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Leselupe.de > Kurzprosa
Deine Mutter ist eine Hure, oder?
Eingestellt am 22. 10. 2007 19:58


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Nelinett
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2006

Werke: 6
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Und sie haben geschrieen, dass ich hässlich bin, dass ich nichts wert bin, dass ich dumm bin.
Und mein Magen hat sich verkrampft. Mein Herz ist ein Stein geworden und liegt tonnenschwer in meiner Brust. Ich kann nicht mehr atmen. Immer, wenn ich tief Luft hole, verliert sie sich irgendwo im Labyrinth meiner Adern.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. ... .
Absurd, wer seine eig’nen Wunden zählt wie kleine Perlen oder stolz errungene, seltene Briefmarken.
Ich will aus den roten Strichen kein Bündnis mit dem Tod schließen. Ich will eins mit dem Leben. Ich möchte mir kein Ticket in die Hölle beschaffen. Sondern eines, mit dem ich einen fliegenden Teppich kaufen kann, der mich bis über den Horizont trägt. Über den Tellerand. Bis die Welt zuende ist und ich ins Universum falle. Dann kann es endlich still sein. Im Universum rauschen und piepen noch nicht einmal meine Ohren mehr.
Die roten Linien bleiben mein Geheimnis, das mir Kraft gibt.
Es zerreißt mich fast. Ich frag mich, was dann passiert. Wenn man zerreißt. Eine Hälfte mit Herz, eines ohne.
Vielleicht bin ich schon längst zerrissen. Ohne Herz. Ohne Lunge. Deswegen bekomme ich so schwer Luft.
Ich bin das erbärmlichste, was die Welt je gesehen hat. Hat Anita gesagt.
Mir ist das Würgen im Hals steckengeblieben. Sie kamen nicht an dem Tränenkloß vorbei. Der, der einfach nicht in meinen Mund hervorkriechen und auf meine Tränendrüsen drücken wollte. Ich habe das Weinen vergessen. Vielleicht fault es in meiner anderen Hälfte vor sich hin.

Es ist eine Lüge. Niemand sieht schön aus, wenn er weint. Wenn er eine dicke, rote Nase im Gesicht sitzen und ganz verquollene Augen hat. Dann kann niemand schön aussehen. Warum sagen das alle in den Büchern? Warum sagen alle: Du siehst so schön aus, wenn du weinst?
Ich habe einen Jungen gesehen. Er hat mich nach meinem Namen gefragt. Da ist Post, hat er gesagt. Ein Blatt Papier, schnodderig zusammengefaltet. Von Matthias. Du bist ein Dummköpfin.
Scheiß Türke, habe ich gedacht. Alle sagen, dass sie keine Vorurteile haben und dass das schlecht ist und böse. Aber jeder Deutsche sagt immer wieder mal: Scheiß Türke. Die dummen Iraner. Die bekloppten Italiener.

Das Schuhregal ist so leer, seit ich mit Papa alleine bin.
Mama ist im Himmel, sagt er. Der Himmel ist nah dran. Mama nicht. Vielleicht ist sie auf einem Kohlewagen in die Hölle gefahren und jetzt pieksen sie jeden Tag Teufel mit spitzen Stöckern.
In Wahrheit weiß ich natürlich, dass Papa lügt. Er erfindet eine Wahrheit, um die wahre Wahrheit unter einem weißen Tuch zu verdecken. Mama kann nicht im Himmel sein –ich habe die Geräusche gehört. Sie sind unter meine Bettdecke gekrochen und in meine Ohren hinein, ohne, dass ich es wollte. Ich hau ab, hat sie gesagt. Sonst hat sich nichts verändert –nur ihre Sachen sind weg. Es ist, als wäre sie wirklich tot.
Deine Mutter ist eine Hure, oder?, hat Fabian gesagt.

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