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Leselupe.de > Gereimtes
Delirium
Eingestellt am 30. 11. 2000 12:53


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TC
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Registriert: Nov 2000

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Deliruim

I
An manchen verschleierten NĂ€chten vertreibe ich mir die Zeit damit, einfach wach zu liegen und dem Gift in meinem Körper nachzuspĂŒhren. Die verbitterten GerĂ€usche dringen tief ein, sie klingen wie sĂŒĂŸe KĂŒsse und schmecken nach Salzwasser, nach Meeresluft, nach spitzen BrĂŒsten am Hafen – sie erinnern mich an TrĂ€ume. O ja, wild und zerklĂŒftet, mein Bett sah am Morgen aus wie die Finnische NovemberkĂŒste, es brannte wie Höllenschnaps in den Eingeweiden und machte den Geist kraftlos; niemanden gab es, der es an SchwĂ€che mit mir aufnehmen konnte ... Tat ist noch lange nicht Leben, sagt das Genie. Ich verneige mein Haupt! Verstand ist noch lange nicht Freiheit: sage ich. Aber er ist Rebellion und Fiebertraum, Wahnsinn und Liebe. Und Feuer, wild loderndes, hungriges Feuer: da tanzen Menschen hinter meinen mĂŒden Augen, ich höre die Flöte spielen und WeinglĂ€ser klingeln, da gibt es sicher bunte Friedhöfe, bekiffte Armeen von Buchhaltern, GenerĂ€le, die den Verkehr regeln und PrĂ€sidenten in FreudenhĂ€usern; ich sehe Regen, der zum Himmel fĂ€llt, im Fegefeuer badende Pastoren, ich sehe perlenbehangene Bettler und Lumpenpack, ich sehe Sonnenschein aus Kellerlöchern sprĂŒhen und einen wilden Jahrmarkt voll von Leben. Die Schießbude wird belagert von nackten Hotelpagen, sie schießen auf ihre Uniformen, die da aufgereiht hĂ€ngen wie WĂŒrste zum trocknen; wer trifft, darf befreit ins Leben treten, der feige Rest wird dienen und der Gewohnheit Sklave sein. Ich sehe verrĂŒckte Dinge und sehe mich, als mein eigener Geist schlage ich verwirrende Haken, meine Ohren kreischen voll von FabrikenlĂ€rm und Sirenen - daß gehört doch behandelt!
Blasse Leiber durchschneiden das Mondlicht, nackte Haut tanzt verlockend am schwarzen Ufer, da treiben sie’s, was das Zeug hĂ€lt: sie lieben sich. Gebt ihnen, was sie zum Verrecken brauchen und dann laßt sie hochleben! Laßt sie Kinder zeugen, viele dicke Kinder, die ihren Gedankenbrei dankbar aufschlĂŒrfen und PiPi machen, wenn sie zur Toilette geschickt werden. Noch mehr von diesen freien Geistern, diesen Abenteurern, deren gewaltigste Leistung die Langeweile selbst ist! Sie sind hĂŒbsch anzusehen in ihren PlĂŒschkleidern, ein gutes Ziel gĂ€ben sie ab, sie tanzen im Kreis, immer schneller und schneller, und die Welt dreht sich und mit mir die Welt und die Welt. Plötzlich ist ein Schiff ĂŒber mir - strahlend weiß, mit gestutzten EngelsflĂŒgeln - stolze Segel blĂ€hen sich unterm Wind wie BĂ€uche, schĂ€umende Bugwasser schlagen lautos auf ölige Planken und Matrosen mit gegerbten Gesichtern schreien und winken, wĂ€hrend sie mir mit vierzig Kanonen auf jedem Deck kielscharf den Kopf in zwei triefende HĂ€lften zerschneiden. Ein Glas zerschellt am Meeresgrund, verzerrte Faschingsfratzen greifen nach meinen Kleidern und alles pfeifft und klatscht, bis der Teufel mich beim Namen ruft ...



Genug geweint ums leere Sein,
komm mĂŒder Geist, wach auf
und mach‘,
daß Blut durch trockne Adern fließt,
mir Glut hinauf zum Halse schlÀgt
und voller GlĂŒck, in ganzer Pracht
der Wahnsinn sprießt,
ja FĂŒĂŸe beben,
bis all die Schwere, die bedrĂŒckt,
sich bleich am Strick des Henkers wiegt,
im Wind sich dreht, und totenblaß
um Gnade fleht und Leben ...



II
Ich habe grĂŒnes Gift getrunken, große, gierige ZĂŒge, damit es in den Eingeweiden tobt und den Körper wĂ€rmt; ich fĂŒhle es mein dĂŒnnes Blut durchrollen – rasend, wild, betĂ€ubend, heftig, dumpf, schmerzhaft, laut – hin zum Kopf, wo es sich unter den Haaren festbrennt und juckt und kratzt und wahnsinnig macht. Wo es leuchtende StĂ€dte hervorbringt, Erlösung und Qualen. Doch was rede ich, ich will es ja! Mein Wunsch – mein Wille: mein General in der Schlacht des Lebens! Auskosten will ich es, um diesen einen Augenblick zu finden, um den LĂ€rm im Kopf zu ĂŒbertönen – schwarze Messen oder Gebete, erhabene Meditation, sĂ€uische Feste, rasend gierige Lust, Poesie, Abscheu, bitterer Ekel, Abschiede ... Komme was wolle, ich probier’s! Tausend Talente hab‘ ich und speise abends mit Musen, die ich mir auswĂ€hle, was immer in meinem SchĂ€del auch schwimmen mag, ich fische es heraus und werfe es zurĂŒck ins lebendige Meer. Mein Geist hat ganze Heere schon geschlagen, ich trank mit Matrosen und schlief mit pantergleichen MĂ€dchen, die Krallen an den ZĂ€hnen hatten; ich kenne die KĂ€lte des sibirischen Winters und den Geruch vom Tod – wer will mich wohl aufhalten? Gott? Die Menschen? Mein Körper? – Ha!
He da, ihr ehrenvollen Ritter und Langweiler, ihr heroischen Vorbilder und ErziehungskrĂŒppel, wollt ihr mit mir ins Höllenfeuer tauchen und den Teufel necken? Kommt zum Karussell des Lebens – jede Fahrt nur einen Penny und ich kassiere. Ein unbedeutendes StĂŒck eurer Zeit, doch haltet euch gut fest, daß ihr nicht irgendwo abgeworfen werdet. Haltet euch fest an euren Familien, den feisten Kindern und Tanten, an all euren Habseeligkeiten, an eurem Glauben. Ja, der Glaube macht’s! Das Leben ist die Hölle, ganz bestimmt, und der Himmel ein Radieschenbeet, Gott ist ein rosa Schwein, lĂ€uft selbst zum Metzger, stĂŒrzt sich auf die Schlachtbank und nagelt sich besoffen ans Kreuz, die Heiden fliegen auf Teppichen zu ihren Frauen, der Papst zĂŒchtet Ziegen im Hof des Vatikans, die Rinder in Australien können fliegen und scheißen riesige Haufen vom Himmel – ich glaube, das ist die Wahrheit. Ich glaube, daß ich bis Italien spucke, wenn ich will, ich glaube fest, daß Gott sich jeden Tag rasiert. Ich glaube, daß ich alles machen kann, daß ich ĂŒberall hingehe ...
Still mein Herz, halt ein! LÀufst du mit der Hoffnung um die Wette, wirst du immer verlieren, immer verspottet bleiben, immer einsam ... Komm morgen wieder, Wirklichkeit - es wird spÀt.



Mein stilles Herz allein spricht Worte, die ich höre;
es bittet mich und weint –
dem Klang bin ich verschworen,
ich tu’s,
und fĂŒhl‘ mich tief in meiner Seele
mit mir vereint
und habe doch das Leben schon verloren.

Mein stilles Herz allein weint fast unhörbar TrÀnen
wie Nadelstiche schmal,
und selten nur zu sehn.
Verlieb‘ dich doch,
was hilft das Leben, all das Sehnen,
was hilft die Qual,
du wirst es nie verstehn.

Mein stilles Herz allein, mein stummer Freund, mein Kind,
Lach‘ auf und beb‘,
statt schwarz mein Blut zu machen.
Es tut nicht weh,
wenn wir zu zweit verloren sind:
dort, wo das Leben geht,
beginnt die Nacht zu lachen.



III
Der See ist noch immer geschliffener Stein unter meiner HĂŒtte, das klopfende Herz liest LiebesschwĂŒre: alte, vernarbte JugendtrĂ€ume, die ins Holz geschnitten von Ewigkeit und Leidenschaft reden - Gedanken sammeln sich hier, kehren zurĂŒck und Zufriedenheit strömt kalt durch die Lungen ins Blut. November. Schwerer Himmel. StĂŒrme. KĂ€lte und Ferne. Sehnsucht.

Mein kleines Herz, was tu ich dir nur an, was interessiert dich wohl die Welt, all der Dreck und all die Unruhe? Du bist sicher mĂŒde wie ich; hinter deiner dĂŒnnen Haut findet sich ein winziges Universum mit Welten und Meeren und kleinen LĂ€ndern, mit aufgeregt herumlaufenden Menschlein, mit Sonntagen und Zeitungen, voll von Leben und rauschenden Fabriken. Und es ist sicher nicht leicht, das alles zu bewegen jeden Tag.. Du mußt mĂŒde sein, mein kleines Herz.

Der Horizont platzt auf, ein Himmel wird sichtbar, schwarzer Wald und Wasser davor, die Augen fallen ins Ungewisse und schwerelose TrĂ€ume tanzen unter Gottes großem Haus ein stilles Fest. Der sanfte SchlĂ€fer erhofft sich Erinnerung, doch es bleibt nur ein einziger, verwegener Stern, leuchtend wie ein Sommertag - einer von Millionen, der durch zerrissene Wolken den Mond anpöbelt und wirre Verse mag; ein einziger Stern nur, der durch die Steppe fĂŒhrt, der mich anlacht und mit mir weint, der die TrĂ€nen silber glĂ€nzen lĂ€ĂŸt und mich nach Hause bringt, wenn ich nach Hause will. Wo immer das auch ist.

__________________
B. Rock City$
TC

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TC
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Ja, Ja!

ich drĂŒck mal n' Auge zu ...

GrĂŒĂŸe
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B. Rock City$
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