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Leselupe.de > Humor und Satire
Den Dicken an die Eier
Eingestellt am 06. 01. 2008 14:38


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Impermeabile
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2007

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“Was suchst du denn? Ich hĂ€tte was fĂŒr dich.”

“Ist erstmal egal,” sagte ich.

“Gut. Hörzu, da ist ein Cafe. Weißt du, ich fĂŒhre einen Kiosk in einer MĂ€dchenrealschule. Is klar, du kannst von der Kunst nicht leben. Ich hab also diesen Kiosk, belegte Brötchen, Kaffee und Crepes. Verstehst? Crepes.”

Ich verstand, Crepes, belegte Brötchen und Kaffee. Die Schriftstellerei hatte mir noch keinen Cent eingebracht. Als BĂŒhnendarsteller war ich indiskutabel. Ich bin Appartementmusiker. Als SĂ€nger lag ich daneben. Bisher hatte ich mein Geld als BĂŒroangestellter verdient. Mein Leben stand Knopf auf Spitz. Die Voraussetzungen fĂŒr den Bezug von Arbeitslosengeld hatten sich verĂ€ndert, mein neunmonatiges Gastspiel im Kreisverwaltungsreferat der Stadt MĂŒnchen beeinflußte nicht meinen Anspruch auf UnterstĂŒtzung aus dem Topf der Bundesanstalt fĂŒr Arbeit. Es stand mir lediglich fĂŒr einen Monat StĂŒtze zu, also stellte ich den Peter-Hartz-Antrag, der abgelehnt wurde, also löste ich meine Versicherungen auf. Also die VerhĂ€ltnisse waren klar.

Um irgendwie weiterzukommen, schickte ich mein unvollstĂ€ndiges und krauses, im Jahr 2005  rasant und konzeptionslos entwickeltes Roman-Fragment an einen Verlag. Aber das war mir schon klar, daß dies Baby so nicht unter die Leute zu bringen war. Ich stampfte zusĂ€tzlich einen Webblog aus dem Boden, eine Ansammlung von AbsurditĂ€ten und Niederlagen und Unsicherheiten und LiebeserklĂ€rungen. Schließlich galt es, den Untergang verhindern.

Und Strehler zog mich auf die Seite: “Das muß jetzt keiner mitkriegen. Aber wir haben tiefgefrorene Crepes. Die liefern wir an die Schulen. Und die Stadt hat da einen neuen Bau hingesetzt, im Erdgeschoß ein Cafe. Die Miete ist Verhandlungssache, ich kenn da ein paar Leute. Aber du mĂŒĂŸtest etwas Geld mitbringen. Zehntausend, zwanzigtausend.”

“Okay”, sagte ich, “vergiß es.”

“Ruf mich an. Wir unterhalten uns in Ruhe. Ich zeig dir alles.”

Wir standen vor einem kleinen verhangenen Ladenlokal. An der EingangstĂŒr hing ein handgeschriebener Zettel: Zu vermieten, Handynummer soundso. FĂŒhre Maler- und Lackierarbeiten aus. Romano Serpentino. Ein Landsmann.

Ich fragte Strehler, ob ich etwas falsch verstanden habe, das sei auf den ersten Blick aber doch kein Cafe.

“Hörzu. Giovanni. Hier haben sich frĂŒher die Jungs aus der Pilgersheimer herumgetrieben. Die Berber. Aber man muß vielleicht gar nicht viel machen. Das beste ist, du rufst mal bei dem Typen an, fragst nach der Miete und ob eventuell ein paar Reparaturarbeiten notwendig sind. Ich hab noch Großes vor mit dir. Ich will den Konzernen noch mal richtig an die Eier.”

“So”, sagte ich, “aber wie?”

“Da drĂŒben. Gymnasium. Ich liefere dir belegte Brötchen. Du verkaufst sie fĂŒr zwei Euro das StĂŒck. Angenommen zu hast 80 Cent Kosten, dann bleiben 1,20 und davon HĂ€lfte HĂ€lfte. Du verstehst? Ich liefere dir einen Ofen, da machst du Crepes, zwei Euro. Der Laden brummt. Wenn da drĂŒben Pause ist, hast du dein Stehcafe hier voll. Du mußt nur sehen, daß die WanderbrĂŒder außen vorbleiben. Das mit den Crepes, du sollst mal sehen.”

“Aber was ist hier. Rechterhand, keine fĂŒnf Meter weiter, MĂŒller-Brot, linkerhand der Tengelmann und gegenĂŒber ein richtiges Cafe.”

“Hörmal, wir stellen hier Tische raus. Die Kids haben Geld, verstehst du. Die bringen dir das, das ist das eben mit den Crepes, das ist das.”

“Und haben die in der Schule auch einen Kiosk?”

“Ja, sicher, aber die haben keine Crepes.”

“MĂŒller-Brot, Tengelmann, Kiosk. Bayern hat 179 Schultage im Jahr. Hier ist nicht die Leopoldstraße. Keine Laufkundschaft. Nur die Jungs aus der Pilgersheimer Straße. Und ab welchem Alter dĂŒrfen die Kids eigentlich das SchulgelĂ€nde in den Pausen verlassen?”

“Du stellst einfach zu viele Fragen. MĂŒller-Brot, Tengelmann, da geht doch nix. Die machen zu. Wenn du die  Sache hier richtig anpackst, dann kannst du um drei Uhr hier dichtmachen. Ich weiß, du willst lieber auf der BĂŒhne stehen. Die ganze Kunst und so. Aber davon kannst du nicht leben. Hier, das ist deine Chance.”

Strehler hatte ich bei Probenarbeiten zu einem BĂŒhnenstĂŒck kennengelernt. Er hatte was drauf und erhielt die Rolle. Ich war körperlich zu schwach fĂŒr diese schnelle Nummer. Der Text nicht mein Fall und ich war zu unerfahren, um eine One-Man-Show durchzuhalten. Und er wußte eigentlich nichts von mir. Er glaubte wohl, daß ich immer noch auf Die BĂŒhne wollte. Dabei geb ich nicht viel um die Kunst. Die ist mir fast so gleichgĂŒltig, wie mich das AbfĂŒttern von kreischenden und blödelnden Kids nicht einmal peripher interessiert.

Am nÀchsten Tag rief ich Strehler an. Ich sagte ihm, ich könnte das nicht machen.

“Hörmal”, tobte er plötzlich los, “wo lebst du eigentlich? Wann hast du deinen Beruf erlernt. Die Zeiten haben sich verĂ€ndert. Ich will diesen Konzernen noch mal so richtig an die Eier. Ich will’s denen zeigen. Aber du willst es dir scheinbar auch nur in der HĂ€ngematte unseres Sozialsystems bequem machen.”

Er tobte weiter. Ich sagte ihm, daß ich keine Zeit hĂ€tte, mit ihm zu diskutieren.

“Du bist ein TrĂ€umer. Ich wollte dir helfen, daß du rauskommst aus der Scheiße.”

Ja, so oder so, man steckt mal mehr, mal weniger in der Scheiße.
Das Ding ist abgehakt. DafĂŒr hier etwas wirklich stark Gußeisernes, geschrieben unter Zurhilfenahme zweier Tassen Kaffee und eines einfachen Zwiebelmettwurstbrotes. Denkt an mich, wenn ihr einen Crepes bestellt. Vielleicht lĂ€uft der Laden ja zwischenzeitlich, und die Berber spĂŒlen sich noch einen Doppelkorn herunter, wegen der Verdauung.

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paulenullnullzwei
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2007

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klatsch-klatsch

Mit das Beste was ich hier bisher gelesen habe. Feine Dialoge, nachvollziehbare Chraraktere und ein Autor mit offenichtlichem Spaß an der Sache. Weitermachen!

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