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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Delirium Tremens
Eingestellt am 09. 05. 2002 23:57


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Nyxon
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2001

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DELIRIUM TREMENS

FÜR JOHANN IST JEDER MORGEN VOLLKOMMEN GLEICH. Er unterscheidet nicht die Wochentage, noch interessiert es ihn, ob es Sommer oder Winter ist. Johann hat keine Interesse daran, sich Gedanken ĂŒber das Morgen zu machen. Er lebt sein Leben fĂŒr jeden Tag separat. FĂŒr ihn gibt es weder Stunden, noch Wochen. Es gibt keine Faktoren, die man beachten und niemanden, dem er irgendetwas vorspielen mĂŒsste. FĂŒr Johann könnte jeder weitere Tag sein letzter auf dieser Erde sein. Es denkt sich das jedes Mal. Jeden neuen, verdammten Tag denkt er daran, dass er am nĂ€chsten Morgen nicht mehr aufwachen könnte. Und diese Gedanken sind berechtigt.
Tag fĂŒr Tag erwacht Johann aus seiner tiefen Besinnungslosigkeit und konzentriert sich darauf, seine Glieder langsam zu bewegen. Er hat es nicht eilig. Die ersten paar Minuten verbringt er bewegungslos im Bett. Ein Bein hĂ€ngt zur Seite heraus, das andere ist ungesund verkrampft an seinen Unterleib gedrĂŒckt. Er kann seine Augen nicht gleich öffnen. Die Lider sind verklebt und wenn er nur einmal blinzelt, beginnt das kleine MĂ€nnchen hinter seiner Stirn mit seiner gnadenlosen Arbeit. Es nimmt den kleinen Vorschlaghammer in seine kleinen HĂ€nde und schlĂ€gt dann gekonnt auf einen bereits markierten Punkt auf der Innenseite von Johanns Stirn. Es tut dies nicht nur einmal, sondern wiederholt die SchlĂ€ge. Mit dem Elan, Johann Schmerzen zu bereiten, schlĂ€gt das kleine MĂ€nnchen Minute um Minute gegen den Kopf und fĂŒhlt sich wohl dabei. Johann spĂŒrt die Schmerzen. Er kennt sie bereits sehr gut und ein Morgen ohne Kopfschmerzen vom kleinen MĂ€nnchen hat er schon sehr lange nicht mehr erlebt. Trotz des Pochens in der Stirn, zwingt er sich, seine Augen langsam zu öffnen. Flutet erst das helle Tageslicht durch die engen Schlitze zwischen Unter- und Oberlid, hat das MĂ€nnchen schon lĂ€ngst den grĂ¶ĂŸeren Hammer hervorgeholt und schlĂ€gt noch krĂ€ftiger als zuvor gegen Johanns Kopf. Es hat keinen Skrupel, solange weiterzumachen, bis Johann resigniert. Doch er kĂ€mpft weiter dagegen an und schafft es nach einigen Minuten, die Schmerzen zu ignorieren. Die Augen sind geöffnet, ein Blick auf die brĂŒchige Decke mit den schimmligen Wasserflecken offenbart Johann, dass er es tatsĂ€chlich noch nach Hause geschafft hat. Dann setzt er sich das erste Ziel fĂŒr den neuen Tag. Mit Schmerzen im Kopf und in den Muskeln hebt er ein Glied nach dem anderen aus dem muffigen Bett. Die meist nackten FĂŒĂŸe finden schnell Halt auf dem klebrigen Parkettboden. Ob Johann angezogen, in Boxershorts oder vollkommen nackt aus dem Bett steigt, ist jedes Mal eine Überraschung. Er weiß nichts mehr vom Vorabend und kann sich glĂŒcklich schĂ€tzen, wenn er es ohne ernsthafte Verletzungen geschafft hat, zumindest seine Hose auszuziehen. Jeden Morgen, wenn er abermals mit Kopfschmerzen und SchwindelgefĂŒhl erwacht, blickt Johann sich in seinem Zuhause um und schĂ€tzt sich glĂŒcklich, noch am Leben zu sein.
Sein Zuhause ist eine winzige Parterrewohnung. Zwei Zimmer und ein Bad, das diese Bezeichnung gar nicht verdient. Es gibt kaum Möbel. Johann hat sie bereits vor Monaten verkauft. Mit der Miete liegt er drei Monate im RĂŒckstand; zwei Mahnungen des Vermieters liegen zerrissen im Papierkorb. Johann hat kaum Geld und das was er hat, gibt er fĂŒr Dinge aus, die er seiner Meinung nach ĂŒberhaupt nicht braucht. Andere sind der gegenteiligen Meinung, doch Johann lĂ€sst sich nicht beirren. Er ist fest davon ĂŒberzeugt, dass er jederzeit mit seinem Laster brechen könne, ohne mit der Wimper zu zucken. Am Abend darauf hat er bereits wieder eine Flasche in der Hand und einen leeren Sechserpack auf dem Tisch stehen.
Johann ist Alkoholiker. Jeder weiß es. Auch Johann. Er gibt es nur nicht gegenĂŒber anderen zu. FĂŒr ihn ist das Konsumieren von Alkohol keine Sucht, der er verfallen sein soll. Es ist völlig normal, jeden Tag mehrere alkoholhaltige GetrĂ€nke zu sich zu nehmen. Johann kĂŒmmert sich nicht darum. Er sagt von sich, er sei nicht sĂŒchtig und erst recht nicht krank. Er trinke nur, bei besonderen AnlĂ€ssen und habe sich leicht unter Kontrolle. Die besonderen AnlĂ€sse von nicht besonderen AnlĂ€ssen zu trennen, fĂ€llt jedem, der Johann kennt, zunehmend schwer. Er geht auf Partys, zu denen er schon lange nicht mehr offiziell eingeladen wird. Er trinkt aus reiner Freunde und Achtung gegenĂŒber den respekteinflössenden Bierreklamen oder einfach nur, weil ihm langweilig ist. Er trinkt, wenn Borussia Dortmund gewonnen und verloren hat und wenn die Sterne am Himmel zu sehen sind. Johann trinkt jeden Tag. Wenn er nicht gerade schlĂ€ft oder sich die Seele aus dem Leib kotzt, sitzt er in einer Bar oder in seinem Wohnzimmer und trinkt. Er vernichtet den Alkohol, als wĂ€re dieser eine Art Waffe gegen die Menschheit und die einzige Möglichkeit die Erde und ihre Bewohner zu retten, wĂ€re die vollkommene Eliminierung aller alkoholischer Substanzen. Wenn man Johann dabei zusieht, wie er akribisch ein Bier oder einen Schnaps nach dem anderen kippt, könnte man leicht denken, dass es tatsĂ€chlich so ist. Und viele sagen, manchmal dĂ€chte Johann das auch.
Johann ist fĂŒnfundsechzig Jahre alt und lebt seit ĂŒber zwei Jahren alleine. Er hat keine Haustiere, keine Freundin und keine Zukunftsperspektiven. In einem frĂŒheren Leben war er einmal verheiratet gewesen. Er hatte zwei stattliche Jungen aufgezogen und hatte ein ertragreiches Leben hinter sich gebracht. Johann hatte seinen Söhnen oft von seiner Kindheit erzĂ€hlt. Er berichtete, wie schwer man es frĂŒher gehabt hatte. Dass er mit vierzehn angefangen hatte zu arbeiten und danach vierzig Jahre bei der Deutschen Schmiedegilde zubrachte. Er erzĂ€hlte von seiner Lehre als Kesselflicker und von seiner Umschulung zum Schmiedemeister. Er verkĂŒndete immer stolz, dass er das Haus, in dem sie lebten, mit seinem Vater und seinen eigenen HĂ€nden gebaut, alle Leitungen verlegt und auch das Dach selbstĂ€ndig gedeckt hatte. Johann war stolz auf seine Arbeit gewesen. WĂ€hrend er von seinen glorreichen Jahren erzĂ€hlte, tropfte der Regen durch zahlreiche Löcher in der Decke und man duschte mit kaltem Wasser, weil der Boiler seinen Geist aufgegeben hatte. Johann hatte nie Reparaturarbeiten im und am Haus beendet, weil er zu alt und zu beschĂ€ftigt gewesen war. Er hatte seine wertvolle Zeit lieber den ganzen Tag vor dem Fernseher verbracht, hatte Talkshows geschaut, gleichzeitig Musik gehört oder hatte wieder eine neue sinnlose Arbeit angefangen. Seine Söhne hatten keine Ahnung von der Technik im Haus gehabt und seine Frau war ebenfalls zu beschĂ€ftigt gewesen. Sie war es, die den Haushalt und ohne dass es Johann ĂŒberhaupt merkte, auch ihr ganzes Leben in Takt gehalten hatte. Sie hatte sich um die Erziehung der Söhne gekĂŒmmert und das Essen auf den Tisch gebracht. WĂ€hrend Johann knauserig mit seiner Rente unnötige HandwerksgerĂ€te gekauft und abends Bier getrunken hatte, war seine Frau daheim gewesen und hatte sich ein besseres Leben ausgemalt. Johann hatte es nie gemerkt und auch heute weiß er nicht ĂŒber die wahren GrĂŒnde der Scheidung Bescheid. Die Söhne sind selbststĂ€ndig und seine Frau hat sich eine hĂŒbsche, kleine Eigentumswohnung beschafft, von der sie immer getrĂ€umt hatte.
Alle fĂŒhren ein fröhliches und geregeltes Leben, wĂ€hrend Johann jeden Tag erneut gegen den Alkoholtod ankĂ€mpft und auch mit letzter Kraft gewinnt.

Auch an diesem Morgen liegt Johann vom Kater ermattet in seinem Bett und kĂ€mpft gegen die Restwirkungen des Alkohols, sowie gegen die Schmerzattacken des kleinen MĂ€nnchens an. Er trĂ€gt eine Boxershorts, dessen Ursubstanz von Urin und Sperma unkenntlich gemacht wurde. Getrocknete Brocken von Erbrochenen kleben ihm in der Mundhöhle, ein stĂ€ndiger Fluss von warmen Speichel sucht seinen Weg aus den Mundwinkeln und tropft zeitweise auf das dreckige Bettlacken. Johann starrt mit leerem Blick an die Decke. Sein Körper liegt schwer auf der ausgeleierten Matratze; seine Gedanken schweben ĂŒber ihm, dem endgĂŒltigen, grellen Licht entgegen. Johann stirbt. Er stirbt im Suff. Er stirbt allein...
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Nyxon, gefallener Engel aus Leidenschaft

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