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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Dbnshübrigens
Eingestellt am 28. 04. 2005 20:06


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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Ich setze mich zu ihm, weil er so schön ist.


Braune Locken, sinnlicher Mund, schmales Gesicht, Augen wie Eiswasser. Und eine schöne Stimme hat er auch, aber das weiß ich bloß deswegen, weil ihn der Schaffner gefragt hat, ob er umsteigen muss.

2 Stunden Zugfahrt mit diesem erfreulichem Anblick vor Augen, das klingt angenehm. Ist es aber nicht. Weil mir seit Neuestem bei solchen Gelegenheiten immer diese absurde Idee im Kopf herumspukt: Du solltest es ihm sagen. Wie hübsch er ist, nämlich. Nicht etwa, um mit ihm anzubandeln! Aber wirklich nicht! Nein, erst beim Aussteigen, nachdem man 2 Stunden lang kein Wort miteinander gewechselt hat, aus heiterem Himmel, beiläufig: Achja, du bist sehr hübsch, übrigens. Und Abgang.

Anstatt mich also an braunen Locken zu ergötzen, martere ich mich die nächsten Stunden mit Fragen: Soll ich oder soll ich nicht? Warum will ich überhaupt? Und, vielmehr: warum will ich nicht? Denn ich will ja, weil ich eben nicht will, weil es mich eine Mörderüberwindung kosten würde. Mutprobe, quasi. Warum eigentlich? Ich seh den nie wieder!

Ich habe noch nie einem fremden Mann gesagt, dass ich ihn schön finde. Als würde ich ihm damit zu nahe treten. Aber was hieße es schon? Ich will ja nichts von ihm. Genauso wenig wie vom Marmordavid und von Johnny Depp. Es ist doch nur Schönheit. Und von meiner Seite her aestethisches Empfinden, nicht etwa Hingezogen-Sein. Er müsste sich nicht belästigt fühlen.

Allerdings gibt es kaum etwas Überflüssigeres als die Feststellung von Schönheit.

Ausgerechnet diese entbehrlichste aller Aussagen ist aber die einzige, die mir ein echtes Bedürfnis ist. Da ist nichts, was ich weiß, was alle anderen auch wissen müssten. Schuld ist auch die Beschaffenheit der Welt: Wie oft will ich sagen „Wie schön!“, wie selten: „Wie wahr.“ Es wäre die einzige Aussage, die ich tätigen würde, wenn ich nicht meine Stimme so gern hörte.

Ich schätze, das ist der gute, alte „Herz voll = Mund geht über“-Effekt, und nein: ich widerspreche mir nicht, das hat nach wie vor nichts mit Verliebtheit zu tun, denn es kann auch allein die Schönheit das Herz ergreifen, nicht nur die Person.

Andererseits glaube ich ernsthaft, dass es nur sehr wenig schöne Männer gibt, die nicht im Grunde ihres Herzens wissen, dass sie schön sind.

Einem sehr schönen Menschen zu sagen, dass er schön ist, bringt jedenfalls unter dem Aspekt „eine gute Tat tun und jemandes Selbstbewusstsein stärken“ relativ wenig, denn entweder a.) er hat das nicht wirklich nötig, und es ist womöglich eher genervt, dauernd auf sein Äußeres reduziert zu werden oder b.) seine Körperwahrnehmung ist dermaßen verzerrt, dass sowieso nur mehr eine gründliche Aufarbeitung tiefsitzender Kindheits-Traumata hilft.

Ich weiß selbstredend, dass all diese Überlegungen nichts als faule Ausreden sind, weil ich einfach zu feig bin. He, es wäre ein Kompliment. Ein aufrichtiges noch dazu, und daran kann doch nichts falsch sein.

Also fasse ich mir beim Aussteigen ein Herz, und sage, während ich die Tür hinter mir schließe, mit meiner meistens viel zu lauten Stimme, die mich schon so oft in peinliche Situationen gebracht hat, weil man mit mir einfach nichts besprechen kann, ohne dass alle im Umkreis von 20 Meilen es mitkriegen: Dbnshübrigens.

Ich wusste gar nicht, dass ich so nuscheln kann.

Also, Männer, wenn euch das nächste Mal wer mit zusammengepressten Zähnen und gesenktem Blick so was wie Dbnshübrigens entgegenfletscht – fühlt euch gefälligst geschmeichelt, klar?

Beziehungsweise, wollt ihr das überhaupt hören? Von jeder?

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