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Leselupe.de > Kurzprosa
Denk dir ein Zimmer
Eingestellt am 02. 01. 2006 20:47


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memo
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Es k├Ânnte ein kleines Zimmer sein, warm und dunkel.
Viele Bilder, ein Schreibtisch und unbedingt ein alter hoher Lehnstuhl aus abgewetztem Leder.
Sch├Ân w├Ąre ein hei├čer Tee, da es drau├čen kalt ist und einwenig windig. Es regnet auch, da es langsam November wird.
Es muss November werden, weil da die ersten Nebelschwaden aufziehen und mit ihnen die langen Gedanken, die so still und tief an einem h├Ąngen und m├╝de machen.
Aber da steht die h├╝bsche chinesische Kanne aus zerbrechlichem Porzellan und ein angenehmes Gef├╝hl schleicht sich vom Bauch herauf.
Ein dicker weicher Teppich ist unter den F├╝├čen und wenn man sich niedersetzt ist es irgendwie gem├╝tlich.
Sagen wir, der Lehnstuhl ist f├╝r jemand anderen, f├╝r einen Menschen, der viel zu erz├Ąhlen hat.
Jemand der sehr gutm├╝tig ist und weise, oder vielleicht auch einwenig verschlossen, weil er nachdenken muss.
├ťber die Zeit und die Vergangenheit.
Das Fenster ist nicht sehr gro├č. Nur das Licht einer leicht verzierten Laterne f├Ąllt herein.
Auch die sch├Âne Stehlampe in der Ecke, die Jugendstil sein k├Ânnte, gibt nur schwaches Licht.
Darum steht noch eine Kerze auf dem kleinen, runden Tisch.
Ein Buch ist aufgeschlagen und der frisch eingeschenkte Tee raucht und duftig s├╝├člich.
Eine Wand ziert der B├╝cherschrank, die andere eine Flut von Bildern und Fotos, die meisten Schwarz-wei├č.
Dann steht da noch dieses Sofa, das so aussieht als w├Ąre es von Freud geborgt. Mit einer Decke mit Fransen.
Also ein Raum, den es heute nicht mehr gibt, aber vielleicht irgendwo auf der Welt geben k├Ânnte.
In Wien, Paris oder Prag.
Eine Katze schnurrt irgendwo.
Auf dem Lehnstuhl sitzt sie nicht, auch nicht dahinter. Ja dort, auf dem Samtpolster, auf dem Sofa liegt sie.
Und pl├Âtzlich ist da wirklich ein alter Mann.
Er hat eine Brille auf der Nase und schl├Ąft einwenig.
Er hat gelesen. Man m├╝sste meinen in dem Buch auf dem Tisch, aber nein, er hat ein St├╝ck Papier in der Hand, vielleicht ein Brief?
Er k├Ânnte sich vielleicht erinnern, an eine gro├če Liebe oder an ein St├╝ck Wahrheit die ihm Sinn gibt.
Es ist so warm in diesem Augenblick. Die Kerze flackert einwenig und Schatten tanzen.
Pl├Âtzlich h├╝pft die Katze auf den Boden und von dort auf den Scho├č des Mannes.
Das Papier f├Ąllt zu Boden.

In diesem Raum darf es nie hell werden.
Denn wenn es hell wird, sieht man den Staub auf dem dunklen Holz.
Dann sieht man die unbarmherzige Zerbrechlichkeit des alten Mannes und das Alter.
Das Sonnenlicht gibt die Schmutzflecken auf der Decke preis und man m├╝sste erkennen, dass es nat├╝rlich nicht Jugendstil ist, sondern billiger Kitsch mit einem Sprung im Glasschirm.
Der Tee ist kalt geworden.
Die Kerze erloschen und nichts w├Ąrmt mehr.
Und das Papier ist gar kein Brief, sondern nur irgendein unwichtiges Flugblatt f├╝r das Altpapier.
Darum darf es keinen Morgen geben. Nichts gibt mehr Raum f├╝r ein paar fantasievolle Gedanken, die einwenig froh machen, denn dann ist all der Zauber vorbei.
Und man m├╝sste sehen, dass der alte Mann nicht schl├Ąft, sondern l├Ąngst tot ist.

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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Ein paar kleine Fehler,
... aber mir als fast Legastheniker verleidet es das Lesen nicht.

Ein bisschen zu viel B├╝rgerlichkeit, und S├╝sse sind in deiner Geschichte. Aber das ist Geschmacksache.
Ich mag Tee der s├╝sslich duftet nicht.

Aber das Sterben... die Verg├Ąnglichkeit, das alles hast du gut eingefangen.

Gratuliere.

Gr├╝sse aus M├╝nchen
Hans


P.S.
.. Denk dir ein Zimmer ist ein wundervoller Titel f├╝r deine Geschichte.
__________________
Was sind das f├╝r Zeiten, wo ein Gespr├Ąch ├╝ber B├Ąume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ├╝ber so viele Untaten einschlie├čt! (Bertold Brecht)

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memo
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L├şeber Zarathustra!

Ich freue mich sehr ├╝ber deine Nachricht!!!

Die B├╝rgerlichkeit eines Zimmers um die Jahrhundertwende
(19.Jahrhundert) und diese etwas zu "heimelige"
Stimmung, ist durchaus gewollt.
Ich reize die Bilder ja einwenig aus:
Lehnstuhl, Tee, Kerze,
SW-Fotografien, Jungendstillampe usw.
Die Beschreibung soll einen Kontrast zum Ende der Geschichte herstellen.

Im Grunde wollte ich mir nur eine kleine Welt ausdenken, ein Zimmer wo ich mich sicher f├╝hlen konnte und wo es warm und friedlich war.
Doch pl├Âtzlich begann sich das "Spiel" selbstst├Ąndig zu
machen, so als w├╝rde aus einer scheinbaren Sicherheit
pl├Âtzlich Realit├Ąt.

So kann man sich viele Zimmer (als Symbol) ausdenken -
in unterschiedlichster Form.
Immer wird die Fantasie einen Weg finden, dem Raum Leben zu geben und zu einem Ende f├╝hren, das mit jedem weiteren Wort, wie von selbst erschaffen wird.

Entschuldige die Fehler,
liebe Gr├╝├če
memo

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