Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92207
Momentan online:
345 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Den inneren Schweinehund besiegen?
Eingestellt am 22. 04. 2004 12:58


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Bastian
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2004

Werke: 3
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Bastian eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Bloß ein Waldspaziergang


An einem sonnigen Morgen, einem von jenen die einen blo√ü aus dem Bett zu locken versuchen, da sie sich sp√§testens nach 2 Stunden in eine Waschk√ľche verwandeln, √∂ffnete sich mein linkes Auge als erstes.

Es erblickte zunächst den klaren blauen Himmel, dann den Radiowecker und aufgrund des ersten Anblickes, entschloss es sich dreist seinen rechten Nachbarn zu wecken.
Das rechte Auge tat sich auf, erblickte den Wecker als erstes und den wundervollen Himmel erst als zweites. Es warf seinem Kollegen einen m√ľrrischen Blick zu und wollte sich gerade daran machen die Luken wieder dicht zu machen, als durch das hereinfallende Licht und die schiere Unendlichkeit dieses k√∂nigsblauen Meers das von der Sonne offenbart wurde, der Geist ebenfalls dazu inspiriert wurde, den sch√∂nen Morgen nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.
Und damit ihm die beiden Augen in ihrer Launenhaftigkeit keinen Strich durch die Rechnung machen konnten, machte er sich sogleich daran den restlichen K√∂rper aus seiner Schlafphase und dem Reich der Tr√§ume in die so genannte wirkliche Welt hin√ľber zu holen, was wunderbarerweise auch ohne weitere Zwischenf√§lle funktionierte.
Üblicherweise sträubten sich nämlich einige der Glieder gegen diesen abrupten Übergang und vor allem die Arme trugen diesem Widerwillen gerne mit einer lähmenden Taubheit Rechnung und ließen sich dann nur schwer kontrollieren. Dem Widerwillen selbst waren solche Spielchen in der Regel egal, da er kam wie er wollte und erst ging, wenn man es nicht mehr erwarten konnte.

Als sich nun der ganze Körper wieder in der Realität manifestiert hatte, machte ich mich daran aufzustehen. Der Tag mochte wirklich inspirierend werden.
Ich kroch auf meinem Bett zum Fenster um hinaus zu blicken, und konnte in der kalten Luft deutlich die kleinen wei√üen Rauchkronen sehen die auf den Schornsteinen der H√§user zu sitzen schienen und deren Spitzen sich schnell in der k√ľhlen M√§rzluft verloren.


Es war 6 Uhr.
Der Kopf tat sich daran seinen Schopf entschieden hängen zu lassen, da er mit dieser Zeit weder etwas anfangen konnte noch in der letzten Zeit auch nur daran gedacht hatte etwas mit dieser Zeit anfangen zu wollen. Höchste Zeit also etwas dagegen zu tun!
Doch da er mit dieser Entscheidung ziemlich alleine da stand, musste er seinen Widerstand auch gleich wieder aufgeben, denn vor allem der Bauch trieb die ganze k√∂rperliche Gemeinschaft entschieden gen K√ľche und unterstrich diese Forderung mit gelindem Knurren. Dies sollte den anderen zu verstehen geben, dass es m√§chtig √Ąrger geben konnte, wenn diese nicht baldigst spurten. Und da der Bauch (in Koalition mit dem Magen und den ‚ÄěVereinigten Verdauungsorganen‚Äú) sowieso einer der unangenehmsten Genossen im Bund sein konnte, st√∂rte sich der Rest der Gemeinschaft auch wenig daran ihm seinen Willen zu lassen. Blo√ü keinen Streit hie√ü es.
Nach einem zufrieden stellenden Fr√ľhst√ľck, angereichert durch zwei Tassen Kaffee ohne Zucker, dem √ľblichen Studium des aktuellen Spiegels und des momentanen Fernsehprogramms stellte man sich nun die Frage was man denn mit diesem √úberma√ü an Tageszeit anstellen sollte. Oder, was konnte man denn damit anfangen?
Auch wenn der Vergn√ľgungsapparat des Gehirns daf√ľr pl√§dierte den Fernseher wieder einzuschalten und im (wahrscheinlichsten) Falle eines eher miserablen Programms wenigstens einen Film zu Rate zu ziehen, war man sich gr√∂√ütenteils dar√ľber einig, dass man die fr√ľhe Gunst dieser vom Himmel herbeizitierten Pracht nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte.
Das Gewissen, welches an diesem Tag einen geradezu unheimlichen Elan verspr√ľhte, verbreitete eine allgemein unangenehme Stimmung und vertrat die Meinung, dass es eine Schande sei solch einen Tag unter heimischem Dach zu verbringen.
Beide Beine stimmten dem im Gro√üen und Ganzen zu, wobei einzig das linke Knie einige Bedenken anzumelden hatte. Man m√ľsse sich f√ľr das kommende Alter schonen, hie√ü es dort.
Die kreative Seite des Geistes, sogleich angespornt dieses Problem im Sinne einer optimalen L√∂sung zu beheben, meldete sich, inspiriert durch die Weite des Raums √ľber den Strassen und D√§chern diese Fr√ľhe, und schlug im Sinne der romantischen Novellen, die man ja vor nicht all zu langer Zeit geradezu verschlungen hatte, einen Waldspaziergang vor.
Dieser w√ľrde der Gemeinschaft im Ganzen wohl zu Gute kommen, stellte keine all zu gro√üe Belastung dar und w√ľrde den kompletten Haufen mal so richtig in Schwung bringen, mit frischer Luft, dem lustigen Gezwitscher der V√∂gel in den Wipfeln, dem mild rauschenden Bl√§tterdach und dem inst√§ndigen und fast nicht wahrnehmbarem Atem der Natur um einen herum.
Sogleich meldete sich der Widerwille.
Es sei zu fr√ľh, der Weg bis zum Wald zu weit, zu steil, zu uninteressant. Man w√ľrde eventuell fremden Menschen begegnen, vielleicht sogar Hunden, oder gar Wildschweinen (diese Aussicht rief die Verwegenheit auf den Plan, die zwar nicht wirklich mit diesem Ereignis rechnete, aber man konnte ja nie wissen) und deshalb f√§nde man es besser sich kollektiv dem Unterhaltungsapparat anzuschlie√üen. Dies w√ľrde n√§mlich weitaus weniger Aufwand bedeuten.
Er versuchte die Eitelkeit auf seine Seite zu ziehen, indem er ihr zufl√ľsterte, dass man sich ja eh erst s√§mtlichen Waschprozeduren ausliefern musste um f√ľr eine solche Wanderung gewappnet zu sein.
Dann verk√ľndete er laut, dass sich das Wetter w√§hrend der Waschprozeduren leicht √§ndern konnte und sprach somit eigentlich blo√ü die Bequemlichkeit, die unn√∂tigen Taten lieber aus dem Weg ging, an. Wege und Pfade mochten vom vorigen Wetter noch g√§nzlich aufgeweicht sein, weswegen ein Spaziergang durchaus ungem√ľtlich sein konnte. √úberhaupt so meinte er, s√§he der Morgen blo√ü von der Behaglichkeit der heimischen Stube so erquicklich aus und schon allein aufgrund der niedrigen Temperaturen, die im Schatten der B√§ume bestimmt noch niedriger w√§re, sollte man doch gleich besser zuhause bleiben und dem s√ľ√üen Nichtstun wieder einmal die Ehre erweisen.
Darin habe man schlie√ülich die meiste √úbung und es sei ja nicht unbedingt so, dass man damit nur schlechte Erfahrungen gemacht habe. Au√üerdem sei man solche fr√ľhen Spazierg√§nge gar nicht gewohnt und k√∂nnte sich vielleicht eine Erk√§ltung oder schlimmeres zulegen. Gab es in dieser Jahreszeit nicht schon Zecken?

Ganz in Gedanken mit mir selbst schlenderte ich so von einem Raum zum nächsten, wunderte mich was ich dort eigentlich wollte, verlor mich wieder in mir selbst und wanderte gemächlich weiter, bis ich an dem kleineren der Wohnzimmerfenster vorbeikam.
Durch dessen ge√∂ffnete Jalousie l√§chelte eine orangegoldene Scheibe ihr Licht in die sonst dunkle Weite des Raumes und begr√ľ√üte freundlich meinen langsam wieder ermattenden Geist.


Die Diskussion strengte ihn an und mit zunehmender Dauer wollte er von der ganzen Angelegenheit immer weniger wissen, da ihn das Gerede im Inneren, die st√§ndig gleichen negativen Argumente langweilten und erm√ľdeten.
Beide Augen wollten sich zun√§chst abwenden, doch der Sinn f√ľr sch√∂ne und erhabene Momente zwang sie, sich an die ungewohnte Helligkeit zu gew√∂hnen. Man genoss die Stille und schon heilige Sch√∂nheit dieses Momentes.
Von Wolken und jeglichem Dunst ungetr√ľbt, entfaltete dieser ferne Stern seine fr√ľhe Kraft und regte den Geist mit seiner reinen und glei√üenden Anmut in unvergleichlicher Weise an. Ideen entfalteten sich, flogen von ihrem Licht magisch angezogen der Sonne entgegen, labten sich an ihrer Leben spendenden Energie, kehrten wieder zu ihrem Ursprung zur√ľck und entfachten dort mit ihrer neu gewonnenen Vitalit√§t ein weiteres Feuerwerk an Gedanken und Ideen.
Vorhaben und schnelle Pl√§ne, W√ľnsche und gute Absichten, kleine Erkenntnisse und gro√üe Br√ľcken wurden in beeindruckendem Ma√üe hervorgebracht, labten sich in gleicher Weise an dem orangefarbenen Gold, das sicher die Welt erhellte und kehrten ebenfalls mit neu gewonnener Kraft zur√ľck und konnten einfach nicht mehr im Wust der Ungedanken vergehen, wie es sonst der Fall war.
Zu hell erstrahlte nun der Glanz ihrer eigenen Sterne. Zu deutlich hoben sie sich vom d√ľsteren Zwielicht des pessimistischen Firmaments im Inneren der Sch√§deldecke ab und prangten dort als unverkennbare Zeichen, die den guten Vors√§tzen wie Seefahrern in der Vorzeit - und noch heute - den rechten Weg weisen konnten.
Bestärkt und ermutigt von den guten Sternen, gewärmt von der lebensfrohen Heiterkeit einer scheinbar wiedererwachten Sonne, entkamen die meisten Diskussionsteilnehmer dem alles verschlingenden Moloch der Untätigkeit, den der Widerwille auftun wollte.
Und sogar die Bequemlichkeit, die er eigentlich schon auf seiner Seite w√§hnte, sonnte sich geradezu in der Vorstellung an einen gem√§chlichen Gang unter dem wiedererwachenden Bl√§tterdach des nun immer n√§her r√ľckenden Waldes.
Der Widerwille holte zu einem letzten, jedoch nicht verzweifelten Schlag aus:
Er wandte sich an die Gewohnheit, diesen an sich tr√§gen Gesellen, der es normalerweise stets gut mit der Bequemlichkeit hielt und eigentlich nichts lieber tat als seinen erworbenen Traditionen zu folgen. Aus diesem Grund hielt er auch nicht all zu viel von neuen M√∂glichkeiten, da er die alten schon zu gen√ľge kannte und er sie ja nicht umsonst lieb gewonnen hatte.
Zusammen bildeten diese beiden Riesen eine dunkle Wand aus lautem Schweigen. Der Widerwillen umgarnte die Gewohnheit, redete wie √ľblich nicht erst auf ihn ein, sondern erinnerte diesen an die vergangenen Tage und Wochen. Ja sogar ganze Monate konnte er in ihm wachrufen, in denen man sich ja wohl ohne gro√üe Probleme die Zeit auch im Hause habe vertreiben k√∂nnen. Und dieses mochte die Gewohnheit auch nicht im Mindesten bestreiten.
Die restliche Versammlung im Inneren, die von dieser, durchaus an eine Verschw√∂rung erinnernde, Unterredung ausgeschlossen war, vernahm nur ein gelegentliches ‚ÄěMhmhm‚Äú, oder auch ‚ÄěJaja, da hast du schon recht‚Äú.
Je länger dieses Gespräch dauerte, desto größer wuchs die Bequemlichkeit an, breitete sich im Grunde immer weiter aus, reckte und streckte sich bis in die Höhe, so dass die nun am Boden kauernden Ideen immer mutloser wurden.
Bald w√ľrden sie ihre geistige F√ľhrung verloren haben, den wieder entdeckten Glanz am Firmament des Geistes nicht mehr erkennen k√∂nnen und nur noch schmachvoll beschauliche Tatenlosigkeit w√ľrde den K√∂rper und alle die mit ihm waren, auf irgendeinem verstaubten Liegem√∂bel verharren lassen.
Das Tuscheln endete.
Der Widerwillen wandte sich zufrieden von der Gewohnheit ab, der sich weiter nach oben streckte und bedrohlich laut g√§hnte, und freute sich dar√ľber wieder einmal die Oberhand behalten zu haben. Ein Sieg mehr auf seiner fast ewigen Liste. Bei sich dankte er der Rechthaberei f√ľr die gute Schule, die er unter ihrem Einfluss genie√üen durfte und wollte sich gerade zur Seite legen um dem nun folgenden Schauspiel wie so viele Tage und Wochen und Monate zuvor einmal mehr zuzusehen. Da streckte sich die Gewohnheit noch ein letztes Mal - es wurde absolut finster im Inneren ‚Äď und sprach:
‚ÄěAber mal sehen wie es da drau√üen so werden mag. Vielleicht wird es ja ganz angenehm und wir k√∂nnen das √∂fter mal unternehmen.‚Äú
Mit diesen Worten (und einem letzten H√ľsteln) faltete er sich wieder zu einem fast unsichtbaren B√ľndel zusammen und legte sich in einer nahe Ecke nieder, denn er wollte mit ansehen, was nun geschehen w√ľrde.
Der Widerwillen sprang entsetzt auf! Er hatte verloren?
Das konnte doch nicht sein! Er konnte sich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal verloren hatte und jetzt dieses. So sicher hatte er sich doch gef√ľhlt und so leicht einzusch√§tzen war doch die Gewohnheit.
Was war denn bloß geschehen?
Der Widerwillen blickte um sich und konnte gerade noch erkennen, wie eine Gestalt mit sich und dem Gang der Dinge zufrieden zu den anderen hin√ľberging und sich unter sie mischte.
Man klopfte ihr sprichw√∂rtlich auf die Schulter, sprach √ľberschw√§ngliches, aber nicht unangebrachtes Lob aus, umarmte sie und jeder freute sich nun, dass es sie gab.
Denn oft genug hatte man durch sie auch schon Schwierigkeiten erleben m√ľssen. Doch das war nun alles vergessen und man betrachtete sich nun mit ihr im Bunde wieder als vollkommenere Einheit und war gl√ľcklich baldigst den Spaziergang antreten zu k√∂nnen.
Dem Widerwillen wurde klar warum er verloren hatte.
Die Neugier hatte die Bequemlichkeit gepackt und ihr zugesetzt, nur konnte der Widerwillen dies in dessen maßloser Ausbreitung nicht erkennen, da auch er in dieser Schwärze den Überblick verloren hatte.
Kurz dachte er dar√ľber nach noch einen letzten Angriff auf die Entschlossenheit der Unternehmungslustigen zu starten, doch diese √úberlegung verwarf er sogleich wieder.
‚ÄěNiemand wird jetzt noch auf mich h√∂ren. Die Kugel ist ins Rollen gebracht und mir fehlt einfach die Kraft sie jetzt noch aufzuhalten.‚Äú, dachte er bei sich.
Mutlos legt er sich zur Seite und in seiner Enttäuschung entging ihm das Zweifel von ihm Besitz ergriffen hatten und dabei schelmisch grinsten. Auch sie freuten sich irgendwie auf den bevorstehenden Spaziergang und die Erfahrung neuer Ereignisse und Möglichkeiten.

Ich ging also gleich duschen, putzte mir gr√ľndlich die Z√§hne und fand sogar die Ruhe und Mu√üe mich ordentlich zu rasieren.
Ich zog mich an, legte zur Sicherheit noch einen Schal um und trat im warmen Schein der immer noch fr√ľhen Morgensonne hinaus ins Leben.


__________________
Leere Bl√§tter sind stets mit ungeschriebenen Gedanken erf√ľllt.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!