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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Demontage
Eingestellt am 22. 05. 2012 15:46


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Eberhard Schikora
One-Hit-Wonder-Autor
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Demontage

Schneider hatte Schwierigkeiten mit seinen weiblichen Hilfskr├Ąften. Vor einigen Wochen hatte sich das Problem drastisch versch├Ąrft, als man ihm als Ersatz f├╝r eine ausgeschiedene Mitarbeiterin eine gewisse Frau Fuchs zuordnete, ├╝ber die bei anderen Abteilungen heftig getuschelt wurde. In Verkennung der Situation glaubte man bei der Personalabteilung, dass die windige Dame in der recht abgelegenen Werksbibliothek ihren Sexappeal mangels Publikum vergeblich verstr├Âmen und bei dem trockenen Job bald selbst Staub ansetzen w├╝rde.
Frau Fuchs erkannte schnell, dass sie ihren neuen Vorgesetzten um den Finger wickeln konnte. Wenn ihr eine übertragene Arbeit nicht passte, setzte sie mit Erfolg eine Schmollmiene auf - und Schneider erledigte den Kram selber (was gelegentlich - zum Ärger seiner Frau - in Heimarbeit über das Wochenende ausartete).
Eines Tages wurde er Zeuge eines Fr├╝hst├╝cksklatschs, bei dem Madame Fuchs einer Kollegin die Vorz├╝ge ihrer neu erworbenen knallroten. Couch erl├Ąuterte. Schneider tat uninteressiert, aber automatisch stellte er sich vor, wie sie sich auf dem guten St├╝ck hin- und herr├Ąkelte.
Dann kam der Betriebsausflug. Schon ziemlich fr├╝h endete dieser in einer gem├╝tlichen Kneipe. Der neue Beaujolais war gerade eingetroffen, und es wurde ausgesprochen lustig.

Madame war so richtig in ihrem Element. Schneider, im Grunde ein ├ästhet hatte es fr├╝her schlicht f├╝r unordentlich gehalten, wenn Frauen Kleidung trugen, welche die Unterw├Ąsche und damit auch die Formen durchschimmern lie├č. Er hatte das bisher einfach als unsch├Ân empfunden. Bei ihr f├╝hlte er anders, er f├╝hlte sich angezogen.
Die etwas klein geratenen Brillengl├Ąser standen in merkw├╝rdigem Verh├Ąltnis zu gro├čen bunten Ohrringen, und das lange dunkle Naturhaar passte auch nicht zu ihren hellblauen Augen. Die Frau hatte was Irritierendes - sie war eine Provokation!

Gegen Mitternacht wurde zum Aufbruch geblasen. Sie hakte sich bei Schneider ein und fragte unverbl├╝mt, ob er nicht mal ihre rote Couch begutachten wolle. Im ersten Moment bekam er einen m├Ąchtigen Schreck, aber dann trieb ihn die Neugier. Madame wohnte nur ein paar Stra├čen weiter.
Wenig sp├Ąter aalte sie sich schon auf ihrer Neuerwerbung, nachdem sie Schneider einen Weinbrand als Munter- und Mutmacher angeboten hatte. Aber er wurde nicht mutig. Er lief vor sich selbst davon.
"Wollen Sie nicht mal Probe sitzen, Chef?", forderte sie ihn heraus. "Ich sitze Ihnen lieber gegen├╝ber und erfreue mich an Ihrem Anblick".
"Sie sind wirklich gen├╝gsam ... noch einen Schluck Asbach?" Es war eine rhetorische Frage. Sie hatte ihm bereits eingeschenkt.
Sein Blick fiel auf eine an der Wand h├Ąngende Gitarre.
"Ich wusste gar nicht, dass Sie musikalische Ambitionen haben. Betreiben Sie das ernsthaft?"
"Ernsthaft ist bei mir selten was, ich klimpere".
Sie nahm die Gitarre vorn Haken und versuchte sich an einem franz├Âsischen Chanson. Die Akkordgriffe gingen zwar teilweise daneben, aber ihre rauchige Altstimme ...
Nein, sowas!
Sie genoss seine ├ťberraschung und verbl├╝ffte ihn mit weiteren Darbietungen. Sie kam aber doch bald an ihre Grenzen. Sie h├Ąngte die Gitarre zur├╝ck. Im Vorbeigehen streifte sie seinen Arm. Er f├╝hlte sich wie elektrisiert. Ihm wurde der Kragen eng. Irgendwie musste er sich aus dem Netz der Spinne befreien.
In diesem Dilemma fielen ihm die "Hauswespen" ein, von denen sie berichtet hatte. Die hatten sich irgendwo mal in einem Hohlraum hinter einem Balken breitgemacht und sich eines Tages ├╝ber Madames R├Ąumlichkeiten verteilt.
"Sind Sie eigentlich Ihre Wespenviecher wieder losgeworden, von denen Sie mal erz├Ąhlten?"
"F├Ąllt Ihnen jetzt wirklich nichts anderes ein?"
"Ja schon, aber ... Er schielte nach ihrer Wespentaille. "...wissen Sie ├╝berhaupt, wie sp├Ąt es ist?"
"Sie sind ein ..." Er sah sie fragend an, obwohl er genau verstand. "Ich habe nichts gesagt".
Ja, er war ein Feigling. Aber besser ein Feigling, als jetzt alles aufs Spiel zu setzen. Er hatte ohnehin eine Grenze ├╝berschritten - was ihm sicher noch Beschwerden bereiten w├╝rde.
"Na ja, wenn Sie unbedingt gehen wollen, will ich Sie nicht aufhalten". Mit einem l├Ąppischen "Na denn bis morgenÔÇť verabschiedete er sich. "Heute Chef, nicht morgen", rief sie ihm belustigt hinterher, in die laue Augustnacht. Die Kirchturmuhr schlug zwei.

Obwohl er der Verf├╝hrung letztlich widerstanden hatte, beschlich ihn das dumpfe Gef├╝hl, dass von seinem Status als Vorgesetzter kaum noch etwas ├╝brig geblieben war.
Ein Zufall sorgte daf├╝r, dass er noch weiter in ihre Abh├Ąngigkeit geriet. Madame hatte ├╝ber den Durst getrunken, war in eine Verkehrskontrolle geraten und ihren F├╝hrerschein f├╝r drei Monate losgeworden. Somit war es f├╝r sie naheliegend, Schneider darum zu bitten, dass er sie mit seinem Wagen zum Dienst mitnahm, musste er ja sowieso durch Jugenheim fahren.
Ihm wurde st├Ąndig hei├č und kalt, wenn er neben ihr sa├č. Sie machte sich offensichtlich einen Spa├č daraus, ihn st├Ąndig anzuheizen.
Und dann verga├č er sich doch und fasste ihr unter den Rock. Sie reagierte prompt und schob seine Hand unsanft zur Seite, mit einem ausgesprochen kalten L├Ącheln. Sie wechselten kein Wort mehr, bis er sie an ihrer Wohnung absetzte. Er war sich im Klaren, dass sie mit ihm ihr Spiel trieb. Sie hatte sich mit Sicherheit nicht von ihm bel├Ąstigt gef├╝hlt, aber sie w├╝rde den Zeitpunkt bestimmen wollen ... Ihm war miserabel zumute.
Am n├Ąchsten Morgen holte er sie wieder ab. Sie schien sich an nichts zu erinnern. Stattdessen berichtete sie von einem am├╝santen Pornofilm, den sie sich vor ein paar Tagen angesehen h├Ątte. Wie er zu sowas stehe, wollte sie wissen. Er war ver├Ąrgert.
"Eigentlich denke ich an etwas ganz anderes".
"So - woran denn ... Chef?"
Das Wort 'Chef' aus ihrem Munde klang, wie es herablassender gar nicht klingen konnte. Wenn sie ihn geduzt h├Ątte, w├Ąre es ihm fast lieber gewesen. "Ich denke an unsern Umzug ins AT-Geb├Ąude", sagte er so unterk├╝hlt wie m├Âglich.
"Ich gehe davon aus, dass Sie mich bei dieser Aktion weitgehend schonen werden ... Chef?" Und nach einer weiteren winzigen Pause: "Wann geht das denn ├╝berhaupt los?"
"N├Ąchsten Montag".
Am Sonntagabend rief sie ihn an.
"Sie brauchen mich morgen nicht abholen. Ich habe eine scheu├čliche Migr├Ąne. Auf bald, Chef!"
Umzugskisten f├╝llen oder sich etwa gar bei Transportarbeiten verausgaben, das war ihre Sache nicht. Der Umzug ging ohne Madame ├╝ber die B├╝hne.
Als er sie vier Tage sp├Ąter morgens wieder abholte, kochte er im Grunde vor Wut. Als sie zugestiegen war, war er ihr aber schon wieder verfallen.
Vorige Nacht war sie ihm im Traum erschienen. Darin hatte er mit ihr geschlafen. Doch auch von Hassgef├╝hlen erf├╝llt, hatte er ihr dabei in voller Absicht wehgetan.
So ging es einfach nicht weiter.
Aber das Schicksal meinte es gut mit Schneider. Madame selbst "l├Âste" sein Problem. Technisch begabt und von irgendjemandem fachkundig beraten, brachte sie es fertig, ihr Arbeitsstundenkonto an der Gleitzeituhr zu manipulieren. Eine Mitarbeiterin war misstrauisch geworden, entdeckte den Schwindel und meldete den Vorfall der Personalabteilung. Fristlose K├╝ndigung war die Folge.
Wirklich befreit f├╝hlte sich Schneider dennoch nicht. Wann w├╝rde er seine Selbstachtung wiederfinden?

__________________
schi

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Juhser
geBILDeter Mensch
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"Willst Du die hier anwesende Handschelle zur Frau haben? Dann antworte mit 'Ja'.
Und willst Du den hier anwesenden Kerker zum Mann nehmen, dann antworte auch Du mit 'Ja'."
...
Ist es denn wirklich so schlimm mit unseren Beziehungen, dass wir einander nicht Freiheit und Freude, sondern Fessel und Versuchung sind?
Gutes Konzept! Aber bislang eben nur ein Konzept. Eine seichte Beichte?
Bin mal gespannt, ob eine dichterische Ausarbeitung folgt.

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Eberhard Schikora
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Hallo Juhser!

Soweit sich die 'seichte Beichte' auf den wenig sympathischen Protagonisten bezieht, gebe ich Dir recht. Aber ich glaube, ein minuti├Âs ausgearbeitetes Werk mit Tiefgang geliefert zu haben. Da ich es selbst aber nicht f├╝r dichterisch sondern f├╝r sehr realistisch halte, passt es wohl besser ins Tagebuch. Eine seichte Darstellung ist es bestimmt nicht.
__________________
schi

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