Sache. Sie war ein Wal, sie war ├Ąlter als Methusalem. In ihrem Bauch hatte sie einst den Jonas beherbergt. Und sie hatte das menschliche Leben ausgespien, an Land geworfen.

Und sie hatte unz├Ąhligen Kindern das Leben geschenkt, die in ihrem Bauch herangewachsen waren, aber keines von ihren Nachkommen lebte mehr. Sie hatte sie alle ├╝berlebt. Und nun w├╝rde in ihrem Bauch nichts Lebiges mehr heranwachsen k├Ânnen.

Ruhelos trieb das riesige Tier in den weltumspannenden Wassern der Ozeane, dem Urquell alles Lebendigen. Um in eben jenem ureigensten Elixier des Lebens dem grausamsten aller Tode entgegen zu treiben.

Unf├Ąhig, das Leben weiterzugeben, hatte auch ihr eigenes, individuelles Leben seinen Sinn eingeb├╝├čt.

Lieber w├Ąre es ihr da schon gewesen, h├Ątte sich die hakenbewehrte Harpune des Walf├Ąngers in ihr Fleisch gebohrt. Aber es gab keine Harpunen mehr; auch keine J├Ąger, die sie h├Ątten abschie├čen k├Ânnen.

Es gab ├╝berhaupt keine Menschen mehr.

Schwerm├╝tig pfiff die Luft durch das ├Âlverschmierte Atemloch des Riesentiers.

Oben, auf dem Festland, hatte die Herrschaft der Maschinen begonnen, hatte das Leben unterdr├╝ckt und geknechtet und schlie├člich ganz ausgel├Âscht.

Nach hier unten, da, wo dieses Leben einst seinen Ursprung genommen hatte, in dieses letzte Refugium hatte es sich nun zur├╝ckgezogen.

Sie war das letzte lebende Tier ihrer Art, sie war das letzte Lebige ├╝berhaupt. Und sie war ├Ąlter als Methusalem.

Noch einmal pfiff die Luft resignierend aus dem riesigen K├Ârper.

Es war ihr letzter Atemzug.

Mit ihm stieg eine Wasserfont├Ąne hoch empor ├╝ber ein unendlich scheinendes, grauschwarz sich wiegendes Sterbelaken.

Aber kein Auge war mehr da, diesen letzten Abschiedsgru├č des Lebens zu schauen.
__________________
Werner Fletcher

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