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Leselupe.de > Kurzprosa
Den Schmerz gepachtet
Eingestellt am 29. 03. 2002 12:58


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masterplan
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2001

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Alexis sah sein Abbild auf der Wasseroberfl├Ąche schimmern. Er zwinkerte und dachte ├╝ber die Situation nach. Das Dunkel der riesigen Halle mit dem stillen Brunnen in dessen Zentrum f├Ąrbte sich auf sein Gem├╝t ab. Er f├╝hlte sich einsam, verlassen, am Ende seiner Zeit, tot.
Wollte er ├╝berhaupt an diesen Ort kommen? Obwohl es ihm unheimlich vorkam, versp├╝rte er dennoch keinerlei Angst oder Mi├čtrauen. Es war, als w├Ąre sein Vorhaben von der Bestimmung gezeichnet. Genau diese Eingebung hatte er erfahren. Es mu├čte passieren, deshalb w├╝rde er es machen.
Im hinteren Bereich des Saals stand ein alter, seit viele Jahre unbenutzter K├Ânigsthron auf einem br├╝chigen Podest, das eher einer Theaterb├╝hne glich. Alexis umschlich die verstaubte Garnitur vertr├Ąumt und nachdenklich.

Als das Verderben noch ├╝ber dem Land lag, regierte hier ein f├╝rchterlicher Kaiser, der sein Volk mit jedem Atemzug leiden lie├č. Es war die dunkle Zeit des Wahnsinns und der Ursprung des Menschen, der die Gestalten der H├Âlle zur├╝ck in ihre Welt verbannen konnte. Doch vertrieben waren sie damit noch lange nicht. Der Mensch wurde zu dem Lieblingsspielzeug dieser Wesen.
Das war also der Weg, den er bestreiten sollte. Verbannt als Opfer f├╝r den Gott der Schmerzen, als Besucher und Auskundschafter der H├Âlle. Alles aus eigener Entscheidung heraus. Niemand zwang ihn dazu. Niemand wu├čte gar von dieser M├Âglichkeit, dem Menschen ein wenig mehr Frieden zu bringen. Er gab sich einfach daf├╝r hin. Denn f├╝r ihn war es wie eine Pflicht, sich als Urkind der Menschen dem Chaos und der Verdammnis zu stellen. Er hatte bereits Bekanntschaft mit diesen Gestalten gemacht. Mehr als man sich als lebendes und denkendes Wesen vorstellen mag. Er trug diese Gef├╝hle immer mit sich. Angst, Gewalt, Schmerz.

Verbissen und entschlossen ri├č Alexis den schweren Thron aus seiner Verankerung im dreckigen Steinboden. Zur├╝ck blieb ein rechteckiges, schwarzes Loch unter ihm, das sp├╝rbar k├╝hle Luft hervorbrachte. Es war der Eingang zu einer Welt, die sich niemand wirklich vorstellen konnte. Ein Ort der Grausamkeit, ein Mausoleum der toten Engel und des F├╝rsten der Dunkelheit. Hier lag die Qual und das Leid begraben, das den Menschen im Traum und vor allem im Wachzustand ein Leben lang peinigte.
Es w├╝rde kein M├Ąrtyrertod sein, sondern eine M├Ąrtyrerodyssee, f├╝r die sich Alexis bereitstellte. Also sah er sich ein letztes Mal die beruhigende Dunkelheit dieser Welt an, indem er die alten Bemalungen an der Kuppeldecke der Halle begutachtete. Dort waren schwarze, unmenschlich anmutende Gestalten zu erkennen, die von Speeren von allen Seiten in einem blutroten Feuer zusammengepfercht wurden.
Alexis sprang durch das Loch und kam wieder in dem selben Saal zum Vorschein. Allerdings kam er dabei nicht durch das schwarze Loch oder zur T├╝r herein, sondern krachte durch die bemalte Decke und knallte hart auf dem leeren, dreckigen Steinboden auf. Es tat ihm furchtbar weh, er f├╝gte sich aber offenbar keine ├Ąrgeren Verletzungen zu und stand mit einem schmerzverzerrten Gesicht wieder auf.
Er sah nach oben und erkannte, dass die bemalte Stelle der Decke zerst├Ârt war und dort statt dessen ein dunkles, aufgerissenes Loch lag, in dem kleine, helle Lichtpunkte zirkulierten. Ebenso war auff├Ąllig, das in dieser parallelen Halle zwar ebenso ein Podest war, es jedoch weder Thron noch Brunnen gab.
Auch die Atmosph├Ąre, das Gef├╝hl, das hier lag, unterschied sich von dem Saal der Menschenwelt. Alles kam Alexis belebter, bedrohlicher und lebendiger vor. Es war als w├╝rde dieser Ort leben - in einem negativen Sinne.
Er trat an den Ausgang der St├Ątte. Was w├╝rde ihn erwarten, wenn er das Tor ├Âffnet? Doch er dachte nicht lange dar├╝ber nach. Er wu├čte, er war vorbereitet und hatte keine Angst. Sein bisheriges Leid trieb ihn bis hierher und er hatte es auch von diesem Ort bekommen. Jeglicher Pein kommt aus dieser H├Âlle. Er trat seinen Verursachern jetzt nur direkt gegen├╝ber.
Also zog er die beiden Tore mit seinen starken Gliedern auf und empfing sofort, ehe er hinaus sehen konnte, einen Schwall an grausam ekelhaften, geistesl├Ąhmenden und nervenzerrei├čenden Empfindungen und Gedanken, die ihn so gewaltig trafen, dass er schreiend auf seine Knie fiel und sich anschlie├čend zuckend auf den Boden herab kauerte. Er konnte sp├╝ren, dass sich das Lebendige in dieser Welt ├╝berlegen f├╝hlte. Es sah auf ihn herab und erwartete seinen Untergang. Seine seelische und geistige Vernichtung.
Doch er richtete sich auf. Ihn durchfuhren weitere unglaublich hasserf├╝llte Salven an Qual und innerer Zersetzung, dass er jegliche Wahrnehmungen in einem einzigen Zustand aufnahm. Doch auch danach blieb er in Besitz seiner geistigen Gewalt. Also ├Âffnete er die Augen und nahm angsterf├╝llt eine Welt voller endloser Schluchten aus fl├╝ssigem Feuer und bebende und blutende Felsw├Ąnde, die schreiende Laute von sich gaben, wahr. In der aufbrechenden Glut die sich aus allen Richtungen erhob, lagen schwarze, unmenschliche Gestalten und brannten heulend in ihr. Bei genauerem Betrachten erkannte Alexis diese Wesen auch in den Felsen und W├Ąnden und verstand, dass sie diejenigen waren, die die schmerzvollen Laute von sich gaben.
Jeder Gedanke, den der Besucher fassen wollte, endete in irgend einer schmerzvollen Erinnerung aus seiner Vergangenheit. Er streifte alles ab. Er konnte es abwehren. Er blieb bei Sinnen. Bis sich mehrere helle Lichtexplosionen in dieser Welt auftaten, der eine noch viel st├Ąrkere folgte. Aus den kleinen Lichtblitzen formten sich unbeschreibliche Gestalten mit noch unbeschreiblicheren Fratzen, die den Eindringling w├╝tend und ├Ąngstlich ansahen. An dem gro├čen Lichtpunkt ├Ąnderte sich nichts, er blieb in seinem Zustand, doch es war, als spr├Ąche er im Geiste zu Alexis.
Wieder durchfuhren ihn heftige St├Â├če an schlechten und grausamen Gedanken und Vorstellungen, als er die Botschaft des Lichtwesens empfing.
ÔÇ×Dein Geist f├╝r die Menschheit.ÔÇť
Alexis konzentrierte seine Kr├Ąfte auf das bilden eines geistigen Satzes und antwortete.
ÔÇ×Mein Geist f├╝r den Frieden der Menschheit.ÔÇť
Wild und aufgeregt durchfuhren die kleinen Geister mit den grausigen Fratzen die Gegend. Das Licht sprach wieder.
ÔÇ×Dein Geist wird zerst├Ârt, der Geist der Menschheit wird auch zerst├Ârt. Alles wird in Hass zerst├Ârt.ÔÇť
Der Antwort folgte der bisher st├Ąrkste Sto├č an Brutalit├Ąt, Hass und Qual, dass es Alexis die Gedankenstruktur und Auffassungsgabe verbog und unter tiefen geistigen Schmerzen eine klaffende Wunde in die Seele ri├č. Er fiel regungslos zu Boden.
Das Licht und seine h├Ąsslichen Begleiter schwieg. Es wieder schien zu verblassen, die Geister verschwanden in den blutverschmierten Felsw├Ąnden. Es war als w├Ąre der Kampf zu ende. Als h├Ątte die H├Âlle ihren Sieg davongetragen.

Eine innere Form des Lebens lie├č den toten Alexis ein Gef├╝hl sp├╝ren. Er nahm wieder die W├Ąrme war. Er f├╝hlte es, obwohl er verendet schien. Diese W├Ąrme, sie kam seiner Seele so bekannt vor.
Jetzt erkannte er und er warf seine Augen auf. Es war dieselbe W├Ąrme, die er bei seiner Geburt versp├╝rt hatte. Das gleiche Gef├╝hl, das ihn in das Leben trug. Das ihm den Geist, das Bewu├čte und das Unterbewu├čte gab. Alexis wart neu geboren. In der H├Âlle. Im Schlund der Vernichtung.

Das Lichtwesen wurde schlagartig glei├čend hell. Und es versp├╝rte Angst. Das wu├čte Alexis. Denn er verursachte diese Angst. Er hatte jetzt die Kontrolle. Er war Gott. Der Gott des Schmerzes und die Heilung der Qual.
Die Geister kamen zur├╝ck aus den Felsen und versuchten ihn anzugreifen. Er stand bereits wieder auf beiden Beinen und lie├č ihre Fratzen noch in der Luft verbrennen.
Der ehemalige Herrscher dieser Welt, das Licht, versuchte erneut seine st├Ąrksten Angriffe auf Alexis loszulassen, doch diese verfehlten ihre Wirkung. Sie waren nutzlos gegen ihn. Er war zu stark.
Und so lie├č er diese Welt erbeben. Alles sollte sich auf ihn richten. Er vereinnahmte alle Gef├╝hle und Gedanken dieses Ortes und lie├č sie in seiner Seele vernichten. Alle Wesen und Materie zersetzte sich in einem gewaltigen Feuer, dessen Entfacher er war. Die H├Âlle verbrannte und verschwand in einem hellen Punkt, der noch immer der alte K├Ânig dieser Welt war, im Geiste Alexis.

Als er seine Augen wieder schlo├č, war alles vorbei. Die Menschen war nun die Wesen, die sie immer sein wollten. Sie waren frei, erl├Âst und die einzigen Herren des Schmerzes.
__________________
Sch├Ân, dass wir einmal dar├╝ber sprechen konnten...

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