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Leselupe.de > Anonymus
Deftig
Eingestellt am 28. 10. 2009 14:19


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Anonymous
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Deftig

Das Essen und die Späße
waren deftig
auf unseren Familienfesten
Oma Mathilde machte Braten
und die Familie schlang und schwatzte

Zum Nachtisch gab’s erst Eis
dann Schnaps
wir Kleinen durften daran riechen
und alle prusteten heraus
wenn wir uns angewidert wanden

Ein Mal versuchte ich zu nippen
doch Vaters Hand
war schneller als der Schluck
ich heulte auf und spuckte

Am frĂĽhen Abend
wenn Bier und Schnäpse schneller flossen
begannen gellend Diskussionen
wir Kinder spielten – nicht zu laut
bis Mutters Hand zur Garderobe riss
Wir gehen! hieĂź es immer kurz
Verwirrt lieĂź ich mich ziehen


Mein Opa starb vor vielen Jahren
Oma Mathilde kam ins Heim
Ich hab sie nie besucht

Vergessen

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HerbertH
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quote:
Vergessen

Ich hab sie nie besucht
Oma Mathilde kam ins Heim
mein Opa starb vor vielen Jahren

verwirrt lieĂź ich mich ziehen
wir gehen! hieĂź es immer kurz
bis Mutters Hand zur Garderobe riss
wir Kinder spielten – nicht zu laut
begannen gellend Diskussionen
wenn Bier und Schnäpse schneller flossen
am frĂĽhen Abend

ich heulte auf und spuckte
war schneller als der Schluck
doch Vaters Hand
ein Mal versuchte ich zu nippen

wenn wir uns angewidert wanden
und alle prusteten heraus
wir Kleinen durften daran riechen
dann Schnaps
zum Nachtisch gab’s erst Eis
und die Familie schlang und schwatzte
Oma Mathilde machte Braten
auf unseren Familienfesten
waren deftig
das Essen und die Späße
heftig

So wird auch ein Schuh draus











__________________
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Anonymous
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Hallo Herbert,

hmmm ... sei mir nicht böse, aber ich kann den Sinn der Umstellung nicht erkennen. Erklärst Du ihn mir?

Hallo Jon,

quote:
Der Schuh drückt dann aber heftig … Obwohl er irgendwie in die gefühlt richtigere Richtung geht.

An Dich die gleiche Frage, wenn's R/recht ist?

quote:
Und wiedermal meine Frage: Warum Verse? Hier stört es mich zum Beispiel deshalb so sehr, weil die Struktur meinem Lesen eine Melodie aufzwingt, die wie ein Fremdkörper über dem eigentlich in Prosa gehaltenen Inhalt liegt, ihm eine Betonung aufzwingt, die dem Inhalt zuwiderläuft.

Warum findest Du, dass sie dem Inhalt zuwiderläuft? Ich finde, es geht schon um einen gefühlten Fremdkörper.

quote:
Gemeint sind vor allem die Strophenenden, die der Melodie folgend stark "abwärts klingen", beinahe beiläufig, als müsste eben nur der Staz noch komplettiert werden, obwohl hier der Inhalt mindestens "Schwebe" verlangt
Oder ist das Absicht? Die für das LyrIch wichtigen Zeilen (in denen von ihm die Rede ist), so wie "ach übrigens" klingen zu lassen? Dann wäre es genial gemacht.
Ich finde es eigentlich viel reizvoller, gerade das Unsagbare bzw. Wichtige scheinbar unauffällig/beiläufig (ver)klingen zu lassen. Ansonsten wirkt es mir meist viel zu dicke.

quote:
Ich wĂĽrde das kratzige Ding trotzdem nicht schlucken

Dann kratzt es wohl nicht "richtig". Das hatte ich befĂĽrchtet, schade ...

Vielen Dank fĂĽr Eure Kommentare!

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jon
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Zur umgekehrten Reihenfolge: Es gibt keine logischen Grund, warum ich es umgekehrt (also anfangend bei "Vergessen" "richtiger" empfinde – es ist eben so. Vielleicht weil es im Leben oft so ist, dass man mit einer Erkenntnis/einem Gedanken anfängt (Mist, schon wieder vergessen, Oma zu besuchen!) und daran eine Gedanken-/Erinnerungskette anschließt. Oder weil es eine "schönere" literarische Spannung ergibt, wenn man mit einem Ergebnis anfängt und dann erzählt, wie es dazu kam. Oder … (Aber einfach nur die Zeilen von unten nach oben lesen reicht nicht, das hakt es doch zu sehr – dieser {schönere} Schuh drückt dann doch zu sehr.)

Verse … Die Strophen und der Rhythmus erzeugen eine Art Lied, eine Leichtigkeit und einen Abstand (wie bei Bänkelliedern, wo man aus sicherem Abstand wohlige Schauer über das Grauen der anderen spürt). Zugleich sind die Worte und Inhalte so gnadenlos direkt und über-präzise (sich winden, herausprusten, aufheulen, gellen, reißen …) dass man förmlich mit der Nase aufs Geschehen gepresst wird – keine Chance, es wohltuend verschwommen und milder interpretierbar wahrzunehmen.
   Wenn der Effekt des "passt nicht" Absicht war, dann ist das traumwandlerisch gut gelungen und findet meine Anerkennung. Der "KĂĽnstler" in mir nickt hochachtungsvoll. Aber schmecken tut dem "Leser" das Gericht trotzdem nicht. So wir mir z. B. Fenchel nicht schmeckt, obwohl ich weiĂź, dass er genial u. a. zu Fisch ist.

Ich habe beim Schreiben des Komms zuerst wirklich erstmal innerlich die Augen verleiert über die Verse (so oft wird Prosa einfach zerhackt und dann als Lyrik verkauft). Bei der Suche nach Gründen, warum es mich hier stört (und zwar mehr als sonst), ist mir diese Diskrepanz bewusst geworden und vor allem der Strophenende-Effekt. Das fand ich recht interessant. Ich habe schließlich eine "Botschaft"/einen Inhalt rausgelesen, die/den ich vorher nicht sah. Sehr spannend und lehrreich.
   Dieser Inhalt ist: Eigentlich erinnert man sich doch daran, was man(!) erlebt hat, das Zentrum der Erinnerung ist also das Ich. In den Strophenenden wird es hier zur Nebensache "vertont". So, als wĂĽrde "ich" sich nicht wirklich erinnern wollen an das, was es damals fĂĽhlte. Oder als wĂĽrde es heute Empfindungen damit verbinden, die unangenehm sind (manchmal erkennt man ja erst im Nachhein das "Schlimme").
   Dadurch klingt das Ganze recht bitter und gleichzeitig so, als wĂĽrde die Bitterkeit beiseit gewischt und durch GleichgĂĽltigkeit (oder "ist vorbei") ersetzt werden sollen. Wenn das so Absicht war, dann ist es gut gemacht, Respekt. Zugleich klingt es aber, als sei es noch Prozess, als fände dieser Austausch noch statt. Der Autor (und ich sage bewusst nicht das LyrIch) scheint damit noch nicht fertig (ob es nun genau diese Situation ist, die noch zu verarbeiten ist oder sie fĂĽr etwas anderes steht, weiĂź ich nicht, und es ist auch egal). Er – der Autor – scheint noch immer das Ganze von seinem Innern fernhalten zu mĂĽssen und das fĂĽhrt dazu, dass er es auch vom Innern des Lesers fern hält. Darum, glaub ich, erkennt mein Kopf zwar das gut Gemachte, mein Herz/Bauch findet aber keine Beziehung dazu (höchstens die des "es kratzt und beiĂźt etwas").
   Auch die "verkehrte Reihenfolge" ergibt unter diesen Aspekt Sinn: Hätte der Autor/das LyrIch mit dem Thema abgeschlossen, wĂĽrde ein Reiz kurz die Erinnerung wecken und gut. So sieht es aber aus, als wäre die Erinnerung immer da und wĂĽrde (permanent) die Handlungen/Entscheidungen bestimmen. Wenn nämlich "ich vergesse" Ergebnis des Textes (der Erinnerung) ist, ist das was anderes als wenn es der Auslöser fĂĽr den Text ist.

Das ist es, was ich rauslese, mir "raus erarbeitet" habe beim Nachdenken über die Wirkung des Textes auf mich. Ob es stimmt – keine Ahnung. Kann natürlich sein, dass der Autor dieses Strukturen mit ganz anderem Ziel gebaut hat und diese Wirkung zufällig entsteht (dann ist – zumindest wenn ich als Leser-Maßstab gelten würde – was schief gegangen). Kann auch sein, dass er das gar nicht "gebaut" hat, dann hat sich vielleicht was Unbewusstes Bahn gebrochen (oder es wieder nur Zufall). Oder es war genau so gewollt – dann kann es immer noch (theoretisch) vollständig fiktiv sein.

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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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Hallo Jon,

erst einmal vielen Dank, dass Du Dich noch einmal so intensiv mit dem Text auseinander gesetzt hast.

quote:
Zur umgekehrten Reihenfolge: Es gibt keine logischen Grund, warum ich es umgekehrt (also anfangend bei "Vergessen" "richtiger" empfinde – es ist eben so. Vielleicht weil es im Leben oft so ist, dass man mit einer Erkenntnis/ Gedanken anfängt (Mist, schon wieder vergessen, Oma zu besuchen!) und daran eine Gedanken-/Erinnerungskette anschließt.

Die Gedankenkette könnte durch das „deftig“ bzw. das Essen ausgelöst worden sein. Häufig ist es doch so, dass eine Erinnerung durch Kleinigkeiten getriggert wird und zu einem für die jeweilige Person wichtigen Ergebnis führt, wobei dieses (noch) gar nicht unbedingt analytisch durchdrungen sein muss.

quote:
Verse … Die Strophen und der Rhythmus erzeugen eine Art Lied, eine Leichtigkeit und einen Abstand (wie bei Bänkelliedern, wo man aus sicherem Abstand wohlige Schauer über das Grauen der anderen spürt).

Zunächst einmal freut es mich sehr, dass Du den Rhythmus erlesen konntest.

quote:
Zugleich sind die Worte und Inhalte so gnadenlos direkt und über-präzise (sich winden, herausprusten, aufheulen, gellen, reißen …) dass man förmlich mit der Nase aufs Geschehen gepresst wird – keine Chance, es wohltuend verschwommen und milder interpretierbar wahrzunehmen.

Hmmm … Weiß gerade nicht, ob mir das gefällt. „Verschwommen“ und „interpretierbar“ mag ich, „wohltuend“ und „mild“ nicht so …

quote:
Wenn der Effekt des "passt nicht" Absicht war, dann ist das traumwandlerisch gut gelungen und findet meine Anerkennung. Der "KĂĽnstler" in mir nickt hochachtungsvoll. Aber schmecken tut dem "Leser" das Gericht trotzdem nicht. So wir mir z. B. Fenchel nicht schmeckt, obwohl ich weiĂź, dass er genial u. a. zu Fisch ist.

Das nehme ich jetzt einfach mal als Kompliment.

Zu allem, was Du im Weiteren geschrieben hast, kann ich nichts sagen außer: Deine Gedanken/Eindrücke haben mir tatsächlich kurz den Atem geraubt. Dass Du all das aus den Zeilen herauslesen konntest, ist schon fast beängstigend. Ich kann, muss(?) jeden einzelnen Punkt unterschreiben.
Du bist eine der wenigen Personen hier, mit der ich jetzt keine Diskussion über LyrIch und Autor vom Zaun brechen möchte, weil ich weiß, dass Du den Unterschied kennst, dass Du sehr fein trennen kannst.

Mein Fazit: Ich finde den Text auch kratzig, aber ich gestatte es ihm. Wenn es ihm gelingt, all das zu transportieren, hat er seine Berechtigung und vielleicht auch Stärke.

Vielen vielen Dank fĂĽr Deine Kommentare!

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