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Leselupe.de > Kurzprosa
Dem Teufel von der Schüppe
Eingestellt am 10. 08. 2005 21:17


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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
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Es sind meine Tagebuchaufzeichnungen, die ich zusammenfassen
möchte, damit sie einfacher zu lesen sind

Nun sitze ich hier mit meinem Löwen auf der Brust und versuche Zusammenhänge wieder zusammen zu bringen.
Ein paar neue T-Shirts waren fällig, denn die Kleidung ist für diese Jahreszeit zu warm. Inzwischen ist eine Menge Zeit vergangen und ich versuche mich zu erinnern:


· "Du muss das so sehen," sagte meine Schwägerin mir am Telefon "Das Leben ist dir noch mal neu geschenkt worden.
So kommt es mir auch vor, denn es fällt mir schwer, mich auf die Buchstaben zu konzentrieren, bis sie dort stehen, wo ich sie haben will.

Natürlich, anfangs war es ungewiss. Es hätte jede Krankheit sein können. Vom hohen Fieber war ich nicht selten nicht ganz bei mir. Typisch ist dieser Beginn bei dieser Krankheit nicht.
· Doch dann ging alles sehr schnell. Man sagte mir: „Sie brauchen eine neue Herzklappe! Wenn es so bleibt werden sie in kurzer Zeit immer schwächer werden und Ihr Leben wird zu Ende sein" Daraufhin fiel die Entscheidung mir nicht schwer. Ich wusste: Ich wollte noch leben!


Gleich am nächsten Tag sollte meine OP stattfinden. Nun sah ich auch meine Kinder wieder. Sie wollten mir Mut zusprechen.
Blutkonserven wegen meiner seltenen Blutgruppe und Herz-Lungen-Maschine standen für mich bereit.

Irgendwann wachte ich im Krankenhausbett auf. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich die letzten Schritte gegangen war. Ich lag schon wochenlang in diesem oder in anderen Krankenhausbetten (zwischendurch hatte man mich mit dem Krankenwagen hierher transportiert.)
Bevor ich in dieses Krankenhaus kam, hatte ich immer nur auf der Intensivstation gelegen. Zuletzt war meine Zimmernachbarin eine verheiratete Frau, die versucht hatte, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Mann und Töchter besuchten sie. Er redete ständig auf sie ein, vergaß dabei ganz, sie einmal in den Arm zu nehmen. Das Schauspiel endete damit, dass sie abgeholt wurde, um sie zur Psychiatrischen Anstalt zu bringen.

· Meine Augen öffneten sich nach der OP auf der Intensivstation. Neben mir sah ich auf den hellblauen Vorhang, hinter dem jemand atmete, der des öfteren von seiner Frau besucht wurde: „Hallo Schatz! Wie geht es Dir heute? Weißt du, wer mich gestern abend besucht hat? Ursula und Peter waren da!" Die Fragen, die sie stellte, beantwortete sie selber, denn sicher war ihr Mann NUR mit atmen beschäftigt.
· Dann wurde ich verlegt. Diesmal war es ein Raum mit vier Patientinnen. Mit einer hatte ich Blickkontakt.
· Oft sahen wir uns nur stumm an. Besonders, wenn am Morgen eine Schwester den Raum betrat und alle Fenster weit aufriss, uns eine Schüssel mit lauwarmem Wasser hinstellte und erwartete, dass wir uns wuschen. Bei mir wurde es fast immer eine Katzenwäsche.

Die Ärzte stellten mir ein neues Gebäude in Aussicht, in das ich irgendwann hineinkäme. Ich hoffte nur darauf, dass es mir dort besser gefallen würde.
des öfteren besuchten mich Therapeutinnen, die die Aufgabe hatten, mich wieder fit zu machen. Es war ein großes Stück Arbeit für sie, mich mit den Anhängseln in den Stuhl zu befördern. Dort durfte ich so lange sitzen bleiben, bis man mir wieder half, ins Bett zu kommen.
·
Ich musste es einsehen: Ich lebte in Europa. Nie wurde mir das besser klar, als hier im Krankenhaus.
· Wollte ich mich mit meiner neuen Bettnachbarin unterhalten, müsste ich russisch sprechen. Da das nicht der Fall war, blieb unsere Unterhaltung ein Gestammel von Fragen. Ich beschränkte mich aufs Zusehen und Grüßen. Regelmäßig besuchte Ihr Lebensgefährte sie. Sie telefonierten auch oft miteinander.
· Eines Tages kam eine Gruppe von Leuten zu Besuch. Sie redeten mit ernsten Gesichtern. Es waren orthodoxe Christen. Sie beteten vor ihrem Bett. Sicher war sie nicht älter als ich, doch es schien schlimm um sie zu stehen. Später besuchten sie zwei Frauen und unterhielten sich mit ihr in der Landessprache. Es war von Darmkrebs die Rede. Nachdem sie verlegt worden war, sah ich sie nicht mehr. Meine neue Bettnachbarin war eine Griechin. Sie lebte schon einige Jahre in Deutschland, doch wenn sie Besuch von ihren Kindern bekam, fand die Unterhaltung immer in griechisch statt.

· Ich sollte in Anschluss gleich vom Krankenhaus in die REHA. Es war alles so mit meinen Angehörigen besprochen worden. Mit mir besprachen die Ärzte solche Sachen nicht, da sie mich nicht für voll zurechnungsfähig hielten. Sicher habe ich während meiner Fieberzeit einige unqualifizierte Äußerungen abgegeben. Auch mit den Zahlen hatte ich so meine Probleme. Ich konnte die Uhrzeit nicht lesen (Der Grund bei nächster Gelegenheit eine digitale Armbanduhr zu kaufen) und war kaum dazu in der Lage jemanden anzurufen und ein vernünftiges Gespräch zu führen. Oft lag der Hörer wieder auf der Gabel, bevor der Gesprächspartner geendet hatte.

An meinem Bett stand ein Apparat zur Blutverdünnung. Diesen musste ich überallhin mitnehmen. Die Toilettengänge waren für mich sehr beschwerlich, denn ich kam aus eigener Kraft nicht auf die Beine. Mir halfen immer wieder die Schwestern, indem sie mich hochzogen. Aber auch dieser Apparat verschwand kurz vor meiner Entlassung. Ab da erhielt ich das Blutverdünnungs-Mittel wohl in Tablettenform.
·
„Heute werde ich entlassen!" schmetterte ich am Morgen selbstsicher meiner Griechin entgegen. „Nein,"
dämpfte sie meine Freude „Das ist erst morgen!" Ich packte trotzdem meine Reisetasche. Ließ mich nicht beirren. Da nahte der Rollwagen mit der Visite. „Heute komme ich in die REHA!" „Das ist so nicht mit dem Arzt abgesprochen!" teilte mir auch die Schwester mit. Das ist erst morgen. Dicke Tränen kullerten mir dann aus den Augen. In diesem Moment rief mein Sohn an und ich beschwerte mich bei ihm:
· „Papa hatte mir versprochen, dass er sich mit Freunden in Verbindung setzt, die mich zur REHA bringen und jetzt höre ich, dass das erst morgen ist."
Ich fühlte mich so hilflos, so betrogen und beschwerte mich bei ihm und da ich gerade dabei war, warf ich auch ihm vor, mich schnöde verlassen zu haben.

Am nächsten Morgen war es dann endlich so weit. Meine Fäden wurden gezogen, wie man es mir versprochen hatte und unsere Freunde kamen, um mich abzuholen. Meine Freundin hatte alles gut vorbereitet.
· Sie schien zu wissen, dass ich lange keine Süßigkeiten mehr gegessen hatte und ich ließ mich im hinteren Teil des Wagens nach Strich und Faden verwöhnen.
· Das Badezimmer in der REHA gefiel mir prächtig. Die Heizung an der Wand bestand aus Rohren, an denen ich mich von der Toilette aus hochziehen konnte. Kaum war ich in der REHA angelangt, schickten mich meine beiden Begleiter gleich ins Bett und ich schlief tief und fest, wie lange nicht mehr.
·
Es besuchte mich noch der Arzt, der recht locker mit meiner Krankheit umging. Sein Optimismus wirkte ansteckend auf mich und ich wußte: „Hier bin ich gut aufgehoben!"
Ich war hier nicht allein mit meinen Problemen. Probleme hatten hier alle. Der eine mehr, der andere weniger.
Wenige Tage später lernte der Arzt dann auch meinen Body-Guard kennen. (Der Ausdruck stammte von ihm. (Wo ist denn heute Ihr Body-Guard?) Mein ständiger Begleiter ließ mich nicht mehr aus den Augen, nachdem ich schon mehrmals im Bereich der Rehabilitationsklinik sei es durch ungeschicktes Verhalten, sei es durch Unachtsamkeit hingefallen war.
Oft steckte blitzschnell seine Hand unter meiner Achsel, um mich stolpernde Person wieder aufzufangen.
Die größte Freude hatte ich an dem Tag, als ich aus eigener Kraft ohne Zuhilfenahme der Heizungsrohre von der Toilette aufstehen konnte. Bis dahin jedoch hatte ich eine Menge Arbeit und Geduld gebraucht.

Ich hatte uns beide für einen Kurs angemeldet, bei dem wir lernen konnten in Selbsthilfe mit der Blutverdünnung klar zu kommen. Dafür fehlte mir momentan allein der Ordnungssinn. Ich bemerkte selbst meinen Hang zum Chaos.
· Meinem dünnen Blut gab ich die Schuld dafür, dass ich meine Umwelt als kalt empfand. Ich träumte von warmen Ländern, in denen man das ganze Jahr mit Sandalen an den Füßen herumlaufen konnte.


·
· Mein neues Leben brachte mich jetzt zu meinem neuen Enkel. Ich hielt mich zurück, was herzen und knuffeln angeht (nicht aus Rache), denn lange hatten sich die Kinder von den Besuchen bei mir zurück gehalten. Ich kann es verstehen, denn wer schon weiß es genau, warum eine Person so lange mit Fieber im Krankenhaus liegt? Es könnte etwas Ansteckendes sein.
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